Immer nur Delphinsprünge von einer Bucht zur andern, seit Ende Juni ankern wir mal hier, mal da, und das is´ schon fast September. Die nördlichen Sporaden sind man bannig schön, aber ich bin doch kein Hausboot! Wird Zeit, dass ich endlich Meilen mache.
Aber erst mal kommt Besuch, den wir in Volos abholen, also nehmen wir Kurs auf den Pagasitischen Golf. Es ist ein bisschen wie nach Hause kommen, als mein Anker in Ormos Alogoporos fällt, gegenüber der Insel Trikeri, zu der bis spät abends ein Wassertaxi schippert. Doch am nächsten Morgen zeigt die Welt sich duster, und auch während die Sonne höher steigt bleibt die Silhouette der Berge im Norden hinter einem grauen Schleier verborgen. Nebel sieht anders aus, mein Deck ist bald von einer grauen, schmierigen Schicht bedeckt. Denn der Meltemi bringt Asche aus Nordost, wo seit zwei Wochen ein verheerender Waldbrand wütet, im Dadia Nationalpark Tiere und Pflanzen in Rekordzeit frisst. Über dreihundert Kilometer entfernt liegt die Gegend an der Grenze zur Türkei, aber meine Ruthie macht alle Luken dicht und bleibt im Salon, denn an Deck kann von frischer Luft keine Rede sein.
Drei Tage später geht das gen Norden, der wolkenlose Himmel ist noch immer grau statt blau. Kurz vor Volos gleite ich durch Grüppchen von Spiegeleiquallen, viele sind bratpfannengroß. Auch auf dem Rückweg zu den Sporaden, als unser Besuch schon an Bord is´, treffen wir noch vereinzelt auf diese Überlebenskünstler, die das Meer seit Urzeiten bewohnen. Das Nesselgift von Spiegeleiquallen ist für Menschen ungefährlich, die kuriosen Wesen sind sogar essbar. Wer schwimmen will dreht nun trotzdem vorher ´ne Runde an der Reling und linst ins Wasser.
Meine Crew hat sich verdoppelt, da freu ich mich über, das gibt dem Bordleben Schwung. Bald zieht uns das nach Skopelos, wo das bei Neo Klima so schön nach Wald duftet. Die Vicktory lässt nich´ lange auf sich warten, ihr Anker fällt Steuerbord voraus. Mein Käpt´n bleibt an Bord, während der Rest meiner Crew und der Käpt´n der Vicky die Insel mit dem Scooter erkunden. Glossa, das hübsche Bergdörfchen, und Skopelos Stadt, wo die Yachten am Kai wie Flummis auf und ab hüpfen, wenn Fähren kommen und gehen.
Zwei Sonnentage sind uns gegönnt, dann is´ Tief Daniel im Anmarsch. Zum Glück liegt nur zwei Seemeilen südlich von Neo Klima ein Naturhafen. Limani Panormos, am Südufer von Ormos Panormos, ist ein Ort wie von Zauberhand geschaffen. Pinien reichen bis ans seichte Ufer, wo überall Felsbrocken aus dem Wasser ragen, die darauf warten, dass die Tochter vom Käpt´n mit meinen Landleinen zu ihnen schwimmt. Fische huschen um mich rum, ein kleiner Schwarm Brandbrassen natürlich, und ein paar Streifenbrassen. Möwen gibt das keine, aber fast jeden Morgen jagt ein Kormoran in Ufernähe, reckt den langen Hals, steckt dann den schwarzen Kopf mit dem langen Schnabel suchend ins Wasser, taucht ab und sein Hinterteil is´ das Letzte, was verschwindet. Einmal hockt er ganz in der Nähe auf ´nem Felsen und trocknet in aller Ruhe seine Flügel. Meine Ruthie is´ hin und weg, legt das Fernglas nich´ mehr aus der Hand.
Tief Daniel wird zum Gewittersturm, das regnet ununterbrochen, blitzt und donnert pausenlos. Meine Crew bemüht sich redlich um gute Laune, schiebt Ankerwache, Schichtwechsel alle zwei Stunden, sind ja zu viert. Wir haben die Blitze nich´ gezählt, die Feuerwehr in Volos schon: zwölftausend in einer Nacht.
´Ne Woche is´ schnell rum, bevor der Sturm abgeflaut is´, hat unser Besuch schon die Rucksäcke gepackt. Der Rückflug startet von der Nachbarinsel Skiathos, doch alle Fähren sind gestrichen. Endlich darf ich mal zeigen, was ich kann, bin ja für raues Wetter gebaut. In Limani Panormos scheint das ruhig, aber wie das wohl um die Ecke aussieht?
´Ne viertel Stunde später, als wir aus Ormos Panormos raus getuckert sind, bleibt das Großsegel drin und meine Crew setzt nur die Genua. Im zweiten Reff. Is´ ja wenig Tuch, aber ich mache sechs Knoten, genieße den Wind umme Schnut und die Schräglage, während der Sohn vom Käpt´n mich steuert. Rüber nach Skiathos Stadt sind das neun Seemeilen, wir segeln in der Abdeckung von Skopelos. Nur auf den letzten drei Seemeilen rollt die Welle von der offenen See her auf mich zu, manch eine um die vier Meter hoch. Meine Crew refft nochmal, die Genua is´ nur noch ein lütter Zipfel.
Mein Anker fällt westlich von Skiathos Stadt, wo einige Boote vor Landleinen liegen und der Schwell sich in Grenzen hält. Im Hafen lieg ich ja nich´ gerne, und außerdem is´ das da voll. Mit dem Beiboot schippert meine Crew um ´ne kleine Landzunge, geduckt gegen die Welle an. An Land, in Hafennähe, sind die Straßen voller Schlamm, ausgerissener Bäume und Unrat, öffentliche Busse fahren nich´. Mit Rucksack und Tasche bepackt stapft unser Besuch zum Flughafen.
Das is´ still geworden an Bord, meine Crew is´ betrübt. Aber nu´ soll das ja gen Süden gehen, um den Peloponnes rum zu meinem Winterplatz, nach Pylos, wo meine Freundin Frieda liegt. Die hängt mich immer ab beim Buddysegeln, is´ ja auch´n Katamaran, ´ne flotte Catana. Noch schnell die gewaschene Wäsche abholen und einkaufen, dann stechen wir in See. Doch ich laufe immer wieder aus dem Ruder, mein Autopilot streikt und auch das Anemometer gibt seinen Geist auf. Aber der Meltemi bläst und bringt uns unbeirrt nach Skyros, mit der Welle aus Nordnordost, von schräg achtern, surfe ich munter dahin. Später dreht der Meltemi auf Ost, die Welle kommt von Backbord und schwappt immer mal wieder in die Plicht. Ich frag mich, warum meine Crew nich´ refft, die zwei sind irgendwie entspannter als sonst, liegt wohl an dem kaputten Anemometer.
Die südlichste Insel der nördlichen Sporaden empfängt uns mit sechs Beaufort, doch mein Anker greift beim ersten Versuch in Ormos Pefko. Jetzt, Mitte September, hat das Meer um Skyros rum nur noch achtzehneinhalb Grad. Die ersten Herbststürme sind schon übers Land gezogen, abends hat meine Crew Fleecejacken an, auch Morgens, vor dem Frühstück, als die zwei verschlafen in der Plicht hocken. Merken die denn nich´, dass ich durch die halbe Bucht rutsche, dass mein Anker slippt?
Als die Felsküste schon gefährlich nah is´, kommen die zwei endlich in die Puschen und lichten den Anker. Versuchen mehrmals, an der zehn Meter Linie nochmal Halt zu finden. Vergeblich. Um das schmale, längliche Inselchen Valáxa rum wär´n das acht Seemeilen in die nächste Bucht, die letzten vier bei über dreißig Knoten gegen den Wind an, also tuckern wir durch die enge Durchfahrt zwischen dem Festland und Valáxa nach Ormos Linaria. Dort liegt schon ´ne lütte Segelyacht unter ukrainischer Flagge vor Anker. Ihre Kapitänin is´ auf dem Vordeck, beschließt wohl, das winzige Dinghi nich´ zu Wasser zu lassen, hat ja auch keinen Außenborder, und gegen an rudern bei dreißig Knoten is´ keine gute Idee. Meine Crew schippert rüber, als sie zu dem hübschen Hafenstädtchen Linaria aufbricht, nimmt die Einhandseglerin in meinem Dinghi mit. „Wenn im Land Krieg herrscht, is´ das gut, ein Segelboot zu haben“, sagt meine Ruthie beim Kaffertrinken in der Strandbar.
Punkt neun holt mein Käpt´n am nächsten Tag meinen Anker auf. Während meine Steuerfrau mich aus der Bucht lenkt, schaut sie mal wieder sehnsüchtig zum Ufer hin, wo der Bus in den Norden der Insel abfährt. Landgang abgesagt, der Wetterbericht hat sich geändert, der perfekte Segelwind kommt einen Tag früher. Meltemi, was denn sonst.
Von Skyros bis zur Südwestspitze der Insel Euböa, das is´ kein Delphinsprung, sondern unser längster Schlag dieses Jahr. Glücklich lasse ich mich von der Welle schieben, am Ende des Tages durch den Steno Kafira, zwischen Euböa und der Insel Andros. Zwei bis drei Knoten Strömung sind in der zehn Seemeilen langen Wasserstraße alltäglich, bei starkem Meltemi können das bis zu sieben Knoten werden. Kein Wunder, dass ich meinen Geschwindigkeitsrekord aufstelle: mit 10,8 Knoten rausche ich dahin, in der Spitze natürlich, immer nur für ein paar Sekunden. Für die beinah sechzig Seemeilen brauche ich neun Stunden, kurz vor Sonnenuntergang huschen wir nach Ormos Castri rein. Mit einmal is´ das ruhig und still, die See glatt wie ein Spiegel in der lütten Bucht, die sich zwischen kahle, sanft abfallende Hügel schmiegt, auf denen hier und dort ein weißes Haus in der Abendsonne leuchtet.
Tschüs, Nördliche Sporaden, hoffentlich sehen wir Euch bald wieder!
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Glossar
Ormos Panormos – Panormos Bucht
Limani Panormos – Hafen von Panormos
Meltemi – kräftiger Nordwind (meist aus Nordost kommend, auch mal aus Nordwest), der in den Sommermonaten in der Ägäis vorherrscht
Genua – vergrößertes Vorsegel eines Segelbotes (im Gegensatz zur Fock). Wenn die Genua ganz ausgerollt ist, befindet sich ihr Achterliek (hinterste, unterste Spitze) hinter dem Mast. Lobstys Genua ist größer, als ihr Großsegel .
zweites Reff – bei starkem Wind wird die Segelfläche durch Reffen verkleinert, um Druck aus dem Segel zu nehmen-Andernfalls geht das Boot zu sehr in Schräglage (es krängt). Zu hohe Krängung beansprucht Boot und Segel unnötig, denn sie verringert die Geschwindigkeit und kann zum Verlust der Ruderwirkung führen, im Extremfall sogar zum Kentern.
sechs Knoten – 11,112 km/h
Schwell – auch Dünung genannt: Wellen, die aus ihrem Ursprungsgebiet herausgelaufen sind, oder von vorbeifahrenden Schiffen verursacht werden, und in einen Hafen oder ein Bucht laufen.
Katamaran – Segelyacht mit zwei Rümpfen, die fest durch ein Tragdeck miteinander verbunden sind.
Catana – französische Werft, die im 1984 gegründet wurde. Catana Katamarane gelt als qualitativ hochwertige, leichte, schnelle Yachten.
Anemometer – Windmesser
sechs Beaufort – nach der Beaufortskala: 39 – 49 km/h
Ormos Pefko – Kiefernbucht
Ormos Linaria – Bucht von Linaria
Einhandseglerin – Frau, die alleine mit einer Segelyacht unterwegs ist
Euböa – zweitgrößte Insel Griechenlands, liegt in der Ägäis.
Andros – Insel in der Ägäis, súdlich von Euböa
ein Knoten – 1,852 km/h
Ormos Castri – Schloßbucht
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Das Foto der Spiegeleiqualle ist unter folgendem Link zu finden: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons)/4/4b/Spiegeleiqualle.jpg































