«Lobsty?»
«Mhmmm?»
«Alles klar soweit?»
«Mhmmm?»
«Aufwachen!»
Ach, gemütlich ist es hier im Hafen. Weiß gar nicht, wie lange ich schon so vor mich hin schaukele. Hab ich nur geträumt? Vom Wintermond, der sich im stillen Hafenwasser spiegelt. Von den Minikatamaranen, die an manchen Wochentagen in der Morgensonne an mir vorübergleiten. Eifrige Schulkinder an Bord, die ihre in okzitanischen Farben leuchtenden Segel trimmen. Von immer wiederkehrenden Stürmen, die mich durchschütteln und mich in Schieflage an den Pier schieben, sodass ich meine Fender plattdrücke wie Flundern. Von meinem Käpt´n, der bei Starkwind unter Deck ´rumwieselt, an meiner Bordelektronik tüftelt, Schränke baut, Dinge von hier nach dort und dann doch wieder woanders hin räumt und dabei immer wieder über die lästigen Lütengs schimpft. Von der südfranzösischen Frühjahrssonne, die über mein Deck streicht und es wärmt. Von Alastair, dem Riggbauer; der meine Wanten nochmal prüft und nachspannt. Und von François, dem Segelmacher, der zweimal mit einer voll bepackten Sackkarre den langen Weg vom Parkplatz über den Steg kommt um ebenso geschickt wie zufrieden Groß, Genua und Sturmsegel einzuziehen.
Ich glaube, ich war eine ganze Weile mit meinem Käpt´n allein. Ob er wohl gemerkt hat, dass ich irgendwann genüsslich weggedöst bin?
«Lobsty!!»
War das nicht die Stimme von meiner Steuerfrau?
«Lobsty!! Es geht los!»
Ein Zittern durchläuft meinen Rumpf, als mein Motor anspringt.
«Wie, es geht los?»
Ich weiß gar nicht, wie mir geschieht. Doch das tiefe, satte Brummen meines Mercedes OM 314 rüttelt mich wohlwollend aus meinem Winterschlaf. Und da ist Besuch in meinem Cockpit! Es ist unser Freund Quim aus Girona. Er hat vor ein paar Monaten geholfen, mein Unterwasserschiff zu streichen.
«Also, alles klar soweit? Tanks sind voll mit Wasser und Diesel. Proviant ist verstaut. Alle Luken dicht. Seeventile auch…». Die Stimme meiner Ruthie klingt aufgeregt.
«Leinen los!», ruft mein Käpt´n.
Quim holt die Leine am Bug ein, meine Steuerfrau ist achtern zugange.
«Leinen sind los!», ruft sie. «Auf nach Valencia!»
Mein Steuerrad dreht sich gemächlich unter der Hand meines Käpt´ns und langsam gleite ich aus dem Hafen von Cap d´Agde. Mein Motor läuft ruhig und zufrieden. Er musste es Mitte der 2000er eine Zeitlang als Notstromaggregat in einem Panzer aushalten. Aber nun ist er marinisiert und hat eine friedliche Zukunft vor sich. Er wird mich voran bringen, wenn der Wind zu schwach ist oder sich mir und meiner Crew entgegenstellt. Auch zum manövrieren im Hafen brauchen wir ihn.
Der Umriss der Hafenausfahrt zeichnet sich vorm rötlich leuchtenden Horizont ab. Die Segel, noch eingerollt, recken sich in den heller werdenden Himmel. Heute ist ihr Tag! Der Wind steht günstig für unseren Kurs und wird kräftig blasen. Bin mal gespannt, wie das wird… bin ja schließlich ganz schön schwer… wer weiß, ob ich unter Segeln überhaupt anständig Fahrt aufnehmen kann…
*
Welch ein Genuss!
Ich gleite durch ein dunkelblaues Meer, auf dem überall aufgewühlte Schaumkrönchen tanzen. Über dem weit entfernten Küstenstreifen schweben schneebedeckte Gipfel im lichtblauen Himmel. Als trüge der Tramuntana die Berge in unfassbare Höhen, um daran zu erinnern, dass es keine Tugend ist, hoch hinaus zu wollen. Als würden die Pyrenäen zur Fata Morgana angesichts der rauen Freiheit des Meeres, in dessen Weite es keine vorgezeichneten Wege gibt und unsere Spuren ebenso schnell auftauchen wie sie von den sich kräuselnden Wellen verschluckt werden. Mein Herz wird leicht angesichts dieser unbezwingbaren Schönheit der Natur, die die Menschen all ihrer Ignoranz zum Trotz immer wieder reich beschenkt.
*
Vor einer Weile hat meine Crew das Großsegel eingeholt. Die Genua steht weit offen und der Wind, nun achterlicher als querab, bläst sie bauchig. Ruhig und sicher durchfurche ich die See. Meine Steuerfrau schaut immer wieder auf die Anzeigen. Und stellt verwundert fest, dass ich ganz schön flott bin. Jubelt, wenn ich bei so mancher Bö auf über acht Knoten komme. Ach, bin ich glücklich! Meine Ruthie ist zufrieden mit mir. Und mein Käpt´n erst recht. Das hab ich mir so gewünscht! Und Quim scheine ich auch zu gefallen.
Am Abend werfen wir den Anker in der Bucht von Collioure. Hier, am Fuß der Pyrenäen, nahe der spanischen Grenze, bekomme ich allmählich das Gefühl, dass die Reise beginnt.


Glossar
die Genua – großes Vorsegel, auch Fock genannt
die Sturmfock – kleines Vorsegel aus kräftigem Tuch, dessen Form trotz geringerer Fläche ein Vorankommen bei Sturm möglich macht
marinisieren – einen Motor mit einem Meerwasserkühlungssystem versehen
der Tramuntana – Nordwestwind, der in Katalonien von den Pyrenäen her weht
das Seeventil – Absperrvorrichtung am Schiffsrumpf, die dem kontrollierten Wassereinlass durch die Bordwand dient (Toilettenspülung, Motorkühlung, etc.)
Wind, achterlicher als querab – Wind, der seitlich und vom hinteren Teil des Bootes her in die Segel einfällt
1 Knoten = 1 Seemeile/Stunde = 1852 m/ Stunde (8 Knoten = 8 Seemeilen /h = 14,816 km /h)
der Lüteng – s. vorherigen Beitrag („An einem Morgen im Dezember“)
Schön das ihr los seid! Gute Fahrt und vor allem viiiieeeel Spaß 🙂
Grüße aus Euböa von Arno und Konni
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