Freunde sind das beste Ziel

Von Ibiza in den Norden Mallorcas war das kaum ein Umweg in die Bucht von Santa Ponşa. Hier lag nämlich die Wal mit ihrer Crew vor Anker. Die Wal ist ´ne hübsche Stahl-Ketsch. Hab Euch ja schon von ihr erzählt. Wir haben viel gemeinsam. Unsere Crews haben mal bei ihr, mal bei mir im Cockpit gehockt. Gesnackt und gelacht, dass die Wanten wackeln. Gegessen und getrunken und sich des Lebens gefreut. Mein Käpt´n und der Käpt´n von der Wal fachsimpeln besonders gern über Schiffsbaudinge. Is´ ja auch man gut so, schließlich brauchen Boote wie wir viel Zuwendung.

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Meine Steuerfrau hat erzählt, dass Katerchen Elmo, der seute Schietbüüdel, auf der Wal auf´m Lazy-Bag rumturnt. Was er da wohl macht? Katzen haben ja ´ne lange Tradition als Matrosen. Früher, als noch alle Schiffe unter Segeln oder Rudern fuhren, waren sie für die Verteidigung der Vorräte gegen Nagetiere zuständig. Ich glaub, da hat Katerchen Elmo auf der Wal ´nen leichteren Job. Kann mir nicht vorstellen, dass Steuerfrau Tatjana die Mäuse auf´m Tisch tanzen lässt.

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Dieses Jahr war es in der Hauptsaison recht ruhig auf der Größten der Balearen. So ´ne Pandemie hat ja man auch ihre Vorteile. Aber das Meer um Mallorca ´rum hat da nich´ viel von mitbekommen. War ganz schön schmuddelig. Sogar in den abgelegenen Buchten an der Tramuntanaküste, wo man vom Land her nich´ hinkommt, schwamm reichlich Unrat auf´m Wasser. Wo ich doch so stolz bin, dass ich meine Crew da hinbringen kann. Natürlich nur, wenn das Wetter es erlaubt. Denn bei steifer Brise von Nord is´ ankern vor der Steilküste nich´ ratsam. Aber dieses Jahr hatten wir Glück, und meine Steuerfrau konnte von der Bucht von Deiá aus direkt in die Berge wandern, in das Dörfchen mit gleichem Namen. Nur das Einkaufen hätte sie sich sparen können. Zwei Euro fuffzich für´n Kroasang is ja man wohl´n büsch´n düür.

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Könnte euch auch von der ein oder anderen Panne vertellen, aber da snack´ ich nich´so gern über. Fragt mal lieber meinen Käpt´n oder meine Steuerfrau. Port Pollenşa, wo wir über zwei Wochen vor Anker gelegen haben, ist jedenfalls bestens geeignet, wenn Reparaturen anfallen. Es ist ein sympathisches Küstenstädtchen im Nordosten Mallorcas, mit Eisenwarenhandel und Läden für nautischen Bedarf. ´Nen Waschsalon gibt das, ´ne Marina, wo man Wasser tanken kann und Lebensmittelgeschäfte, die vernünftige Preise haben. Und ´ne Post, wo man sich Ersatzteile hinschicken lassen kann. Aber vor allem wohnt Flatty hier auf seinem Boot. Die Gorg Blau liegt das ganze Jahr über an einer Boje in der weitläufigen Bucht.

Wir sind diesmal unter Segeln eingelaufen. Flatty kam uns schon entgegen. Hat uns mit seinem Beiboot beim Anker einfahren geholfen. Das ist echt ´ne Leistung, immerhin hat sein Außenborder nur zweieinhalb Pferdestärken. Und wie schwer ich bin, brauch ich Euch ja nich´ andauernd vertellen. Lobo, der lütte Jack Russel Terrier, der mit Flatty auf der Gorg Blau wohnt, hat das Manöver überwacht. Die Vorderpfötchen auf´m Dollbord, hat er über´n Bug vom Dinghi gelugt und eifrig gebellt. Noch so´n seutes Kerlchen! Er schwimmt doch glatt die fünfhundert Meter von der Gorg Blau bis an Land.

Meine Steuerfrau hätte ja auch gern ´nen Vierbeiner an Bord. Aber das steht noch in den Sternen, ob unser Käpt´n sich irgendwann überreden lassen wird…

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Glossar

Ketsch – Segelboot mit zwei Masten: Groß- und Besanmast. Der Besanmast ist der kleinere, und steht immer achterlicher (hinten).

Kroasang – Croissant

düür – teuer

seuter Schietbüüdel – Kosename für Babys (süßer Beutel voll Scheiße)

Lazy-Bag – beim Segelbergen fällt das Segel durch Leinen, die diagonal zwischen Mast und Baum gespannt sind (die Lazy-Jacks, oder Faulenzer) in den Lazy-Bag

snacken – reden, sich unterhalten

Wanten – seitliche Drähte, die den Mast stützen

vertellen –erzählen

Dinghi – Beiboot

Dollbord – der verstärkte, obere Rand eines offenen Bootes

seut – süß

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Menorca, wilde Schönheit

Gelassen gleite ich dahin. Leichte Dünung von Süd kräuselt die See. Schmale Buchten schmiegen sich versteckt hinter schroffen Felsen in die Küstenlinie. Von Pinienhainen behütet, die sich, den Blick aufs Meer gerichtet, an kargen Grund klammern. Der Wind bläht meine Segel, singt leise im Chor mit dem Tuch. Ein Sandstrand erstreckt sich am Ufer. Begleitet eine Weile meinen Kurs, durchbrochen von einer steilen Schlucht, die ins Inselinnere dringt. Einsam und klobig protzen zwei Hotels. Machtlos gegen die wilde Schönheit, die sie umgibt. Silbern sucht das Sonnenlicht unser´n Weg übers Meer, tänzelt voraus Richtung Isla del Aire.

Gestern hat mein Käpt´n meinen Rumpf geputzt. Oder, besser gesagt, mein Unterwasserschiff an Steuerbord. Hach, wie angenehm! Mit ´nem Plastikspachtel, das Atemgerät per Schlauch am Kompressor angeschlossen, hat er Seepocken und sonstigen Bewuchs in mühseliger Kleinarbeit abgeschabt. Backbord will er auch noch ran. Er meint, ich wär´ schon jetzt ´nen halben Knoten fixer. Aber eilig hat meine Crew es ja nicht.

Meine Steuerfrau studiert Wetterberichte. Meint, dass Starkwind kommen soll. Bis vierzig Knoten, oder mehr. Aus Nordost. Den wollten wir eigentlich in der Son Saura abwettern, der einsamen, weiten Bucht im Südwesten Menorcas, wo wir jetzt herkommen. Nich´ mal Hütte steht da. Aber nur ´ne stunde Fußmarsch entfernt liegt Son Catlar, eine Siedlung aus vorchristlicher Zeit. Da war meine Steuerfrau ganz begeistert von.

In der Son Saura jedenfalls wird wohl die nächsten Tage reichlich Welle reinrollen. Weil´s nicht nur vom Löwengolf her kachelt, sondern auch aus Richtung Gibraltar, die afrikanische Küste lang und hoch zu den Balearen. Also steife Brise aus Nordost, aber Schwell aus Süd. Ungemütlich. Seit drei Tagen schon liegt meine Crew achtern quer in der Koje. Is´ja man auch nich angenehm, wenn der Kopf beim Schlafen dauernd rückwärts nach unten sackt.

Aber nu´ sind wir ja auf´m Weg in die Cala Teulera. Die liegt gleich an Steuerbord, wenn man in den ausgedehnten Fjord reinfährt, der nach Mahón führt. Da hab ich Euch letztes Jahr schon von vertellt. Und von all den Seevölkern, die Menorca über die Jahrhunderte besiedelt haben. Phönizier, Griechen, Karthager, Römer und Vandalen. Mauren, Spanier, Briten und Franzosen. Heiß umkämpft war die Insel. Liegt sie doch mitten im westlichen Mittelmeer.

Sicher hat die Teulera schon Seeleute vieler Kulöör gesehen. Sie ist was ganz besonderes. In alle Himmelsrichtungen windgeschützt. Ihr südlicher Zugang ist von See her kaum auszumachen. Und an Nordwest führt ein schmaler Kanal zur Rückseite der Isla de la Cuarentena, also weiter Richtung Mahón. So was gibt das nich´oft. ´Ne versteckte, rundum sichere Bucht mit zwei Zufahrten. Allerdings ist viel Schlick am Grund. Kein Sand. Das is´ nich´so doll. Aber Flatty hat meiner Crew letztes Jahr ein paar Stellen gezeigt, wo der Anker sich gut einfahren lässt.

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Ich lieg´ vor Anker und schwoje vor mich hin. Mal zeigt mein Bug nach Nordost, mal nach Nord. Immer da hin, wo der Wind herkommt. Auf See würde ich jetzt Wind und Wellen trotzen. Aber meine Crew hat ein geschütztes Plätzchen für mich gesucht. Hach, ich werd´ doch man gerne betüdelt.

Niedrige Felsen umgeben mich. Der Himmel scheint nah und Wolken treiben über meine Mastspitze weg. Boten, die dem Wind vorauseilen. Zwei Türme, einst von den Engländern erbaut, blicken über dicht an dicht ankernde Segelboote. Dunkle Wächter im Morgenrot. Regen trommelt leise auf mein Bimini. Irgendwo klingelt ein Rigg. Hier und da geht Licht hinter den Luken an. Vom Nachbarboot zieht der Duft frisch gebackenen Brotes herüber. Ein Kormoran, den Kopf scheinbar gleichmütig gedreht, lässt sich treiben. In aller Ruhe. Schnellt unvermittelt in die Tiefe, den Schnabel voran. Wo ist er bloß geblieben? Weit entfernt taucht er auf. Reckt den Hals. Keine Beute diesmal.

Ein Schiffsmotor springt an. Backbord voraus slippt eine Alu-Sloop unter belgischer Flagge. Im Cockpit ein Paar. Er bleibt am Steuer. Sie huscht zum Vorschiff. Streckt den Arm, als wär´s ein Zeiger. Immer da hin, wo die Ankerkette unter Spannung steht. Das metallische Scheppern der Kette, die über den Bug gezogen wird und in den Ankerkasten fällt, durchbricht die Morgenstille. Bis der Anker mit einem schweren Rucken seinen Platz in der Bugrolle findet. Suchend schiebt die Sloop sich nun zwischen schaukelnden Booten hindurch. Flaggen tanzen wild. Französische, spanische, englische, deutsche. Auch eine tschechische. Zwei Möwen gleiten über den westlichen Wachtturm hinweg und lassen sich vom Aufwind davontragen. Der Aufbau einer Fähre, makellos weiß, schwebt hinter Festungsmauer von La Mola Richtung Mahón.

Unser Nachbar auf dem historischen Motorsegler aus Holz steht an der Reling. Hält die Kaffeetasse mit beiden Händen.

«Buenos días!», ruft meine Steuerfrau. «Wie viel Kette habt Ihr draußen?»

«Zwanzig Meter», antwortet er.

«Wir auch. Wenn der Wind zunimmt, geben wir fünf dazu.»

«Ja. Machen wir auch. Alles klar.»

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Mein Dinghi hat in Port Pollensa ´nen neuen Außenborder bekommen. Fünfzehn PS, Viertakter. Ich weiß nich´, ob ich das gut oder schlecht finden soll. Der alte Zweitakter von Yamaha war ja auch ganz OK. Hatte immerhin 5 PS. Allerdings musste mein Käpt´n dauernd den Vergaser putzen. Und ´nu is´ meine Crew öfter mal ganz schön lange weg. Vor allem hier, wo das so viel zu sehen gibt. Das Städtchen Es Castell, dass gegenüber von der Isla de la Cuarentena vor sich hin schlummert, obwohl sein malerischer kleiner Hafen von Lokalen und Souvenirläden bevölkert ist. Und natürlich Mahón, die Schöne auf dem Berg, weit hinten im Fjord.

Ich bin nicht gern allein, vor allem, wenn ich vor Anker liege. Das ist ja vielleicht verständlich. Aber ich gönne meiner Crew den Spaß.

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Glossar

Knoten – 1 Knoten=1 Seemeile/Stunde=1,852 km/h

fixer – schneller

Son, son – bedeutet im menorquinischen soviel wie „seine“, bzw. „jenes, was … gehört“

Löwengolf – auch Golfe du Lion. Erstreckt sich im Mittelmeer, zwischen dem spanischen Cap de Creus und der französischen Stadt Toulon.

achtern hinten, hinterer Bereich eines Bootes oder Schiffes

vertellt erzählt

Kulöör – hier: Herkunft, Hautfarbe, Nationalität

Isla de la Cuarentena – Quarantäneinsel

schwojen – sich um den Anker drehen, wobei der Bug sich in Windrichtung stellt und die Ankerkette sich spannt. Ist der Anker gut eingegraben, beschreibt der Schwojkreis einen Radius um den Anker herum, der der Länge der herausgelassenen Kette entspricht.

betüdeln – umsorgen

Bimini – Sonnenverdeck

Rigg der Mast und die Drähte (Wanten, Stage) und Leinen, die den Mast halten

slippen – Rutschen des Ankers auf dem Grund

Sloop, die – Segeloboot mit einem Mast

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Von Festmacherleinen und Erinnerungen

Was war das für ein Kuddelmuddel in Valencia. Erst drei Monate „confinamiento“, wie unsere spanischen Freunde sagen, „Verbannung“. Ihr wisst schon, wegen der Pandemie. Nicht mal „a las islas“ durfte man segeln, „zu den Inseln“. Das ist der Schnack in Valencia, wenn´s um die Balearen geht. Andere Inseln gibt´s ja auch nicht nah bei.

Ende Mai ist trotzdem meine Nachbarin, die Farfelu, in See gestochen. Richtung England, in ihren Heimathafen. Das ging ja. Nur an Land durfte ihre Crew nicht auf´ m Weg. Und Anfang Juni hat uns die Frida verlassen, der Katamaran mit den zwei seuten Miezekatzen. Ruckzuck waren die in Italien. Ende Juni dann, als das soweit war, dass man von Valencia aus auch wieder „zu den Inseln“ durfte, dachten meine Steuerfrau und ich, dass es nun los ginge. Aber Pustekuchen. Mein Käpt´n hatte einiges an mir rum gepusselt, das musste er ja nun zu Ende bringen. Und zwischendurch ist er sogar um mich rum getaucht und hat tagelang Bewuchs von meinem Rumpf gekratzt. Anemonen. Seepocken. Und so komische, röhrenförmige witte Dinger, die Behausungen von weißen Röhrenwürmern war´n das, glaub ich. Sogar meine kleine Bullenklöte war damit bewachsen, die sah aus, als hätte sie´n Bart. Hätte ich noch lange in der Marina gelegen, wär´ ich wohl zum Riff geworden.

Fast ´nen ganzen Monat war ich also noch im Hafen, nachdem der Ausnahmezustand in Spanien vorbei war. Zusammen mit der Wal. Die ist auch aus Stahl, so wie ich. Und ihr Käpt´n hat sie auch selbst gebaut. Cool, oder? Ach ja, und´n Vierbeiner hat sie neuerdings auch an Bord.´N lüttes Katerchen namens Elmo. Pechschwarz. Na, jedenfalls sind wir zwei Boote dann am gleichen Tag ausgelaufen. So Mitte Juli. Die Wal ist unter vollen Segeln nach Nordosten gerauscht, über die Columbretes nach Mallorca. Ich bin eher getuckert. Ostwärts. Achtzehn Stunden hab ich gebraucht für knapp achtzig Seemeilen. Gegen die Welle an. Und nur zeitweise n´büsch´n Wind in den Segeln. Aber meine Crew wollte so gern nochmal zu den Pitiusas. Seuter Name, ne? Den haben Ibiza und Formentera den alten Griechen zu verdanken, wegen der vielen Pinien, die dort zu vorchristlicher Zeit wuchsen.

Einige Tage habe ich in der Cala en Bassa gelegen, in der Bucht von San Antonio. Schön war´s dort, aber recht voll. Um die fünfzig Boote vor Anker. Und laut. Jeden Nachtmittag kamen Partycrews auf Motoryachten. Also sind wir rüber nach Formentera, in die Cala Saona an der Westküste. War nich´ wirklich viel ruhiger da. Aber so ´ne seute, lütte Insel is´ das! Das Meer hat mir geflüstert, dass ihr Name von den alten Römern kommt. „La frumentaria“. Denn das Land war hier einst fruchtbar und überall wurde Getreide angebaut. Doch der unterirdische See, der Süßwasser im Überfluss spendete, ist schon seit Jahrhunderten versiegt. Heute gibt das nicht mal mehr Quellen oder Brunnen, und die meisten Häuser haben eine Zisterne, in der das Regenwasser gesammelt wird.

Nun bin ich wieder auf der Größten der Pitiusas. Hach, ist das wunderbar hier! Könnte noch wochenlang vor mich hin träumen in dieser weitläufigen Bucht im Nordwesten von Ibiza. So ruhig ist die See zur Zeit, dass die Leute auf diesen komischen Brettern stehend ganz nah an den Klippen entlang rudern. Verborgene Strandfleckchen und winzige Höhlen erkunden. Häuser sieht man kaum. Die meisten liegen im Pinienwald versteckt, der die sanften, felsigen Hügel überzieht. Nur schade, dass so ein Riesenklotz hochgezogen wird, da wo man rum fährt Richtung Nordost. Fügt sich zum Glück ganz gut in die Landschaft.

Bei Ostsüdost zeigt mein Bug genau auf die kuschelige Cala Xuclá, mit den kleinen Bootsschuppen aus verwittertem Holz. Da kann mein Käpt´n gut festmachen, wenn er meine Ruthie an Land bringt. Vor paar Tagen hat sie Grünzeug und Brot in Portinatx eingeholt, ´ne halbe Stunde Fußmarsch von hier. Und vorgestern ist sie morgens einfach losgetrampt, von der Cala Xarraca aus. im südwestlichen Winkel unserer Ankerbucht.

„Mal sehen wer anhält, und wo die Leute so hinfahren…“, hat sie gemeint.

Autos sind ja man doch´n büsch´n fixer als ich das bin, das weiß ich wohl. Wenn Wind und Welle stimmen, mach ich so fünf bis sieben Knoten die Stunde. Fünf Knoten sind um die neun Kilometer. Nach Santa Eulalia zum Beispiel, auf der anderen Seite Ibizas, würde ich von hier aus etwa vier Stunden brauchen. Aber bei dem Ostwind, der gerade weht, kommt Ankern da sowieso nich´ in die Tüte. Viel zu kabbelige See.

Na, jedenfalls hat meine Ruthie ´nen ausgiebigen Landausflug gemacht. Beim ersten Lift haben sie drei Mädels aus Valencia mitgenommen, die hier Urlaub machen. Dann ein Israeli. Schulterlange, lockige, schon ein bisschen graue Haare hatte er. Und so Surferklamotten an. Seit achtzehn Jahren lebt er auf der Insel. Konnte kaum Spanisch. Aber Englisch. An der Abzweigung zu seinem Haus, ein paar Kilometer vor Santa Eulalia, kam zufällig gerade ein Freund von ihm langsam angefahren. Hebräisch haben sie geschnackt.

„Du kannst umsteigen!“, hat er dann gesagt. „Mein Freund nimmt dich mit bis Santa Eulalia.“

Das hat sich meine Steuerfrau nicht zweimal sagen lassen.

„Wie sagt man Danke auf hebräisch“, hat sie noch gefragt.

„Todah.“

Da fiel es ihr wieder ein.

„Todah Rah Ba!“ Vielen Dank.

Vor über vierzig Jahren war sie nämlich mal in Israel gewesen. In Jerusalem, mit seiner verwinkelten Altstadt, die Besucher schnell in die Irre führt. In der Wüste, mit dem Sinaigebirge am Horizont. Orangerot schimmernd im Licht der versinkenden Sonne, die noch im Abtauchen das nahe Meer beim Namen nennt.

Nach ´ner Runde über den Hippiemarkt an der Punta Arabí und durch Santa Eulalia, ging´s auf den Rückweg. Tomaten, Yoghurt, Schokolade, Brot und ein Geschenk für´s frisch gebackene Enkelinchen im Rucksack. Also wieder Daumen raus. In den meisten Autos saßen Touristen, Pärchen oder Gruppen junger Männer. Hat ´ne Weile gedauert, bis eine Deutsche, die mal auf Ibiza gelebt hat, anhielt. Auf dem Rücksitz ihre lütte Tochter, die zum Gruß stolz ihre frisch lackierten, roten Fingernägel vorzeigte.

Bis zur Straße nach St. Joan war´s nich´ weit. Dort hat bald ein Opa seinen rumpeligen Kastenwagen an den Straßenrand gelenkt. Den Beifahrersitz so vollgepackt mit Tüdelkram, dass gar kein Platz zum Sitzen war.

„Ich fahr nur drei Kilometer. Kannst ja aber mit zu mir kommen, in meinem Haus leben!“

Meine Ruthie hat gelacht.

„Danke, aber ich bin schon verheiratet“, hat sie gesagt.

„Schade. Aber ich fahr später nochmal die gleiche Strecke. Wenn Du dann noch hier stehst, bring ich Dich bis Portinatx,“ meinte der Alte fröhlich und zuckelte weiter.

Kaum Autos kamen dann vorbei. Doch nach nicht allzu langer Zeit bremste ein Rothaariger mit ´nem Dreitagebart. War vielleicht so Mitte vierzig und hatte ´n Schnack wie die Leute am Rio de la Plata, im Süden von Südamerika.

„Bist du aus Uruguay oder aus Argentinien?“, hat meine Steuerfrau ihn gefragt.

„Hab die ersten drei Jahres meines Lebens in Uruguay gelebt. Dann in Argentinien, in Buenos Aires“, erzählte er.

Wieder ein Lift, der Erinnerungen brachte. An den Rio de la Plata, dessen schlammbraune Fluten sich bis an den Horizont erstrecken. Von Montevideo am Nordufer ist Buenos Aires im Süden nur zu erahnen. An eine Kalebasse mit Matetee, die von Hand zu Hand gereicht wird. An den Dreikönigstag im Stadtteil Palermo und die Comparsa von Isla de Flores. An kräftige schwarze Männer, die auf ihren Congas trommeln, bis die Hände bluten. An die Nachbarn, die ihnen den Rhythmus stampfend folgen. Straßauf, straßab. Stundenlang.

Ein paar Weggabelungen weiter hat´s keine zwei Minuten hat´s gedauert und meine Ruthie hockte neben einer Frau um die fünfzig in einem Kastenwagen. Sie sprach gut Spanisch, war aber wohl Engländerin oder so. Das Wageninnere war staubig, als führe sie gern mit offenen Fenstern über Sandwege. Sie hatte Erfahrung mit dem Trampen, denn sie wusste: jeder Lift ist gut. Egal wie kurz.

Zu guter Letzt ist dann tatsächlich eine junge Spanierin ganz bis Portinatx gefahren. Silvia hieß sie. War sehr schlank, sehr hübsch, hatte sehr kurze Haare und trug einen raffinierten, knielangen Häkelrock und ein Top, welches das kunstvolle Blumentattoo auf ihrem Rücken zur Geltung brachte. Hat vor einigen Jahren auf Formentera gelebt. Gedacht, Ibiza sei nur Party. War dann ein paar Monate hier, ist geblieben und liebt es, im Sommer Kayak zu fahren und im Winter in den Bergen zu wandern. Als meine Ruthie dem davonfahrenden Auto hinterherwinkte kam ihr in den Sinn, dass Silvia uns ja mal mit ihrem Kayak besuchen könnte. Doch sie hatte sie nicht eingeladen.

Aber das ist doch ganz eins. Als Segelboot weiß ich, wie gut es tut, sich dem Fluss der Dinge zu überlassen. Pläne und Verpflichtungen sind wie Festmacherleinen. Sie geben Sicherheit. Doch im Sturm können sie reißen. Frei und unter Segeln aber ist der Wind mein Gefährte. Manchmal lässt er auf sich warten. Dann wieder ist er wechselhaft. Oder er übertreibt es gehörig. Aber zuweilen weht er munter und stetig, und ich gleite glücklich übers Meer. Vielleicht dorthin, wo er will. Vielleicht dorthin, wo ich will. Gut oder schlecht, wer weiß das schon. Ich bin eine Erinnerungssammlerin. Erinnerungen sind kostbarer als jeder Piratenschatz.

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Glossar

Kuddelmuddel – Durcheinander, Hin und Her

rum pusseln – basteln

witt- weiß

Bullenklöte – ballförmiger Fender. Dient beim Anlegen im Hafen als Rammschutz.

Schnack – Sprache, Dialekt, Redensart

Farfelu- Segelyacht unter englischer Flagge

Frida – Katamaran unter deutscher Flagge

Wal – Stahlketch (Segelyacht aus Stahl mit zwei Masten) unter deutscher Flagge

Columbretes – Inselgruppe 30 Seemeilen östlich von Castellón

´n büsch´n – ein bisschen

seut – süß

lütt – klein

einholen – einkaufen

der Lift – das Wegstück, dass man beim Trampen mitgenommen wird

kabbelig – unruhig

schnacken – reden

Tüdelkram – Zeug, Krimskrams

Palermo – Stadtteil von Montevideo

Comparsa – Trommelgruppe

Isla de Flores – Straße im Stadtteil Palermo

das ist doch ganz eins – das macht doch gar nichts

Hafenmonolog

Das ist ja wohl ´n Ding! Nu is schon Mai, und die Marina war wochenlang wie ausgestorben. Natürlich ist das ein oder andere Boot bewohnt, doch niemand sticht in See.  Das Meer hat mir geflüstert, dass nur noch Küstenwache und Fischerboote unterwegs waren. Kein Segelboot weit und breit. Die Möwen war´n wohl froh. Die hatten die Strände für sich.  Nicht mal Angler haben sich an den Ufern getummelt. Nur hier und da ein Obdachloser, der sich im Schutz eines Strandrestaurants eingerichtet hatte, aber nie lange blieb. Erst heute war ´n zum ersten Mal wieder Lüd am Strand spazieren. Früh am Morgen. Und abends, als es duster wurde.

Dann hatten wir hier in Spanien auch reichlich Schietwedder. Ganz anders als in Deutschland.  Sogar weit im Norden, in Hamburg, wo sie alle mit ´m Regenschirm inner Hand zur Welt kommen, war das wohl viel schöner.  Wenigstens kann meine Crew nu auch bei Regen in meinem Cockpit sitzen. Die zwei haben nämlich fleißig genäht. Echt elegant, was dabei rausgekommen ist. So ein schönes Grau! Jeder sagt, dass es gut zu mir passt. Und ich bekomm ja gerne Komplimente. 

Ohne meine Nachbarinnen wär´ das trotzdem echt dröge hier im Hafen.  Aber die Frida, die Wal und die Farfelu muntern mich immer wieder auf. Und Karla und Lilli, die sööten Miezen von der Frida, die auf´m Steg rumtapsen. Schade nur,  dass unsere Crews gar nicht mehr gemütlich auf  einem von uns Booten zusammenhocken. Und auch beim Klönschnack auf´m Steg immer auf Abstand bleiben.

Meine Crew meint, dass ist wegen der Pandemie. Corona heißt die. Deshalb kann ich nicht aus´m Hafen. Das is´ja wohl Schiet an Boom. Ahn das mal, dass sowas passiert!

Aber irgendwie kapier´ ich das nicht ganz … So ´ne Pandemie ist überall? Sie breitet sich aus wie ein Lauffeuer? Sie kann töten?

Also, ich bin vielleicht ´ne Kodderschnut, doch jetzt ma Butter bei die Fische!

Manchmal schwappt der Schwell mir Trauer an den Rumpf. Über all die Menschen, die Kurs auf Europa dem Hunger von der Schneide springen wollen. Über die im Meer versunkenen Tränen. Über die verschollenen Träume der Ertrunkenen.

Er ist überall. Er breitet sich aus wie ein Lauffeuer. Er tötet. Ist Hunger eine Pandemie?

Manchmal schlägt das Meer mir Wut vor den Bug. Über all den Schiet, der so  herumtreibt. Über grenzenlose Massen von Unrat,  die in die Tiefsee absinken und sich dort zu Gebirgen auftürmen.  Über den qualvollen Tod, den so viele Meereswesen sterben. Den Bauch voll Plastik oder das Gefieder von Schweröl durchtränkt.

Er ist überall. Er breitet sich aus wie ein Lauffeuer. Er tötet. Ist Müll eine Pandemie?

Mein Käpt´n meint, ich soll mir nicht so´n Kopp machen. Is wohl wahr, ich dümpel einfach schon zu lange vor mich hin.  Auch wenn ich als Segelyacht das Warten ja gewohnt bin. Auf günstigen Wind… Auf besseres Wetter…  Wenigstens hat meine Steuerfrau versprochen, mir ´n Yellow Jack zu besorgen. Nur für alle Fälle. Obwohl… Das kann noch dauern hier.  Frühestens Mitte Juni wird das wohl was mit „Leinen los“. Dann is aber wirklich bald ma daddeldu.  Ich will Wind umme Schnut!

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Lüd –Leute

duster – dunkel

Schietwedder –  Mistwetter

dröge – langweilig

sööt – süß

das is´ja wohl Schiet an Boom – das ist gelaufen und nicht mehr zu ändern

Kodderschnut  – jemand mit frechem Mundwerk

jetzt ma Butter bei die Fische – aber jetzt rede ich Klartext/komme ich zum Punkt

Yellow Jack – Gelbe Flagge. „Q“ (Quebec) im internationalen Flaggenalphabet. Bedeutet in Kombination mit dem 1. Hilfsstander (blauer Wimpel mit gelben Rändern):    „Ich brauche Gesundheitsabfertigung.“

Wind umme Schnut – Wind um die Nase (Schnut – Mund)

Kopp – Kopf

nu is aber bald ma daddeldu – jetzt reicht es aber bald mal

Ein Balearensommer

Kaum zu glauben! Schon wieder schaukele ich mich in den Winterschlaf. Dabei war ich nur etwas über zwei Monate auf Törn. Kann ja verstehen, dass meine Crew nicht einfach zu den Kanaren weiterrauschen wollte. Und dann, wenn die Hurricanesaison vorbei ist, vielleicht in die Karibik. Sind ja nautisch betrachtet Grünschnäbel. Außerdem ist noch einiges an mir zu tun. Wasserleitungen, Bad, Holzarbeiten, Elektrik… und natürlich Instandhaltung. Ach, und achtern, unter der großen Koje, wartet immer noch der Bausatz für den Wassermacher. Deshalb liege ich nun in der Marina von Valencia. Und erst im nächsten Frühjahr geht es wieder in die Ferne. Nach Griechenland vielleicht…

Einen Windgenerator hab ich ja nun. So ein Chinateil für 120 Euro. Hatte mein Käpt´n auf dem Biolandhof von Freunden an den fahrbaren Hühnerställen gesehen. An meinem Geräteträger installiert funktionierte er aber nicht.  Also nochmal ab das Ganze. Echt Möwenschiet! Das Innenleben fiel meinem Käpt´n in Einzelteilen entgegen. Was man gut, dass er so ein pfiffiger Bordingenieur ist! Das Ding quietscht zwar immer noch, aber bei Starkwind bringt es Strom zuwege und wird sogar leiser.

Seit Mitte August haben wir uns auf den Balearen rumgetrieben. Die meiste Zeit in Buchten von Menorca und Mallorca. In einem Hafen waren wir nur Anfang September. In Mahon, während der Fiestas. Ich hab ja noch nie ein Pferd gesehen, aber meine Crew war begeistert von dem Spektakel. Hundertundachtzig Pferde sind zwei Tage lang mit ihren Reitern durch die Altstadt oben auf dem Berg defiliert! Und danach, am Tag des Schutzpatrons, wurde hier unten im Hafen an jeder Ecke Musik gemacht und getanzt.

Die Fiestas vergingen, die erste Gota Fría dieses Jahres kam. Und wir blieben im Hafen von Mahon. Diente die kilometerlang gestreckte Bucht doch schon Karthagern, Römern, Briten, Mauren und natürlich Spaniern als sicherer Schlupfwinkel. Das hat mir nicht nur das Meer geflüstert. Auch die alten Festungsanlagen und Kolonialhäuser, auf verstreuten Inseln oder am geschwungenen Ufer gelegen, erinnern an eine bewegte Vergangenheit.

In der Zufahrt des fjordartigen Naturhafens, gleich an Steuerbord, liegt die Cala Teulera. Die einzige Bucht Menorcas, die in alle Himmelsrichtungen windgeschützt ist. Nach zwölf Stunden Navigation ohne Autopilot kamen wir hier eines Nachmittags an. Doch egal, wo mein Anker fiel, er slippte über den Grund und wollte sich einfach nicht eingraben. Als die Sonne gerade hinter dem Horizont verschwand, kam der Käpt´n von der Gorg Blau rüber gerudert.  Er kannte die guten Stellen. Nur dass meine Ankerwinsch plötzlich keinen Mucks mehr sich gab. Was man gut, dass er mit Hand angelegt hat beim Kette runterlassen.

Auf Menorca liegt auch die Lieblingsbucht meiner Steuerfrau, die Cala Macarella. Sogar Bergziegen gibt es dort. Eine hat ganz schön Radau gemacht, die ganze Nacht. Hockte in einer Höhle an der Steilküste und traute sich weder vor noch zurück. Aber ein Grüppchen Segler hat ihr geholfen. Meine Crew, eine junge französische Tierärztin…  Und in meinem Dinghi haben sie die Ziege an Land gebracht!

Die  steifen, launischen Herbstwinde, die mal aus Südwest bliesen, dann aus Nordost, mal aus West, dann wieder aus Süd, haben uns weitergetrieben. In die Cala des Degollador, am Hafeneingang von Ciutadella, direkt beim Fähranleger. Was für eine Waschmaschine! Ruhig schlafen konnte meine Crew dort selten. Aber eine neue Freundin hab ich gefunden, die Juliane! Sie ist eine Stahlketch, fast so lang wie ich und vierzig Jahre alt. Mal war meine Crew bei ihr, dann war ihre Crew bei mir. Das war ein munteres Hin und Her. Geschnackt wurde ausgiebig. Und natürlich gegessen und getrunken. Erst in Menorcas Gewässern, bei Ciutadella. Dann vor Mallorca, in der Bucht von Pollensa.

Ende September kam auch die Gorg Blau mit ihrer Crew in Port Pollensa eingetrudelt, um den Winter im Schutz der Serra de Tramuntana zu verbringen. Und Anfang Oktober ist die Juliane dann in die Karibik aufgebrochen. Da wären mein Käpt´n und meine Steuerfrau wohl gern hinterher… Aber auch Formentera, wo wir dann über Nacht hingesegelt sind, war ein kleines Paradies. Und von dort waren es nur zwei, drei Segelstunden an die Südküste Ibizas, sodass bei jedem Wind ein geschütztes Eckchen nah bei lag.

Mir macht es ja nichts aus, wenn die See rau und die Brise steif ist. Ganz im Gegenteil! Mit ein büsch´n Wetter komm ich erst richtig in Fahrt. Aber Menschen brauchen eben öfter mal ´ne Mütze Schlaf. Meine Crew segelt trotzdem gerne nachts. Auch wenn andere Schiffe dann nur an ihren Positionslichtern zu erkennen sind. Oder auf meinem Kartenplotter. Deshalb hab ich auch Radar. So sind selbst die Schiffe auf dem Bildschirm zu sehen, die kein AIS-Signal aussenden. 

Jedenfalls fühl ich mich bannig wohl auf See. Ich mag es, wenn mein Motor verstummt und nur noch der Wind in meinen Segeln singt. Wenn meine Steuerfrau dem Seefunk lauscht und mein Käpt´n im Cockpit Ausschau hält. Es gefällt mir, dass der Wind meine Reisen plant. Auch wenn es nicht leicht ist,  mit seinen Launen zu leben. Manchmal macht er sich rar. Tagelang. Dann wieder ist er unentschlossen. Weht mal hierhin, mal dorthin. Mal stärker, mal schwächer, mal kaum. Oder er wütet. Peitscht hastig hohe Wellen auf. Dicht an dicht. An guten Tagen erhebt er sich frisch und stetig, sodass die See sich locker kräuselt. Erwische ich ihn dann im rechten Moment, bringt er mich auf Kurs und ich gleite leise über die glatte See. Manchmal sogar bis ans Ziel. Deshalb liebe ich den Wind. Auch wenn meine Crew ihn manchmal fürchtet.

Ach, hoffentlich ist bald wieder Frühling.

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Menorca: Die nördlichste Insel der Balearen ist Unesco Weltnaturerbe. Ein Wanderweg, der Cami des Cavalls (Pferdeweg), führt an der Küste entlang und umrundet sie.

Mallorca: Die größte Insel der Balearen.

Mahon: Hauptstadt von Menorca, im äußersten Osten der Insel gelegen.

Fiestas: meint im Spanischen ein alljährliches Stadt- oder Dorffest, meist nach dem Namen ein eines Schutzheiligen benannt. Die  Fiestas de la Mare de Deu de Grácia (Stadtfest der Mutter Gottes ihrer Gnade) von Mahon finden am ersten Wochenende im September statt.

Gota Fría („Kalter Tropfen“): Wetterphänomen, das auftritt, wenn eine Höhenkaltfront (Abkühlung nur in höheren Luftschichten) auf vom Meer aufgewärmte Luftmassen trifft. Geht einher mit Starkregen, Sturm, Gewitter und Hagelschauern. Teilweise auch mit Wind-oder Wasserhosen. Die Gota Fría bildet sich  meist im Herbst. Da es sich um ein tropensturm-ähnliches Sturmtief handelt, wird sie im spanischen Mittelmeerraum auch Medicane (von „Mediterranean Hurricane“) genannt, was allerdings verwirrend ist, da ein Medicanenicht Stärke und Dauer eines Hurricanes oder Zyklons erreicht und durch andere meteorologische Prozesse gekennzeichnet ist als ein Tropensturm.

Hafen von Mahon: Nach Sydney der zweitgrößte Naturhafen der Erde.

Cala Teulera: Teulera Bucht

Gorg Blau: https://flattysystempirat.blogspot.com/

Cala Macarella: Macarella Bucht, an der Südküste Menorcas gelegen.

Dinghi: im Deutschen Sammelbegriff für das Beiboot eines größen Bootes oder Schiffes. Meist ein Schlauchboot mit Außenbordmotor und Rudern.

Ciutadella: Hafenstadt von Menorca, im äußersten Westen der Insel gelegen.

Cala des Degollador: Bucht des Scharfrichters (oder „Schlachters“)

Juliane: http://krummewege.de/index.html

Stahlketch: Eine Ketch ist ein Segelboot mit zwei Masten, dem Großmast und dem achterlichen, kürzeren Besanmast.

schnacken: reden, sich unterhalten

Pollensa/Port Pollensa: Kleinstädte im Nordwesten Mallorcas. Während Pollensa landeinwärts in den Ausläufern der Serra de Tramuntana liegt, hat Port Pollensa Zugang zum Meer sowie einen Sportboothafen. In der kilometerbreiten, geschützten Bahia de Pollensa (Bucht von Pollensa) ist Ankern erlaubt.

Serra de Tramuntana: Gebirgszug im Nordwesten Mallorcas

AIS-Signal: Automatic Identifiaction System. Sendet im UKW-Seefunkbereich Information zu Schiffen (Name, Länge, Breite, Schiffsart, etc.) sowie deren Navigationsdaten (Position, Kursrichtung, Geschwindigkeit, Ziel, etc.) um den Schiffsverkehr zu lenken und die Sicherheit in der Seeschifffahrt zu verbessern.

bannig: sehr, viel

.

Wind umme Schnut tut gut

«Na, denn man tau! Wurde aber auch Zeit!»

Nicht dass ich muksch wär´. Aber ich hab schon befürchtet, dass meine Steuerfrau gar nicht mehr über mich schreibt! Ansonsten betüdelt sie mich ja schon. Am liebsten mag ich es, wenn sie Rost wegmacht. Rost ist echt Möwenschiet, da hab ich bannig Schiss vor. Mein Deck, zum Beispiel, war nur mit Grundierung gestrichen, als wir in Südfrankreich losgesegelt sind. Ich könnt Euch sicher vorstellen, wie das nach zwei Wochen auf See ausgesehen hat! Habe mich den ganzen Törn über gefragt, wann ich endlich ´nen anständigen Decksanstrich bekomme. Im Mai war das. Wir hatten öfters mal ´ne steife Brise, und auch Regen.  Erst im Ebro Delta wurde es schön… das Meer hatte schon über zwanzig Grad!  Meine Crew war so  heiß drauf, meine Badeplattform einzuweihen, dass sie vor´m ersten Köpper beinah vergessen hätten, die Badeleiter runterzulassen!

In Castellón, im Real Club Nautico, hab ich dann ganz alleine am Mövensteg gelegen. Lolín, die gute Seele vom Hafenbüro, meinte der heißt so, weil die Möwen dort in aller Ruhe die Wasserhähne aufdrehen und sich satttrinken. Ob das wohl Seemannsgarn ist? Schließlich tropft der Haupthahn unablässig. Da müssen die armen Vögel sich doch nicht so abmühen.  Aber Möwen hin, Wasserhähne her, meine Crew ist tagelang auf den Knien rumgerutscht und hat mein Deck und meinen Decksaufbau geschmirgelt. Sogar Freunde aus Valencia sind gekommen und haben geholfen. War das ein Genuss! Meine Ruthie hat allerdings mal wieder reichlich geflucht, was von „schlimmer als Windpocken“ gemurmelt, und dass sie auch gern mal so ausgiebig den Rücken gekrault bekäme.

Von Castellón ging es dann im Juni in den Hafen von Burriana. Glaube, die Liegeplätze sind dort recht günstig. Mag ihn aber nicht besonders. Im Nu ist mir ein Rauschebart am Rumpf gewachsen! Gespickt mit Seepocken. Ne, das is´ nix. So komm´ ich ja gar nicht mehr in die Puschen! Und Lütengs gibt es in Burriana auch! Mein Käpt´n hat mal wieder dauernd irgendwas gesucht. Werkzeug, Schrauben, Pinsel, Holzteile, Kabelschuhe… Ob meine Steuerfrau sich wohl auch mit den lästigen Wichteln rumärgern musste? Sie war wochenlang bei ihrer Freundin Ale auf einer alten Orangenfarm. Nur ab und an hat sie fertig genähte Polster oder lackierte Holzteile gebracht. Und kistenweise süße Sommerorangen, die sie am Steg verteilt hat. Karissa, der Skipper aus Kenia, hat sich darüber besonders gefreut.

Jetzt ist es fast Mitte September. Seit einem Monat bin ich auf Törn. Endlich ein Fahrtensegler. Im Frühjahr, als ich aus Südfrankreich kam, war ich sozusagen noch ein Frachtschiff. Achtern voll mit Holz- und PVC-Platten, Arbeitsmaschinen, Werkzeug, Farbpötten und was nich´ noch allens. Aber nu hab ich im Heck sogar ´ne richtig gemütliche Käptn´s Suite.  Gebe ja zu, dass noch einiges an mir zu tun ist. Aber ich finde, ich bin schon ganz passabel. Jedenfalls bekomme ich viele Komplimente. Und weil ich so einen seefesten  Eindruck mache, wird oft gefragt, ob meine Crew mit mir um die Welt segeln will.

„Keine Ahnung…“, sagen die beiden dann. „Mal sehen…“

Das gefällt mir. Wo ich bin, ist mir eigentlich egal. Hauptsache, Meer um mich rum. Wenn ich auf den Wellen tanze und der Horizont mich kreisrund umgibt, der Himmel hoch und die Wolken weit, fühle ich mich unendlich klein. So klein, wie ich eben bin.

Wenn ich hart am Wind segele, in die eine und dann wieder in die andere Richtung kreuze, und trotzdem meinem Ziel kaum näher komme, übe ich mich in Geduld und langem Atem. Und wenn ich dann manchmal einen anderen Ort anlaufe, als geplant, nehm ich´s gelassen. Die Sonne geht überall wieder auf.

Wenn der Wind an einem Tag wütet und die See sich kreuzweise türmt, ich herumgeschleudert werde und es hilflos mit mir geschehen lasse,  spüre ich später, vielleicht  im Schutz einer verborgenen Bucht, tiefen Frieden. Und bin am nächsten Tag umso zuversichtlicher, wenn eine frische Brise meine Segel strafft und ich geradewegs ans Ziel fliege.  Über die leicht bewegte See, leise und schnell wie der Wind. 

Wenn die Sonne Sternschnuppen ins Meer wirft, verschwenderisch funkelnd und überschäumend, bin ich wunschlos glücklich.

Wind umme Schnut tut gut.

*

*

denn man tau: dann mal los

muksch: verärgert, eingeschnappt

betüdeln: sich liebevoll um jmd. kümmern

bannig Schiss: sehr viel Angst

Real Club Nautico: Häufige Bezeichnung im Spanischen für Segelvereine, die eine Sportboothafenanlage verwalten  („Königlicher Nautischer Verein“)

in die Puschen kommen: sich in Bewegung setzen (auch im Sinne von „Fahrt aufnehmen“)

Lütengs: französisch für „Zwerg“, „Wichtel“, „Kobold“

(s.a. Beitrag „An einem Morgen im Dezember“)

nu: jetzt

hart am Wind segeln: im 30 Grad-Winkel zur Windrichtung segeln.

kreuzweise: Kreuzsee

umme Schnut: um den Mund (bzw. im Gesicht)

Winterschlaf vorbei, Mittelmeer ahoi!

«Lobsty?»

«Mhmmm?»

«Alles klar soweit?»

«Mhmmm?»

«Aufwachen!»

Ach, gemütlich ist es hier im Hafen. Weiß gar nicht, wie lange ich schon so vor mich hin schaukele. Hab ich nur geträumt? Vom Wintermond, der sich im stillen Hafenwasser spiegelt. Von den Minikatamaranen, die an manchen Wochentagen in der  Morgensonne an mir vorübergleiten. Eifrige Schulkinder an Bord, die ihre in okzitanischen Farben leuchtenden Segel trimmen. Von immer wiederkehrenden Stürmen, die mich durchschütteln und mich in Schieflage an den Pier schieben, sodass ich meine Fender plattdrücke wie Flundern. Von meinem Käpt´n, der bei Starkwind unter Deck ´rumwieselt, an meiner Bordelektronik tüftelt, Schränke baut, Dinge von hier nach dort und dann doch wieder woanders hin räumt und dabei immer wieder über die lästigen Lütengs schimpft. Von der südfranzösischen Frühjahrssonne, die über mein Deck streicht und es wärmt. Von Alastair, dem Riggbauer; der meine Wanten nochmal prüft und nachspannt. Und von François, dem Segelmacher, der zweimal mit einer voll bepackten Sackkarre den langen Weg vom Parkplatz über den Steg kommt um ebenso geschickt wie zufrieden Groß, Genua und Sturmsegel einzuziehen.

Ich glaube, ich war eine ganze Weile mit meinem Käpt´n allein. Ob er wohl gemerkt hat, dass ich irgendwann genüsslich weggedöst bin?

«Lobsty!!»

War das nicht die Stimme von meiner Steuerfrau?

«Lobsty!! Es geht los!»

Ein Zittern durchläuft meinen Rumpf, als mein Motor anspringt.

«Wie, es geht los?»

Ich weiß gar nicht, wie mir geschieht. Doch das tiefe, satte Brummen meines Mercedes OM 314 rüttelt mich wohlwollend  aus meinem Winterschlaf. Und da ist Besuch in meinem Cockpit! Es ist unser Freund Quim aus Girona. Er hat vor ein paar Monaten geholfen, mein Unterwasserschiff zu streichen.

«Also, alles klar soweit? Tanks sind voll mit Wasser und Diesel. Proviant ist verstaut. Alle Luken dicht. Seeventile auch…». Die Stimme meiner Ruthie klingt aufgeregt.

«Leinen los!», ruft  mein Käpt´n.

Quim holt die Leine am Bug ein, meine Steuerfrau ist achtern zugange.

«Leinen sind los!», ruft sie. «Auf nach Valencia!»

Mein Steuerrad dreht sich gemächlich unter der Hand meines Käpt´ns und langsam gleite ich aus dem Hafen von Cap d´Agde. Mein Motor läuft ruhig und zufrieden. Er musste es Mitte der 2000er eine Zeitlang als Notstromaggregat in einem Panzer aushalten. Aber nun ist er marinisiert und hat eine friedliche Zukunft vor sich. Er wird mich voran bringen, wenn der Wind zu schwach ist oder sich mir und meiner Crew entgegenstellt. Auch zum manövrieren im Hafen brauchen wir ihn.

Der Umriss der Hafenausfahrt zeichnet sich vorm rötlich leuchtenden Horizont ab. Die Segel, noch eingerollt, recken sich in den heller werdenden Himmel. Heute ist ihr Tag! Der Wind steht günstig für unseren Kurs und wird kräftig blasen. Bin mal gespannt, wie das wird… bin ja schließlich ganz schön schwer… wer weiß, ob ich unter Segeln überhaupt anständig Fahrt aufnehmen kann…

*

Welch ein Genuss!

Ich gleite durch ein dunkelblaues Meer, auf dem überall aufgewühlte Schaumkrönchen tanzen. Über dem weit entfernten Küstenstreifen schweben schneebedeckte Gipfel im lichtblauen Himmel. Als trüge der Tramuntana die Berge in unfassbare Höhen, um daran zu erinnern, dass es keine Tugend ist, hoch hinaus zu wollen. Als würden die Pyrenäen zur Fata Morgana angesichts der rauen Freiheit des Meeres, in dessen Weite es keine vorgezeichneten Wege gibt und unsere Spuren ebenso schnell auftauchen wie sie von den sich kräuselnden Wellen verschluckt werden. Mein Herz wird leicht angesichts dieser unbezwingbaren Schönheit der Natur, die die Menschen all ihrer Ignoranz zum Trotz immer wieder reich beschenkt.

*

Vor einer Weile hat meine Crew das Großsegel eingeholt. Die Genua steht weit offen und der Wind, nun achterlicher als querab, bläst sie bauchig. Ruhig und sicher durchfurche ich die See. Meine Steuerfrau schaut immer wieder auf die Anzeigen. Und stellt verwundert fest, dass ich ganz schön flott bin. Jubelt, wenn ich bei so mancher Bö auf über acht Knoten komme. Ach, bin ich glücklich! Meine Ruthie ist zufrieden mit mir. Und mein Käpt´n erst recht. Das hab ich mir so gewünscht! Und Quim scheine ich auch zu gefallen.

Am Abend werfen wir den Anker in der Bucht von Collioure. Hier, am Fuß der Pyrenäen, nahe der spanischen Grenze, bekomme ich allmählich das Gefühl, dass die Reise beginnt.

Costa Brava mit den Pyrenäen im Hintergrund
Collioure/ Département Pyrénées-Orientales/ Okzitanien

Glossar

die Genua – großes Vorsegel, auch Fock genannt

die Sturmfock – kleines Vorsegel aus kräftigem Tuch, dessen Form trotz geringerer Fläche ein Vorankommen bei Sturm möglich macht

marinisieren – einen Motor mit einem Meerwasserkühlungssystem versehen

der Tramuntana – Nordwestwind, der in Katalonien von den Pyrenäen her weht

das Seeventil – Absperrvorrichtung am Schiffsrumpf, die dem kontrollierten Wassereinlass durch die Bordwand dient (Toilettenspülung, Motorkühlung, etc.)

Wind, achterlicher als querab – Wind, der seitlich und vom hinteren Teil des Bootes her in die Segel einfällt

1 Knoten = 1 Seemeile/Stunde = 1852 m/ Stunde (8 Knoten = 8 Seemeilen /h = 14,816 km /h)

der Lüteng – s. vorherigen Beitrag („An einem Morgen im Dezember“)

An einem Morgen im Dezember

«Aaaaaah! Ooohja!»

«Lobsty?»

Es ist soweit! Tut das gut!

Unendlich langsam taucht mein Kiel in den Fluss. Es ist der 10. Dezember. Das Wasser ist kalt. Herrlich! Habe fast zwei Tage im Kran gehangen und ganz nah am Ufer der Herault gestanden. Mein Käpt´n hat von früh bis spät gewerkelt. Ankerwinsch. Bugstrahlruder. Elektrik. Motor. Steuerung. Und was weiß ich noch alles. Und meine Steuerfrau hat mich nochmal mit Anti-Fouling Farbe gestrichen. Am Rumpf und unterm Kiel, an den Stellen, wo mich während der letzten Monate riesige Stahlböcke aufrecht gehalten haben. Hatten bannig viel Wind! Ab und an ist meine Ruthie dann auch ganz schön gerannt. Dem Plastikschälchen mit Farbe hinterher, oder der Isomatte, oder der Lackrolle. Geflucht hat sie. Das kann sie gut. Und gelacht hat sie. Hat sich genau so gefreut wie ich, dass es bald losgeht.

«Lobsty?»

«Ja, Ruthie?»

«Wie isses?»

«Wunderbar. Einfach wunderbar! Aber wann komm ich endlich frei? Kann Henry nicht die blöden Gurte abnehmen?»

Henry, das ist die gute Seele von der Werft hier. Er ist sozusagen mein Schutzengel. Und er hat all die Kräne, mit denen er uns Boote auf dem Chantier herum rangiert, selbst gebaut. Die meisten sogar schon als lütter Pimpf, mit seinem Vater zusammen. Henry kann Teile aus Edelstahl oder Aluminium fertigen, Schrauben anpassen und Gewinde drehen und vieles mehr. Ich weiß nicht, was meine Crew ohne ihn gemacht hätte. Henry weiß außerdem Dinge, die sonst niemand weiß. Neulich zum Beispiel hat meine Ruthie rumgemoppert, unser Käpt´n sei so tüdelig. Er würde ständig Dinge verlegen. Aber Henry hat sie eines Besseren belehrt.

«Das sind die Lütengs», hat er gesagt. «Kaum bist du bei der Arbeit und vergisst alles um Dich herum, da kommen sie aus ihrem Schlupfwinkel. Sie huschen herbei und schnappen sich das erstbeste Werkzeug, das ihnen in die Griffel kommt. Den Zehner Schlüssel. Die Siebzehner Nuss. Den einzigen Zwölfer Bohrer, den du hast. Die Schlingel wissen genau, wo du am allerwenigsten suchen würdest! Und genau da, da verstecken sie das Teil.»

Auf dem Chantier wohnen mindestens fünf dieser kleinen, grünen Wichte mit Zipfelmütze. Henry ärgert sich schon sein ganzes Leben mit ihnen herum. Deshalb weiß er auch, dass jeder Lüteng einen ganz eigenen Zipfelmützenstil hat. Der eine trägt seine Kopfbedeckung so schräg, dass man nur ein Auge sieht. Der nächste hat einen gelben Bommel am Zipfel. Und wieder ein anderer ist womöglich ein Mädchen, denn seine dunkelgrüne Mütze bringt die lila Locken, die sein Gesicht umrahmen, ungemein zur Geltung. Ich meine sogar, ich hätte einen von ihnen gesehen…

Meine Steuerfrau, die hat eine Schwäche für Kobolde, Feen, Hexen und andere wundersame Wesen. Wenn mein Käpt´n sie also neuerdings fragt, ob sie wohl diesen Schraubenzieher oder jene Zange gesehen hat, oder vielleicht sogar suchen könne, bleibt sie ganz locker. Die Lütengs treiben nun mal gerne Schabernack. Da kann man nichts machen.

Aber Lütengs hin, Kobolde her… « Können die Gurte jetzt ab?»

«Immer langsam middie jungen Pferde, Lobsty. Erst mal schauen wir, ob du ganz dicht bist.»

«Ganz dicht?»

« Jo. Müssen die Seeventile prüfen. Auch die Logge. Eben alle Stellen, wo Wasser reinlaufen könnte.»

«Ach so. Na, denn man tau!»

Und dann geht´s hoffentlich raus auf´s Meer. Will endlich auf den Wellen tanzen. Bis zum Hafen von Cap d´Agde ist´s zwar nur ein Katzensprung, aber ich bin gespannt, ob da auch Lütengs wohnen.

aufsMeer

Glossar

Ankerwinsch, die: Winde, um den Anker zu werfen oder zu lichten

Bugstrahlruder, das : Zusätzliche Schraube, die quer im Bug sitzt und beim Manövrieren hilft.

Anti-Fouling Farbe: Spezialfarbe, die das Anwachsen von Algen und Muscheltieren am Rumpf behindert.

´n büsch´n: ein bisschen

chantier (französisch): Werft

rummoppern: meckern, sich beschweren

Lüteng: südfranzösische Aussprache von „lutin“ (Zwerg, Gnom, Wicht)

Logge, die: der  Geschwindigkeitsmesser (am Rumpf befestigt)

Seeventil, das: absperrbare Einlass-, Auslass-oder Durchtrittsvorrichtung für Wasser am Rumpf des Schiffes

na denn man tau: na, dann mach mal

Das alte Boot und der Pirat

«Hast Du die Lütte nebenan gesehen?»

«Welche Lütte, Lobsty?»

«Na, die kleine Yacht da an Steuerbord!»

„Die is´doch nich´ lütt! Sie hat mindestens zweiunddreißig Fuß!»

Ich weiß ja nicht, was meine Steuerfrau unter „lütt“ versteht. Aber zweiunddreißig Fuß… das sind nur knapp zehn Meter. Ich bin immerhin vierundvierzig Fuß lang!

«Lütt oder nich´ lütt, die ist doch echt ganz seut, oder?»

Meine Ruthie kratzt sich am Kopf. «Ja, nich´ schlecht. Hat immerhin ein Mittelcockpit, und ´nen recht kräftigen Mast. Gefällt mir auch. Rate mal, was ihr Käpt´n für sie bezahlt hat!»

«Du kennst ihren Käpt´n?»

«Jo, sind doch Nachbarn. Paul ist ein alter Brite. So´n Pirat, weißt Du. Wenn er so dasteht, sieht´s immer aus, als ob er sich gegen ´ne steife Brise stemmt. Selbst bei Flaute. Als junger Mann, auf See, wenn richtig Wetter war, hat er sich gerne am Achterstag festgehalten und lauthals in den Sturm gesungen.»

«Er kann singen? Dann sollte er mal mit uns segeln! Er ist doch sicher mit allen Wassern gewaschen…»

«Mhm. Hat mit elf sein erstes  Segelboot flottgemacht. Damals, Anfang der Neunzehnfünfziger. Im Hafen von Portsmouth  parkten noch reihenweise U-Boote aus dem 2. Weltkrieg. Und in der Nähe, am Strand, lag ein betagtes Dinghi rum. Das war wirklich lütt! Und hatte noch nich´ mal´n Segel. Ein altes Bettlaken haben die Kids am Mast hochgezogen, und dann sind sie los.»

«Echt jetzt?»

«Jep!“

«…also, das würde mir ja nicht gefallen…einfach so´n labbriges Stück Stoff… waren da keine Erwachsenen bei?»

«Nö. Paul meint, er hat sich mit elf schon sehr erwachsen gefühlt. Das mit dem Bettlaken war seine Idee.»

«Und? Hat´s funktioniert?»

Meine Steuerfrau kichert. «Sind nich´ weit gekommen. Konnten aber zum Glück schwimmen. Das war der Beginn eines Seglerlebens. Jetzt hat Paul das Haus seinem Sohn geschenkt und lebt auf der vierzig Jahre alten Colvic neben uns. Hat sie vor vier Jahren gekauft. Also, was meinst Du? Wie teuer war sie?»

«Mhm, schwer zu sagen. Von Geld versteh ich nichts…»

Meine Steuerfrau schweigt und lässt den Blick über das Deck unserer Nachbarin schweifen. Doch sie war noch nie gut im Warten.

«Tausend Pfund!», platzt sie heraus.

«In welcher Kneipe?»

Meine Ruthie lacht und haut mir auf´s Kajütdach. «Bingo!»

«Das ist ja wohl das Letzte!», ärgere ich mich. «So eine seute, lütte Yacht kann man doch nich´ für´n Tausender verkloppen! Nach wie vielen Pints?»

«Naja… als der Abend begann wollte Pauls Kumpel noch 12.000…»

«Das hört sich schon besser an!»

«…´ ne durchzechte Nacht, und der Kaufvertrag war unterschrieben. Paul hat den Schlüssel mitgenommen und am nächsten Morgen gleich bezahlt.»

«Was´n Ding!»

«Jo. Die Frau von seinem Kumpel redet nicht mehr mit ihm. Aber die lütte Colvic ist ihm eine gute Gefährtin. „My mistress“ nennt er sie manchmal… »

«Trotzdem… mit mir habt ihr Euch mehr Mühe gegeben…»

«Jo, Lobsty. Das kannst du laut sagen. Du bist was ganz Besonderes!»

Blogfotosbeitrag5txt_Paul

***

Glossar

seut (Plattdütsch): süß

lütt (Plattdütsch): klein

Mittelcockpit:    Der Außenbereich eines Segelbootes ist nicht achtern (hinten), sondern in der Mitte. Dadurch wird die Achterkajüte geräumiger.

Achterstag: Ein am Masttopoder der Mastspitze angreifendes Seil, meist aus Draht, welches am Heck befestigt ist. Es stabilisiert den Mst und verhindert, dass dieser nach vorne kippt.

Colvic: Englischer Bootshersteller

Beaucaire: Kleinstadt mit Hafen an der Rhone, in Okzitanien

 

Mast im Sturm

Der Wind ist heute außer Rand und Band. Er pfeift übermütig, schleudert Regenschauer über den ölverschmierten Asphalt und peitscht durch tiefe Pfützen. Nur ab und an traut der Mond sich zwischen getriebenen Wolken hervor. Wirft hastig Regenbogenbogenschimmer auf dunkle Schmutzwasserlachen.

Jedes Mal, wenn ein Windstoß kommt, geht ein Zittern durch meinen Rumpf. Ich werde durchgerüttelt vom Bug bis zum Heck und mein Deck knarzt erwartungsvoll.

„Huihh, ist das aufregend!“

„Also wirklich, Lobsty, krieg dich mal ein. Das geht jetzt schon die ganze Nacht so!“ Meine Steuerfrau grunzt, rollt sich nach Backbord und zieht die Decke über den Kopf. „Und hör´ bitte endlich auf zu klackern!“

„Ich klacker´ doch gar nicht. Hab gar keinen Grund dazu. Das ist bestimmt irgendeine Nachbarin von uns“, gebe ich zurück.

„Na denn. Dachte, du machst Rabatz und weinst, weil du dich freust.“

Meine Ruthie lugt unter der Bettdecke hervor. Ich weiß, dass sie es liebt, in der Koje zu liegen und durch die Luke die Sterne zu betrachten. Wolken, die vorüberziehen. Eine einzelne Möwe, die am Himmel dahingleitet. Nun allerdings hängt ihr Blick besorgt an dem Kran, der sich trotz dichter Bewölkung vom Nachthimmel abhebt.

Und auch mein Käpt´n ist aufgewacht. „Wenn unser Mast fällt, ist das kein Problem. Der Kran hält ihn…“ brummt er. „Aber wenn der Kran kippt, landet er direkt auf…“

„Der Mast steht und das bleibt so!“, falle ich ihm ins Wort. „Und überhaupt, was heißt hier „unser“? Das ist mein Mast! Und hoffentlich bekomm´ ich auch bald alle Drähte, die noch fehlen! Und einen Baum! Damit ihr mich richtig schön auftakeln könnt!“

Mein Käpt´n muss nämlich die Wanten noch auf die richtige Länge kürzen. Deshalb hat er den Mast erst mal seitlich mit breiten Spanngurten gesichert. Und nach Südost hin, wo der Sturm herkommt, mit einem Gurt und zwei Leinen zusätzlich.

Böen fegen um das Werftgebäude. Der Mast schwankt und ein Ruckeln geht durch meinen Rumpf. Irgendwie ist mir, als sei der Fluss mit einem Mal viel näher als noch vor wenigen Tagen.

„Hach, am liebsten würde ich jetzt gleich auf´s Meer hinaustanzen!“, rufe ich ausgelassen.

„Immer langsam middie jungen Pferde. Windstärke zehn ist bannig viel. Und das Meer ist mächtig, meine Schöne.“ Meine Steuerfrau wickelt sich in ihre Decke und rückt das Kopfkissen zurecht.

„Ich hab´ keine Angst vorm Meer. Ich bin stark, und mein Mast ist solide! Er hat sogar Fußtritte Made in Kanada bis hoch an die Spitze!“ brüste ich mich.

„Ja, und er steht dir wirklich gut!“ Meine Steuerfrau gähnt. „Aber gönn mir jetzt noch ´ne Mütze Schlaf, du verrückter Hummer. Sonst fall ich morgen von der Saling, wenn ich deine Wanten festmache…“

***

Foto_Beitrag4

Glossar

Backbord: Vom Heck aus betrachtet die linke Seite vom Boot

Baum, bzw. Großbaum (nautisch): ist im rechten Winkel am Mast befestigt und dient dem Großsegel als horizontaler Ansatzpunkt zum Hissen und Trimmen

auftakeln (nautisch): mit Takelwerk (Wanten, Stage, Fallen, etc.) versehen, Segel setzen

Wanten: Drähte, die den Mast seitlich fixieren

Stage: Drähte, die den Mast am Bug und am Heck fixieren

Saling, -e: Querstreben am Mast, die Befestigungs- und Umlenkpunkte für die Wanten bieten

bannig (Plattdütsch): sehr

Immer langsam middie jungen Pferde (Plattdütsch): „Mach nicht so schnell!“

Wie Segelboote weinen

«Mövenkacke! Verflixte Mövenkacke! Möchte wissen, was die Viecher fressen!»

Schimpfen kann meine Steuerfrau wie ein Rohrspatz. Vor allem beim Putzen. Sie hasst putzen. Deshalb wollte sie ja erst dann mein Deck schrubben, wenn die Kisten mit dem Tüdelkram für Mast und Rollreffanlage nicht mehr herumstehen. Und wenn Frederique die Segel mitgenommen hat, um zu schauen, ob er sie an die neue Mastlänge anpassen kann. Trotzdem hüpft sie jetzt wie ein wild gewordener Klabautermann zwischen roten Plastikkisten und dem abgedeckten Segelpacken herum, wienert mal hier mal dort und ruft immer wieder `Mövenkacke!´.

Meine Ruthie -so nenne ich meine Steuerfrau gern- will mich wohl zum Lachen bringen. Aber mir ist einfach nur zum Heulen. Schon Freitagnacht, als sie mit dem Mastbauer vom Flughafen kam, war irgendwie der Wurm drin. Mitten in Grau d´Agde hat sie beinah eine Katze überfahren! Von links nach rechts ist das Tier seelenruhig über die Straße stolziert. Wie Teer hat sein Fell im Laternenlicht geglänzt. Pechschwarz.

«Ich werd´ noch abergläubisch!»

« Nun mach´ mal halblang, Lobsty. Gut oder schlecht, wer weiß das schon…» Tröstend gleitet ein Feudel um meinen Mastfuß.

«Gut wäre, wenn ich jetzt weinen könnte!», murre ich.

Segelboote weinen nicht? Weit gefehlt. Ab Windstärke vier so Pi mal Daumen können Fallen und lose Drähte uns die Schwermut von der Seele trommeln. Sie klackern gegen den Mast und singen von unserer Sehnsucht nach Himmel und Meer. Aber der Döspaddel von Mastbauer hat das falsche Ende von ´nem Draht gekappt. Und das war´s dann. Außer Spesen nichts gewesen. Kein Mast, kein Klackern.

«Ach, mien Seuten!» Meine Steuerfrau scheuert entschlossen an einem besonders dicken, schon einige Tage alten Möwenkackeflatscher herum. «Nu werf´ mal deinen Kummer über Bord. Unser Käpt´n nimmt das jetzt selbst in die Hand.»

«Kann er das denn?», frage ich erstaunt.

«Schließlich hat er dich von der ersten Stahlplatte an gebaut.»

«Und du gehst ihm zur Hand?»

«Jo. Wir gehen ganz sudsche bei.»

«Na, denn man tau! Legt euch ins Zeug!»

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Glossar:

Feudel: Putzlappen

Fallen: Leinen zum Setzen der Segel.

Draht: Die Drähte (Vorstag, Achterstag, Wanten) halten den Mast aufrecht.

Döspaddel: Tollpatsch, Dummkopf

sudsche: Etwas langsam, in Ruhe oder besonnen tun.

Na, denn man tau: „Na, dann los jetzt. Fang an!“

***