Weizen, Windstille und Klöster

Wir tauchen ein in Schwärze, Himmel und Meer sind eins in der Dunkelheit, nur der Bildschirm meines Plotters leuchtet, im Nachtmodus, rot auf dunklem Grund. Dicht an meinem Unterwasserschiff gleiten Klippen vorbei, aus dem Meer ragende Felsen, deren Spitzen erst aus der Finsternis hervortreten, als ich die schmale Durchfahrt hinter mir gelassen hab´ und kurz nach Mitternacht der abnehmende Halbmond über der Silhouette von Sigri erscheint.

Die Lichter des Örtchens verschwinden hinter den Felseninseln, der Südwind erhebt sich, weht verhalten aber stetig, bis auf halber Strecke nach Limnos mein Motor ran muss. Das Windloch währt nich´ lange, bald rauscht der Meltemi aus Nordost heran, pustet von querab in meine Segel und schiebt mich gen Mazedonien. Auch die Strömung von den Dardanellen her kommt aus Nordost, aber die bringt mich vom Kurs ab, deshalb hat meine Crew schon beim Aufbruch in Sigri ´nen nördlicheren Kurs gesetzt, um den berechneten Versatz auszugleichen.

Mein Anker fällt in ´ner abgeschiedenen Bucht, jenseits vom Strand leuchten Weizenfelder in der Nachmittagssonne, erstrecken sich über sanfte Hügel bis ins Inselinnere. Beim Landgang stakst Sousa zwischen Stoppeln rum und der einzige Weg den Hügel hoch endet bei ´nem Bauernhof; nach ´ner Mütze Schlaf verlassen wir Ormos Kokkina, tuckern in der morgendlichen Windstille gemütlich an der Südküste lang ostwärts und bald in die weite Bucht von Moudros, wo Muscheln und Krabben sich besonders wohl fühlen. Das trübe Wasser is´ recht warm, da freut mein Käpt´n sich über, bis er am nächsten Morgen Schaum und Unrat vorbeitreiben sieht.

Aber hinterm lütten Kap Aspros, nur´n Delphinsprung weiter südlich, vorm mit Sonnenschirmen gespickten Strand von Fanarakia, da schillert das Meer wie ein Aquamarin. Nah bei gibt das sogar Schatten, ´n lüttes Pinienwäldchen säumt die Nachbarbucht, und tagelang is´ das Meer so ruhig, dass ich geradezu tiefenentspannt im Wasser liege.  Dann kommt Schwell herangerollt, ich kippel und wippe auf den Wellen, meine Crew lichtet den Anker. Mit dem Schatten hat sich das erledigt, von nun an müssen meine Steuerfrau und Sousa früh in die Puschen kommen, um beim Landgang keinen Sonnenstich zu kriegen; auf Limnos sind fast alle Bäume dem Weizen gewichen, nur vereinzelt hält ein Olivenbaum, eine Kiefer, ein Feigenbaum oder eine Eiche die Stellung und trotzt dem Meltemi.

Bald soll unser Besuch aus Pamplona in der Inselhauptstadt Mirina ankommen, wir halten Ausschau nach malerischen, gut geschützten Badebuchten. In Ormos Kontias bevölkert ´ne Ziegenherde den Strand und das Meer is´ ebenso trüb wie vor Moudros, also beschließt meine Crew, Wäsche zu waschen, in Mirina soll das ´nen Waschsalon geben, `ne Rarität in der nordöstlichen Ägäis. 

Der Meltemi schwächelt, das is´ noch Platz in der weiten, recht gut geschützten Hafenbucht, über die eine zur Ruine zerfallene Burg wacht. Das Meer hat mir geflüstert, dass es Kriegsgaleeren verschiedenster Völker hierher getragen hat, die Burg von Mirina wurde einst von Byzanz auf den Ruinen einer antiken Akropolis errichtet, später bauten Venezianer und Osmanen weiter. Kurz vor Sonnenuntergang hüpft Sousa den gepflasterten Weg zur Festung hoch, ein Rudel kleiner Hirsche springt am Hang lang, huscht hinter Felsen. Abends füllen sich die Tische der Restaurants am Kai des kleinen Fischerhafens und nebenan, in der von Souvenirlädchen bevölkerten Fußgängergasse, herrscht beinah hektisches Gedränge, bin froh, dass ich am anderen Ende der Bucht liege.

Kaum riecht das an Bord endlich mal nach „frisch gewaschen“ verdrücken wir uns nach Ormos Plateos, kurz um ein Kap rum an der Südwestspitze von Limnos. Nach ´n paar Tagen wird der Meltemi übermütig, die Windsurfschule macht Pause und Sousa muss ihr Geschäftchen auf meinem Deck erledigen. Meine Crew checkt die Wetter App, am nächsten Tag soll das noch stürmischer werden, und zwei Wochen lang so bleiben. Segelurlaub ohne Baden? Mit sturmzerzaustem Haar in der Plicht hocken? Das soll unserem Besuch erspart bleiben, ich werd´ klargemacht zum Anker lichten.

Der Wunschkurs, zur Insel Thassos auf dem Weg zu meinem Winterplatz in Nea Peramos, kommt nich´ in Frage, auch auf Thassos wird wohl kein Badewetter sein. Meine Crew setzt Kurs auf Mazedonien, zum mittleren der drei Finger, die das nordgriechische Festland ins Meer reckt. Über dreißig Knoten sind angesagt, ich liebe Wind umme Schnut!

In der Nacht treffen wir zum ersten Mal auf den alles überragenden Berg Athos, mit um die vierzig Knoten rauscht der Meltemi seine Steilhänge runter, mein Käpt´n, der gerade Wache hat, refft flott meine Segel. Zum mittleren Finger hin wird das zusehends ruhiger, der Meltemi wird vom Festland nach Süden abgelenkt, in die Zentralägäis. Als das Morgengrauen nicht mehr fern und die Ankerbucht nah is´, weht ein laues Lüftchen, das ab und an zwischen an Land aufragenden Hügeln ´n büsch´n in Fahrt kommt. Segel setzen. Segel einholen, Motor an. Wieder Segel setzen. Motor aus. Bald is´ meine Steuerfrau das leid und wir dümpeln rum, bis die Sonne endlich aufgeht und die Sandflecken am Grund zu sehen sind, schließlich soll mein Anker nich´ im Seegras fallen.

Unsere Freunde aus Pamplona erweisen sich als Wasserratten, übernehmen zwischen Paddelboardtouren, Landgängen mit Sousa und genüßlichem Plantschen im Meer das Regime in der Kombüse und verwöhnen meine Crew; meine Ruthie schreibt entspannt an ihrer Drachengeschichte, die sollte lieber von meinen Abenteuern berichten.

Das is´ August und noch wohlig warm, jeden Nachmittag strebt der thermische Südwind zum aufgewärmten Festland hin, beschert entspannte Segeltörns. Nach Nea Marmaris, von aus dem Marmarameer vertriebenen Griechen 1922 gegründet, oder Diaporti, wo man nichts als gut bestückte Schapps braucht, und vielleicht ´ne Badehose.  Von Diaporti in die rundum geschütze Bucht von Porto Koufo, der Anker fällt auf zwanzig Meter und greift nich´ gut, da Flaute herrscht is´ uns das eins.

Wir huschen um den mittleren Finger rum, ankern vor ´nem Nacktbadestrand. Beim Landgang grüßt meine Crew und lächelt, in ´nem Zelt aus Schattennetzen wird gerade getafelt, da hoppelt Sousa hin und kriegt was ab. Pfade führen die Sandsteinfelsen hoch, an ´nem Plumpsklo vorbei und runter ins Örtchen Kalamitsi, wo Caféterrassen warten. Über Nacht raubt der Schwell den Schlaf, am Morgen huschen wir rüber zur Insel Drénia vor dem östlichen Finger, manche Griechen verbringen hier ´ne Nacht auf ´ner Sonnenliege am Strand, andere den ganzen Sommer, im Wohnwagen oder im Zelt, meist verborgen zwischen Büschen oder hinter Zäunen; wer ein paar Tage bleibt, gehört zur Familie.

In Ouranopoli, am östlichen Finger, gegenüber von Drénia, steigt unser Besuch in den Bus nach Thessaloniki. Der nächste Besuch kommt, diesmal aus der Pfalz, das geht gesellig zu an Bord, Sousa sammelt Streicheleinheiten. Wieder Südwind, wir huschen zur Insel Diaporos im Nordosten des mittleren Fingers, fliehen gleich am nächsten Tag vor der Mietmotorbootinvasion zurück nach Drénia, wo die Tochter vom Käpt´n beim Landgang bald mit alten Bekannten von Sousa Klönschnack hält. Die wenigen Mietmotorboote, die von Ouranopouli nach Drénia rüberkommen, stören kaum, wer nach Ouranopouli fährt, hat anderes im Sinn, als ein Boot zu mieten, Tag für Tag spucken Reisebusse massenweise Pilger aus, die zum Berg Athos streben. Pilger, keine Pilgerinnen, Frauen haben keinen Zutritt zu der Mönchsrepublik unter griechischer Souveränität und ihren zwanzig in Fels gebauten, orthodoxen Klöstern.

Auch unser Besuch aus der Pfalz hat „Tschüs“ gesagt, meine Crew macht sich im Morgenlicht auf Weg zur Insel Thassos. Nochmal ein langer Schlag, nonstop um den östlichen Finger rum, die Küstenwache jagt jeden weg, der an den Ufern vom Berg Athos ankert. Gegen Mitternacht gräbt mein Anker sich vor Potos, an der Südküste von Thassos, in Sand. In der weiten Bucht von Limenaria genießt meine Crew die letzten Tage Bootsleben, Ruthie paddelt mit Sousa zu ´nem lütten, wilden Strand, wo ´n Pfad die Uferböschung hoch in ein Kiefernwäldchen mit Meerblick führt; mein Käpt´n hockt inner Plicht, träumt davon, dass der Sommer nie aufhört.

Mitte September werde ich in Nea Peramos aus dem Wasser gehoben. Nu´ steh ich Land, aufgebockt und eingepfercht zwischen anderen Yachten. Lieber wär´ ich dicht am Wasser, da, wo die Sonne auf den Wellen tanzt, wo der Wind mit dem Meer singt und der weite Horizont mich ruft, da fühl´ ich mich sicher. 

Glossar

Plotter – auch Kartenplotter: elektronisches Navigationsgerät, das digitale Seekarten, Kurs und Geschwindigkeit des Bootes, Windrichtung und Wassertiefe, per AIS (Automatic Identification System) oder Radar geortete Schiffe in der Nähe, u.v.m. anzeigt.

Mazedonien – auch Makedonien genannt. Region im Norden Griechenlands, die den Teil des historischen Mazedoniens umfasst, der im heutigen Griechenland liegt.

Strömung– weitläufige, gerichtete Bewegung des Meerwassers. Die Strömung von den Dardanellen her beruht auf dem fast doppelt so hohen Salzgehalt des Mittelmeeres gegenüber dem schwarzen Meer, wobei eine salzarme Oberflächenstrrömung von Schwarzen Meer durch das Marmarameer und die Dardanellen ins Mittelmmer fließt, und eine salzreichere, tiefere Strömung in die entgegengesetzte Richtung.

Versatz – seitliche Kursabweichung eines Segelbootes durch Meeresströmungen oder Windeinfall.

Schwell – abgeleitet,vom englischen „swell“, auch Dünung genannt: Wasserwellen, die bereits aus ihrem Ursprunggebiet herausgelaufen und nicht mehr wie die Windsee von der Windeinwirkung abhängig sind. Windsee und Dünung bilden zusammen den Seegang.

in die Puschen kommen – in Gang kommen

Ormos– griechisch: „Bucht“

Seemeile – eine Seemeile = 1852 Meter

Wind umme Schnut – Wind um die Nase (bzw. die Schnauze, den Mund)

Knoten – ein Knoten = eine Seemeile pro Stunde = 1,852 km/h

Seegras – auch Neptungras oder Poseidonia (posidonia oceanica) genannt. Seegraswiesen können mindestens doppelt so viel CO2 speichern wie eine gleich große Fläche tropischer Regenwald, bieten über 220 Tierarten einen Lebensraum und filtern das Meerwasser, indem sie Nährstoffe aus Flüssen aufnehmen und die Überdüungung des Meeres verhindern. Posidonia ist für den Schutz des Mittelmeeres unentbehrlich, doch sie wächst ungemein langsam, nur ein bis drei Zentimeter pro Jahr. Oft wird sie bei Ankermanövern ausgerissen und vernichtet, z.B. wenn der in Sand und Gras eingegrabene Anker gelichtet wird oder die Ankerkette durch eine Seegraswiese schleift.

Schapps – Vorratsschränke

das is´ uns eins – das ist uns egal

Klönschnack halten – gemütlich miteinander plauern

*

Das Glück und der Meltemihimmel

Wenn Glück man so beständig wär´, wie das Blau des Himmels bei Meltemi. Andere Winde schicken Boten voraus, treiben zu weißen Fetzen zerfaserte Wolken vor sich her, wie der Mistral, oder wüstensandschwere Cumulusberge, die alles in Grau tauchen, wie der Scirocco. Der Meltemi aber rauscht den ganzen Sommer über wolkenlos durch die Ägäis, und obwohl er gern stürmisch und rau wird, liebt er den Himmel hell und klar und tiefblau.

Ich mag den Meltemi, der bringt mich gut in Fahrt. Auch meine Crew zählt auf ihn, hisst zügig Groß und Genua, als wir Ende Mai von Kythira nach Santorini aufbrechen, wo im Juni Besuch an Bord kommen will. Erstes Ziel ist Milos, die westlichste Insel der Kykladen, bis da sind das um die sechzig Seemeilen, Sousas erster langer Schlag, und je steifer die Brise, umso eher kommen wir an.

Doch der Meltemi zeigt kaum Muckis und schläft viel zu früh ein. Zähneknirschend schmeißt meine Steuerfrau meinen Jockel an, Motorlärm is´ nervig und teuer, Dünung und Welle sind bei Motorfahrt um einiges lästiger, als unter Segeln. So dauert das nich´ lange, bis unser neues Crewmitglied im Salon sein Frühstück wieder rauswürgt. „Sowas passiert selbst alten Seebären“, sagt meine Ruthie, streichelt die lütte Fellnase und wischt das Malheur weg.

Im Stadthafen von Adamantas, der Hauptstadt von Milos, sehen wir zum ersten Mal seit langem einen Schwarm Möwen. Und ich werd´ endlich mal wieder ausgiebig mit Süßwasser geschrubbt, da musste ich den ganzen Winter auf verzichten, in Pylos gab das ja keins am Kai.

Aiolos ist uns wohl gesonnen, wir werfen die Leinen los und kreuzen erstmal gegen leichten Meltemi nach Sarakiniko, an der Nordküste von Milos. Wollen ein seltenes Geschenk des Windgottes genießen: drei Tage Flaute. Die See schimmert türkis, bleibt kristallklar und ruhig, wunderschön is´ das in der weiten, ungeschützten Bucht, wo ich vor Anker liege, so schön, dass auf den Felsen an der Küste, die von weitem wie gewaltige, weiße Sanddünen wirken, Tag für Tag Besucherströme ausschwärmen, bunte Punkte dicht an dicht, die sich über die von Wind und Meer modellierten Gesteinsformationen schlängeln. Von daher macht meine Crew macht sich lieber in der Morgenfrische auf zum Ufer, und kurz vor Sonnenuntergang , wenn das da ruhiger is´. Auch am letzten Abend vor Sarakiniko hüpft Sousa schwanzwedelnd zum Heck, legt die Pfötchen auf´n Süllrand und lässt den Käpt´n, der das Dinghi klarmacht, nich´ aus den Augen.

 „Wir haben ein Problem“, ruft der mit einmal, „das Dinghi verliert Luft!“ Springt zurück auf die Badeplattform, in die Plicht und unter Deck. Sousa schaut verdattert, rennt nach ´ner Weile hinterher und lugt den Niedergang runter, wo das rumpelt und klappert. Die Dose mit PVC-Kleber war an ihrem Platz unter der Lotsenkoje, das Fläschchen mit dem Härter aber weder beim Kleber zu finden, wo das hingehört, noch unter der Koje in der Achterkajüte oder in der Kiste mit allerlei Dosen und Flaschen im Regal unter der Backskiste. Als es endlich zwischen den Kisten unter der Lotsenkoje auftaucht, stellt sich raus: der Härter is´ völlig vertrocknet.

Sousa muss doch mal! Bei meiner Steuerfrau sinken die Flaggen auf Halbmast. Dann krabbelt sie in die Bugkoje, zieht den Sack mit dem Paddleboard unter die Luke, holt die Fußpumpe von achtern und eilt an Deck. Zerrt den Sack aus der Luke, packt das Paddleboard aus und beginnt hektisch, die Pumpe zu malträtieren. Sousa schnüffelt an dem Ding, das so verdächtige Pfeiftöne von sich gibt, wedelt dabei beharrlich mit ihrer Ringelrute.  Doch als dass Board endlich einsatzbereit ist, ist die Sonne verschwunden und der Meltemi im Anmarsch, um die Flaute zu vertreiben. Meine Ruthie ruft Sousa zum Bug. Zeigt ihr ein Leckerli. Ruft: „Pipifein!“ und „Kackafein!“, wie die Zwei dass an Land geübt haben. Ich mag das, wenn Sousas Pfötchen über mein Deck trappeln, aber dass vorn am Bug nu´ das Hundeklo is´, da muss ich mich erst an gewöhnen.

Sowie das hell wird tuckern wir zurück nach Adamantas, wo das einen Bootsladen gibt, der bestens sortiert is´. Sousa, die noch nicht schwimmen kann, kriegt die knallorange Schwimmweste angetrekkt, auf der „Rescue Team“ steht. Als meine Steuerfrau gegen den Meltemi an rudert, hockt die Lütte wacker zwischen ihren Beinen und reckt die Schnute in den Wind.

So´n aufgeklebter Patch soll ja´n Weilchen trocknen, zum Brot holen am nächsten Morgen muss wieder das Paddleboard ran, wird an ´nem lütten Strand an der Uferstraße geparkt.  Als Sousa ´nen ollen  Labrador sieht, der gerade ins Wasser tappt, zerrt sie wild an ihrer Leine. „Die Gelegenheit!“ denkt meine Steuerfrau und lässt die Lütte laufen. Die peest los wie´n Minitornado, ins Wasser rein und zu dem Labrador hin, dass das nur so platscht. Merkt bannig spät, das da gar kein Boden mehr is´ unter ihren Pfoten. Guckt ganz verjagt. Is´ aber keine Bangbüx, reckt die Schnute aus´m Wasser und  paddelt was das Zeug hält.

Meine Steuerfrau lacht. Mein Käpt´n auch. Doch wunschlos glücklich sind wir nich´ mehr. Das Dinghi gibt allmählich seinen Geist auf, über kurz oder lang werden wir ein Neues brauchen. Nich´, dass wir jetzt unglücklich wären, der Meltemi weht ja sowieso, und der Himmel bleibt blau, aber das Glück is´ eben eher wie die See, die mal munter im Wind tanzt, mal vom Sturm gepeitscht Gischt ausspuckt, mal friedlich im Sonnenlicht glitzert und auch mal trüb vor sich hindümpelt.

*

Glossar

Meltemi – Nordwind, der von April bis Oktober in der Ägäis weht

Mistral – Nordwestwind, der im westlichen Mittelmeer weht.

Scirocco – Südostwind, der sich mit dem Mistral abwechselt

Santorini – südlichste der Kykladeninseln

Malheur – frz.: Mißgeschick. Begriff, der während der Hamburger Franzosenzeit (französische Besatzung der Stadt, sowie Eingliederung in das Französische Kaiserreich, von 1806 bis 1814) in den plattdütschen Wortschatz aufgenommen wurde

Pylos – Hafenstädtchen an der Westküste des Peloponnes, wo Lobsty den Winter 23/24 verbracht hat.

Aiolos – Von Zeus alls Herrscher über die Winde eingesetzter Günstling der Götter

Heck – hinterer Bereich eines Schiffsdecks

Süllrand – u.a. Einfassung des Decks, um das Überlaufen von Wassser zu verhindern

Backskiste – bei Lobsty eine Klappe in der Backbordbank der Plicht, die Zugang zum Stauraum im Achterbereich gewährt.

achtern – hinterer Bereich eines Bootes

antrekken – Plattdütsch: anziehen

bannig – Plattdütsch: sehr

verjagt – Plattdütsch: erschreckt

Bangbüx – Plattdütsch: Angsthase

Piräus, Peloponnes und dann Pylos

Eins hab ich vermisst diesen Sommer: das Lachen und Kreischen der Möwen. Mein Käpt´n fragt sich, ob diese Spezies in Griechenland heimisch is´, aber hier gibt das doch so viele Fischerboote, denen fliegen Möwen so gerne hinterher. Schon Aristoteles hat Möwen beobachtet, und auch Odysseus soll den Küstenvögeln auf seinen Irrfahrten begegnet sein. Immer wieder wandert der Blick meiner Steuerfrau suchend zum Himmel, oder über die Felsen und Inselchen, auf denen Vögel so gerne rasten.

Mein Käpt´n schaut nach dem Autopiloten, ersetzt die dünnen Originalkabel zur Hydraulikpumpe durch dickere, klemmt anständige Kabelschuhe an. Doch kaum haben wir uns auf den Weg gemacht, steigt der Autopilot wieder aus. Zum Glück bläst der Meltemi, strafft meine Segel und hält mich auf Kurs zum Kap Sounion, wo Poseidon von seinem Tempel aus weit übers Meer blickt.

Nach ´ner beschaulichen Nacht bitten wir den Meeresgott der alten Griechen um Schutz. Aber auf dem kurzen Törn nach Glyfada flucht meine Steuerfrau vor sich hin, das is´ Flaute, sie musste meinen Motor anschmeißen. Drei Strich Backbord, zwei Strich Steuerbord, das Steuern braucht pausenlos volle Aufmerksamkeit, Klönschnack mit dem Käpt´n oder den Wolken hinterher träumen is´ nich´. Als sie kurz auf den Plotter schaut, um Kurs und Geschwindigkeit von ´nem Frachter zu checken, der uns entgegen kommt, lauf ich aus dem Ruder, dabei will ich doch gar nich´nach Afrika. ´N büsch´n Wind hätte Poseidon ruhig schicken können!

In der Bucht von Athen fällt mein Anker vor einem Park mit Restaurantterrassen, bald schaukel ich einsam vor mich hin. Meine Crew hat mein Beiboot vorm Yacht Club festgemacht, will an Land Ersatzteile besorgen, denn auch mein Wassermacher is´ futsch. Kaffee und Tee wird an Bord nu´ mit Mineralwasser gekocht, geduscht wird erstmal nicht.

Der späte September is´ heiß, die Stadtluft abgasschwer und klebrig, das trübe Meer lädt nich´ zum Schwimmen ein. Aber die Nächte sind unterhaltsam: Einmal Hochzeitsfeuerwerk über´m Restaurant, öfter mal Motorradrennen auf der Küstenschnellstraße. Das Geknatter und Geknalle der Maschinen verstummt, wenn rotes Blinken Drohnen verrät, die zwischen den Lichtpunktreihen der Straßenlaternen umherschwirren. Sind wohl Polizeispione, kaum sind sie verschwunden, röhren die Motorräder wieder um die Wette.

Bin froh, als mein Wassermacher repariert ist und ich nach vier Stunden Motorfahrt im Schatten hoher Hügel vor Nisos Aegina liege. Die Insel mitten im Saronischen Golf hat kaum geschützte Buchten, der Schwell holt meine Crew früh am Morgen aus der Koje. Nordwest kommt auf, wir segeln gen Süd, meine Steuerfrau blickt mal wieder sehnsüchtig zum Land, zur Nachbarinsel Nisos Moni, wo Ankern bei Nordwind ungemütlich wäre. Hirsche und Pfauen soll das da geben, wie sind die da bloß hingekommen?

Die neue Hydraulikpumpe is´ in Deutschland bestellt, wir warten im Süden von Nisos Poros, trinken manchmal Kaffee im quirligen Hafenstädtchen gleichen Namens. Mit Blick aufs Festland des Peloponnes liegt Yacht an Yacht römisch-katholisch am kilometerlangen Kai, aber ich döse in Ormos Dhaskalia vor mich hin, vor Landleinen, mit Blick auf einen schmalen Strand. Das Meer ist glatt wie ein Tümpel, manchmal dreht eine einsame Möwe ihre Runden, einmal sehen wir sogar zwei, auf dem Inselchen mit der lütten Kirche. Morgens taucht ab und an ein Kormoran auf, jagt Fische, hier gibt das noch welche.

Skurrile Nachbarn werfen ihren Anker. Ein zweiundfünfzig-Fuß-Katamaran unter US-Flagge, dessen Skipper meint, ich nähme zu viel Platz weg. Er will wohl auch gerne vor dem Strand liegen, wo meine Ruthie das Paddelboard parkt und die Böschung zur Landstraße hochkraxelt. Kaum is´ der Kat weg, kommt ´ne fette Motoryacht, die wie ´ne Wodka Marke heißt. Von morgens bis abends volle Pulle Techno, da steht meine Crew nich´ auf. zum Glück verzieht sich der Freudendampfer nach zwei Tagen, sonst hätte das Weck-Rock zum Fühstück gegeben, ACDC, Highway to Hell. Nu´ kann meine Crew kann das Buchtenleben wieder genießen, und nach neun Tagen warten kommt endlich die neue Hydraulikpumpe.

Der Meltemi erhebt sich früh, auf geht´s zu meinem Winterliegeplatz. Kurz vor Sonnenuntergang segeln wir sechzig Seemeilen weiter südlich um ´ne Landzunge, sind müde, freuen uns auf ´n ruhigen Abend in Palaia Monemvasia. Stattdessen bekommen wir kräftig auf die Mütze. Fallwinde rutschen die Berge am Nordufer der weiten Bucht runter, knallen in meine Segel, bringen mich bannig in Schräglage. Schleunigst holt meine Crew das Großsegel ein und refft die Genua. Trotzdem hab ich immer noch soviel Krängung, dass die Wellen, die der Wind uns vom Ufer her entgegen schleudert, über meine Deckskante klatschen. Nach ´ner viertel Stunde fällt mein Anker und greift beim ersten Versuch. Nachts wird das ruhiger, aber noch vor dem Frühstück huschen wir um die Halbinsel Monemvasia, bestaunen im Vorübergleiten das anderthalb Jahrtausende alte Festungsstädtchen, das sich hinter dicken Mauern an die Felsen drückt.

Moni Emvasia (μόνη εμβασία) bedeutet »Einziger Zugang«, der Ort war lange Zeit eine freie byzantinische Stadt, die vielen Belagerungen standhielt. Fiel dann den Franken in die Hände, den Osmanen, den Venezianern, kurzzeitig sogar einem katalanischen Seeräuber, der die Festung bald den Römern überlassen musste. Bis zum Aufstand der Griechen gegen die Osmanen in den 1820er Jahren nannte man ihn auch „Gibraltar des Ostens“, heute ist Monemvasia ein Freiluftmuseum, in dem ein paar alte Leute die Stellung halten, umringt von Hotels, Wochenendhäusern, Bars, Restaurants und Souvenirläden.

Vor der Brücke zwischen dem Festland und der Halbinsel ist Ankern erlaubt, doch wir legen im kostenlosen Stadthäfchen an, längsseits, mitten am Kai der östlichen Außenmole. Möwen gibt das auch hier keine, trotz der Fischerboote, wenn das nich´ so traurig wäre, würd´ ich mich da ja über freuen. Keine Möwen, keine Möwenkacke.

„Ruthie, komm schnell!“, ruft mein Käpt´n, der achtern an der Reling steht und aufs Wasser zeigt. Meine Steuerfrau sputet sich. Ihr Herz beginnt zu klopfen, als sie die Meeresschildkröte entdeckt. Bannig alt muss die sein, is´ größer als mein Rettungsring. Langsam paddeln ihre kurzen, dicken Reptilienbeine, ihr Panzer ist mit Algen bewachsen. Sie knabbert eifrig an der Kaimauer, arbeitet sich in dem schmalen Spalt zwischen meinem Rumpf und der Mauer voran. Kümmert sich nich´ um meine Crew, die ihr an meine Reling gedrängt folgt, sie nicht aus den Augen läasst, bis sie meinen Bug erreicht hat und davon schwimmt.

Später, am Nachmittag, sieht mein Käpt´n mitten im Hafenbecken zwei Schildkrötenköpfe aus dem Wasser lugen. Meine Steuerfrau ist nach Monemvasia aufgebrochen, wollte zur Oberstadt, wo Reste einer mittelalterichen Burg und eine Kirche stehen. Schaut sicher schon vom höchsten Punkt der Halbinsel zu mir runter, schüttelt den Kopf, weil dieser schöne Ort so viele Kriege erlebt hat. Denn friedlich währt am längsten, das beweisen die Schildkröten, die seit den Zeiten der Dinosaurier die Meere bewohnen.

Die Kapitänin der Nausikaa schickt ´ne Nachricht, fragt, ob wir schon ums Kap Malea rum sind. Dort begann die Irrfahrt des Odysseus, der wollte nur kurz um den Peloponnes rum, nach Ithaka, doch am Kap Malea riss die windgepeitschte See ihn fort. Gen Afrika, zur den Lotusessern auf der Insel Djerba. Odysseus kannte weder Wetterradar noch Wettersatelliten, sonst hätte er das sicher wie die Berufsschifffahrt gemacht, die heutzutage bei Starkwind das Kap Malea meidet und den Umweg um die Insel Kythira in Kauf nimmt. Meine Crew checkt die Windy App und bei ruhigem, klarem Wetter tuckern wir um den sagenumwobenen südlichsten Zipfel des europäischen Festlands.

Noch zwei Ankerpätze, dann werden wir am Ziel sein. In Agios Elena, an der Südküste von Nisos Elafonisos, trifft ein Meer wie Aquamarin auf hellen, von Dünen gesäumten Sandstrand. Wir haben Glück, der Südwest schiebt erst ab drei Uhr morgens Welle in die Bucht, um vier lichten wir den Anker. Umrunden den mittleren Peloponnesfinger, wo am Kap Tainaran die See ´n büsch´n rauer wird. Nehmen Kurs Nordnordwest, auf den ersten Peloponnesfinger zu. Der Wind gibt sich launisch, bläst mal munter, schläft dann wieder ein. Gewitterfronten ziehen uns entgegen, dunkle, bauchige Wolken, manche driften ab nach West, andere nach Ost. Über uns bleibt der Himmel hell.

Ich bin ein wenig wehmütig, als wir mit Blick auf die venezianische Festungsanlage, die Methoni vom Ionischen Meer trennt, die letzten Nächte vor Anker liegen. Das Meer ist klar, das Örtchen beschaulich, gerne würden wir länger bleiben. Doch im nur acht Seemeilen entfernten, kostenlosen Stadthafen von Pylos ist gerade ein guter Platz frei. Freunde, die schon ein Weilchen dort liegen, raten uns, nich´ zu trödeln. Kurz vor Pylos, als wir zwischen der Insel Sfaktiria und dem Leuchtturm in die weitläufige Bucht von Navarino tuckern, sehen wir zum ersten Mal in diesem Jahr einen kleinen Schwarm Möwen.

*

Glossar

Aristoteles – beobachtete auch das Aussehen und Verhalten von etwa fünfhundert Tierarten, das er in seinem neunbändigen Werk „Historia animalium“ („Geschichte der Tiere“) beschrieb.

Hydraulikpumpe -ist durch T-Stücke an die beiden Schläuche der Steuerungsanlage angeschlossenund mit dem Kurscomputer verbunden (meist mittels NMEA2000-Schnittstelle), der über die Pumpenaktivität das Ruder bewegt.

Meltemi – in der Ägäis vorherrschender Wind aus dem Nordquadranten

Glyfada – Stadt südlich von Athen an der Westküste von Attika

Plotter – Kartenplotter: Schiffsnavigationsgerät (GPS), das auf einem Display eine eletronische Seekarte anzeigt, auf der Position und Route des Schiffes zu sehen sind. Über das Automatische Identifikations System (AIS) können Schiffe in der Umgebung angezeigt werden, z.T. mit Information zu Kurs, Geschwindigtkeit oder z.B. Schiffslänge. Das Display kann als Radarbildschirm genutzt werden, der Werte anzeigen, die Echolot und Windmesser geben.

Saronischer Golf - Golf im Norwesten der Ägäis, auch Golf von Ägina genannt.

Nisos Aegina – Insel Ägina

Nisos Moni – Insel Moni

Nisos Poros – Insel Poros

Schwell (oder Dünung) -Wellen, die aus ihrem Entstehungsbereich herausgelaufen sind oder von vorbeifahrenden Schiffen verursacht werden, und in einen Hafen oder ein Bucht laufen. Im Gegensatz zur Windsee, die entsteht, wenn der Windd auf die Wasseroberfläche trifft. Schwell + Windsee = Seegang

Verkehrtrennungsgebiet – kanalisiert an Engstellen oder Kaps einen Schifffahrtsweg in unterschiedliche Fahrtrichtungen

römisch-katholisch anlegen – erst den Buganker werfen, dann rückwärts am Kai anlegen und Backbord und Steuerbordleine legen. Die Ankerkette liegt dabei in der Verlängerung der Längsachse des Schiffes oder Bootes.

Ormos Dhaskalia – Dhaskalia Bucht, an der Südküste der Insel Poros

zweiundfünfzig-Fuß-Katamaran – ca. 16m langes Schiff mit zwei Rümpfen, die fest miteinander verbunden sind.

Skipper – verantwortliche Boots- oder Schiffsführerin der Freizetschifffahrt.

Palaia Monemvasia – bucht m Norden der Halbinsel Monemvasia, an der Ostküste des östlichen Peloponnesfingers

bannig – sehr

Krängung – seitliche Neigung eines Schiffs

Nausikaa -befreudnete Segelyacht

Ithaka – griechische Insel im Ionischen Meer, Heimat des Odysseus

Windy App – Wetter App für Segler und SurferInnen

Agios Elena – Bucht der Insel Elafonisos

Nisos Elafonisos – Insel westlich des Kap Malea

*