Kaum zu glauben! Schon wieder schaukele ich mich in den Winterschlaf. Dabei war ich nur etwas über zwei Monate auf Törn. Kann ja verstehen, dass meine Crew nicht einfach zu den Kanaren weiterrauschen wollte. Und dann, wenn die Hurricanesaison vorbei ist, vielleicht in die Karibik. Sind ja nautisch betrachtet Grünschnäbel. Außerdem ist noch einiges an mir zu tun. Wasserleitungen, Bad, Holzarbeiten, Elektrik… und natürlich Instandhaltung. Ach, und achtern, unter der großen Koje, wartet immer noch der Bausatz für den Wassermacher. Deshalb liege ich nun in der Marina von Valencia. Und erst im nächsten Frühjahr geht es wieder in die Ferne. Nach Griechenland vielleicht…
Einen Windgenerator hab ich ja nun. So ein Chinateil für 120 Euro. Hatte mein Käpt´n auf dem Biolandhof von Freunden an den fahrbaren Hühnerställen gesehen. An meinem Geräteträger installiert funktionierte er aber nicht. Also nochmal ab das Ganze. Echt Möwenschiet! Das Innenleben fiel meinem Käpt´n in Einzelteilen entgegen. Was man gut, dass er so ein pfiffiger Bordingenieur ist! Das Ding quietscht zwar immer noch, aber bei Starkwind bringt es Strom zuwege und wird sogar leiser.
Seit Mitte August haben wir uns auf den Balearen rumgetrieben. Die meiste Zeit in Buchten von Menorca und Mallorca. In einem Hafen waren wir nur Anfang September. In Mahon, während der Fiestas. Ich hab ja noch nie ein Pferd gesehen, aber meine Crew war begeistert von dem Spektakel. Hundertundachtzig Pferde sind zwei Tage lang mit ihren Reitern durch die Altstadt oben auf dem Berg defiliert! Und danach, am Tag des Schutzpatrons, wurde hier unten im Hafen an jeder Ecke Musik gemacht und getanzt.
Die Fiestas vergingen, die erste Gota Fría dieses Jahres kam. Und wir blieben im Hafen von Mahon. Diente die kilometerlang gestreckte Bucht doch schon Karthagern, Römern, Briten, Mauren und natürlich Spaniern als sicherer Schlupfwinkel. Das hat mir nicht nur das Meer geflüstert. Auch die alten Festungsanlagen und Kolonialhäuser, auf verstreuten Inseln oder am geschwungenen Ufer gelegen, erinnern an eine bewegte Vergangenheit.
In der Zufahrt des fjordartigen Naturhafens, gleich an Steuerbord, liegt die Cala Teulera. Die einzige Bucht Menorcas, die in alle Himmelsrichtungen windgeschützt ist. Nach zwölf Stunden Navigation ohne Autopilot kamen wir hier eines Nachmittags an. Doch egal, wo mein Anker fiel, er slippte über den Grund und wollte sich einfach nicht eingraben. Als die Sonne gerade hinter dem Horizont verschwand, kam der Käpt´n von der Gorg Blau rüber gerudert. Er kannte die guten Stellen. Nur dass meine Ankerwinsch plötzlich keinen Mucks mehr sich gab. Was man gut, dass er mit Hand angelegt hat beim Kette runterlassen.
Auf Menorca liegt auch die Lieblingsbucht meiner Steuerfrau, die Cala Macarella. Sogar Bergziegen gibt es dort. Eine hat ganz schön Radau gemacht, die ganze Nacht. Hockte in einer Höhle an der Steilküste und traute sich weder vor noch zurück. Aber ein Grüppchen Segler hat ihr geholfen. Meine Crew, eine junge französische Tierärztin… Und in meinem Dinghi haben sie die Ziege an Land gebracht!
Die steifen, launischen Herbstwinde, die mal aus Südwest bliesen, dann aus Nordost, mal aus West, dann wieder aus Süd, haben uns weitergetrieben. In die Cala des Degollador, am Hafeneingang von Ciutadella, direkt beim Fähranleger. Was für eine Waschmaschine! Ruhig schlafen konnte meine Crew dort selten. Aber eine neue Freundin hab ich gefunden, die Juliane! Sie ist eine Stahlketch, fast so lang wie ich und vierzig Jahre alt. Mal war meine Crew bei ihr, dann war ihre Crew bei mir. Das war ein munteres Hin und Her. Geschnackt wurde ausgiebig. Und natürlich gegessen und getrunken. Erst in Menorcas Gewässern, bei Ciutadella. Dann vor Mallorca, in der Bucht von Pollensa.
Ende September kam auch die Gorg Blau mit ihrer Crew in Port Pollensa eingetrudelt, um den Winter im Schutz der Serra de Tramuntana zu verbringen. Und Anfang Oktober ist die Juliane dann in die Karibik aufgebrochen. Da wären mein Käpt´n und meine Steuerfrau wohl gern hinterher… Aber auch Formentera, wo wir dann über Nacht hingesegelt sind, war ein kleines Paradies. Und von dort waren es nur zwei, drei Segelstunden an die Südküste Ibizas, sodass bei jedem Wind ein geschütztes Eckchen nah bei lag.
Mir macht es ja nichts aus, wenn die See rau und die Brise steif ist. Ganz im Gegenteil! Mit ein büsch´n Wetter komm ich erst richtig in Fahrt. Aber Menschen brauchen eben öfter mal ´ne Mütze Schlaf. Meine Crew segelt trotzdem gerne nachts. Auch wenn andere Schiffe dann nur an ihren Positionslichtern zu erkennen sind. Oder auf meinem Kartenplotter. Deshalb hab ich auch Radar. So sind selbst die Schiffe auf dem Bildschirm zu sehen, die kein AIS-Signal aussenden.
Jedenfalls fühl ich mich bannig wohl auf See. Ich mag es, wenn mein Motor verstummt und nur noch der Wind in meinen Segeln singt. Wenn meine Steuerfrau dem Seefunk lauscht und mein Käpt´n im Cockpit Ausschau hält. Es gefällt mir, dass der Wind meine Reisen plant. Auch wenn es nicht leicht ist, mit seinen Launen zu leben. Manchmal macht er sich rar. Tagelang. Dann wieder ist er unentschlossen. Weht mal hierhin, mal dorthin. Mal stärker, mal schwächer, mal kaum. Oder er wütet. Peitscht hastig hohe Wellen auf. Dicht an dicht. An guten Tagen erhebt er sich frisch und stetig, sodass die See sich locker kräuselt. Erwische ich ihn dann im rechten Moment, bringt er mich auf Kurs und ich gleite leise über die glatte See. Manchmal sogar bis ans Ziel. Deshalb liebe ich den Wind. Auch wenn meine Crew ihn manchmal fürchtet.
Ach, hoffentlich ist bald wieder Frühling.
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Menorca: Die nördlichste Insel der Balearen ist Unesco Weltnaturerbe. Ein Wanderweg, der Cami des Cavalls (Pferdeweg), führt an der Küste entlang und umrundet sie.
Mallorca: Die größte Insel der Balearen.
Mahon: Hauptstadt von Menorca, im äußersten Osten der Insel gelegen.
Fiestas: meint im Spanischen ein alljährliches Stadt- oder Dorffest, meist nach dem Namen ein eines Schutzheiligen benannt. Die Fiestas de la Mare de Deu de Grácia (Stadtfest der Mutter Gottes ihrer Gnade) von Mahon finden am ersten Wochenende im September statt.
Gota Fría („Kalter Tropfen“): Wetterphänomen, das auftritt, wenn eine Höhenkaltfront (Abkühlung nur in höheren Luftschichten) auf vom Meer aufgewärmte Luftmassen trifft. Geht einher mit Starkregen, Sturm, Gewitter und Hagelschauern. Teilweise auch mit Wind-oder Wasserhosen. Die Gota Fría bildet sich meist im Herbst. Da es sich um ein tropensturm-ähnliches Sturmtief handelt, wird sie im spanischen Mittelmeerraum auch Medicane (von „Mediterranean Hurricane“) genannt, was allerdings verwirrend ist, da ein Medicanenicht Stärke und Dauer eines Hurricanes oder Zyklons erreicht und durch andere meteorologische Prozesse gekennzeichnet ist als ein Tropensturm.
Hafen von Mahon: Nach Sydney der zweitgrößte Naturhafen der Erde.
Cala Teulera: Teulera Bucht
Gorg Blau: https://flattysystempirat.blogspot.com/
Cala Macarella: Macarella Bucht, an der Südküste Menorcas gelegen.
Dinghi: im Deutschen Sammelbegriff für das Beiboot eines größen Bootes oder Schiffes. Meist ein Schlauchboot mit Außenbordmotor und Rudern.
Ciutadella: Hafenstadt von Menorca, im äußersten Westen der Insel gelegen.
Cala des Degollador: Bucht des Scharfrichters (oder „Schlachters“)
Juliane: http://krummewege.de/index.html
Stahlketch: Eine Ketch ist ein Segelboot mit zwei Masten, dem Großmast und dem achterlichen, kürzeren Besanmast.
schnacken: reden, sich unterhalten
Pollensa/Port Pollensa: Kleinstädte im Nordwesten Mallorcas. Während Pollensa landeinwärts in den Ausläufern der Serra de Tramuntana liegt, hat Port Pollensa Zugang zum Meer sowie einen Sportboothafen. In der kilometerbreiten, geschützten Bahia de Pollensa (Bucht von Pollensa) ist Ankern erlaubt.
Serra de Tramuntana: Gebirgszug im Nordwesten Mallorcas
AIS-Signal: Automatic Identifiaction System. Sendet im UKW-Seefunkbereich Information zu Schiffen (Name, Länge, Breite, Schiffsart, etc.) sowie deren Navigationsdaten (Position, Kursrichtung, Geschwindigkeit, Ziel, etc.) um den Schiffsverkehr zu lenken und die Sicherheit in der Seeschifffahrt zu verbessern.
bannig: sehr, viel
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Es ist ein Hochgenuss, diese Lektüre: unterwegs seiend mit der Flying Lobster und ihrer Crew!
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