Ich steh auf dem Trockenen. So richtig wohl is´ mir dabei ja nich.´ Aber mein Unterwasserschiff ist mittlerweile ein Riff. Und der Rost macht mir zu schaffen. ´N büsch´n Pflege wär nich´ verkehrt. Doch der Winter ist im Anmarsch, und in Euböa kann das wohl kalt werden. Letzten März sind die Schiffe hier auf dem Stellplatz unter einer Schneedecke verschwunden. Mal sehen, wie das dieses Jahr wird.
Grau verschwimmt das Meer mit den Umrissen der Küste. Der Wind peitscht Regenwolken vor sich her. Träumen geht immer. Von lauen Nächten, leise wiege ich meine Crew unterm Sternenzelt. Vom Aufwachbad am Morgen, das Meer so klar, dass mein weiß gestrichener Anker am Grund zu sehen ist. Vom Landgang mit dem Sup. Im Schatten eines Olivenbaumes wartet es, während meine Steuerfrau die Gegend erkundet. Der Käpt´n hält Siesta unterm Moskitonetz.
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Neue Ufer rufen
Auf Segelwind warten. Ende Juli kann das im Mittelmeer einiges an Geduld erfordern. Nicht gerade eine Stärke meiner Steuerfrau. A happy wife is a happy life, denkt mein Käpt´n sich. Hat nichts dagegen, bald ins süße Lotterleben der Buchtensegler einzutauchen. Wirft den Motor an. Stundenlang macht Aiolus sich rar. Bis er angeschlichen kommt. Von achtern. Mit sechs bis sieben Knoten. Der Käpt´n baumt das Groß aus. Ich segel Schmetterling. Fühl mich wie ´ne lahme Ente! Widerwillig verschwindet Italien in der Nacht.
Drei mondlose Nächte und zwei Tage lang umgibt uns allein das Iónio Pélagos, das ionische Meer. Immer wieder muss mein OM314 ran. Der brummt zufrieden. Ihm is´ das eins, was der Diesel kostet. Kurz begleiten uns Delfine. Eine Schildkröte kreuzt meinen Weg. Korfu, am Übergang zur Adria, liegt weit im Norden. So viele Inseln warten auf uns! Und Buchten wie Sand am Meer. Obwohl der Wind schwächelt, lassen wir ihn den Kurs bestimmen. Direkt auf die Südküste von Lefkada zu.
In der rundum geschützten Bucht von Syvota fällt mein Anker auf griechischen Grund. Erst mal frühstücken! Hundemüde hofft meine Crew auf eine Vormittagssiesta ohne Schwell und Fallwinde. Ruhig is´ das hier allerdings nich´. Restaurants säumen das Ufer, locken mit kostenlosen Liegeplätzen am hauseigenen Steg. Flotillenweise rücken Segelboote an. Is echt ´n Ding! Um eine Flotillenyacht zu chartern braucht man keinen Führerschein. Ein Boot mit Skipper leitet die übrigen Crews per Funk an. Geheuer is´ mir das ja nich´.
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Nahia. Nahia. Nahia. This is sailing vessel Flying Lobster. Flying Lobster. Over. Die Nahia antwortet auf den ersten Ruf. Wir wechseln auf Kanal 72. Unsere Freunde ankern in der Bucht von Palairos. Nur ´nen Halbtgstörn entfernt. Vor Freude könnte ich quietschen wie ein Delfin.
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Im Norden von Nisos Meganisi gefällt mir das. Kaum ein Haus. Nur zwei Boote neben mir. Hinter der Badeplattform schwimmt mein Dinghi. Klar lockt das Meer. Manchmal treibt Schaum drauf. Wo der wohl herkommt? Die See ist ein Seidentuch in Órmos Platigyáli. Seit gestern Abend. Meine Crew is´ nochmal drum rum gekommen, Landleinen zu legen. Da haben die zwei echt Bammel vor. Dabei sieht das einfach aus bei anderen Booten. Anker an der richtigen Stelle runterlassen. Rückwärts fahren, bis er sich gut eingräbt. Die Kette muss sich in einer Linie mit meiner Längsachse spannen. Zugleich werd ich achtern, an Backbord und Steuerbord, mit Leinen an Land befestigt. Landleinen eben. Hier in der Gegend meist an einer Felsspitze, die aus dem Wasser ragt. Oder an einem knorrigen Baumstamm. Ich geb ja zu, ich bin ´n büsch´n schwerfällig. Besonders im Rückwärtsgang. Doch vor den Inseln hier fällt der Grund oft schnell ab. Und nah am Ufer is´ schwojen nich´ drin. Nu´ anker ich auf zweiundzwanzig Meter Tiefe. Da reichen meine siebzig Meter Kette. Wenn das Wetter ruhig is´. Und der Wind darf nich´ drehen.
Mein Käpt´n liest ´nen Thriller. Meine Steuerfrau checkt den Wetterbericht. Lässt den Blick schweifen. „Schau mal, Käpt´n“, sagt sie. „Was das Boot da für ´ne Schräglage hat!“ Lässig hocken die zwei in der Plicht. Seh´n die denn nich´, wie die See sich weiter draußen kräuselt? Der Wind schiebt die Welle vor sich her und setzt ihr Schaumkrönchen auf. Sie rollt auf uns zu. Aus Nordnordost.
„Gleich geht´s los hier!“Mein Käpt´n springt auf. Hastet zum Heck. Ruft „Dinghi hoch!“ Klettert die Leiter runter. Zieht mein Beiboot bei. Mal ist die Badeplattform Land unter, mal steht sie in der Luft, ´n Meter über´m Wasser. Mein Käpt´n scheint leicht wie ein Flummi. Hält sich mit einer Hand am Geräteträger fest. Mit der anderen will er die Karabinerhaken einhängen. Am Heck bereitet meine Steuerfrau die Leinen zum Hochziehen vor. Wartet. Der Wind drückt uns in die Bucht. Mein Anker slippt. Das felsige Ufer kommt näher. Ruthie schmeißt den OM314 an. Legt den Vorwärtsgang ein.
Endlich! Unisono ziehen die zwei mein Dinghi hoch. Geben Vollgas. Das is´ man mal gerade noch gut gegangen! Um die Ionischen Inseln rum blasen die Böen oft so stetig, dass die Grundwindgeschwindigkeit nicht interessiert. Wenn Windy sieben Knoten vorhersagt, und zwanzig in der Böe, werden es möglicherweise beinah durchgehend zwanzig. Vielleicht ist das Meer deshalb heute so leer. Nur die Sonne begleitet uns. Flutet das Firmament mit Feuerfarben. Versinkt fulminant hinterm Festland. Als wir ein Plätzchen zwischen den Booten vor Palairos suchen, verschwindet das Städtchen in der Dämmerung.
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Brichst Du auf gen Ithaka…
Freunde sind das beste Ziel. Wie gesagt, das Meer is´ überall blau. Zur Nahia tuckern wir am frühen Nachmittag. Extra langsam, um mit dem Strom, den mein Motor generiert, genügend Wasser zu machen. Der Konverter wird bald zu heiß. Achtzig Liter Wasser müssen reichen. Umso besser, denkt sich meine Ruthie. Jetzt können wir schneller fahren. Noch weiß sie nicht, dass wir unsere Freunde öfter treffen werden. Die schönsten Buchten werden wir mit ihnen teilen. Die Wasp Bay, an der Ostküste von Kastos. So einsam und wild. Morgens wecken uns die Ziegen am Ufer. Die Bucht beim Kapellchen, im Norden von Kalamos. Grün wie ein Waldsee schimmert das Meer. Sind da Feen und Kobolde zwischen den Kiefern am Ufer? Gegenüber am Festland, in der Bucht von Mitikas, stehen Duschen am Strand. In die Kalamos Woods Bay ließ Jackie sich schippern. Die Insel von Onassis liegt um die Ecke. Eine Pfeffersackinsel. Betreten verboten.
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WoP, der Käpt´n der Little Secret, kommt in Órmos Varko zum Klönschnack vorbei. Die Lise ist auf dem Weg nach Norden. Wohin die Reise geht, fragt er. Mein Käpt´n möchte mal durch den Kanal von Korinth. Vielleicht aber auch um die Peloponnes Halbinsel. Meine Steuerfrau träumt von Ithaka. Vorerst huschen wir mal hierhin, mal dorthin. Trödeln rum. Vor Nikiana, wo der Bus nach Lefkada Stadt gleich neben dem Häfchen hält, ist der Ankergrund gut und das Meer erstaunlich sauber. In Órmos Desimou tüftelt mein Käpt´n am Wassermacher. Obwohl die Bucht nach Süden offen ist, rollt bei Südwind wenig Schwell rein. Das gibt ´ne lütte Höhle mit Strand drin, und ´nem Schrein für den heiligen Nikolaus. Zwei Campinglätze, ´n Imbiss und drei Restaurants drängen sich an den Strand. Is´ aber trotzdem gemütlich. Und Wasser machen wir nun mit Solarenergie.
In Órmos Rementinoú, an der Ostküste von Meganisi, lieg ich zum ersten Mal an einer Landleine. Die Olivenbäume wachsen hier auf Terrassen bis ans Ufer. Eine Amantis landet auf meinem Deck. Dabei können Gottesanbeterinnen kaum fliegen! In Katomeri, ´ne Viertelstunde den Berg hoch, hängt ein Bild von Che Guevara an einem Haus.
Von Meganisi nach Ithaka segeln wir hart am Wind. Der kommt von der offenen See. Legt zwischen Kephalonia und Lefkada ´n Zahn zu. Um Nisos Atakos, mitten auf unserem Weg, kommen wir im Norden nicht rum. Meine Crew öffnet die Segel. Refft eilig vorm Südkap des Inselchens. Von da husche ich direkt nach Órmos Sarakiniko rein. Eine Landleinenbucht. Aber die Nahia ist schon da, und ihr Käpt´n hilft. Diesmal krieg ich zwei Leinen, wie sich das gehört.
Die Kapitänin von der Nahia weiß, wo mit Fallböen zu rechnen ist. Auf dem Weg von Órmos Ateos nach Vathy sind die Berge am Westufer ´ne Windrutsche. Bis in die Hauptstadt von Ithaka rein fegen die Böen. In der Bucht von Vathy suchen wir Schutz zwischen Festland und Lazarettinselchen. Ab Mittag trudeln Flotillen ein. Andere Boote auch. Bald ist Platzmangel. Ein französischer Katamaran liegt viel zu nah bei. Mein Käpt´n ruft rüber. Zeigt, wo unser Anker liegt. Dem Käpt´n vom Kat schein das eins. Mit ´ner italienischen Yacht das gleiche Spiel. Ihre Crew lädt zum Gin Tonic ein. Is ja nett. Aber meine Crew hat sich landfein gemacht. My boat is made of steel, sagt mein Käpt´n. Take care of yours. Genau. Mir kann so´n Yoghurtbecher nix anhaben.
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Ithaka gilt als die Heimat von König Odysseus. In Lefkada und Kephalonia schürt man Zweifel. Homers Epos beschreibe eine Landschaft, die nicht zu Ithaka passe. Die Odyssee ist die Mutter aller Heldenreisen! Kalypso, Kyklopen, Sirenen. Der Hades, Agamemnon, der trojanische Krieg. Selbst ich hab´ da schon von gehört! Odysseus war schließlich ein Seefahrer. Musste gegen Poseidons Stürme ankämpfen. Reisender kommst du nach Ithaka… Seit wir nach Hellas aufgebrochen sind, klingelt meiner Steuerfrau dieser Satz im Ohr. Da ist aber nicht Homer für verantwortlich, sondern Konstantinos Kavafis.
ITHAKA Brichst du auf gen Ithaka so wünsch dir eine lange Fahrt voller Abenteuer und Erkenntnisse Die Lästrygonen und Zyklopen den zornigen Poseidon fürchte nicht solcherlei wirst du auf deiner Fahrt nie finden wenn hochgesinnt dein Denken wenn edle Regung deinen Geist und Körper anrührt Den Lästrygonen und Zyklopen, dem zornigen Poseidon wirst du nicht begegnen falls du sie nicht in deiner Seele mit dir trägst falls deine Seele sie nicht vor Dir aufbaut so wünsch dir eine lange Fahrt der Sommer Morgen mögen viele sein da du, mit welcher Freude und Zufriedenheit in nie zuvor erblickte Häfen einfährst halt ein bei Handelsplätzen der Phönizier die schönen Waren zu erwerben Perlmutter und Korallen, Bernstein, Ebenholz erregende Essenzen aller Art so reichlich du vermagst, erregende Essenzen besuche viele Städte in Ägypten damit du von den Eingeweihten lernst und wieder lernst Stets halte Ithaka im Sinn Dort anzukommen ist dir vorbestimmt Jedoch beeile deine Reise nicht Besser ist, sie dauere viele Jahre und alt geworden lege auf der Insel an nun reich an dem, was du auf deiner Fahrt gewannst und ohne zu erwarten, dass Ithaka dir Reichtum gäbe Ithaka gab dir die schöne Reise Du wärest ohne es nicht auf die Fahrt gegangen Nun hat es dir nicht mehr zu geben Auch wenn es sich dir ärmlich zeigt Ithaka betrog dich nicht So weise, wie du wurdest, und in solchem Maß erfahren wirst du ohnedies verstanden haben was die Ithakas bedeuten Konstantinos Kavafis

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Glossar
in die Puschen kommen – in die Gänge kommen, sich aufraffen (Norddeutsch)
seut – süß
Euböa – zweitgrößte Insel Griechenlands (nach Kreta). Liegt im Westen der Ägäis.
´n büsch´n – ein bisschen
SuP – Stand up Paddleboard, d.h., Steh-Paddelbrett. Das Stehpaddeln hat sich aus dem Surfen entwickelt. Anfangs wurden Surfboards, Longboards u.ä. aus dem Wellenreiten verwendet, vor allem auf Hawaii. Seit der Erfindung der aufblasbaren Paddelbretter hat sich das Stehpaddeln zu einem weit verbreiteten Freizeitsport entwickelt.
A happy wife is happy life – glückliche Ehefrau, glückliches Leben
Aiolus – Gott des Windes
baumt das Groß aus – auch: Bullenstander setzen. Beim Segeln vor dem Wind laufen viele Yachten leicht aus dem Ruder. Baumt man das Großsegel aus, steht es in einem Winkel von 70 bis 85 Grad. Das Boot lässt sich besser steuern.
Schmetterlingsegeln – das Großsegel steht zur einen, das Vorsegel zur anderen Seite.
ihm is´ das eins – das ist ihm egal (Norddeutsch)
Kanal 72 – Hat man mit einem anderen Boot keinen Funkkanal vereinbart, kann man es über Kanal 16 rufen, wechselt jedoch sofort die Frequenz. Denn Kanal 16 ist die UKW-Frequenz für Notrufe und dringliche Mitteilungen. Der Seewetterbericht oder die navigatorischen Warnungen werden hier mit dem Verweis auf andere Sendefrequenzen angekündigt.
Nahia. Nahia. Nahia. This is sailing vessel Flying Lobster. Flying Lobster. Over. – Funkprotokoll. Der Name des Schiffes, das man ruft, wird zwei- bis dreimal genannt. Dann der Name des Schiffes, das ruft. „Over“ meint, dass die Rufende auf Antwort wartet.
Nahia – der Wunsch (Baskisch)
Törn – Segelausflug (Norddeutsch)
Nisos – Insel (Griechisch)
Órmos – Bucht (Griechisch)
Bammel – Angst
schwojen – Beim Ankern stellt sich der Bug des Bootes in den Wind. Ist der Wind stark genug, spannt sich die Ankerkette. Um den Fixpunkt herum, an dem sich der Anker eingegraben hat, kann ein Boot einen Kreis von 360 º Grad beschreiben.
siebzig Meter Kette – Nicht nur der Anker hält ein Boot am Platz, sondern auch der Teil der Kette, der am Meeresboden liegt. Um zu berechnen, wie viel Kette beim Ankern raus gelassen werden sollte, multipliziert man die Wassertiefe mindestens mal drei. Je mehr Kette am Boden liegt, umso geringer ist die Gefahr, dass der Anker beim Schwojen aus dem Grund gerissen wird. Bei viel Wind oder starkem Schwell bedeutet daher mehr Kette mehr Sicherheit.
slippen – der Anker löst sich und rutscht über den Meeresgrund
Windy – Wetter App. Vor allem fürs Segeln und Windsurfen
Konverter – wandelt 12 V Gleichstrom in 220 V Wechselstrom um. Die Hochdruckpumpe von Lobstys Wassermacher ist ein kleiner, kostengünstiger Hochdruckreiniger. Dieser benötigt 220 V.
Pfeffersack – ursprünglich verächtliche Bezeichnung für Kaufleute der Hanse, die im Mittelalter aus Übersee Gewürze importierten. Meint eine rücksichtslose Person, die durch Machthunger und Geldgier zu Reichtum gekommen ist. Onassis baute u.a. Mitte des 20. Jahrhunderts die weltgrößte private Walfangflotte auf und verkaufte diese 1956 an Japan.
Klönschnack – Schwätzchen
Lise – Little Secret
Schwell – von „swell“ (Englisch). Meint Dünung, also Wellen, die nicht durch den aktuellen Wind aufgebaut werden, sondern in einem anderen Gebiet oder zu einem anderen Zeitpunkt entstanden sind. Kann auch durch ein vorbeifahrendes Schiff verursacht sein.
lütt – klein
hart am Wind – Auch hoch am Wind oder gegen an. Je nach Bootstyp muss der Wind mindestens in einem Winkel von 25 bis 90 Grad in die Segel treffen, damit Vortrieb entsteht. Lobstys kleinster, segelbarer Windeinfallwinkel liegt bei etwa 30 Grad.
reffen – Segel durch Einholen verkleinern, um dem Wind weniger Angriffsfläche zu bieten
Katamaran, kurz Kat – Boot oder Schiff mit zwei Rümpfen, die fest miteinander verbunden sind
My boat is made of steel. Take care of yours. – Mein Boot ist aus Stahl. Pass auf deins auf.
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Sehr schön geschriebene Geschichte.Liebe Grüße v
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Daaanke, Robert! Und liebe Grüße zurück.
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