Mein Element ist das Meer. Ach, hätte ich das doch erlebt, als seine Riffe bunt und bewohnt waren. Und die Buchten voller Leben. Dort, wo das Wasser noch klar und durchscheinend ist, treffen wir manchmal selten gewordene Wesen. Einmal hat meine Ruthie sogar einen kleinen Rochen gesehen. Und ein anderes Mal ´nen blassrosa Seestern. Die großen Steckmuscheln, die sie als Kind so mochte, sind nur noch Erinnerung.
Oft hab´ ich ja ´nen Strand, ´n felsiges Ufer oder irgendein Örtchen in Sichtweite. Wenn ich in ´ner Bucht gemütlich vor mich hin schaukel, lassen mein Käpt´n und meine Steuerfrau gerne mal die Seele baumeln. Anker ich vor ´ner größeren Stadt -was zum Glück nich´ häufig vorkommt- sieht das anders aus. Die beiden sind jeden Tag auf Landgang. Und sie schlafen unruhig. Über Winter lieg ich meist in einem Hafen. Manchmal auch bei Sturm. Schwappt Öl und Abfall rum, nervt das. Gibt das viele Fischerboote, wachsen Algen besonders eifrig. Dann hab´ ich in kürzester Zeit ´nen Poseidonbart am Rumpf. Je mehr Menschengewusel, umso lebloser die Unterwasserwelt. Dabei mag ich das so gern, wenn die Fische die Seepocken, Entenmuscheln und Schiffsbohrwürmer von meinem Rumpf abknabbern!
Ich frag´ mich, wie Menschen das Meer betrachten. Meine Steuerfrau sagt, das Land von Weitem zu sehen hat was für sich. So klein wirkt alles, so unbedeutend. Selbst Kummer oder Furcht erscheinen in ´nem anderen Licht. In der Berufsschifffahrt nennt so mancher die See „das blaue Regal“. Was nich´ mehr gebraucht wird, geht nämlich über Bord. Das soll ma´ eine verstehen! Andere besingen la mer. Ihre Weite. Ihre Wildheit. Die Sehnsucht nach dem, was der Horizont verbirgt. Das gefällt mir schon besser. Aber ich glaube, im Grunde ist das Meer den Menschen fremd. Denn es ist eine Welt, so einzigartig und wundersam wie die Sterne am Himmel.
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Die Nahia sichtet auf der Überfahrt von Malta nach Griechenland ein Boot in Seenot. Etwa sieben Meter lang. Mit Außenborder. Hoffnungslos überladen. Immer wieder verschwindet es im Wellental. Die Nahia fährt unter vollen Segeln. Kann nicht so einfach stoppen, und mit ihren zwölf Metern Länge nur wenige Personen an Bord nehmen. Müsste um die dreißig Menschen ihrem Schicksal überlassen. Ihre Kapitänin sendet ein Pan-Pan auf Kanal sechzehn. Keiner antwortet. Die Zeit verrinnt. Eine gefühlte Ewigkeit. Unsere Freundin funkt beharrlich. Fordert die Weiterleitung des Notrufs ans MRCC. Noch immer keine Rückmeldung. Ein Frachter ist in Sichtweite. Sie ruft ihn. Zögerlich sagt er Unterstützung zu. Setzt Kurs auf die Position, an der die Nahia die Menschen in Seenot zuletzt gesichtet hat. Wenig später meldet sich Radio Crotone. Das MRCC hat die Koordination übernommen. Die Nahia soll ihren Weg, der Frachter die Suche fortsetzen. Weitere Frachter werden in die Rettungsaktion einbezogen. Der Funkverkehr zeigt, dass die Kapitäne sich aus der Verantwortung stehlen wollen. Das dürfen die nich´. Is´ internationales Seerecht. Ein Funkspruch von Frontex kommt klar und deutlich rüber. Von Seenotrettung keine Rede. Das Warten ist eine Qual. Acht lange Stunden überwachen unsere Freunde AIS und Funk. Endlich sichtet ein liberianischer Frachter das Boot. Die italienische Küstenwache rettet alle fünfunddreißig Personen.
Für manche Menschen ist das Meer der einzige Weg in eine Zukunft. Die Hoffnungslosigkeit fürchten sie mehr, als die dunkle Tiefe der See.
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Reiselust und Melancholie
Fast Herbst. Meine Crew überlegt, nach Pylos zu segeln. Kurs Peloponnes. Aber erst mal kommt die Tochter vom Käpt´n. Die Deern is´ echt reiselustig! Steht schon am Kai von Astakos, als wir einlaufen. Zum ersten Mal in diesem Sommer legen wir in einem Stadthafen an. „Römisch-Katholisch“, also Anker werfen und dann rückwärts an den Steg. Da liegt ´ne Stahlsegelyacht. „Heilix Blechle“ heißt die. Hektisch holt ihre Crew die Fender raus. Hätte gar nich´ Not getan. Der Wind drückt uns weg. Nur schräg am Ende vom Steg gelingt das Festmachen, die Leine achtern an Steuerbord viel länger als die an Backbord.
Astakos liegt nördlich vom Golf von Patras. Ein nettes Fleckchen abseits von Flotillen und Tourismus. Hafengebühren gibt das nich´. Wer am Steg Wasser und Strom zapfen möchte, bekommt am Kiosk für zehn Euro ´ne Karte. Aber wir haben ja Solarstrom. Und machen unser Wasser selbst.
Büsch´n was einholen am Morgen. Frühstücken. Leinen auf Slip. Ablegen. Wir motoren Kurs Nordwest. Sophie freut sich auf die Nahia. Es ist fast windstill. Auf´m Hinweg hatten wir sieben bis acht Knoten. Da nehm´ ich auch nich´ wirklich Fahrt auf. Aber am Westufer der weiten Bucht von Astakos erhebt sich der Berg Veloutsa. Is´ fast tausend Meter hoch und recht kahl. ´Ne prima Rutschbahn für Fallböen. Besonders bei Nordwest. Mal wieder über zwanzig Knoten Wind. Und emsiges Reffen. Im Nu war ich am Ziel!
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Die Zeit verfliegt. Bald ist Ende September. Mehrmals schon haben wir uns von der Nahia verabschiedet. Sind dann geblieben. Oder haben sie nochmal getroffen. Zweimal hat ihr Käpt´n mein Dinghi gerettet. Einmal nachts, als das nich´ richtig festgemacht war. Einmal im Starkwind. Da hat der Außenborder gestreikt. Beim dritten Mal, frotzelt er, behält er mein Beiboot. Seins verliert nämlich Luft.
In Órmos Vlicho ist das Wasser trüb. „The english toilet“ nennen die Einheimischen den Ort. Starkwind und Gewitter sind angesagt. Die Berge rundum bieten Schutz. Zwei Tage lang. Dann wünschen wir der Nahia zum letzten Mal Handbreit und Fairwinds. Meine Crew will nu´ doch durch den Kanal von Korinth. Sind fast zweihundert Seemeilen weniger nach Limni, wo ich aus dem Wasser soll. Wir setzen Kurs Südost. Müssen uns sputen. Der Kanal macht bald dicht. Wann genau, ist unklar.
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So gerne hätten wir Sophie die Wasp Bay in Nisos Kastos von ihrer träumerischen Seite gezeigt. Doch der Ostwind schiebt Welle rein, und wir lichten in aller Frühe den Anker. Mein Käpt´n erspäht Nadelfische im kabbeligen Wasser. Wie lütte Seeschlangen wirken sie. Werden auch Salzwasser-Hornhecht genannt. Man sieht sie nich´ oft.
Am Nordufer der weiten Einfahrt in den Golf von Patras liegt Marschland. Das Naturschutzgebiet „Porto Skrofa“ ist an einen Privatmann vermietet. Der betreibt hier Fischfarmen. Und ein Restaurant mit mehreren Bojen, an denen Gäste ihr Boot festmachen können. Einsam blickt die nach drei Seiten offene Terrasse in die weitläufige Bucht. Die Kellnerin bringt meiner Crew ´nen Liter Mineralwasser. Mit Kohlensäure. Fünf Euro die Buddel. Die trägt meine Ruthie freundlich zurück. Nur der Preis für stilles Wasser ist in Griechenland gesetzlich festgelegt. Auf höchstens eins fünfzig den Liter.
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Der Wind schiebt uns von achtern zur Rio-Andirrio-Brücke. Sie überspannt die Meerenge am Übergang vom Golf von Patras zum Golf von Korinth. War wohl nich´ leicht zu bauen, hier hat die Erde schon oft gebebt. Meine Crew meldet mich über Kanal vierzehn bei Rion-Traffic an. Fünf Seemeilen vorher. Flying Lobster. Height of mast eighteen meters. Bekommt Erlaubnis, unter dem nördlichen Abschnitt der Brücke durchzufahren. Bleibt auf Hörbereitschaft. Meine Segel sind auf Schmetterling getrimmt. Das Groß zur einen, die Genua zur anderen Seite. Hinter uns färbt der Horizont sich goldorange. Vor uns leuchten Straßenlaternen in fünfzig Meter Höhe. Nah bei der Brücke sagen wir der Kontrollstation nochmal Bescheid. Dann, auf einmal, allerfeinste Waschmaschine. In Windeseile schmeißt meine Crew den Motor an und holt die Segel ein. Mein Käpt´n fährt, meine Steuerfrau hält nach Gegenverkehr Ausschau. Kaum unter durch drehen wir nach Backbord ab. Kurs Nordnordost, auf Nafpaktos zu. Blicken zurück. Die Stahlseile verschwinden in der Nacht. Die Pylone sind angestrahlt. Blaue Riesen, die am Himmel kratzen.
´Ne Stunde später macht meine Steuerfrau die Positionslichter des venezianischen Hafens von Nafpaktos aus. Dann, nach und nach, mehrere Boote, die östlich der Einfahrt vor Anker liegen. Da sucht meine Crew mir ein Plätzchen. Vor dreitausend Jahren war Nafpaktos eine Hafenmetropole. Die Herrscher wechselten oft. Als im Mittelalter mal Venedig am Ruder ist, heißt der Ort Lepanto. Die Burg wird erneuert, der Hafen gebaut. Erfolglos belagern ihn die Osmanen. Ein Jahrhundert später tobt vor Lepanto die letzte große Galeerenschlacht des Mittelmeers. Noch immer erinnert sich das Meer an den Geschmack von Blut.
Mein Käpt´n, Sophie und meine Steuerfrau entdecken auf Landgang ein hübsches Städtchen. Mit allerlei Kafenions, malerischem Aufstieg zur Burg und einer netten Bäckerin. Mein Dinghi ist im Häfchen festgemacht. Ich wollte da nich´ rein. Is´ viel zu eng.
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Wenn mich Eine fragen würde, wo das Land besonders schön is´, käme meine Antwort wie aus der Harpune geschossen. Eine Insel im Golf von Korinth. Nah bei der Nordküste. Da wettern wir ´n büsch´n Starkwind ab. Die Benko hatte die gleiche Idee. In so guter Gesellschaft find´ ich das gar nich´ so übel, im Hafen zu sein. Obwohl meine Crew ´n Holzbrett zwischen Fender und Kai schieben muss, weil der Beton bröckelt. Meine Ruthie freut sich bannig, Ouzo kennenzulernen. Das dritte Crewmitglied der Benko. Er mag die verschlungenen Pfade von Trizonia auch gern. Will Hasen hinterher hüpfen und Schildkröten aufstöbern. Wir lassen ihn schnuppern, aber nich´ laufen. Das ein oder andere Foto verdanken wir ihm.
Schweren Herzens verabschieden wir uns von der Benko. Die hübsche Reinke-Stahlyacht soll verkauft werden! Sie is´ für mich wie ´ne Schwester. Ihre Crew is´ man bannig jung. Die muss nu´ an Land, ´n büsch´n Monne machen. Aber die Videos von Sailing Benko bleiben auf Youtube. Ich glaub´, ich brauch ´ne frische Brise und ein loses Fall. Dann trommel ich meine Melancholie in den Wind.
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Glossar
la mer – das Meer (Französisch)
Pan Pan – Dringlichkeitsmeldung im Sprechfunkverkehr zwischen Schiffen, Flugzeugen oder anderen Fahrzeugen. Wer bei einem akuten, schwerwiegenden Problem (Panne mit akuter Gefahr für ein Fahrzeug, ärztliche Hilfe wird benötigt, o. ä.) Hilfe ruft, beginnt seinen Funkspruch mit Pan Pan, Pan Pan, Pan Pan. Der Dringlichkeitsruf Pan Pan ist dem Hilferuf Mayday untergeordnet, der bei einen Notfall mit akuter Lebensgefahr gesendet wird und die Einleitung von Rettungsmaßnahmen erbittet.
MRCC – Maritime Rescue Coordination Centre. Leitstelle zur Koordination der Seenotrettung. Befinden sich vor allem in Küstenstaaten weltweit, die das SAR- Abkommen von 1979 unterzeichnet haben. Dieses soll die Rettung von Menschen in Seenot unabhängig vom Unfallort durch eine Seenotrettungsorganisation sicherstellen.
Crotone – Hauptstadt der kalabrischen Provinz Crotone. Liegt an der italienischen „Stiefelsohle“.
Frontex – Europäische Agentur für die Grenz- und Küstenwache. Zuständig für die Kontrolle der Außengrenzen des Schengen-Raums. Wurde 2004 gegründet.
AIS – Automatisches Identifikationssystem für Schiffe. Ein Datenfunksystem, das statische, dynamische und reisebezogene Schiffsdaten zwischen damit ausgerüsteten Schiffen sowie zwischen ausgerüsteten Schiffen und Landstationen austauscht.
Nahia – „der Wunsch“ (Baskisch), ein befreundetes Segelboot
Deern – Mädchen (Plattdütsch)
Fender – aufblasbare Kissen, Schläuche oder Kugeln, die den Schiffsrumpf beim Anlegen und Manövrieren vor Beschädigungen schützen
achtern – hinten (Plattdütsch, nautischer Ausdruck)
Flotille – mehrere Boote, die zusammen einen Törn machen; u.U. fährt nur auf einem davon ein Skipper mit Segelschein
Leinen auf Slip – Leinen so legen, dass man sie beim Ablegen vom Boot aus einfach an Bord ziehen kann
Órmos – Bucht (Griechisch)
Handbreit – „Immer eine Hand breit Wasser unterm Kiel“. Deutscher Seeleutegruß beim Abschied
Fairwinds – „schöne Winde“. Englischer Seeleutegruß beim Abschied
Wasp Bay – Wespenbucht
Nisos – Insel (Griechisch)
lütt – klein (Plattdütsch)
Rio-Andirrio Brücke – heißt offiziell Charilaos-Trikoupis-Brücke
Flying Lobster. Height of mast eighteen meters. – Schiffsname und Masthöhe müssen vor der Durchfahrt bei Rion Traffic angegeben werden
Waschmaschine – aufgewühlte See; bedingt durch Wind- und Strömungsverhältnisse kommen Wellen aus verschiedenen Richtungen
Pylon – Pfeiler von Hänge- oder Drahtseilbrücken, der die Seile an den höchsten Punkten trägt
Kafenion – Kaffeehaus, Café
Benko – befreundetes Segelboot
bannig – sehr (Plattdütsch)
Monne – Geld (Plattdütsch)
Fall – auf Segelschiffen ein Stück Tauwerk, das zum Hinaufziehen (Setzen) und Herablassen (Bergen) oder Reffen von Segeln benutzt wird
Link zum Nadelfisch Foto von Paul Harrison: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Keeltail_needlefish_0541.jpg
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