Den Winter über war ich an Land aufgebockt, seit kurzem bin ich endlich wieder im Wasser, in der lütten Marina vom Aris Boatyard in Karlóvasi, auf Samos. Das is´ Anfang Mai, meine Crew wuselt rum, macht klar Schiff, mal flucht mein Käpt´n, der irgendwas nich´ findet, mal flucht meine Steuerfrau, die sich zum x-ten Mal ´n blauen Fleck gehauen hat. Und immer wieder streiten die zwei, je mehr Stress, umso mehr Streit, was geht mir das auf den Geist! Doch die Zeit drängt, der Meltemi wartet um die Ecke, will den Südwind ablösen, der seit einigen Tagen munter bläst. Den Südwind, der uns nach Chios bringen soll, wo die Somnambule und ihre Crew den Winter verbracht haben. Die Somnambule is´ auch ´ne Motu, so wie ich, seit Jahren ist sie in griechischen Gewässern unterwegs und zum ersten Mal könnten unsere Wege sich kreuzen.
Sousa hat in Karlóvasi ´n Verehrer, den weißen Minipudel Max, vielleicht will sie deshalb nich´ mit, als meine Crew morgens um sieben die Leinen loswirft. Der Wetterbricht ist mittelprächtig, doch Poseidon ist uns wohlgesinnt, mit wunderbarstem Südwest surfe ich nordwärts und am frühen Abend fällt mein Anker in der hübschen Bucht von Langkada, im Nordosten von Chios. Auf achtzehn Meter, ne flachere Stelle is´ nich´ zu finden. Während meine Ruthie Kissen in die Plicht hochreicht, die mein Käpt´n auf den Bänken verteilt, peest Sousa mit gereckter Ringelrute an Deck hin und her. Ihr steigt wohl der Duft ins Näschen, der von den Pinien am Südufer herüberweht, kaum hat mein Käpt´n das Dinghi zu Wasser gelassen, macht sie ´n Satz von der Badeplattform, stützt die Pfötchen auf ´n Schlauchkörper und reckt die Schnute glücklich in den Wind.
Zwei Tage später, kurz bevor der Meltemi die Oberhand gewinnt, huschen wir mit ´nem frischen Südost rüber zum Pfeffersackinselchen Inousses, wo viele Reeder eine Residenz besitzen; treffen in der bei Meltemi bestens geschützten Bilali Bucht mein Schwesterschiff. Die Somnambule is´ was ganz Besonderes, sie hat ein Dschunkenrigg. Und sie hat zwei Fellnasen an Bord! In den Jungspund Josch, ´nen feschen Schafspudel, verguckt Sousa sich auf den ersten Blick.
Viel zu bald sagen die Somnambule und ihre Crew „Tschüs!“. Wir bleiben noch ein wenig, meine Crew macht ´nen Ausflug zum schicken Inselörtchen Inousses, dem der Reichtum aus allen Poren quillt. Dann treibt der angesagte stürmische Wind aus Süd uns zur Nordküste von Chios, wo wir in der Bucht von Kardamila abwettern wollen. Im Dunkel der Nacht kommt noch ´ne Yacht, wirft ihren Anker neben mir: Die Tulip, aus Amsterdam. Hat auch ´ne lütte Fellnase an Bord, Sousa entdeckt die beim Landgang in Kardamila. Später gibt das Klönschnack, Tee und Kuchen in meiner Plicht, und als die Crew der Tulip sich verabschiedet, is´ das schon lange dunkel.
Über Nacht wird der Wind ´n büsch´n zahmer, schiebt uns am nächsten Tag munter nach Lesbos. Wer auf dem Meer lebt, schippert von einem Abschied zum anderen.
Glossar
Aris Boatyard – Bootsstellpatz, Werft und kleiner Hafen im Nordwesten von Samos
peest – rennt
Dinghi – Beiboot, Schlauchboot
Meltemi – Nordwind, der in den Sommermonaten in der Ägäis vorherrscht.
Somnambule – Schlafwandlerin (Motto: „Bitte nicht stören, wir träumen.“)
Dschunkenrigg – Masten und Segel nach chinesischer Tradition
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