Weizen, Windstille und Klöster

Wir tauchen ein in Schwärze, Himmel und Meer sind eins in der Dunkelheit, nur der Bildschirm meines Plotters leuchtet, im Nachtmodus, rot auf dunklem Grund. Dicht an meinem Unterwasserschiff gleiten Klippen vorbei, aus dem Meer ragende Felsen, deren Spitzen erst aus der Finsternis hervortreten, als ich die schmale Durchfahrt hinter mir gelassen hab´ und kurz nach Mitternacht der abnehmende Halbmond über der Silhouette von Sigri erscheint.

Die Lichter des Örtchens verschwinden hinter den Felseninseln, der Südwind erhebt sich, weht verhalten aber stetig, bis auf halber Strecke nach Limnos mein Motor ran muss. Das Windloch währt nich´ lange, bald rauscht der Meltemi aus Nordost heran, pustet von querab in meine Segel und schiebt mich gen Mazedonien. Auch die Strömung von den Dardanellen her kommt aus Nordost, aber die bringt mich vom Kurs ab, deshalb hat meine Crew schon beim Aufbruch in Sigri ´nen nördlicheren Kurs gesetzt, um den berechneten Versatz auszugleichen.

Mein Anker fällt in ´ner abgeschiedenen Bucht, jenseits vom Strand leuchten Weizenfelder in der Nachmittagssonne, erstrecken sich über sanfte Hügel bis ins Inselinnere. Beim Landgang stakst Sousa zwischen Stoppeln rum und der einzige Weg den Hügel hoch endet bei ´nem Bauernhof; nach ´ner Mütze Schlaf verlassen wir Ormos Kokkina, tuckern in der morgendlichen Windstille gemütlich an der Südküste lang ostwärts und bald in die weite Bucht von Moudros, wo Muscheln und Krabben sich besonders wohl fühlen. Das trübe Wasser is´ recht warm, da freut mein Käpt´n sich über, bis er am nächsten Morgen Schaum und Unrat vorbeitreiben sieht.

Aber hinterm lütten Kap Aspros, nur´n Delphinsprung weiter südlich, vorm mit Sonnenschirmen gespickten Strand von Fanarakia, da schillert das Meer wie ein Aquamarin. Nah bei gibt das sogar Schatten, ´n lüttes Pinienwäldchen säumt die Nachbarbucht, und tagelang is´ das Meer so ruhig, dass ich geradezu tiefenentspannt im Wasser liege.  Dann kommt Schwell herangerollt, ich kippel und wippe auf den Wellen, meine Crew lichtet den Anker. Mit dem Schatten hat sich das erledigt, von nun an müssen meine Steuerfrau und Sousa früh in die Puschen kommen, um beim Landgang keinen Sonnenstich zu kriegen; auf Limnos sind fast alle Bäume dem Weizen gewichen, nur vereinzelt hält ein Olivenbaum, eine Kiefer, ein Feigenbaum oder eine Eiche die Stellung und trotzt dem Meltemi.

Bald soll unser Besuch aus Pamplona in der Inselhauptstadt Mirina ankommen, wir halten Ausschau nach malerischen, gut geschützten Badebuchten. In Ormos Kontias bevölkert ´ne Ziegenherde den Strand und das Meer is´ ebenso trüb wie vor Moudros, also beschließt meine Crew, Wäsche zu waschen, in Mirina soll das ´nen Waschsalon geben, `ne Rarität in der nordöstlichen Ägäis. 

Der Meltemi schwächelt, das is´ noch Platz in der weiten, recht gut geschützten Hafenbucht, über die eine zur Ruine zerfallene Burg wacht. Das Meer hat mir geflüstert, dass es Kriegsgaleeren verschiedenster Völker hierher getragen hat, die Burg von Mirina wurde einst von Byzanz auf den Ruinen einer antiken Akropolis errichtet, später bauten Venezianer und Osmanen weiter. Kurz vor Sonnenuntergang hüpft Sousa den gepflasterten Weg zur Festung hoch, ein Rudel kleiner Hirsche springt am Hang lang, huscht hinter Felsen. Abends füllen sich die Tische der Restaurants am Kai des kleinen Fischerhafens und nebenan, in der von Souvenirlädchen bevölkerten Fußgängergasse, herrscht beinah hektisches Gedränge, bin froh, dass ich am anderen Ende der Bucht liege.

Kaum riecht das an Bord endlich mal nach „frisch gewaschen“ verdrücken wir uns nach Ormos Plateos, kurz um ein Kap rum an der Südwestspitze von Limnos. Nach ´n paar Tagen wird der Meltemi übermütig, die Windsurfschule macht Pause und Sousa muss ihr Geschäftchen auf meinem Deck erledigen. Meine Crew checkt die Wetter App, am nächsten Tag soll das noch stürmischer werden, und zwei Wochen lang so bleiben. Segelurlaub ohne Baden? Mit sturmzerzaustem Haar in der Plicht hocken? Das soll unserem Besuch erspart bleiben, ich werd´ klargemacht zum Anker lichten.

Der Wunschkurs, zur Insel Thassos auf dem Weg zu meinem Winterplatz in Nea Peramos, kommt nich´ in Frage, auch auf Thassos wird wohl kein Badewetter sein. Meine Crew setzt Kurs auf Mazedonien, zum mittleren der drei Finger, die das nordgriechische Festland ins Meer reckt. Über dreißig Knoten sind angesagt, ich liebe Wind umme Schnut!

In der Nacht treffen wir zum ersten Mal auf den alles überragenden Berg Athos, mit um die vierzig Knoten rauscht der Meltemi seine Steilhänge runter, mein Käpt´n, der gerade Wache hat, refft flott meine Segel. Zum mittleren Finger hin wird das zusehends ruhiger, der Meltemi wird vom Festland nach Süden abgelenkt, in die Zentralägäis. Als das Morgengrauen nicht mehr fern und die Ankerbucht nah is´, weht ein laues Lüftchen, das ab und an zwischen an Land aufragenden Hügeln ´n büsch´n in Fahrt kommt. Segel setzen. Segel einholen, Motor an. Wieder Segel setzen. Motor aus. Bald is´ meine Steuerfrau das leid und wir dümpeln rum, bis die Sonne endlich aufgeht und die Sandflecken am Grund zu sehen sind, schließlich soll mein Anker nich´ im Seegras fallen.

Unsere Freunde aus Pamplona erweisen sich als Wasserratten, übernehmen zwischen Paddelboardtouren, Landgängen mit Sousa und genüßlichem Plantschen im Meer das Regime in der Kombüse und verwöhnen meine Crew; meine Ruthie schreibt entspannt an ihrer Drachengeschichte, die sollte lieber von meinen Abenteuern berichten.

Das is´ August und noch wohlig warm, jeden Nachmittag strebt der thermische Südwind zum aufgewärmten Festland hin, beschert entspannte Segeltörns. Nach Nea Marmaris, von aus dem Marmarameer vertriebenen Griechen 1922 gegründet, oder Diaporti, wo man nichts als gut bestückte Schapps braucht, und vielleicht ´ne Badehose.  Von Diaporti in die rundum geschütze Bucht von Porto Koufo, der Anker fällt auf zwanzig Meter und greift nich´ gut, da Flaute herrscht is´ uns das eins.

Wir huschen um den mittleren Finger rum, ankern vor ´nem Nacktbadestrand. Beim Landgang grüßt meine Crew und lächelt, in ´nem Zelt aus Schattennetzen wird gerade getafelt, da hoppelt Sousa hin und kriegt was ab. Pfade führen die Sandsteinfelsen hoch, an ´nem Plumpsklo vorbei und runter ins Örtchen Kalamitsi, wo Caféterrassen warten. Über Nacht raubt der Schwell den Schlaf, am Morgen huschen wir rüber zur Insel Drénia vor dem östlichen Finger, manche Griechen verbringen hier ´ne Nacht auf ´ner Sonnenliege am Strand, andere den ganzen Sommer, im Wohnwagen oder im Zelt, meist verborgen zwischen Büschen oder hinter Zäunen; wer ein paar Tage bleibt, gehört zur Familie.

In Ouranopoli, am östlichen Finger, gegenüber von Drénia, steigt unser Besuch in den Bus nach Thessaloniki. Der nächste Besuch kommt, diesmal aus der Pfalz, das geht gesellig zu an Bord, Sousa sammelt Streicheleinheiten. Wieder Südwind, wir huschen zur Insel Diaporos im Nordosten des mittleren Fingers, fliehen gleich am nächsten Tag vor der Mietmotorbootinvasion zurück nach Drénia, wo die Tochter vom Käpt´n beim Landgang bald mit alten Bekannten von Sousa Klönschnack hält. Die wenigen Mietmotorboote, die von Ouranopouli nach Drénia rüberkommen, stören kaum, wer nach Ouranopouli fährt, hat anderes im Sinn, als ein Boot zu mieten, Tag für Tag spucken Reisebusse massenweise Pilger aus, die zum Berg Athos streben. Pilger, keine Pilgerinnen, Frauen haben keinen Zutritt zu der Mönchsrepublik unter griechischer Souveränität und ihren zwanzig in Fels gebauten, orthodoxen Klöstern.

Auch unser Besuch aus der Pfalz hat „Tschüs“ gesagt, meine Crew macht sich im Morgenlicht auf Weg zur Insel Thassos. Nochmal ein langer Schlag, nonstop um den östlichen Finger rum, die Küstenwache jagt jeden weg, der an den Ufern vom Berg Athos ankert. Gegen Mitternacht gräbt mein Anker sich vor Potos, an der Südküste von Thassos, in Sand. In der weiten Bucht von Limenaria genießt meine Crew die letzten Tage Bootsleben, Ruthie paddelt mit Sousa zu ´nem lütten, wilden Strand, wo ´n Pfad die Uferböschung hoch in ein Kiefernwäldchen mit Meerblick führt; mein Käpt´n hockt inner Plicht, träumt davon, dass der Sommer nie aufhört.

Mitte September werde ich in Nea Peramos aus dem Wasser gehoben. Nu´ steh ich Land, aufgebockt und eingepfercht zwischen anderen Yachten. Lieber wär´ ich dicht am Wasser, da, wo die Sonne auf den Wellen tanzt, wo der Wind mit dem Meer singt und der weite Horizont mich ruft, da fühl´ ich mich sicher. 

Glossar

Plotter – auch Kartenplotter: elektronisches Navigationsgerät, das digitale Seekarten, Kurs und Geschwindigkeit des Bootes, Windrichtung und Wassertiefe, per AIS (Automatic Identification System) oder Radar geortete Schiffe in der Nähe, u.v.m. anzeigt.

Mazedonien – auch Makedonien genannt. Region im Norden Griechenlands, die den Teil des historischen Mazedoniens umfasst, der im heutigen Griechenland liegt.

Strömung– weitläufige, gerichtete Bewegung des Meerwassers. Die Strömung von den Dardanellen her beruht auf dem fast doppelt so hohen Salzgehalt des Mittelmeeres gegenüber dem schwarzen Meer, wobei eine salzarme Oberflächenstrrömung von Schwarzen Meer durch das Marmarameer und die Dardanellen ins Mittelmmer fließt, und eine salzreichere, tiefere Strömung in die entgegengesetzte Richtung.

Versatz – seitliche Kursabweichung eines Segelbootes durch Meeresströmungen oder Windeinfall.

Schwell – abgeleitet,vom englischen „swell“, auch Dünung genannt: Wasserwellen, die bereits aus ihrem Ursprunggebiet herausgelaufen und nicht mehr wie die Windsee von der Windeinwirkung abhängig sind. Windsee und Dünung bilden zusammen den Seegang.

in die Puschen kommen – in Gang kommen

Ormos– griechisch: „Bucht“

Seemeile – eine Seemeile = 1852 Meter

Wind umme Schnut – Wind um die Nase (bzw. die Schnauze, den Mund)

Knoten – ein Knoten = eine Seemeile pro Stunde = 1,852 km/h

Seegras – auch Neptungras oder Poseidonia (posidonia oceanica) genannt. Seegraswiesen können mindestens doppelt so viel CO2 speichern wie eine gleich große Fläche tropischer Regenwald, bieten über 220 Tierarten einen Lebensraum und filtern das Meerwasser, indem sie Nährstoffe aus Flüssen aufnehmen und die Überdüungung des Meeres verhindern. Posidonia ist für den Schutz des Mittelmeeres unentbehrlich, doch sie wächst ungemein langsam, nur ein bis drei Zentimeter pro Jahr. Oft wird sie bei Ankermanövern ausgerissen und vernichtet, z.B. wenn der in Sand und Gras eingegrabene Anker gelichtet wird oder die Ankerkette durch eine Seegraswiese schleift.

Schapps – Vorratsschränke

das is´ uns eins – das ist uns egal

Klönschnack halten – gemütlich miteinander plauern

*

Nordwärts im Mai

Den Winter über war ich an Land aufgebockt, seit kurzem bin ich endlich wieder im Wasser, in der lütten Marina vom Aris Boatyard in Karlóvasi, auf Samos. Das is´ Anfang Mai, meine Crew wuselt rum, macht klar Schiff, mal flucht mein Käpt´n, der irgendwas nich´ findet, mal flucht meine Steuerfrau, die sich zum x-ten Mal ´n blauen Fleck gehauen hat. Und immer wieder streiten die zwei, je mehr Stress, umso mehr Streit, was geht mir das auf den Geist! Doch die Zeit drängt, der Meltemi wartet um die Ecke, will den Südwind ablösen, der seit einigen Tagen munter bläst. Den Südwind, der uns nach Chios bringen soll, wo die Somnambule und ihre Crew den Winter verbracht haben. Die Somnambule is´ auch ´ne Motu, so wie ich, seit Jahren ist sie in griechischen Gewässern unterwegs und zum ersten Mal könnten unsere Wege sich kreuzen.

Sousa hat in Karlóvasi ´n Verehrer, den weißen Minipudel Max, vielleicht will sie deshalb nich´ mit, als meine Crew morgens um sieben die Leinen loswirft. Der Wetterbricht ist mittelprächtig, doch Poseidon ist uns wohlgesinnt, mit wunderbarstem Südwest surfe ich nordwärts und am frühen Abend fällt mein Anker in der hübschen Bucht von Langkada, im Nordosten von Chios. Auf achtzehn Meter, ne flachere Stelle is´ nich´ zu finden. Während meine Ruthie Kissen in die Plicht hochreicht, die mein Käpt´n auf den Bänken verteilt, peest Sousa mit gereckter Ringelrute an Deck hin und her. Ihr steigt wohl der Duft ins Näschen, der von den Pinien am Südufer herüberweht, kaum hat mein Käpt´n das Dinghi zu Wasser gelassen, macht sie ´n Satz von der Badeplattform, stützt die Pfötchen auf ´n Schlauchkörper und reckt die Schnute glücklich in den Wind.

Zwei Tage später, kurz bevor der Meltemi die Oberhand gewinnt, huschen wir mit ´nem frischen Südost rüber zum Pfeffersackinselchen Inousses, wo viele Reeder eine Residenz besitzen; treffen in der bei Meltemi bestens geschützten Bilali Bucht mein Schwesterschiff. Die Somnambule is´ was ganz Besonderes, sie hat ein Dschunkenrigg. Und sie hat zwei Fellnasen an Bord! In den Jungspund Josch, ´nen feschen Schafspudel, verguckt Sousa sich auf den ersten Blick.

Viel zu bald sagen die Somnambule und ihre Crew „Tschüs!“. Wir bleiben noch ein wenig, meine Crew macht ´nen Ausflug zum schicken Inselörtchen Inousses, dem der Reichtum aus allen Poren quillt. Dann treibt der angesagte stürmische Wind aus Süd uns zur Nordküste von Chios, wo wir in der Bucht von Kardamila abwettern wollen. Im Dunkel der Nacht kommt noch ´ne Yacht, wirft ihren Anker neben mir: Die Tulip, aus Amsterdam. Hat auch ´ne lütte Fellnase an Bord, Sousa entdeckt die beim Landgang in Kardamila. Später gibt das Klönschnack, Tee und Kuchen in meiner Plicht, und als die Crew der Tulip sich verabschiedet, is´ das schon lange dunkel.

Über Nacht wird der Wind ´n büsch´n zahmer, schiebt uns am nächsten Tag munter nach Lesbos. Wer auf dem Meer lebt, schippert von einem Abschied zum anderen.

Glossar

Aris Boatyard – Bootsstellpatz, Werft und kleiner Hafen im Nordwesten von Samos

peest – rennt

Dinghi – Beiboot, Schlauchboot

Meltemi – Nordwind, der in den Sommermonaten in der Ägäis vorherrscht.

Somnambule Schlafwandlerin  (Motto: „Bitte nicht stören, wir träumen.“)

Dschunkenrigg –  Masten und Segel nach chinesischer Tradition

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Das Glück und der Meltemihimmel

Wenn Glück man so beständig wär´, wie das Blau des Himmels bei Meltemi. Andere Winde schicken Boten voraus, treiben zu weißen Fetzen zerfaserte Wolken vor sich her, wie der Mistral, oder wüstensandschwere Cumulusberge, die alles in Grau tauchen, wie der Scirocco. Der Meltemi aber rauscht den ganzen Sommer über wolkenlos durch die Ägäis, und obwohl er gern stürmisch und rau wird, liebt er den Himmel hell und klar und tiefblau.

Ich mag den Meltemi, der bringt mich gut in Fahrt. Auch meine Crew zählt auf ihn, hisst zügig Groß und Genua, als wir Ende Mai von Kythira nach Santorini aufbrechen, wo im Juni Besuch an Bord kommen will. Erstes Ziel ist Milos, die westlichste Insel der Kykladen, bis da sind das um die sechzig Seemeilen, Sousas erster langer Schlag, und je steifer die Brise, umso eher kommen wir an.

Doch der Meltemi zeigt kaum Muckis und schläft viel zu früh ein. Zähneknirschend schmeißt meine Steuerfrau meinen Jockel an, Motorlärm is´ nervig und teuer, Dünung und Welle sind bei Motorfahrt um einiges lästiger, als unter Segeln. So dauert das nich´ lange, bis unser neues Crewmitglied im Salon sein Frühstück wieder rauswürgt. „Sowas passiert selbst alten Seebären“, sagt meine Ruthie, streichelt die lütte Fellnase und wischt das Malheur weg.

Im Stadthafen von Adamantas, der Hauptstadt von Milos, sehen wir zum ersten Mal seit langem einen Schwarm Möwen. Und ich werd´ endlich mal wieder ausgiebig mit Süßwasser geschrubbt, da musste ich den ganzen Winter auf verzichten, in Pylos gab das ja keins am Kai.

Aiolos ist uns wohl gesonnen, wir werfen die Leinen los und kreuzen erstmal gegen leichten Meltemi nach Sarakiniko, an der Nordküste von Milos. Wollen ein seltenes Geschenk des Windgottes genießen: drei Tage Flaute. Die See schimmert türkis, bleibt kristallklar und ruhig, wunderschön is´ das in der weiten, ungeschützten Bucht, wo ich vor Anker liege, so schön, dass auf den Felsen an der Küste, die von weitem wie gewaltige, weiße Sanddünen wirken, Tag für Tag Besucherströme ausschwärmen, bunte Punkte dicht an dicht, die sich über die von Wind und Meer modellierten Gesteinsformationen schlängeln. Von daher macht meine Crew macht sich lieber in der Morgenfrische auf zum Ufer, und kurz vor Sonnenuntergang , wenn das da ruhiger is´. Auch am letzten Abend vor Sarakiniko hüpft Sousa schwanzwedelnd zum Heck, legt die Pfötchen auf´n Süllrand und lässt den Käpt´n, der das Dinghi klarmacht, nich´ aus den Augen.

 „Wir haben ein Problem“, ruft der mit einmal, „das Dinghi verliert Luft!“ Springt zurück auf die Badeplattform, in die Plicht und unter Deck. Sousa schaut verdattert, rennt nach ´ner Weile hinterher und lugt den Niedergang runter, wo das rumpelt und klappert. Die Dose mit PVC-Kleber war an ihrem Platz unter der Lotsenkoje, das Fläschchen mit dem Härter aber weder beim Kleber zu finden, wo das hingehört, noch unter der Koje in der Achterkajüte oder in der Kiste mit allerlei Dosen und Flaschen im Regal unter der Backskiste. Als es endlich zwischen den Kisten unter der Lotsenkoje auftaucht, stellt sich raus: der Härter is´ völlig vertrocknet.

Sousa muss doch mal! Bei meiner Steuerfrau sinken die Flaggen auf Halbmast. Dann krabbelt sie in die Bugkoje, zieht den Sack mit dem Paddleboard unter die Luke, holt die Fußpumpe von achtern und eilt an Deck. Zerrt den Sack aus der Luke, packt das Paddleboard aus und beginnt hektisch, die Pumpe zu malträtieren. Sousa schnüffelt an dem Ding, das so verdächtige Pfeiftöne von sich gibt, wedelt dabei beharrlich mit ihrer Ringelrute.  Doch als dass Board endlich einsatzbereit ist, ist die Sonne verschwunden und der Meltemi im Anmarsch, um die Flaute zu vertreiben. Meine Ruthie ruft Sousa zum Bug. Zeigt ihr ein Leckerli. Ruft: „Pipifein!“ und „Kackafein!“, wie die Zwei dass an Land geübt haben. Ich mag das, wenn Sousas Pfötchen über mein Deck trappeln, aber dass vorn am Bug nu´ das Hundeklo is´, da muss ich mich erst an gewöhnen.

Sowie das hell wird tuckern wir zurück nach Adamantas, wo das einen Bootsladen gibt, der bestens sortiert is´. Sousa, die noch nicht schwimmen kann, kriegt die knallorange Schwimmweste angetrekkt, auf der „Rescue Team“ steht. Als meine Steuerfrau gegen den Meltemi an rudert, hockt die Lütte wacker zwischen ihren Beinen und reckt die Schnute in den Wind.

So´n aufgeklebter Patch soll ja´n Weilchen trocknen, zum Brot holen am nächsten Morgen muss wieder das Paddleboard ran, wird an ´nem lütten Strand an der Uferstraße geparkt.  Als Sousa ´nen ollen  Labrador sieht, der gerade ins Wasser tappt, zerrt sie wild an ihrer Leine. „Die Gelegenheit!“ denkt meine Steuerfrau und lässt die Lütte laufen. Die peest los wie´n Minitornado, ins Wasser rein und zu dem Labrador hin, dass das nur so platscht. Merkt bannig spät, das da gar kein Boden mehr is´ unter ihren Pfoten. Guckt ganz verjagt. Is´ aber keine Bangbüx, reckt die Schnute aus´m Wasser und  paddelt was das Zeug hält.

Meine Steuerfrau lacht. Mein Käpt´n auch. Doch wunschlos glücklich sind wir nich´ mehr. Das Dinghi gibt allmählich seinen Geist auf, über kurz oder lang werden wir ein Neues brauchen. Nich´, dass wir jetzt unglücklich wären, der Meltemi weht ja sowieso, und der Himmel bleibt blau, aber das Glück is´ eben eher wie die See, die mal munter im Wind tanzt, mal vom Sturm gepeitscht Gischt ausspuckt, mal friedlich im Sonnenlicht glitzert und auch mal trüb vor sich hindümpelt.

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Glossar

Meltemi – Nordwind, der von April bis Oktober in der Ägäis weht

Mistral – Nordwestwind, der im westlichen Mittelmeer weht.

Scirocco – Südostwind, der sich mit dem Mistral abwechselt

Santorini – südlichste der Kykladeninseln

Malheur – frz.: Mißgeschick. Begriff, der während der Hamburger Franzosenzeit (französische Besatzung der Stadt, sowie Eingliederung in das Französische Kaiserreich, von 1806 bis 1814) in den plattdütschen Wortschatz aufgenommen wurde

Pylos – Hafenstädtchen an der Westküste des Peloponnes, wo Lobsty den Winter 23/24 verbracht hat.

Aiolos – Von Zeus alls Herrscher über die Winde eingesetzter Günstling der Götter

Heck – hinterer Bereich eines Schiffsdecks

Süllrand – u.a. Einfassung des Decks, um das Überlaufen von Wassser zu verhindern

Backskiste – bei Lobsty eine Klappe in der Backbordbank der Plicht, die Zugang zum Stauraum im Achterbereich gewährt.

achtern – hinterer Bereich eines Bootes

antrekken – Plattdütsch: anziehen

bannig – Plattdütsch: sehr

verjagt – Plattdütsch: erschreckt

Bangbüx – Plattdütsch: Angsthase

Wunschlos glücklich

Was man sich von ganzem Herzen wünscht, sagt meine Steuerfrau, geht in Erfüllung, man muss da nur beharrlich von träumen. Bislang hab´ ich gedacht, das wär´ Tüünkraam, doch dieses Jahr sind bei uns gleich zwei lang gehegte Herzenswünsche in Erfüllung gegangen: einer von mir und einer von meiner Steuerfrau. Zudem bin ich selbst ja auch ein lang gehegter, wahr gewordener Traum, zwölf Jahre lang hat meine Crew da von geträumt, mit mir über die See zu segeln; nu´ bin ich schon seit sieben Jahren auf dem Mittelmeer zuhause.

Wie berauschend das war, zum ersten Mal den Wind in meinen Segeln zu spüren! Auch wenn ich mich zu Beginn meines Daseins eher wie ein Frachtschiff gefühlt hab, denn in meinem Heck, wo heute ´ne schöne, breite Doppelkoje is´, waren reihenweise Bootsbau Sperrholzplatten gelagert. In unserem ersten Segeljahr hab´ ich viel zu lange in der Marina von Burriana vor mich hingedümpelt, während mein Käpt´n getischlert und meine Steuerfrau lackiert hat; Meeresgewächse und Schalenwesen, die sich in der Hafenbrühe zu Hause fühlen, haben meinen Rumpf bevölkert und als wir endlich zu den Islas Columbretes aufgebrochen sind, ging der Sommer seinem Ende entgegen. Seitdem wünsche ich mir, wenigstens einmal nicht die letzte Yacht zu sein, deren Crew die Leinen loswirft, wenn die Tage länger werden und die Nächte angenehm lau. Nicht nur, weil mir das Gejammer meiner Steuerfrau auf den Geist geht, die neidisch jedem Boot hinterherblickt, das die Positionstonnen der Hafenausfahrt hinter sich lässt. Für mich gibt das einfach nichts Schöneres als nur Meer und Wind und Himmel um mich rum. 

Immerhin, letztes und vorletztes Jahr haben wir das geschafft, Ende Juni die Leinen loszuwerfen, aber dieses Jahr verlassen wir schon Ende Mai den Hafen! Mit einem lachenden Auge, das den Horizont sucht, und einem weinenden, das zurückblickt, zu den Schiffen, Seglern und Landratten hin, die wir über Winter ins Herz geschlossen haben. Und auf das hübsche Küstenstädtchen Pylos, wo der Herzenswunsch meiner Steuerfrau in Erfüllung gegangen is´. Eines Morgens stand da nämlich ´ne befreundete Landratte am Kai, die gerne streunenden Hunden und Katzen hilft, und hatte ´ne bannig seute Töle auf´m Arm. Meine Steuerfrau und ich waren hin und weg, und auch mein Käpt´n hat sich gleich in den Schietbüddel verguckt. Sousa heißt die Lütte, wiegt gerade mal fünf Kilo, ich hab´ jetzt ein Relingsnetz, damit sie nich´ über Bord gehen kann.

Als mein Motor anspringt, spitzt sie erschrocken die Knickohren und hopst aus ihrem Körbchen unter der Sitzbank am Steuer. Aber Plicht is´ Pflicht für Sousa, wenn wir Anker auf gehen oder, wie jetzt, ablegen, um zwei befreundeten Booten zum alljährlichen Jazzfestival nach Kardhamili zu folgen.

Sousa zeigt sich seetauglich, uns fällt ein Stein vom Herzen. Wir ankern mit Blick auf eine Bühne, bis wir nach Porto Kagio aufbrechen, wo ich ein letztes Mal gemütlich neben der Rijo und der Chellouise  vor mich hin schaukel.  Denn der Wind bestimmt, und der bringt uns am nächsten Tag zum Kanal zwischen der Insel Kythira und dem Kap Malea, an der Südspitze des östlichen Peloponnesfingers. Hier zeigt der Meltemi sich gerne von seiner stürmischsten Seite, schon Odysseus versetzte er vor die Küste Afrikas, zu den Lotosessern. Doch wir kommen mit dem Westwind, der im Kanal ´nen Zahn zulegt, von so zwölf auf achtzehn Knoten, und an Lee von Kythira die Hänge hoher Berge hinabsaust. Als meine Crew vor Agios Pelagia den Anker wirft, peitscht er uns vom Land her mit über zwanzig Knoten flache Wellen entgegen, auf denen Schaumkrönchen tanzen.

Über Nacht schläft der Wind ein, wir hoffen, dass er nochmal auffrischt, uns Kurs Nordost zur westlichsten Insel der sagenumwobenen Kykladen bringt. Doch Eile mit Weile, denn das wird mit sechzig Seemeilen der erste längere Schlag für Sousa werden.

Und überhaupt, ich trau mich ja kaum, das zu sagen, aber ich glaub´, ich bin wunschlos glücklich.

*

Glossar

Tüünkram – Unsinn

Pylos – Hafenstädtchen im Südwesten des westlichen Peloponnesfingers

Marina de Burriana – Sportboothafen an der spanischen Mittelmeerküste zwischen Valencia und Castellón

Islas Columbretes – Kleines Archipel vulkanischen Ursprungs dreißig Seimeilen östlich von Castellón. Seht unter Naturschutz.

bannig seute Töle – sehr süßer Hund

Schietbüddel – „Schießebeutel“, Kosename für Babys und kleine Kinder

Kap Malea – Kap am Südzipfel des östlichen Peloponnesfingers

Meltemi – Nordwind, der in den Sommermonaten in der ägäis vorherrscht

Lee – die dem Wind abgewandte Seite

Schlag – eine Strecke, die man segelt. Lobstys segelt bei gutem Wind bequem um die dreißig Seemeilen an einem Sommertag. Ist der Schlag länger, muss die Crew früh aufstehen oder sich auf einen Nachttörn einstellen.

Piräus, Peloponnes und dann Pylos

Eins hab ich vermisst diesen Sommer: das Lachen und Kreischen der Möwen. Mein Käpt´n fragt sich, ob diese Spezies in Griechenland heimisch is´, aber hier gibt das doch so viele Fischerboote, denen fliegen Möwen so gerne hinterher. Schon Aristoteles hat Möwen beobachtet, und auch Odysseus soll den Küstenvögeln auf seinen Irrfahrten begegnet sein. Immer wieder wandert der Blick meiner Steuerfrau suchend zum Himmel, oder über die Felsen und Inselchen, auf denen Vögel so gerne rasten.

Mein Käpt´n schaut nach dem Autopiloten, ersetzt die dünnen Originalkabel zur Hydraulikpumpe durch dickere, klemmt anständige Kabelschuhe an. Doch kaum haben wir uns auf den Weg gemacht, steigt der Autopilot wieder aus. Zum Glück bläst der Meltemi, strafft meine Segel und hält mich auf Kurs zum Kap Sounion, wo Poseidon von seinem Tempel aus weit übers Meer blickt.

Nach ´ner beschaulichen Nacht bitten wir den Meeresgott der alten Griechen um Schutz. Aber auf dem kurzen Törn nach Glyfada flucht meine Steuerfrau vor sich hin, das is´ Flaute, sie musste meinen Motor anschmeißen. Drei Strich Backbord, zwei Strich Steuerbord, das Steuern braucht pausenlos volle Aufmerksamkeit, Klönschnack mit dem Käpt´n oder den Wolken hinterher träumen is´ nich´. Als sie kurz auf den Plotter schaut, um Kurs und Geschwindigkeit von ´nem Frachter zu checken, der uns entgegen kommt, lauf ich aus dem Ruder, dabei will ich doch gar nich´nach Afrika. ´N büsch´n Wind hätte Poseidon ruhig schicken können!

In der Bucht von Athen fällt mein Anker vor einem Park mit Restaurantterrassen, bald schaukel ich einsam vor mich hin. Meine Crew hat mein Beiboot vorm Yacht Club festgemacht, will an Land Ersatzteile besorgen, denn auch mein Wassermacher is´ futsch. Kaffee und Tee wird an Bord nu´ mit Mineralwasser gekocht, geduscht wird erstmal nicht.

Der späte September is´ heiß, die Stadtluft abgasschwer und klebrig, das trübe Meer lädt nich´ zum Schwimmen ein. Aber die Nächte sind unterhaltsam: Einmal Hochzeitsfeuerwerk über´m Restaurant, öfter mal Motorradrennen auf der Küstenschnellstraße. Das Geknatter und Geknalle der Maschinen verstummt, wenn rotes Blinken Drohnen verrät, die zwischen den Lichtpunktreihen der Straßenlaternen umherschwirren. Sind wohl Polizeispione, kaum sind sie verschwunden, röhren die Motorräder wieder um die Wette.

Bin froh, als mein Wassermacher repariert ist und ich nach vier Stunden Motorfahrt im Schatten hoher Hügel vor Nisos Aegina liege. Die Insel mitten im Saronischen Golf hat kaum geschützte Buchten, der Schwell holt meine Crew früh am Morgen aus der Koje. Nordwest kommt auf, wir segeln gen Süd, meine Steuerfrau blickt mal wieder sehnsüchtig zum Land, zur Nachbarinsel Nisos Moni, wo Ankern bei Nordwind ungemütlich wäre. Hirsche und Pfauen soll das da geben, wie sind die da bloß hingekommen?

Die neue Hydraulikpumpe is´ in Deutschland bestellt, wir warten im Süden von Nisos Poros, trinken manchmal Kaffee im quirligen Hafenstädtchen gleichen Namens. Mit Blick aufs Festland des Peloponnes liegt Yacht an Yacht römisch-katholisch am kilometerlangen Kai, aber ich döse in Ormos Dhaskalia vor mich hin, vor Landleinen, mit Blick auf einen schmalen Strand. Das Meer ist glatt wie ein Tümpel, manchmal dreht eine einsame Möwe ihre Runden, einmal sehen wir sogar zwei, auf dem Inselchen mit der lütten Kirche. Morgens taucht ab und an ein Kormoran auf, jagt Fische, hier gibt das noch welche.

Skurrile Nachbarn werfen ihren Anker. Ein zweiundfünfzig-Fuß-Katamaran unter US-Flagge, dessen Skipper meint, ich nähme zu viel Platz weg. Er will wohl auch gerne vor dem Strand liegen, wo meine Ruthie das Paddelboard parkt und die Böschung zur Landstraße hochkraxelt. Kaum is´ der Kat weg, kommt ´ne fette Motoryacht, die wie ´ne Wodka Marke heißt. Von morgens bis abends volle Pulle Techno, da steht meine Crew nich´ auf. zum Glück verzieht sich der Freudendampfer nach zwei Tagen, sonst hätte das Weck-Rock zum Fühstück gegeben, ACDC, Highway to Hell. Nu´ kann meine Crew kann das Buchtenleben wieder genießen, und nach neun Tagen warten kommt endlich die neue Hydraulikpumpe.

Der Meltemi erhebt sich früh, auf geht´s zu meinem Winterliegeplatz. Kurz vor Sonnenuntergang segeln wir sechzig Seemeilen weiter südlich um ´ne Landzunge, sind müde, freuen uns auf ´n ruhigen Abend in Palaia Monemvasia. Stattdessen bekommen wir kräftig auf die Mütze. Fallwinde rutschen die Berge am Nordufer der weiten Bucht runter, knallen in meine Segel, bringen mich bannig in Schräglage. Schleunigst holt meine Crew das Großsegel ein und refft die Genua. Trotzdem hab ich immer noch soviel Krängung, dass die Wellen, die der Wind uns vom Ufer her entgegen schleudert, über meine Deckskante klatschen. Nach ´ner viertel Stunde fällt mein Anker und greift beim ersten Versuch. Nachts wird das ruhiger, aber noch vor dem Frühstück huschen wir um die Halbinsel Monemvasia, bestaunen im Vorübergleiten das anderthalb Jahrtausende alte Festungsstädtchen, das sich hinter dicken Mauern an die Felsen drückt.

Moni Emvasia (μόνη εμβασία) bedeutet »Einziger Zugang«, der Ort war lange Zeit eine freie byzantinische Stadt, die vielen Belagerungen standhielt. Fiel dann den Franken in die Hände, den Osmanen, den Venezianern, kurzzeitig sogar einem katalanischen Seeräuber, der die Festung bald den Römern überlassen musste. Bis zum Aufstand der Griechen gegen die Osmanen in den 1820er Jahren nannte man ihn auch „Gibraltar des Ostens“, heute ist Monemvasia ein Freiluftmuseum, in dem ein paar alte Leute die Stellung halten, umringt von Hotels, Wochenendhäusern, Bars, Restaurants und Souvenirläden.

Vor der Brücke zwischen dem Festland und der Halbinsel ist Ankern erlaubt, doch wir legen im kostenlosen Stadthäfchen an, längsseits, mitten am Kai der östlichen Außenmole. Möwen gibt das auch hier keine, trotz der Fischerboote, wenn das nich´ so traurig wäre, würd´ ich mich da ja über freuen. Keine Möwen, keine Möwenkacke.

„Ruthie, komm schnell!“, ruft mein Käpt´n, der achtern an der Reling steht und aufs Wasser zeigt. Meine Steuerfrau sputet sich. Ihr Herz beginnt zu klopfen, als sie die Meeresschildkröte entdeckt. Bannig alt muss die sein, is´ größer als mein Rettungsring. Langsam paddeln ihre kurzen, dicken Reptilienbeine, ihr Panzer ist mit Algen bewachsen. Sie knabbert eifrig an der Kaimauer, arbeitet sich in dem schmalen Spalt zwischen meinem Rumpf und der Mauer voran. Kümmert sich nich´ um meine Crew, die ihr an meine Reling gedrängt folgt, sie nicht aus den Augen läasst, bis sie meinen Bug erreicht hat und davon schwimmt.

Später, am Nachmittag, sieht mein Käpt´n mitten im Hafenbecken zwei Schildkrötenköpfe aus dem Wasser lugen. Meine Steuerfrau ist nach Monemvasia aufgebrochen, wollte zur Oberstadt, wo Reste einer mittelalterichen Burg und eine Kirche stehen. Schaut sicher schon vom höchsten Punkt der Halbinsel zu mir runter, schüttelt den Kopf, weil dieser schöne Ort so viele Kriege erlebt hat. Denn friedlich währt am längsten, das beweisen die Schildkröten, die seit den Zeiten der Dinosaurier die Meere bewohnen.

Die Kapitänin der Nausikaa schickt ´ne Nachricht, fragt, ob wir schon ums Kap Malea rum sind. Dort begann die Irrfahrt des Odysseus, der wollte nur kurz um den Peloponnes rum, nach Ithaka, doch am Kap Malea riss die windgepeitschte See ihn fort. Gen Afrika, zur den Lotusessern auf der Insel Djerba. Odysseus kannte weder Wetterradar noch Wettersatelliten, sonst hätte er das sicher wie die Berufsschifffahrt gemacht, die heutzutage bei Starkwind das Kap Malea meidet und den Umweg um die Insel Kythira in Kauf nimmt. Meine Crew checkt die Windy App und bei ruhigem, klarem Wetter tuckern wir um den sagenumwobenen südlichsten Zipfel des europäischen Festlands.

Noch zwei Ankerpätze, dann werden wir am Ziel sein. In Agios Elena, an der Südküste von Nisos Elafonisos, trifft ein Meer wie Aquamarin auf hellen, von Dünen gesäumten Sandstrand. Wir haben Glück, der Südwest schiebt erst ab drei Uhr morgens Welle in die Bucht, um vier lichten wir den Anker. Umrunden den mittleren Peloponnesfinger, wo am Kap Tainaran die See ´n büsch´n rauer wird. Nehmen Kurs Nordnordwest, auf den ersten Peloponnesfinger zu. Der Wind gibt sich launisch, bläst mal munter, schläft dann wieder ein. Gewitterfronten ziehen uns entgegen, dunkle, bauchige Wolken, manche driften ab nach West, andere nach Ost. Über uns bleibt der Himmel hell.

Ich bin ein wenig wehmütig, als wir mit Blick auf die venezianische Festungsanlage, die Methoni vom Ionischen Meer trennt, die letzten Nächte vor Anker liegen. Das Meer ist klar, das Örtchen beschaulich, gerne würden wir länger bleiben. Doch im nur acht Seemeilen entfernten, kostenlosen Stadthafen von Pylos ist gerade ein guter Platz frei. Freunde, die schon ein Weilchen dort liegen, raten uns, nich´ zu trödeln. Kurz vor Pylos, als wir zwischen der Insel Sfaktiria und dem Leuchtturm in die weitläufige Bucht von Navarino tuckern, sehen wir zum ersten Mal in diesem Jahr einen kleinen Schwarm Möwen.

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Glossar

Aristoteles – beobachtete auch das Aussehen und Verhalten von etwa fünfhundert Tierarten, das er in seinem neunbändigen Werk „Historia animalium“ („Geschichte der Tiere“) beschrieb.

Hydraulikpumpe -ist durch T-Stücke an die beiden Schläuche der Steuerungsanlage angeschlossenund mit dem Kurscomputer verbunden (meist mittels NMEA2000-Schnittstelle), der über die Pumpenaktivität das Ruder bewegt.

Meltemi – in der Ägäis vorherrschender Wind aus dem Nordquadranten

Glyfada – Stadt südlich von Athen an der Westküste von Attika

Plotter – Kartenplotter: Schiffsnavigationsgerät (GPS), das auf einem Display eine eletronische Seekarte anzeigt, auf der Position und Route des Schiffes zu sehen sind. Über das Automatische Identifikations System (AIS) können Schiffe in der Umgebung angezeigt werden, z.T. mit Information zu Kurs, Geschwindigtkeit oder z.B. Schiffslänge. Das Display kann als Radarbildschirm genutzt werden, der Werte anzeigen, die Echolot und Windmesser geben.

Saronischer Golf - Golf im Norwesten der Ägäis, auch Golf von Ägina genannt.

Nisos Aegina – Insel Ägina

Nisos Moni – Insel Moni

Nisos Poros – Insel Poros

Schwell (oder Dünung) -Wellen, die aus ihrem Entstehungsbereich herausgelaufen sind oder von vorbeifahrenden Schiffen verursacht werden, und in einen Hafen oder ein Bucht laufen. Im Gegensatz zur Windsee, die entsteht, wenn der Windd auf die Wasseroberfläche trifft. Schwell + Windsee = Seegang

Verkehrtrennungsgebiet – kanalisiert an Engstellen oder Kaps einen Schifffahrtsweg in unterschiedliche Fahrtrichtungen

römisch-katholisch anlegen – erst den Buganker werfen, dann rückwärts am Kai anlegen und Backbord und Steuerbordleine legen. Die Ankerkette liegt dabei in der Verlängerung der Längsachse des Schiffes oder Bootes.

Ormos Dhaskalia – Dhaskalia Bucht, an der Südküste der Insel Poros

zweiundfünfzig-Fuß-Katamaran – ca. 16m langes Schiff mit zwei Rümpfen, die fest miteinander verbunden sind.

Skipper – verantwortliche Boots- oder Schiffsführerin der Freizetschifffahrt.

Palaia Monemvasia – bucht m Norden der Halbinsel Monemvasia, an der Ostküste des östlichen Peloponnesfingers

bannig – sehr

Krängung – seitliche Neigung eines Schiffs

Nausikaa -befreudnete Segelyacht

Ithaka – griechische Insel im Ionischen Meer, Heimat des Odysseus

Windy App – Wetter App für Segler und SurferInnen

Agios Elena – Bucht der Insel Elafonisos

Nisos Elafonisos – Insel westlich des Kap Malea

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Einmal Malta… und dann Hellas

Warten auf den Mistral

Que meraviglia! Wir sind unterwegs. Haben prima Wind.  Meistens jedenfalls. Als Sophie, die Tochter vom Käpt´n, Ende Juni in Cagliari ankam, blies der Mistral munter und wir mussten gegen an, um sie abzuholen. Mir hat das ja Spaß gemacht! Aber meine Crew war´n büsch´n aus der Übung. War ja zehn Monate her gewesen, dass die beiden mich zum letzten Mal gesegelt hatten.

Den Winter hab ich wieder in der schnuckeligen Marina von Santa Maria Navarrese verbracht.  Zum Glück hat mich die Crew von meiner Freundin Nahia öfter besucht. Sie haben meine Leinen gecheckt, vor allem wenn Sturm angesagt war. In die Bilge geschaut und was noch so anlag. Und ab und an in den Werkzeugkisten vom Käpt´n rumgestöbert.  Hab´ mich immer gefreut, wenn sie fündig geworden sind. Auch die Käpt´ns von der Orion und von der Seawitch kamen mal vorbei. Ich war dann aber trotzdem bannig froh, als meine Crew endlich wieder an Bord war. Ende März war´s natürlich noch klamm in den Kojen.  Aber mit dem lütten Heizlüfter wurde das bald kuschelig unter Deck. Und für die Plicht gibt das ja die Kuchenbude.

Über zwei Monate lang hat meine Crew an mir rumgepusselt. Das brauchte ich man aber auch! Unter anderem ist mein Getriebe nu´ überholt,  achtern hab ich ´ne höhere Reling aus Edelstahl mit schwenkbaren Solarpaneelen dran und meine Genua ist repariert. Und mein Beiboot hat ´nen Überzug bekommen! Der griechischen Sonne eilt nämlich der Ruf voraus, dass PVC ihr nicht lange standhält.

Ach Hellas! Was bin ich gespannt! Der Meltemi, der Nordostwind, der die meiste Zeit des Jahres in der Ägäis vorherrscht, ist unter Seeleuten berüchtigt. Aber wir wollen ja erst mal ins Ionische Meer, das liegt auf dem Weg. Ich hab reichlich Proviant an Bord und meine Tanks sind voll. Noch sind wir in sardischen Gewässern. Ankern vor Porto Pino. Die Lady M ist mit ihrem Käpt´n André aus Carloforte hergeschippert und liegt neben mir. Gemächlich schaukeln wir vor uns hin und genießen beim Schwojen den Ausblick. Mal auf die Dünen, hinter denen sich weitläufige Lagunen verbergen, die von Flamingos und Reihern bewohnt sind. Mal auf den Pinienwald am Kap und den Kanal mit den lütten Fischerbooten, der nach Porto Pino führt.  Der Sand  ist hier so hell, dass das Meer bei ruhigem Sommerwetter schimmert wie ein Türkis. Da macht das denn auch nix, wenn wir vielleicht etwas länger auf den richtigen Wind warten müssen.  Und der Mistral ist ja zuverlässig. Früher oder später wird er kommen. Und mich von schräg achtern Kurs Südost schieben. Raumer Wind heißt das in der Seeleutesprache. Und wenn er wie üblich anständig  bläst, hab ich dann auch ´ne feine Welle aus der gleichen Richtung. Freu mich schon auf´s Surfen!

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Wenn Rasmus wohlgesonnen ist…

Was für ein wunderbarer Segelwind! Kaum sind wir um die Südwestspitze von Sardinien rum, geht das los. Im Schutz der Insel gleite ich ruhig und geschwind dahin. Komme sogar immer wieder ins Surfen. Doch dann haben wir Kreuzsee vom Feinsten. Denn der Mistral teilt sich gern, wenn er aus dem Löwengolf heranweht. Im Westen von Sardinien fegt er die Küste hinab, umrundet die Insel im Süden und wird zu Westnordwest. Zugleich wird er südlich von Korsika in die Straße von Bonifacio abgelenkt, die Meerenge zwischen Sardinien und Korsika. Bläst er stark genug, umrundet er dann die Nordostspitze Sardiniens und wird zum Nordwind. Welle aus Westnordwest trifft also auf Welle aus Nord. Und wenn sie hoch genug ist, und ich schweres Mädchen wie ein Korken auf ihr tanze, nennen Seeleute das „Waschmaschine“.

Fast zwei Tage lang traut meine Crew sich nich´ mal mehr, das Brotmesser in die Hand zu nehmen. Eigentlich wollten wir ja bei den Egadischen Inseln, im Nordwesten von Sizilien, einen Stop einlegen. Da rauschen wir aber dran vorbei und lassen Favignana an Backbord liegen. Vor Anker in ´ner Bucht dort hätte meine Crew sicher keine ruhige Nacht. Die beiden überlegen, was es zum Abendessen geben könnte, denn sie haben mittlerweile die große Schüssel Reissalat und die Kartoffeltortilla aufgefuttert. Da wird das doch tatsächlich auf einmal ruhig genug, um ein paar Stullen zu schmieren. 

Meine Ruthie hat Steuerwache, und ich gleite bei über zwanzig Knoten von achtern so elegant dahin, dass sie Papier und Stift holt. Glücklich hockt sie in der Plicht und macht Notizen. Ab und an wirft sie ´nen Blick auf den Plotter. Kontrolliert, ob der Autopilot alles unter Kontrolle hat. Da knallt eine Böe von über dreißig Knoten in die Genua. Der Autopilot tilt. Er kann nicht schnell genug reagieren. Ich lauf´ aus dem Ruder. Kaum hat meine Steuerfrau ihren Schreibkram ins Schwalbennest gestopft, ist mein Käpt´n zur Stelle und die beiden fahren eine Wende. Das Schreiben lässt die Deern auf Wache nu´ lieber sein.

Wir lassen Sizilien hinter uns. Die Nacht ist mondlos. Horizont und Meer verschwimmen in der Dunkelheit. Als endlich die Sonne über den Horizont lugt, ist Gozo in Sicht, die westlichste Insel des maltesischen Archipels. In weniger als drei Tagen sind wir vom Südwesten Sardiniens hierher gesegelt. Rasmus ist uns wohlgesonnen!

Segeln bei raumem Wind

Glossar

Que meraviglia! – Wie wunderbar! (Italienisch)

Cagliari – Hauptstadt von Sardinien, im Süden der Insel.

Mistral – Nordwestwind, der vom Löwengolf her weht.

bannig – sehr (Plattdütsch)

lütt – klein (Plattdütsch)

raumer Wind – der Wind fällt in einem Winkel von ca. 100 bis 170 Grad in die Segel, sodass diese weit geöffnet werden müssen.

Plicht – auch Cockpit genannt. Bereich des Bootes im Freien, wo sich der  Steuerstand beefindet, meist auch Sitzbänke und ein Klapptisch.

Kuchenbude – Abdeckung der Plicht mit einem Verdeck, das ähnlich wie ein Zelt vor den Cockpitbereich Regen, Wind und Sonne

rumpusseln –  arbeiten, basteln (Plattdütsch)

schwojen – liegt ein Boot vor Anker dreht sich sein Bug in den Wind und die Ankerkette spannt sich. Je nach Windrichtung und -stärke  befindet es sich dann an einem entsprechenden Punkt auf oder innerhalb eines 360 Grad Kreises.

Carloforte – Stadt auf einer dem Südwestzipfel Sardiniens vorgelagerten Insel

Kreuzsee –  die Welle rollt aus zwei Himmelsrichtungen heran

Egadische Inseln – Inselgruppe im Nordwesten von Sizilien

Favignana – größte der Egadischen Inseln

Rasmus – Schutzpatron der Seeleute

Knoten – ein Knoten entspricht einer Geschwindigkeit von einer Seemeile pro Stunde (1 Sm = 1852 m)

aus dem Ruder laufen – eine starke Böe fällt ins Vorsegel und das Boot wird herumgedrückt, bis der Bug im Wind steht und das Vorsegel einfällt . Das Boot lässt sich erst wieder steuern, wenn das Segel getrimmt wird, d.h. es muss so zum Wind stehen, dass es sich strafft.

eine Wende fahren – das Vorsegel (Genua oder Fock) auf die andere Seite bringen, sodass der Bug des Bootes durch den Wind geht. Der Wind bläst von der anderen Seite ins Segel und der Kurs ändert sich -je nach Boot- mindestens um 60 bis 90 Grad.

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Gozo – schroffe Felsen, staubiges Grün

Zur rechten Zeit für ein Mittagsschläfchen fällt mein Anker. Simon von der Nahia hatte uns kurz zuvor die Position einer wunderschönen Bucht geschickt. Die Zufahrt zur Dwejra Bay ist nach Westen offen. Sie führt in ein weites Becken zwischen hoch aufragenden Felswänden. Es gibt ja kaum etwas, das ich so fürchte wie Steilküsten. Aber ich hab‘ hier reichlich Raum zum Schwojen. Und sollte starker Westwind aufkommen, bringt meine Crew mich woanders hin. Da kann ich mich auf verlassen.

Nachts lieg´ ich ruhig wie auf einem Bergsee.  Vor dem Frühstück will meine Steuerfrau allerdings Brot einholen. Mit dem Dinghi schippert mein Käpt´n sie zur nördlichen von zwei schmalen Einbuchtungen im Fels. Im Nu steigt sie eine Treppe hinauf, die zu einem weitläufigen Hang führt. Immer dem Duft der Macchia nach. Thymian. Wilder Fenchel. Garrigues. Agaven ragen zwischen vereinzelten Felsen auf. Von der Sonne verdorrte Kardonien und Bauruinen säumen den Weg.  Ein Mann pflügt sein Feld. Die trockene Erde wirbelt auf und lässt seine Silhouette verschwimmen. Was kämpft er der Erde ab? Kartoffeln, Kapern oder Kohl? Zucchini, Artischocken oder Tomaten? Auf einem anderen Feld stehen Weinstöcke in Reih und Glied. Und auf der Höhe angelangt gibt eine weite Schlucht den Blick auf verstreute Sandsteinbrüche am gegenüber liegenden Hang frei. LKW kommen und gehen, ziehen Staubwolken hinter sich her. Ein Dorf ist nirgends zu sehen.  

Auch in dem lütten Dwejra, das in der Senke hinter dem alten Wachtturm am Meer liegt, gibt das keine Bäckerei. Aber meine Ruthie traut ihren Augen nicht, als auf dem Weg dorthin eine Lagune in Sicht kommt. Umringt von Häusern und einer hohen Steilwand. Die Farbtupfer auf dem dunkel schimmernden Wasser erweisen sich bald als lütte Holzboote, einige der Häuser als Bootsschuppen. Und der schwarze Fleck auf der Felswand als Zugang zum offenen Meer.

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In der Abenddämmerung düst meine Crew mit dem Beiboot los. Nach so ´ner Überfahrt kann man sich schließlich mal ´ne Pizza gönnen. Mehrmals sind die zwei drauf und dran, in eine der vielen Höhlen zu fahren, die Brandung, Wind und Gestein hier in die Steilküste gefressen haben. Was man gut, dass sie jedes Mal noch´n büsch´n weitergschippert sind. Denn die Zufahrt nach Dwejra gleicht einem Tunnel. Sie is´ nicht allzu lang. Lagune und Bootsschuppen sind vom offenen Meer her zu sehen.

Das erste maltesische Abendessen ist köstlich!  Büsch´n arabisch, büsch´n Meze, und ´n Tick britisch. Als die Imqaret mit Vanilleeis verputzt sind, steht eine filigrane Mondsichel über der Lagune. Für den Rückweg durch den Höhlentunnel hat meine Crew natürlich ´ne Taschlampe dabei. Die dient zudem als Positionslicht. Falls man doch mal auf ein anderes Boot trifft in der Nacht.

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Malta – Schmelztiegel der Kulturen

Neben der Hafeneinfahrt von Mgarr, im Südosten von Gozo, lieg´ ich und warte. Ich mag das ja nich´ so gern, wenn meine Crew mich allein lässt. Und denn auch noch an so ´nem viel befahrenen Ort. Aber die zwei wollen sich Victoria anschauen, die Hauptstadt von Gozo im Inselinnern. Und in ´nem Hafen findet sich meist ein Platz, um das Dinghi sicher festzumachen.

Von der Haltestelle am Fähranleger aus braucht der Bus kaum ´ne halbe Stunde nach Rabat, wie Victoria meist von den Gozitanerinnen genannt wird. Wie Weihnachten sieht das da aus. Mitten im Hochsommer! Rote, mit Gold bestickte Banner und Lichterketten schmücken die Straßen. Vor allem entlang der Republic Street, vor Kirchen und auf manchen Plätzen wachen überlebensgroße Statuen von Erzengeln, Heiligen und Kirchenmännern. Einmal am Tag dreht eine Blaskapelle ihre Runden. Und das fast eine Woche lang.

Es ist „Festa“ zu Ehren des Schutzpatrons. „Viva San Gorg!“ verkünden Leuchtbuchstaben auf dem Hügel gegenüber der Cittadella.  Die Festung, die über Rabat thront, wurde auf den Resten einer mittelalterlichen Burg errichtet, als der Johanniterorden Malta in Besitz nahm. Das is´ bannig lang her. Aber das Meer erinnert sich gut. Es raunt mir die Namen all der Völker zu, deren Schiffe im Lauf der Jahrtausende an maltesischen Küsten Krieger ausgespuckt haben. Ganz dun wird mir davon. Phönizier, Römer, Germanen und Araber. Normannen, Staufer, Kastilier und wer nich´ noch alles.  Zuletzt waren es die Briten. Die herrschten hundertsechzig Jahre. Noch heute ist Englisch Amtssprache auf dem Archipel. Neben Maltesisch natürlich, das ich viel melodischer finde.  Es wurzelt ja auch im Arabischen und im sizilianischen Italienisch.

Kaum ist meine Crew wieder an Bord und will den Anker lichten, hab´ ich ein Boot der Hafenpolizei längsseits. Warum wir keine Courtesy Flag gehisst hätten, fragen die Beamten mit ernster Miene. „Wir wollten nach Sizilien. Aber der Wind hat uns hierher geweht. Und Malta ist so schön!“, sagt meine Steuerfrau. „Sowie wir in Valletta sind, besorge ich eine Flagge. Versprochen! Ach, Malta ist so schön!“ Da bedanken sich die Polizisten und schippern winkend davon.

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Auf Valletta sind meine Crew und ich so richtig neugierig. Die kleinste Hauptstadt Europas ist Unesco-Welterbe. Golden schimmern ihre aus Sandstein errichteten Festungsmauern in der Abendsonne. Sie erinnern daran, dass Malteserritter einst von hier aus Jagd auf muslimische Schiffe machten. Überblicken von der Landzunge Monte Sciberras aus den Grand Harbour im Süden und den Marsamxett Harbour im Norden. Wunderbare Naturhäfen mit zahlreichen Einbuchtungen, die die Malteserinnen „Creeks“ nennen. Mehrere Städte drängen sich hier an die Ufer. Sliema, Ta-Xbiex, Gzira, Msida, Hamrun, Floriana, Marsa, Paola, Cospicua, Kalkara – nur ein paar tausend Einwohner hat jede von ihnen.

Es gibt  viele Stellen zum Ankern. Und –ich fass das nich´!– Ankern ist erlaubt! Zwischen der Insel Fort Manoel mittendrin im Marsamxett Harbour und dem geschäftigen Ort Sliema warten sogar verschiedenste Bojen auf einlaufende Boote. Rostige, gelbe Tonnen. Rote Kegel. Blaue Bälle. Werden sie nicht mehr gebraucht? Oder vielleicht nur im Winter genutzt? Keiner kommt kontrollieren oder präsentiert eine Rechnung. Niemand beschwert sich. Sowas hab ich noch nie erlebt! Jetzt im Hochsommer müsste meine Crew anderswo so viel berappen, dass man die zwei Bojen, zwischen denen ich liege, vergolden könnte. Dabei is´ das hier nich´ gerade Badewasser. Aber dafür gibt das gute Einkaufsmöglichkeiten. Für Proviant. Und für Dinge, die ein Segelboot wie ich so an Zubehör und Ersatzteilen braucht. Und der Diesel kostet eins einundzwanzig den Liter! Sechsmal schippert mein Käpt´n mit dem Dinghi unter der Brücke zwischen Fort Manoel und dem Festland durch zur Tanke, weil er nur einen einzigen, leeren zwanzig Liter Kanister hat. Meine Steuerfrau ist unterdessen im Waschsalon. Und abends stopfen die Zwei sich im koreanischen Imbiss mit scharf gewürzten Nudelgerichten voll.

Das Beste aber ist, dass Zika seit einigen Jahren in Sliema wohnt. Der hat mich nämlich innen drin gestrichen. Sechs Schichten. Akkurat. Bis in den hintersten Winkel jedes einzelnen T-Eisens, das meinen Rumpf stabilisiert. War das eine Freude, ihn wiederzusehen! Er kannte mich ja noch ja gar nich´ so, wie ich jetzt bin. Mit Kombüse und Koje. Mit Segel und Rigg. Seetüchtig eben.

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Ein letztes mal Pizza

Um Wind für die Überfahrt nach Griechenland zu erwischen, segeln wir von Malta aus geradewegs gen Norden. Nach Syrakus, an der Ostküste Siziliens. Meine Steuerfrau ruft die Hafenbehörde per Funk und bekommt Koordinaten in der Rada di Sircusa, an denen wir ankern dürfen. Mit Blick auf die Insel Ortygia und die Altstadt von Syrakus, einst mächtigste Polis des antiken Siziliens, heute Welterbe. Pompöse Palazzos, protzige Kirchen und archäologische Fundstätten aus der Zeit hellenischer Herrscher locken Scharen von Besuchern an. In der Hochsaison muss hier jeder, der vom Tourismus lebt, seine Kasse füllen.    „Nepp!“, grummelt meine Ruthie, als sie vom Landgang kommt. „Die haben hier alle Touri-Burnout.“   Nur vom Wochenmarkt war sie begeistert. Hat Gewürzmischung für Spaghetti Aglio e Olio gekauft. Getrocknete Tomaten, wilden Oregano, gesalzene Kapern und Mandarinenlikör. 

Und wieder ist das Beste ein Wiedersehen! Wir treffen Ingrid, die wir in meinem ersten Segeljahr auf Menorca kennengelernt haben. Die Deern passt auf die „Wind“ auf. Der hundertjährige Holzsegler liegt seit Wochen hier vor Anker. Nicht gerade Badeferien für Ingrid, denn zum Schwimmen lädt das Brackwasser in der weiten Bucht nich´ ein. Selbst mein Käpt´n, der sonst einiges abkann, verzichtet darauf.  Dabei is´ das so heiß, dass meine Ruthie nich´ mal das Naturschutzgebiet am Ufer erkunden will. Unglaublich! Wo das doch der einzige Ort Europas ist, an dem Papyrus wächst.

Wir bleiben nur wenige Tage. Ein letztes Mal Pizza, und mein Anker wird gelichtet. Doch da hängt´n halber Schrottplatz dran. Außerdem Netze und altes Tauwerk. Mit Leine, Ankerwinsch, Messer und Geduld macht mein Käpt´n sich ans Werk. Fast ´ne Stunde braucht das, bis wir den ganzen Schiet los sind.

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Zum Kap Spartivento brechen wir am frühen Nachmittag auf.  Mal rausche ich unter Segeln über die See, mal tucker ich mit Motor. Die Silhouette des Ätnas trotzt dem flammenden Himmel. Raucht zahm vor sich hin.

Mein Anker fällt im Morgenlicht. Das Meer ist klar und frisch. Mein Käpt´n macht Wasser. Es ist hier gar nicht so übel. Helle, rundliche Felsen am Ufer. Struppige, schon bräunlich verfärbte Macchia. Baumgrün vieler Schattierungen. Sträucher, und vereinzelt gelb oder weiß blühende Büsche. Schlanke Palmen und junge Zypressen, hinter denen sich Bahngleise und eine Autobahn verstecken. Hier und dort Häuser und wenige Menschen am hellbraunen Kiesstrand. Und keine Strandbar weit und breit, die unsere Bordmusik übertönt.

Die Küste ist offen, und nur nach Norden hin geschützt. Aber wie viele Segelboote rasten wir hier nur über Nacht. Auf dem Weg von Italien nach Hellas, übers Ionische Meer.

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Glossar

Garrigues – mediterrane Strauchheiden

Meze – griechische Appetithäppchen aus Gemüse, Fisch, Fleisch oder Meeresfrüchten

Imqaret – frittierte, mit Dattelmus gefüllte Küchlein

dun – schwindelig (Plattdütsch)

Republic Street – Hauptstraße von Rabat (Victoria)

Courtesy Flag – Höflichkeitsflagge. Boote und Schiffe führen an Steuerbord die Flagge ihres Gastlandes

Rigg (auch Takelage oder Takelwerk) – Der Mast und Tauwerk sowie Drähte (Wanten und Stage), die den Mast halten. Beschläge, Blöcke und alles, was zum Bedienen der Segel notwendig und nicht am Schiff befestigt ist, sondern aam Mast und anderen Elementen des Riggs selbst

Rada von Siracusa – ausgedehnte Bucht vor Syrakus

Ätna – höchster aktiver Vulkan Europas (3357 m)

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Die Insel der wechselnden Winde

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Mast und Schotbruch, nimmt das denn gar kein Ende! Nich´ das mir Schwell was ausmachen würde. Ich bin ein schweres Mädchen, das wisst Ihr ja. Mit meinen zwanzig Tonnen kann ich kabbelige See gut ab. Egal, ob ich vor Anker liege oder übers Meer rausche. Aber meine Crew tut mir so langsam ´n büsch´n leid, denn seit wir Anfang Juni aus der Marina von Baunei ausgelaufen sind, haben wir kaum mal einen ganzen Tag ruhiges Wetter gehabt. Wer schwimmen will, geht besser über die Badeleiter ins Wasser. Schaut, wie die Strömung ist und bleibt immer schön in meiner Nähe. Mein Käpt´n flachst mittlerweile, dass wir ´nen Pool mit Gegenstromanlage haben.

Cala Brandinchi bei Mistral

Mal bläst der Mistral, Maestrale nennt man ihn in Italien. Er kommt aus Nordwest, vom Löwengolf her, und dreht vor Nordsardinien westlicher. Im Sommer ist es meist der Mistral blanc, der weiße Mistral. Ein Wind der klaren Sicht und der lebendigen Farben, der kaum Regen bringt. Wenn er die Oberhand gewinnt, erstrahlt das Meer in den schönsten Blautönen. Die Schaumkrönchen, die er auf die Wellenkämme wirft, leuchten, als hätten sie das Sonnenlicht aufgesogen. Jedes bisschen Grün, das sich an die felsige Küste klammert, hebt der Mistral hervor. Jede Falte der fernen Berge, jede Scharte, jeden Grat, jeden Gipfel, jeden Kamm. Doch er ist ein trügerischer Teufel, der es liebt, das Meer fern der Küste zu wilden Tänzen aufzupeitschen.  Auch wenn er an Sommertagen selten mehr als dreißig Knoten erreicht.

Der Scirocco wiederum saust aus Südost heran. Wie ein Dschinn erhebt er sich über der Sahara, fegt über das vor Hitze flimmernde Dünenmeer, saugt den aufgewirbelten Staub gierig auf und eilt dann mit trockener Kehle nordwärts, Richtung Mittelmeer, um seinen Durst zu stillen.  Dabei lässt er Wolken wachsen und treibt sie vor sich her. Sie tragen Sandschleier, die er der Wüste entrissen hat. Wenn er naht, liegt das Meer mancherorts wie ein Edelstein unterm trüber werdenden Himmel. Türkis schimmernd, als sei es nicht von dieser Welt.

Doch bald versinkt alles in Grau unter seinem Regiment. Selbst dort, wo sonst der helle Grund im klaren Wasser zu sehen ist, glänzt das Meer dann wie geschmolzenes Blei. Die Konturen von Bergen und Bäumen verschwimmen und die Landschaft zeigt sich nur noch schemenhaft.

Ob grau, ob türkis, ob strahlend blau, meine Steuerfrau kann sich nicht sattsehen an all dem Farbenspiel. Doch wenn der Scirocco Regen bringt, meckert sie wie ´ne kiebige Lachmöwe. Weil man an Deck nur noch schliddern kann und durch die Luken kaum noch was sieht. Weil man ums feudeln nich´ rumkommt, wenn morgens die ganze Plicht mit ´nem schmierigen, hellroten Film überzogen ist. Wat mutt, dat mutt. Doch meist kommt der Feudel erst dann zum Einsatz, wenn der Mistral dem Scirocco mal wieder den Garaus gemacht hat. Darum hab ich hier und dort schon rote Flecken auf meinem schönen, weißen Lack.

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Rund um die Tavolara

Die Isola Tavolara, südlich von Olbia, nennen wir mittlerweile liebevoll „unseren Hausberg“. Nur etwa sechzig Seemeilen von der Marina di Baunei entfernt findet sich hier bei fast jedem Wind eine Bucht, die Schutz bietet.  Genau der richtige Ort also, um mich endlich mit  ´nem Wassermacher auszustatten. Mein Käpt´n hat ihn aus ´nem Bausatz zusammengepusselt. Ein kleiner Hochdruckreiniger, eine Vorfilteranlage, um den groben Dreck aus dem Meerwasser zu holen, zwei Membranfilter für die Entsalzung,  ein Nadelventil, um einen Druck von etwa 55 bar einzustellen. Und verschiedene Kugelventile, um Meerwasser anzusaugen, oder Trinkwasser oder Reinigungsflüssigkeit in die gewünschte Richtung zu leiten. Und natürlich meterweise Schläuche. Nun kann meine Crew Seewasser zu Trinkwasser aufbereiten und muss nich´ mehr alle drei Wochen eine Marina anlaufen, um Wasser zu tanken. Allerdings verbraucht so ein Wassermacher Strom, den meine Lichtmaschine oder meine Solarkollektoren erzeugen müssen. Da muss ich wohl noch besser ausgerüstet werden.  Mein Käpt´n tüftelt dran.  Fürs Erste kommt ein Aggregat zum Einsatz, ein Generator, der Benzin in elektrische Energie umwandelt.

Beinah zwei Monate lang haben wir uns im Nordosten Sardiniens rumgetrieben. Dort ist es einfach zu schön, um Tschüs zu sagen. Bei Mistral lagen wir bestens in der Cala Brandinchi, von der Isola Tavolara aus gen Süd, um´s Capo Coda Cavallo rum. Dort haben wir die Hedwig kennengelernt. Ihr Käp´n kam mit ´nem Fisch und meinte, der sei zu groß für ihn allein. Meine Crew hat natürlich gleich den Grill angeschmissen und ´ne Buddel Wein entkorkt.

Kann man sich vom Ausblick auf die Tavolara nicht trennen, und bläst der Wind nicht allzu stark, liegt man bei Mistral auch in der Cala Istana sicher. Oder vor Porto San Paolo, wo jedoch ein Bootsverleih für reges Kommen und Gehen auf dem Wasser sorgt. Und so´n lüttes Bootchen mit Außenborder kann bannig Welle machen! Das hat die Crew von der lütten Gintonic aber nich´ davon abgehalten, zu uns rüber zu schwimmen. Weil ihnen mein Name so gut gefiel, wollten die beiden mal „Guten Tag“ sagen. War aber mal wieder so´n Wind, dass sie gegn die Strömung nich´ ankamen, und bei der Seawitch nebenan gelandet sind. Die Gintonic hat weder Beiboot noch Kombüse. Ihre Crew ist mit ihr von Genua über Korsika bis Sardinien gesegelt. Und wieder zurück. Die beiden sind meine Helden!

Bläst der Scirocco,  findet man in der Cala Girgolu Schutz. Die Tavolara, deren lang gestreckte Seite der Bucht zugewandt ist, trägt dann Wolkenhüte. Mal ´ne kecke Baskenmütze, schräg am Hang. Mal ´ne Melone, auf dem höchsten Gipfel.  Mal auch ´ne Krone, die auf dem oberen Rand der Insel sitzt. Oder sogar ein Wolkenröckchen, das auf halber Höhe den lang gestreckten Felsen umrundet und wie ein Tutu absteht. In der Cala Girgolu lag meine Freundin Nahia oft neben mir vor Anker. Auch die Orion, mit Paulinchen, dem seuten Cocker-Mischling an Bord. Steffi, von der Benko, hat meiner Crew eines Morgens frisch gebackene Muffins gebracht! Auf ihrem Paddleboard. Besuch ohne Boot hatten wir auch. Sophie hat doch glatt die schönste Woche vom ganzen Frühling erwischt. Und Delfine kamen vorbei. Was für eine Freude! Als sie auftauchten, hat mein Käpt´n gegen meinen Rumpf geklopft, um sie zu locken. Und das hat prima geklappt.

Die Saphir kam genau zur rechten Zeit, um ihrem Käpt’n zum Freispruch zu gratulieren. Vor zwei Jahren hatte Claus-Peter Reisch als Käpt´n des Seenotrettungsschiffes Eleonora nach tagelangem, schweren Sturm den Notstand erklärt und war in einen sizilianischen Hafen eingelaufen. Mit über hundert Menschen an Bord, die vor der lybischen Küste in Seenot geraten waren. Man muss sich das mal vorstellen! Der damalige Innenminister Italiens, Matteo Salvini, hatte der Eleonora die Einfahrt in italienische Gewässer untersagt und mehrere Häfen hatten ihr die Erlaubnis zum Anlegen verweigert. Claus-Peter Reisch nennt das Mittelmeer „Das Meer der Tränen“. Und so heißt auch das Buch, das er geschrieben hat. Das gehört in jede Bordbibliothek.

Quelle: Google Earth

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Einmal rund Sardinien

Weiße Strände, kuschelige Buchten, kristallklares Meer. Mal Felsküste, mal Dünen hoch wie Berge und immer wieder Lagunen im Inland, wo mancherorts sogar Flamingos leben. Anders als auf den Balearen, weiter westlich, ist die Flora überall satt und üppig. Doch Palmen sieht man kaum.

Auch ´nen Abstecher nach Korsika haben wir gemacht. Der Wind stand günstig. Er hat uns dann von von Porto Novo an der Südostküste Korsikas direkt nach Stintino gebracht.

Costa Esmeralda, Smaragdküste, nannte ein arabischer Prinz die Küstengebiete im Nordosten Sardiniens, nachdem er sie in den 1960er Jahren für´n Appel und´n Ei erworben hatte. Heute kostet ´ne Boje in der Cala di Volpe zweitausendachthundert Euro die Nacht. Da liegen so richtige Oschis, eine Superyacht neben der anderen. Eine Nacht haben wir´s da ausgehalten. Mein Käpt´n meinte, das wär´, als würde man auf´m LKW Parkplatz übernachten. Haufenweise Generatoren, nonstop auf Hochtouren. Der Jetset braucht Strom. Man muss ja den Whirpoll heizen. Oder die Yacht mit Lichtern behängen wie´n Weihnachtsbaum.

Meine Crew isst gern Pizza und wir mögen die einfachen Leute. Die Seenomaden, die auf ihren Booten leben. Die Fischer mit ihren ollen Holzkähnen. Die lütten Yachten unter italienischer Flagge, auf denen die ganze Großfamilie Urlaub macht. Ob Kinder oder Freunde, Oma oder Opa, Onkel oder Tante. Alle singen sie gerne. Meist mit Gitarrenbegleitung. Sie treffen zwar nicht immer den Ton, aber sie begleiten meine Crew in´s Land der Träume.

Seit Menschen zur See fahren ist das Mittelmeer eine Brücke zwischen all den Kulturen, die an seinen Ufern leben. Einmal rund um Sardinien rum fanden wir Zeugen verschiedenster Epochen. Vor über dreitausend Jahren schon kamen Schiffe aus dem östlichen Mittelmeer, die mit der Insel Handel trieben. Mykener, Zyprer und etwas später Phönizier aus Tyros, einer der ältesten bewohnten Städte der Erde. Vor der Sinis Halbinsel in der weitläufigen Bucht von Oristano, an der Westküste Sardiniens, habe ich mit Blick auf die antike Stadt Tharros an einer Boje gelegen. Einst gegründet von sardischen Nuraghern, hat Tharros viele Herren gesehen. Phönizier, Punier, Römer. Ebenso wie Nora, am Kap von Pula, in der Bucht von Cagliari am südlichsten Zipfel Sardiniens. Von Nora aus konnten die phönizischen Schiffe selbst bei widrigen Winden in See stechen.  Und auch wir hatten in der Cala di Pula Badewetter und höchstens mal mäßigem Südost bis Nordost, während nördlich und südlich von uns der Mistral mit um die dreißig Knoten geblasen hat.

Die hohen Berge im Inselinnern versperren dem Wind so manchen Weg. Doch sie hinderten weder Karthago noch Rom daran, ihre Macht zeitweise über ganz Sardinien auszudehnen. Mehr als tausend Jahre nach dem Niedergang Roms, das nach den Phöniziern weite Teile Sardiniens besetzte, belagerten arabische Flotten die Insel, wurden aber von den Seemächten Genua und Pisa zurückgeschlagen. Ein Großteil der malerischen, alten Türme wiederum, die überall auf Aussichtspunkten an der Küste thronen, wurde auf Befehl iberischer Herrscher errichtet. Nahezu vierhundert Jahre lang war Sardinien zuerst vom katalonisch-aragonischen und später vom spanischen Königreich besetzt. In Alghero, im Nordwesten Sardiniens, spricht man noch heute katalanisch. Die Stadt liegt an einer weitläufigen Bucht, wo ich fast zwei Wochen geankert hab. Meine Crew hatte im alten Hafen, direkt vor den Mauern der Altstadt, schon ´nen festen Platz für´s Beiboot. Mal ging´s zum Wäsche waschen, mal zum Einkaufen, mal wurden Bootsteile gesucht. Und natürlich immer mal wieder ´ne Runde durch das hübsche Städtchen gedreht, in dem an jeder Ecke ´ne katalanische Fahne weht.

Als mal wieder Mistral aufkam, sind wir ´gen Süden gerauscht. Erst mal zur Isola di Mal di Ventre, zur Bauchwehinsel. Der Name ist wohl ein Übersetzungfehler, denn auf sardisch heißt es Isula de Malu Entu, also „Insel des schlechten Windes“. Das passt auch eher. Die Kreuzsee auf´m Weg dahin war ´n büsch´n ungemütlich für meine Crew. Und beim dritten Versuch, an einer Boje festzumachen, hat mein Käpt´n den Bootshaken abgebrochen. Da kam aber schon der nette Käpt´n vom Nachbarboot und hat seine Hilfe angeboten. Meine Steuerfrau dachte, er wär ein Wächter des Naturschutzgebiets,  zu dem die Isula de Malu Entu und die Sinis Halbinsel am Festland gegenüber gehören. Sie hat sich gewundert, wo er mit dem Schlauchboot wohl hin will. Nach Sonnenuntergang, im letzten Licht. Mehrere Seemeilen von der Küste entfernt, vor einer Insel, so platt wie ´ne Flunder, auf der kein einziges Haus steht.

Die Isula di Malu Entu und die Sinis Halbinsel bieten bei Mistral ´n büsch´n mehr Schutz als viele andere Buchten an der Westküste Sardiniens. Daher sind wir zur Sinis Halbinsel rüber gesegelt, dort ein paar Tage geblieben und dann bei wenig Wind südwärts motort. In der Hoffnung, ein paar Tage in der Bucht von Masua vor Anker liegen zu können, bevor wir in Villasimius, im Südosten, Katamaran Frida und Crew auf ihrem Weg von Griechenland nach Spanien treffen.

Kaum ist man zwischen dem steil aus dem Meer aufragenden Pan di Zucchero und dem Festland durchgesegelt, fällt der Blick auf einen schroffen Felsen. Ein Turm wie aus einem Märchenschloss ragt daraus hervor.  Doch der Schein trügt, denn er ist ein Überbleibsel des industriellen Fortschritts. Vor etwa hundert Jahren ließen belgische Investoren hier einen neuartigen Seehafen bauen. Neben dem kuriosen Turm mündet ein sechshundert Meter langer Tunnel, durch den Zink und Blei von den Minen im Bergbaudorf Masua zum Meer transportiert wurden, um sie in Silos zu speichern und dann direkt auf Frachtschiffe zu verladen.

Schon die Phönizier suchten in der Gegend nach Erzen. Der Boom des Bergbaus auf Sardinien war jedoch vor etwa dreihundert Jahren. Von den Minen in Masua trugen die  Arbeiter das Erz in Weidenkörben zu ihren Bilancellen, leicht gebauten, traditionellen sardischen Booten, die bei schwerer See viel zu schnell sanken. Beladen mit bis zu dreißig Tonnen Blei erreichten sie oft nicht einmal Carloforte, wenn Sturm aufzog. In dem etwa zwanzig Seemeilen von Porto Flavia entfernten Hafen lag so manches Dampfschiff zwei lange Monate, bis es voll beladen war.

Meine Steuerfrau recherchiert. Die Texte über das Unesco Weltkulturerbe Porto Flavia rühmen vor allem die technische Leistung des Architekten und finden es bemerkenswert, dass dieser den Minenhafen nach seiner Tochter Flavia benannte. Interessiert es etwa nicht, dass viele, Erwachsene wie Kinder, sich in den Minen zu Tode schufteten? Will niemand wissen, ob diese Menschen einen Blick für die atemberaubende Landschaft hatten, in die Porto Flavia und Masua eingebettet sind?  Für die kühn ansteigenden, hier und dort mit Pinien bewaldeten Berge. Für die Blumenpracht, die selbst im Hochsommer die Wege säumt.

Wer hat gezählt, wie viele Seeleute über die Jahrhunderte mit ihren Bilancellen im Sturm kenterten und für immer verschollen?  Wer fagt danach, wie viele Menschen heute auf dem Weg von der nordafrikanischen Küste ins gelobte Europa Schiffbruch erleiden? Gebeutelt von bitterer Not. Damals wie heute Kraft schöpfend aus der Hoffnung auf ein besseres Leben. Vor allem nachts, wenn die Stille der Erinnerung Raum gibt, höre ich das Echo all der Träume, die in den Tiefen der See verloren sind. Spüre all die Sehnsüchte, die im Kommen und Gehen der Wellen umherirren.

Ich bin nur ein Segelboot. Doch ich weiß, dass alles, was lebt, auch träumen muss. Der Herbst zieht auf, ich bin auf den Winter vorbereitet und liege wieder in der Marina di Baunei. Die Orion liegt am gleichen Steg, und ich freue mich schon auf die Nahia, die bald kommen wird. Die Frida, mit der wir eine Weile gemeinsam gesegelt sind, ist mittlerweile auf den Balearen. Und ich bin allein und lausche dem Meer. Es erzählt von längeren Tagen und Sonne, die schon morgens mein Deck wärmt. Von wohl gesonnenen Winden und unbekannten Ufern. Von Delfinen, die mich begleiten und Schwertfischen, die plötzlich neben mir aus dem Wasser springen und einen Salto drehen. Und in einem Öffnen und Schließen der Augen wird Frühling sein.

 

Glossar

kabbelig – unruhig

n´büsch´n – ein bisschen

Mistral – Nordwestwind

Löwengolf – erstreckt sich vor der südfranzösischen Mittelmeerküste. Vom Cap de Creus bis Genua

dreißig Knoten – 55,56 km/h

Scirocco – Südostwind

kiebig– frech

bannig – sehr

schliddern – schlittern

feudeln – putzen, wischen

Plicht – auch Cockpit genannt. Bereich an des Bootes, wo sich das Steuer befindet und die Crew sich im Freien aufhält.

wat mutt, dat mutt – was muss, das muss

Feudel – Putzlappen

pusseln– basteln, schrauben

seut – süß

lütt – klein

oll -alt

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