„Da kannst du ja nix für, nach vier Jahren im Wasser. Dein Unterwasserschiff war das reinste Riff.“
„Wohl wahr. Und all die Rostnester unterm Lack, da war mir gar nich´ wohl bei.“
„Sah aus, als hättest du die Masern. Wir Döspaddel hatten da im Herbst auch noch Primer über gestrichen. Nu´ hat der Käpt´n die ganzen Stellen freigelegt, bis auf den Stahl hat er die alte Farbe runter geschliffen, wochenlang.“
„Ich mag das, wenn ich so betüdelt werd´!“
„Würde mir auch gefallen.“
„Der ganze Rost war wohl schon da gewesen, als ich noch auf dem Sonnenhof gestanden hab, in der Pfalz, auf´m Berg.“
„Nu´ isser ja weg, Lobsty, brauchst dir keine Sorgen mehr zu machen.“
„Das Deck ist auch neu gestrichen, sogar mit so Streukügelchen im Lack, da rutscht ihr hoffentlich nich´ mehr aus.“
„Jo. Siebzig Liter Farbe haben wir verbraucht. Und um die fünfhundert Meter Klebeband abgepult.“
„Und ´ne Menge Putzlappen verschlissen.Meine Klampen die blitzen und blinken!“
„Für dich nur das Beste, mien Deern.“
„Echt jetzt?“
„Bist doch unser schweres Mädchen. Wenn die Crew von ´nem Yoghurtbecher mal wieder ihren Anker zu nah bei schmeißt, bleiben der Käpt´n und ich ganz entspannt. Stahl gegen GFK, da is´ der Verlierer klar. Du schlägst nich´ so schnell Leck!“
„Eine von meinen Schwesteryachten, die Themroc, hat das unbeschadet überstanden, als sie vor Neuseeland auf ein Riff gelaufen ist.“
„Genau. Und bei Starkwind segelst du erste Sahne.“
„Oh, das hör ich gern. Hab schon lange kein Kompliment mehr bekommen.“
„Du bist was ganz Besonderes.“
„Das hast du nett gesagt.“
„Weißt du noch, auf deiner Jungfernfahrt, Lobsty, als wir von Cap d´Agde nach Castellón gesegelt sind? In der Marina von Palamos kamen zwei Katalanen mit Rotwein und Oliven an, haben den Käpt´n zu Dir beglückwünscht und gefragt, ob sie an Bord kommen dürfen.“
„Oh ja! Und als wir in Castellón am Möwensteg lagen, stand da plötzlich einer vom Salvamento Maritimo und hat mich berwundert.“
„Sein Sohn war der Segellehrer von den Deerns und Jungs, die immer mit den Optimisten um dich rumgeschippert sind, und der hatte ihm gesagt, am Steg liegt un velero muy bonito.“
„Sowas hör ich gern.“
„Nu´ kannst du ja wieder Komplimente angeln. Siehst aus wie neu.“
„Da freu ich mich bannig über!“
„Und bald geht das los. Im Wasser sind wir ja schon, anner Boje, mit Blick auf´n Boatyard. Müssen nur noch´n büsch´n rumpütschern; Dinghi und Außenborder klar machen, Sturmsegel einfädeln, Kartenplotter testen …“
„Na denn man tau, liebe Steuerfrau. Ich brauch endlich Wind umme Schnut.“
Lobstys Rumpf bei der Ankunft auf dem Livaditis Boatyard in Limni, Ende Oktober 2022
Rumpfgrundierung
Überwasserschiff: dreimal weiß gestrichen
Im Süden braucht´s ein helles Deck
Endspurt
Bald geht´s ins Wasser; Lobsty wartet auf dem Trailer
Ganz schön leer, der Boatyard Ende Juni
Tschüs, Familie Livaditis
*
Döspaddel – Dummkopf, Trottel
Primer – Rostschutz/Vorstreichfarbe
betüdeln – umsorgen, verhätscheln
Klampen – meist aus Edelstahl (A4, seewasserbeständig). Dienen zum Fetsmachen der Leinen beim Anlegen an einem Steg oder Kai.
mien Deern – mein Mädchen
Yoghurtbecher -Boote aus GFK (glasfaserverstärkter Kunststoff) sind leichter und wendiger als Stahlboote, und darauf sind Lobsty und Crew zuweilen neidisch.
Salvamento Maritimo – Spanische Seenotrettung
Optimist – kleine, leichte Segeljolle für Kinder und Jugendliche bis ca. 15 Jahre. Hat nur ein Seegel, dient auch als Vorbereitung auf den Regattasport.
un velero muy bonito – Spanisch: ein sehr schönes Segelboot
bannig – sehr
rumpütschern – umständlich arbeiten, mit einer Sache nicht zu Ende kommen
Unser Besuch ist auf dem Weg nach Deutschland. Ein langer Segeltag beginnt. Der Himmel über Trizonia verabschiedet sich mit einem Regenbogen. Mal wieder ist Schmetterling angesagt . Bis der Wind auffrischt und wir das Groß einholen. Heiter rausche ich dahin. Die Küste des Peloponnes gleitet an Backbord vorbei. Schimmert verträumt im Abendrot. Das Vergnügen ist kurz. Mein Motor muss ran.
Im Stadthafen von Korinth is´ Ankern erlaubt, schreibt ein Segler in der Navily App. Is´ aber Tüdelkram. Kaum haben mein Käpt´n und meine Steuerfrau sich das im Cockpit gemütlich gemacht, steht einer aus´m Hafenbüro am Kai. Is´ kaum zu erkennen. Das Licht seiner Taschenlampe tanzt über mein Deck. Wir sollen weg. Oder an Land festmachen. Meine Steuerfrau schaut durchs Fernglas. Westlich eines hohen Zauns liegt Boot hinter Boot längsseits. Östlich davon hat nur eine Yacht festgemacht. Aber was sind das für dunkle Stellen am Pier?
Mir is´ ganz mulmig, als meine Crew Fender klarmacht und Leinen rausholt. Klar zum Anlegen lichten die zwei den Anker. Da springt der Nachbar von seinem Boot. Ruft no hurry, guys! Fängt unsere Leine. Die dunklen Stellen erweisen sich als Gummischutz. Dort, wo tückische Lücken im Pier klaffen. Der Wind drückt uns weg. Der nette Ami zieht uns bei und huscht winkend zu seiner Yacht zurück.
Frische Brise im Golf von Korinth
Abschied von Trizonia. Und von der Benko.
*
Schon Caesar machte Pläne für einen Wasserweg durch die Landenge bei Korinth. Mit der Erfindung des Dynamits wird das Projekt machbar. Etwa hundertdreißig Jahre alt ist der Kanal von Korinth. Letztes Jahr war er gesperrt. Mal wieder ein Erdrutsch. Dieses Jahr schlüpfe ich gerade noch durch, bevor er wieder schließt. Tschüs, Ionisches Meer! Ägäis, wir kommen! Nur ´ne knappe Stunde, und der Saronische Golf empfängt mich mit einem lauen Lüftchen. Ein teurer Spaß. Zweihundertvierzig Euro. Aber ein Monument der Ingenieurskunst. Das gefällt meiner Crew. Besonders dem Käpt´n.
Warten im Standby vorm Einbahnkanal.
Beharrliche Bäume
6343 Meter Kanal
Kurz vorm Saronischen Golf
*
Nisos Salamina bietet hier und dort ´ne lauschige Bucht. Órmos Kanakia, an der Westküste, lässt uns die Industrielandschaft um die Ecke vergessen. Entführt meine Ruthie in die Bronzezeit. Direkt am Strand den Hügel hoch. Über einen schmalen Pfad zwischen Pinien und Macchia zu den Ruinen einer mykenischen Akropolis. Hier in Hellas finden sich an allen Ecken und Enden Zeugen vergangener Epochen. Vielerorts stellen archäologische Museen die lokalen Funde aus. Auch in Salamina Stadt. Sechstausend Jahre alte Vasen sind da zu sehen! Sollen formidabel sein. Kein Wunder, dass Töpfer im alten Griechenland kerameus genannt wurden.
Ansonsten hat die Hauptstadt der Insel kaum Historisches bewahrt. Beton bestimmt das Bild. Ein einsames Graffito im naiven Stil erinnert an die Seeschlacht von Salamis. Zweieinhalb Jahrtausende ist es her, dass der Siegeszug der Perser gen Westen hier beendet wurde. Heute geht Salamis nahtlos in Paloukia über. Tag und Nacht verkehren Fähren zwischen der Insel und Piräus. Am selben Steg bewacht ein Stahlzaun den Marinestützpunkt, Heimathafen der meisten griechischen Kriegsschiffe . Was bin ich man froh, dass ich eine Segelyacht bin. Das wäre grausam, allzeit vor Kanonen zu starren.
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Vor Piräus liegen Tanker und Frachter auf Reede. Prägen das Panorama vn Órmos Giala, an der Südwestküste Salaminas. Sonst gibt das hier kaum was. Nur die Kneipe vom Ruderclub und eine Bushaltestelle. Der Meltemi pustet kräftig aus Nordost. Kommt müde an. Erreicht kaum mehr als zwanzig Knoten. Anders is´ das am Kap Sounion. Am Südzipfel Attikas sind stetig sieben bis acht Beaufort gemeldet. Da müssen wir rum. Und dann gegen an. Also warten wir. Sieben Tage. Das Meer is´ recht klar. ´N büsch´n kühl, aber OK. Nur von der Badeleiter traut meine Crew sich nich´ weit weg.
Órmos Kanakia
Landgang
Mykenische Akropolis
Órmos Giala
Kleiner Hafen von Giala
Blau
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Mehr Containerschiffe als sonst wo im östlichen Mittelmeer, mehr Fähren als sonst wo in Europa. Piräus ist ein geschäftiger Hafen. Früh morgens merk ich da nich´ viel von im Verkehrstrennungsgebiet. Ein Lotse, der ´ne Kranplattform zieht und zwei Frachter von Süd. ´Ne Fähre, zwei Yachten und ´n Tanker von Nord. Schwupps haben wir die Bucht von Athen überquert. Den Meltemi stetig von querab und zahmer als die Tage zuvor. An der Riviera von Athen wird er mal mehr, mal weniger böig. Pfeift um Inselchen. Lässt sich hier und dort von einem Kap ablenken oder braust einen Hang hinab.
Auch Órmos Sounion is´ nich´ gerade ´n Flautenfleckchen. Wie geschaffen für den Poseidontempel. Oben auf dem Kap thront der. Überblickt die südliche Ägäis. Meine Crew bleibt an Bord. Hat null Bock, das Dinghi runter zu lassen bei den Böen. Zum Ufer is´ das auch ´ne Ecke. Da würden die zwei wohl nass ankommen. So warten sie auf die Nacht. Wenn Scheinwerfer die hohen Säulen aus weißem Marmor mit Gold überziehen.
Im Morgengrauen geht das weiter. Eigentlich zu früh. „Bei Sonnenaufgang musst Du ums Kap!“, hat unsere Freundin von der Benko meiner Steuerfrau ans Herz gelegt. Nu´ dümpel ich im Leerlauf vor mich hin. Die Sonne trödelt hinter den Bergen im Südosten. Mein Käpt´n macht derweil Wasser. Meine Ruthie verliert die Geduld. Legt den Gang ein. Ich tucker ums Kap. Und endlich! Der Tempel badet in Morgenröte. Zusammen mit den Felsen und dem Meer. Wir erbitten Poseidons Schutz. Wie die Seeleute in alten Zeiten.
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Kap Sounion (Such den Tempel!)
Poseidontempel / Quelle: Wiki Commons / Autor: Berthold Werner
Schiffe auf Reede im Golf von Athen
Euböa – Windkapriolen und Möwenkacke
Um die Ecke vom Kap Sounion kommt Euböa in Sicht. Wir motoren. Das Festland an Backbord, die Inselküste an Steuerbord. Der Meltemi hat ´ne Verschnaufpause eingelegt. Bläst dann vormittags ein Weilchen. Hart am Wind knüppel ich nordwärts. Dann is´ wieder tote Hose. Hat aber auch sein Gutes. Die Fallwinde vor Nimporeio, an der Inselküste, gewähren ruhigen Schlaf. Am Morgen kommen sie dann wie gerufen. Hauen munter von querab in meine Segel und schieben mich zurück auf unsere Route gen Norden.
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Die Bucht von Porto Buffalo schlängelt sich ins Land und wird zu einem kreisrunden Naturhafen. Vier bis fünf Boote wie ich finden hier Platz und Sandgrund. Gut geschützt vor Seegang. Da macht das nix, dass die Hügel am Ufer eine Düse für den Meltemi formen. Mein Anker hält.
Der Sommer ist zurückgekehrt. Er schwächelt. Der Sonnenuntergang riecht nach Herbst. Doch morgens is das Deck ´ bei weitem nich´ so nass wie schon im September vor Lefkada. Und das Meer ist immer noch warm genug für meine Steuerfrau, die ein Frostködel ist. Etliche der wenigen Häuser scheinen verwaist. Schweigen hinter heruntergelassenen Jalousien. Nur neben mir, am Ufer, ist der Bär los. „Evia Silence“ steht auf dem Schild vor dem Haus, das eine Art Hotel zu sein scheint. Mein Käpt´n ist überzeugt davon, dass dort Kandidatinnen für die Miss Griechenland Wahl trainiert werden. Doch die Mädels, die sich mittags am felsigen Ufer sonnen, machen schlichtweg gerne Yoga. Da hat meine Steuerfrau ein Auge für. ´Nu hat sie endlich meine Lobstyfahne gehisst! Fröhlich flattert die bei jeder Böe. Müsste vom Yogasaal aus bestens zu sehen sein.
Fahnenpremiere in Porto Buffalo
Küste von Euböa
Festlandküste gegenüber von Nimporeio
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Der Meltemi is´ ein windiger Geselle. Mal trudelt er unentschlossen, dann knallt er ohne Vorwarnung in meine Segel. Will mich umhauen. Überlegt es sich anders. Lässt mich zufrieden dahingleiten. Schläft ein. Bläst kurz darauf wieder volle Kanne. Was für ´ne Möwenkacke! Wenigstens kommt er heute von querab. Denn Euböas Küste macht ´nen Knick. Wir halten Kurs West. Und meine Crew übt Segel trimmen.
Eretria ist unser Ort für die Nacht. Nach zwei Wochen Buchtenschaukeln fiebert sogar mein Käpt´n dem Landgang entgegen. Auf den Morgenspaziergang verzichtet er. Die Straßen des Örtchens erinnern meine Ruthie an Südamerkia. Sehr breit. Marode. Spärlich von flachen, weißen Häusern gesäumt. Hier und dort genießen Alte vor der Haustür die Herbstsonne.
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Wir kreuzen gegen an. Meine Crew beobachtet die Wasseroberfläche. Wo die dunkler is´, wartet die nächste Böe. Wende um Wende schlagen wir dem Wind ein Schnippchen. Zum Glück liegen nur wenige Seemeilen vor uns. DieBrücke vonChalkidawartet. Unter durch können wir nich´. Viel zu niedrig. Aber sie kann beidseits verschwinden. Eine der letzten Schiebebrücken! Wird einmal am Tag geöffnet. Irgendwann zwischen neun Uhr Abends und drei Uhr morgens. Die Stillwasserzeit verschiebt sich jeden Tag um eine halbe Stunde.
Der Stadtkai ist nich´ gerade verlockend. Zu zerwühlt is´ das Wasser. Die Tidenströmungen durch die Evripos Meerenge sind die stärksten in Griechenland. Is´ ja auch die engste Meerenge der Erde. Bis zu zehn Mal am Tag kann die Strömung hier die Richtung wechseln. Gilt als unvorhersehbar. Ein Gezeitengeheimnis, bei dem wohl der Wind mitmischt. Selbst für Aristoteles unlösbar. Der soll sich angesichts des Mysteriums in den Evripos gestürzt haben. Wenn das man kein Märchen is´ !
Ich warte in sicherer Entfernung. Meine Crew lässt das Dinghi runter. Zahlt im Hafenbüro die Gebühr. Um elf Uhr nachts wird die Brücke geöffnet. Was´n Dusel, wir müssen nicht bis drei Uhr morgens warten. Sollen ab neun auf Kanal zwölf Standby sein . Um viertel vor elf ruft die Brückenkontrolle ein Boot nach dem anderen. Ankerketten rasseln in ihre Kisten. Zwei Boote sind vor uns dran. Mein Käpt´n rätselt, welche das sind. Wir warten. Lassen ein Motorboot und eine Segelyacht durch. Motoren mit gut Abstand hinterher. Es ist fast windstill und diesig. Land und Meer verschwimmen schwarz. Ein paar Seemeilen entfernt, vor Atrakia, fällt meine Crew hundemüde in die Koje.
Alte Evripos Brücke
Schiebemechanismus / Quelle: Wiki Commons
Neue Evripos Brücke südlich von Chalkida.
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Kein Wind. Dafür pladdert der Regen ungestüm. Meine Ruthie bäckt Kuchen. Freut sich, dass wir mit Motor flink sind. Und mittags schon am Ziel. Xaris, vom Stellplatz wo ich hin soll, schickt uns in den Stadthafen. Starkwind is´ im Anmarsch. Und noch mehr Regen. Wenn das ruhiger wird, sagt er, holt er mich aus dem Wasser. Wir erwischen einen letzten, windstillen Moment. Gleiten in das schmale Häfchen von Limni. Wie soll ich da bloß wieder raus kommen! Meine Ruthie springt von Bord. Fängt die Leinen und macht mich fest. Mein Käpt´n freut sich über unsere leichtfüssige Steuerfrau.
Wir wettern ab. Meine Crew erkundet die Umgebung. Schnackt mit Fischern. Letztes Jahr stand Nordeuböa in Flammen. In Limni brannten erste Häuser. Auf dem boatyard machte man Rettungsboote klar. Die griechische Regierung überlässt die Insel ihrem Schicksal. Konzentriert alle Kräfte auf einen Flächenbrand bei Athen. Baumskelette bevölkern nun die Hügel. Weiter als das Auge reicht. Wildtiere sind nicht zu sehen. Nur ein paar streunende Hunde.
Feuer gehorcht dem Wind. Hat vereinzelt Grün verschont. Hier ´nen Olivenhain dort ´nen Nadelbaum. Sogar über ein Dorf ist es hinweg gesprungen. Hat wo anders eine Ziegenherde eingeschlossen. Sich Bienenstöcke einverleibt. Viele Familien sammelten Harz. Für den Retsina Wein. Lebten da von. Jetzt werden selbst unversehrte Kiefern schlagartig braun. Sterben im Handumdrehen. Die Menschen schwanken zwischen Trauer und Wut. Sind verzweifelt. Haben Hoffnung. In fünfzehn Jahren, sagt ein Fischer, ist alles wieder grün. Man sieht es schon. Verkohlte Olivenbäume, die von den Wurzeln her austreiben. Kieferntriebe auf unbefahrenen Wegen.
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Abwettern im Stadthäfchen
Straße in Limni
Ankunft beim Bootsstellplatz
Lobsty auf dem Trockenen
Verbranntes Land
Kämpferischer Olivenhain
Im Hafen drehen geht nicht. Rückwärts fahren ist heikel. Ich muss nach achtern verholt werden. Unsere Nachbarn und Xaris vom Bootsstellplatz helfen. Früh am nächsten Morgen, bei Flaute, geht das los. Nach Paralia Koxili is´ das ein Katzensprung. Xaris wartet im Wasser. Er dirigiert uns. Ich rausche auf ihn zu. Man gut, dass er ´n Neoprenanzug anhat. Und gerne taucht. Erst beim dritten Anlauf rutsche ich in die Schienen vom Trailer. Nu´ steh´ ich auf meinem Winterplatz. Ich muss wirklich langsam mal´n büsch´n betüdelt werden. Farbe und so. Aber hier lässt sich das aushalten. Hab´ lange nich´ so viele Möwen gesehen! Hunderte von weißen Punkten auf dem blauen Meer. Schwingen sich ab und an in die Luft. Verschmelzen zu einem Wunderwesen. Lösen sich voneinander. Kreisen im Gleitflug. Solange die mir nich´ aufs Deck kacken, freu ich mich da über.
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Route vom Ionischen Meer in die Agäis
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Glossar
Jassu, Iónio Pélagos – Tschüs, Ionisches Meer
Trizonia – insel im Golf von Korinth
Navily – App für Segler und Windsurfer. Die Nutzer können z. B. Kommentare zu Ankerplätzen veröffentlichen.
Tüdelkram – hier: Unsinn (Plattdütsch)
Pier – Kaimauer (Plattdütsch)
Fender klarmachen – Fender an der Reling befestigen
no hurry, guys – keine Eile, Leute
Nisos – Insel (Griechisch)
Órmos – Bucht (Griechisch)
Bronzezeit – meint hier das Späthelladikum, ca. 1600 v. Chr. bis ca. 1050 v. Chr.
mykenische Akropolis – die Bezeichnung „mykenisch“ ist eine moderne Schöpfung. Wie sich die Kultur selbst nannte, ist unbekannt. Sie bevölkerte im Späthelladikum den Ägäisraum und ist die erste bekannte Hochkultur des europäischen Festlands.
kerameus – Töpfer (Altgriechisch)
auf Reede liegen – vor einem Hafen oder der Mündung einer Wasserstraße vor Anker liegen und warten
Meltemi – Starker Wind aus dem Nordquadranten (Nordost, Nord, Nordwest), der von Mai bis Oktober in der Ägäis vorherrscht
Beaufort – meint die Beaufort Skala, welche die Windstärke nach Geschwindigkeit und Auswirkung in Stufen von 0 (Windstille) bis 12 (Orkan) kategorisiert
gegen an – gegen den Wind segeln bedeutet, zu kreuzen. Immer im höchst möglichen Winkel zum Wind. Je nach Schiffstyp 30º bis 90º Grad.
Verkehrstrennungsgebiet – bekannt gemachte Schifffahrtswege, die durch Trennlinien oder Trennzonen in Einbahnwege geteilt sind
von querab – der Wind fällt im 90º Winkel in die Segel. Rechtwinklig zum Kiel
Riviera von Athen – das Küstengebiet der südlichen Vorstädte von Athen. Von Piräus bis zum Kap Sounion.
Poseidon – Gott des Meeres in der griechischen Mythologie. Bruder von Zeus und eine der zwölf olympischen Gottheiten.
Euböa – zweitgrößte Insel der Ägäis
Düse – z.B. ein lang gezogenes Tal, das sich in Windrichtung erstreckt. In diesem Fall von Nordost nach Südwest, sodass der Meltemi aus Nordosten kommend seine Kraft bündelt und schneller wird.
Frostködel – jemand, der leicht friert
Chalkida – Hauptstadt von Euböa
Stillwasserzeit – kurzer Zeitraum beim Umkehren des Gezeitenstroms
Kanal zwölf – UKW Kanal. Seefunk
abwettern – auf besseres Wetter warten
boatyard – Bootsstellplatz
verholen – mit Leinen o.a. zu einem anderen Liegeplatz ziehen
Mein Element ist das Meer. Ach, hätte ich das doch erlebt, als seine Riffe bunt und bewohnt waren. Und die Buchten voller Leben. Dort, wo das Wasser noch klar und durchscheinend ist, treffen wir manchmal selten gewordene Wesen. Einmal hat meine Ruthie sogar einen kleinen Rochen gesehen. Und ein anderes Mal ´nen blassrosa Seestern. Die großen Steckmuscheln, die sie als Kind so mochte, sind nur noch Erinnerung.
Oft hab´ ich ja ´nen Strand, ´n felsiges Ufer oder irgendein Örtchen in Sichtweite. Wenn ich in ´ner Bucht gemütlich vor mich hin schaukel, lassen mein Käpt´n und meine Steuerfrau gerne mal die Seele baumeln. Anker ich vor ´ner größeren Stadt -was zum Glück nich´ häufig vorkommt- sieht das anders aus. Die beiden sind jeden Tag auf Landgang. Und sie schlafen unruhig. Über Winter lieg ich meist in einem Hafen. Manchmal auch bei Sturm. Schwappt Öl und Abfall rum, nervt das. Gibt das viele Fischerboote, wachsen Algen besonders eifrig. Dann hab´ ich in kürzester Zeit ´nen Poseidonbart am Rumpf. Je mehr Menschengewusel, umso lebloser die Unterwasserwelt. Dabei mag ich das so gern, wenn die Fische die Seepocken, Entenmuscheln und Schiffsbohrwürmer von meinem Rumpf abknabbern!
Ich frag´ mich, wie Menschen das Meer betrachten. Meine Steuerfrau sagt, das Land von Weitem zu sehen hat was für sich. So klein wirkt alles, so unbedeutend. Selbst Kummer oder Furcht erscheinen in ´nem anderen Licht. In der Berufsschifffahrt nennt so mancher die See „das blaue Regal“. Was nich´ mehr gebraucht wird, geht nämlich über Bord. Das soll ma´ eine verstehen! Andere besingen la mer. Ihre Weite. Ihre Wildheit. Die Sehnsucht nach dem, was der Horizont verbirgt. Das gefällt mir schon besser. Aber ich glaube, im Grunde ist das Meer den Menschen fremd. Denn es ist eine Welt, so einzigartig und wundersam wie die Sterne am Himmel.
*
Die Nahia sichtet auf der Überfahrt von Malta nach Griechenland ein Boot in Seenot. Etwa sieben Meter lang. Mit Außenborder. Hoffnungslos überladen. Immer wieder verschwindet es im Wellental. Die Nahia fährt unter vollen Segeln. Kann nicht so einfach stoppen, und mit ihren zwölf Metern Länge nur wenige Personen an Bord nehmen. Müsste um die dreißig Menschen ihrem Schicksal überlassen. Ihre Kapitänin sendet ein Pan-Pan auf Kanal sechzehn. Keiner antwortet. Die Zeit verrinnt. Eine gefühlte Ewigkeit. Unsere Freundin funkt beharrlich. Fordert die Weiterleitung des Notrufs ans MRCC. Noch immer keine Rückmeldung. Ein Frachter ist in Sichtweite. Sie ruft ihn. Zögerlich sagt er Unterstützung zu. Setzt Kurs auf die Position, an der die Nahia die Menschen in Seenot zuletzt gesichtet hat. Wenig später meldet sich Radio Crotone. Das MRCC hat die Koordination übernommen. Die Nahia soll ihren Weg, der Frachter die Suche fortsetzen. Weitere Frachter werden in die Rettungsaktion einbezogen. Der Funkverkehr zeigt, dass die Kapitäne sich aus der Verantwortung stehlen wollen. Das dürfen die nich´. Is´ internationales Seerecht. Ein Funkspruch von Frontex kommt klar und deutlich rüber. Von Seenotrettung keine Rede. Das Warten ist eine Qual. Acht lange Stunden überwachen unsere Freunde AIS und Funk. Endlich sichtet ein liberianischer Frachter das Boot. Die italienische Küstenwache rettet alle fünfunddreißig Personen.
Für manche Menschen ist das Meer der einzige Weg in eine Zukunft. Die Hoffnungslosigkeit fürchten sie mehr, als die dunkle Tiefe der See.
*
Reiselust und Melancholie
Fast Herbst. Meine Crew überlegt, nach Pylos zu segeln. Kurs Peloponnes. Aber erst mal kommt die Tochter vom Käpt´n. Die Deern is´ echt reiselustig! Steht schon am Kai von Astakos, als wir einlaufen. Zum ersten Mal in diesem Sommer legen wir in einem Stadthafen an. „Römisch-Katholisch“, also Anker werfen und dann rückwärts an den Steg. Da liegt ´ne Stahlsegelyacht. „Heilix Blechle“ heißt die. Hektisch holt ihre Crew die Fender raus. Hätte gar nich´ Not getan. Der Wind drückt uns weg. Nur schräg am Ende vom Steg gelingt das Festmachen, die Leine achtern an Steuerbord viel länger als die an Backbord.
Astakos liegt nördlich vom Golf von Patras. Ein nettes Fleckchen abseits von Flotillen und Tourismus. Hafengebühren gibt das nich´. Wer am Steg Wasser und Strom zapfen möchte, bekommt am Kiosk für zehn Euro ´ne Karte. Aber wir haben ja Solarstrom. Und machen unser Wasser selbst.
Büsch´n was einholen am Morgen. Frühstücken. Leinen auf Slip. Ablegen. Wir motoren Kurs Nordwest. Sophie freut sich auf die Nahia. Es ist fast windstill. Auf´m Hinweg hatten wir sieben bis acht Knoten. Da nehm´ ich auch nich´ wirklich Fahrt auf. Aber am Westufer der weiten Bucht von Astakos erhebt sich der Berg Veloutsa. Is´ fast tausend Meter hoch und recht kahl. ´Ne prima Rutschbahn für Fallböen. Besonders bei Nordwest. Mal wieder über zwanzig Knoten Wind. Und emsiges Reffen. Im Nu war ich am Ziel!
*
Die Zeit verfliegt. Bald ist Ende September. Mehrmals schon haben wir uns von der Nahia verabschiedet. Sind dann geblieben. Oder haben sie nochmal getroffen. Zweimal hat ihr Käpt´n mein Dinghi gerettet. Einmal nachts, als das nich´ richtig festgemacht war. Einmal im Starkwind. Da hat der Außenborder gestreikt. Beim dritten Mal, frotzelt er, behält er mein Beiboot. Seins verliert nämlich Luft.
Lobsty (re) und Nahia (li) in Órmos Atherinos (Meganisi)
Nidri (Lefkada)
In Órmos Vlicho ist das Wasser trüb. „The english toilet“ nennen die Einheimischen den Ort. Starkwind und Gewitter sind angesagt. Die Berge rundum bieten Schutz. Zwei Tage lang. Dann wünschen wir der Nahia zum letzten Mal Handbreit und Fairwinds. Meine Crew will nu´ doch durch den Kanal von Korinth. Sind fast zweihundert Seemeilen weniger nach Limni, wo ich aus dem Wasser soll. Wir setzen Kurs Südost. Müssen uns sputen. Der Kanal macht bald dicht. Wann genau, ist unklar.
*
So gerne hätten wir Sophie die Wasp Bay in Nisos Kastos von ihrer träumerischen Seite gezeigt. Doch der Ostwind schiebt Welle rein, und wir lichten in aller Frühe den Anker. Mein Käpt´n erspäht Nadelfische im kabbeligen Wasser. Wie lütte Seeschlangen wirken sie. Werden auch Salzwasser-Hornhecht genannt. Man sieht sie nich´ oft.
Am Nordufer der weiten Einfahrt in den Golf von Patras liegt Marschland. Das Naturschutzgebiet „Porto Skrofa“ ist an einen Privatmann vermietet. Der betreibt hier Fischfarmen. Und ein Restaurant mit mehreren Bojen, an denen Gäste ihr Boot festmachen können. Einsam blickt die nach drei Seiten offene Terrasse in die weitläufige Bucht. Die Kellnerin bringt meiner Crew ´nen Liter Mineralwasser. Mit Kohlensäure. Fünf Euro die Buddel. Die trägt meine Ruthie freundlich zurück. Nur der Preis für stilles Wasser ist in Griechenland gesetzlich festgelegt. Auf höchstens eins fünfzig den Liter.
Marschland
Porto Skrofa
Sandstrand vorm Fischrestaurant
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Der Wind schiebt uns von achtern zur Rio-Andirrio-Brücke. Sie überspannt die Meerenge am Übergang vom Golf von Patras zum Golf von Korinth. War wohl nich´ leicht zu bauen, hier hat die Erde schon oft gebebt. Meine Crew meldet mich über Kanal vierzehn bei Rion-Traffic an. Fünf Seemeilen vorher. Flying Lobster. Height of mast eighteen meters. Bekommt Erlaubnis, unter dem nördlichen Abschnitt der Brücke durchzufahren. Bleibt auf Hörbereitschaft. Meine Segel sind auf Schmetterling getrimmt. Das Groß zur einen, die Genua zur anderen Seite. Hinter uns färbt der Horizont sich goldorange. Vor uns leuchten Straßenlaternen in fünfzig Meter Höhe. Nah bei der Brücke sagen wir der Kontrollstation nochmal Bescheid. Dann, auf einmal, allerfeinste Waschmaschine. In Windeseile schmeißt meine Crew den Motor an und holt die Segel ein. Mein Käpt´n fährt, meine Steuerfrau hält nach Gegenverkehr Ausschau. Kaum unter durch drehen wir nach Backbord ab. Kurs Nordnordost, auf Nafpaktos zu. Blicken zurück. Die Stahlseile verschwinden in der Nacht. Die Pylone sind angestrahlt. Blaue Riesen, die am Himmel kratzen.
´Ne Stunde später macht meine Steuerfrau die Positionslichter des venezianischen Hafens von Nafpaktos aus. Dann, nach und nach, mehrere Boote, die östlich der Einfahrt vor Anker liegen. Da sucht meine Crew mir ein Plätzchen. Vor dreitausend Jahren war Nafpaktos eine Hafenmetropole. Die Herrscher wechselten oft. Als im Mittelalter mal Venedig am Ruder ist, heißt der Ort Lepanto. Die Burg wird erneuert, der Hafen gebaut. Erfolglos belagern ihn die Osmanen. Ein Jahrhundert später tobt vor Lepanto die letzte große Galeerenschlacht des Mittelmeers. Noch immer erinnert sich das Meer an den Geschmack von Blut.
Mein Käpt´n, Sophie und meine Steuerfrau entdecken auf Landgang ein hübsches Städtchen. Mit allerlei Kafenions, malerischem Aufstieg zur Burg und einer netten Bäckerin. Mein Dinghi ist im Häfchen festgemacht. Ich wollte da nich´ rein. Is´ viel zu eng.
Im Golf von Patras, Kurs auf die Rio-Andirrio-Brücke
Schmetterlingsegeln
Nafpaktos
Blick von der Burg auf Nafpaktos und den Golf von Korinth
Venezianischer Hafen von Nafpaktos / Quelle: Wiki Commons / Autor: Dimkoa
Von der Burgmauer aus ist die Meerenge zwischen Rio und Andirrio bestens zu kontrollieren
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Wenn mich Eine fragen würde, wo das Land besonders schön is´, käme meine Antwort wie aus der Harpune geschossen. Eine Insel im Golf von Korinth. Nah bei der Nordküste. Da wettern wir ´n büsch´n Starkwind ab. Die Benko hatte die gleiche Idee. In so guter Gesellschaft find´ ich das gar nich´ so übel, im Hafen zu sein. Obwohl meine Crew ´n Holzbrett zwischen Fender und Kai schieben muss, weil der Beton bröckelt. Meine Ruthie freut sich bannig, Ouzo kennenzulernen. Das dritte Crewmitglied der Benko. Er mag die verschlungenen Pfade von Trizonia auch gern. Will Hasen hinterher hüpfen und Schildkröten aufstöbern. Wir lassen ihn schnuppern, aber nich´ laufen. Das ein oder andere Foto verdanken wir ihm.
Schweren Herzens verabschieden wir uns von der Benko. Die hübsche Reinke-Stahlyacht soll verkauft werden! Sie is´ für mich wie ´ne Schwester. Ihre Crew is´ man bannig jung. Die muss nu´ an Land, ´n büsch´n Monne machen. Aber die Videos von Sailing Benko bleiben auf Youtube. Ich glaub´, ich brauch ´ne frische Brise und ein loses Fall. Dann trommel ich meine Melancholie in den Wind.
Blick von Steg auf das Dorf Trizonia und die Berge am Festland
Pan Pan – Dringlichkeitsmeldung im Sprechfunkverkehr zwischen Schiffen, Flugzeugen oder anderen Fahrzeugen. Wer bei einem akuten, schwerwiegenden Problem (Panne mit akuter Gefahr für ein Fahrzeug, ärztliche Hilfe wird benötigt, o. ä.) Hilfe ruft, beginnt seinen Funkspruch mit Pan Pan, Pan Pan, Pan Pan. Der Dringlichkeitsruf Pan Pan ist dem Hilferuf Mayday untergeordnet, der bei einen Notfall mit akuter Lebensgefahr gesendet wird und die Einleitung von Rettungsmaßnahmen erbittet.
MRCC – Maritime Rescue Coordination Centre. Leitstelle zur Koordination der Seenotrettung. Befinden sich vor allem in Küstenstaaten weltweit, die das SAR- Abkommen von 1979 unterzeichnet haben. Dieses soll die Rettung von Menschen in Seenot unabhängig vom Unfallort durch eine Seenotrettungsorganisation sicherstellen.
Crotone – Hauptstadt der kalabrischen Provinz Crotone. Liegt an der italienischen „Stiefelsohle“.
Frontex – Europäische Agentur für die Grenz- und Küstenwache. Zuständig für die Kontrolle der Außengrenzen des Schengen-Raums. Wurde 2004 gegründet.
AIS – Automatisches Identifikationssystem für Schiffe. Ein Datenfunksystem, das statische, dynamische und reisebezogene Schiffsdaten zwischen damit ausgerüsteten Schiffen sowie zwischen ausgerüsteten Schiffen und Landstationen austauscht.
Nahia – „der Wunsch“ (Baskisch), ein befreundetes Segelboot
Deern – Mädchen (Plattdütsch)
Fender – aufblasbare Kissen, Schläuche oder Kugeln, die den Schiffsrumpf beim Anlegen und Manövrieren vor Beschädigungen schützen
Ich steh auf dem Trockenen. So richtig wohl is´ mir dabei ja nich.´ Aber mein Unterwasserschiff ist mittlerweile ein Riff. Und der Rost macht mir zu schaffen. ´N büsch´n Pflege wär nich´ verkehrt. Doch der Winter ist im Anmarsch, und in Euböa kann das wohl kalt werden. Letzten März sind die Schiffe hier auf dem Stellplatz unter einer Schneedecke verschwunden. Mal sehen, wie das dieses Jahr wird.
Grau verschwimmt das Meer mit den Umrissen der Küste. Der Wind peitscht Regenwolken vor sich her. Träumen geht immer. Von lauen Nächten, leise wiege ich meine Crew unterm Sternenzelt. Vom Aufwachbad am Morgen, das Meer so klar, dass mein weiß gestrichener Anker am Grund zu sehen ist. Vom Landgang mit dem Sup. Im Schatten eines Olivenbaumes wartet es, während meine Steuerfrau die Gegend erkundet. Der Käpt´n hält Siesta unterm Moskitonetz.
*
Neue Ufer rufen
Auf Segelwind warten. Ende Juli kann das im Mittelmeer einiges an Geduld erfordern. Nicht gerade eine Stärke meiner Steuerfrau. A happy wife is a happy life, denkt mein Käpt´n sich. Hat nichts dagegen, bald ins süße Lotterleben der Buchtensegler einzutauchen. Wirft den Motor an. Stundenlang macht Aiolus sich rar. Bis er angeschlichen kommt. Von achtern. Mit sechs bis sieben Knoten. Der Käpt´n baumt das Groß aus. Ich segel Schmetterling. Fühl mich wie ´ne lahme Ente! Widerwillig verschwindet Italien in der Nacht.
Drei mondlose Nächte und zwei Tage lang umgibt uns allein das Iónio Pélagos, das ionische Meer. Immer wieder muss mein OM314 ran. Der brummt zufrieden. Ihm is´ daseins, was der Diesel kostet. Kurz begleiten uns Delfine. Eine Schildkröte kreuzt meinen Weg. Korfu, am Übergang zur Adria, liegt weit im Norden. So viele Inseln warten auf uns! Und Buchten wie Sand am Meer. Obwohl der Wind schwächelt, lassen wir ihn den Kurs bestimmen. Direkt auf die Südküste von Lefkada zu.
In der rundum geschützten Bucht von Syvota fällt mein Anker auf griechischen Grund. Erst mal frühstücken! Hundemüde hofft meine Crew auf eine Vormittagssiesta ohne Schwell und Fallwinde. Ruhig is´ das hier allerdings nich´. Restaurants säumen das Ufer, locken mit kostenlosen Liegeplätzen am hauseigenen Steg. Flotillenweise rücken Segelboote an. Is echt ´n Ding! Um eine Flotillenyacht zu chartern braucht man keinen Führerschein. Ein Boot mit Skipper leitet die übrigen Crews per Funk an. Geheuer is´ mir das ja nich´.
Land in Sicht. Und ein Frachter vor Lefkada..
Bucht von Syvota
Schwimmstege
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Nahia. Nahia. Nahia. This is sailing vessel Flying Lobster. Flying Lobster. Over. Die Nahia antwortet auf den ersten Ruf. Wir wechseln auf Kanal 72. Unsere Freunde ankern in der Bucht von Palairos. Nur ´nen Halbtgstörn entfernt. Vor Freude könnte ich quietschen wie ein Delfin.
*
Im Norden von Nisos Meganisi gefällt mir das. Kaum ein Haus. Nur zwei Boote neben mir. Hinter der Badeplattform schwimmt mein Dinghi. Klar lockt das Meer. Manchmal treibt Schaum drauf. Wo der wohl herkommt? Die See ist ein Seidentuch in Órmos Platigyáli. Seit gestern Abend. Meine Crew is´ nochmal drum rum gekommen, Landleinen zu legen. Da haben die zwei echt Bammel vor. Dabei sieht das einfach aus bei anderen Booten. Anker an der richtigen Stelle runterlassen. Rückwärts fahren, bis er sich gut eingräbt. Die Kette muss sich in einer Linie mit meiner Längsachse spannen. Zugleich werd ich achtern, an Backbord und Steuerbord, mit Leinen an Land befestigt. Landleinen eben. Hier in der Gegend meist an einer Felsspitze, die aus dem Wasser ragt. Oder an einem knorrigen Baumstamm. Ich geb ja zu, ich bin ´n büsch´n schwerfällig. Besonders im Rückwärtsgang. Doch vor den Inseln hier fällt der Grund oft schnell ab. Und nah am Ufer is´ schwojen nich´ drin. Nu´ anker ich auf zweiundzwanzig Meter Tiefe. Da reichen meine siebzig Meter Kette. Wenn das Wetter ruhig is´. Und der Wind darf nich´ drehen.
Mein Käpt´n liest ´nen Thriller. Meine Steuerfrau checkt den Wetterbericht. Lässt den Blick schweifen. „Schau mal, Käpt´n“, sagt sie. „Was das Boot da für ´ne Schräglage hat!“ Lässig hocken die zwei in der Plicht. Seh´n die denn nich´, wie die See sich weiter draußen kräuselt? Der Wind schiebt die Welle vor sich her und setzt ihr Schaumkrönchen auf. Sie rollt auf uns zu. Aus Nordnordost.
„Gleich geht´s los hier!“Mein Käpt´n springt auf. Hastet zum Heck. Ruft „Dinghi hoch!“ Klettert die Leiter runter. Zieht mein Beiboot bei. Mal ist die Badeplattform Land unter, mal steht sie in der Luft, ´n Meter über´m Wasser. Mein Käpt´n scheint leicht wie ein Flummi. Hält sich mit einer Hand am Geräteträger fest. Mit der anderen will er die Karabinerhaken einhängen. Am Heck bereitet meine Steuerfrau die Leinen zum Hochziehen vor. Wartet. Der Wind drückt uns in die Bucht. Mein Anker slippt. Das felsige Ufer kommt näher. Ruthie schmeißt den OM314 an. Legt den Vorwärtsgang ein.
Endlich! Unisono ziehen die zwei mein Dinghi hoch. Geben Vollgas. Das is´ man mal gerade noch gut gegangen! Um die Ionischen Inseln rum blasen die Böen oft so stetig, dass die Grundwindgeschwindigkeit nicht interessiert. Wenn Windy sieben Knoten vorhersagt, und zwanzig in der Böe, werden es möglicherweise beinah durchgehend zwanzig. Vielleicht ist das Meer deshalb heute so leer. Nur die Sonne begleitet uns. Flutet das Firmament mit Feuerfarben. Versinkt fulminant hinterm Festland. Als wir ein Plätzchen zwischen den Booten vor Palairos suchen, verschwindet das Städtchen in der Dämmerung.
Palairos
Wandmalerei in Palairos
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Brichst Du auf gen Ithaka…
Freunde sind das beste Ziel. Wie gesagt, das Meer is´ überall blau. Zur Nahia tuckern wir am frühen Nachmittag. Extra langsam, um mit dem Strom, den mein Motor generiert, genügend Wasser zu machen. Der Konverter wird bald zu heiß. Achtzig Liter Wasser müssen reichen. Umso besser, denkt sich meine Ruthie. Jetzt können wir schneller fahren. Noch weiß sie nicht, dass wir unsere Freunde öfter treffen werden. Die schönsten Buchten werden wir mit ihnen teilen. Die Wasp Bay, an der Ostküste von Kastos. So einsam und wild. Morgens wecken uns die Ziegen am Ufer. Die Bucht beim Kapellchen, im Norden von Kalamos. Grün wie ein Waldsee schimmert das Meer. Sind da Feen und Kobolde zwischen den Kiefern am Ufer? Gegenüber am Festland, in der Bucht von Mitikas, stehen Duschen am Strand. In die Kalamos Woods Bay ließ Jackie sich schippern. Die Insel von Onassis liegt um die Ecke. Eine Pfeffersackinsel. Betreten verboten.
Nahia und Lobsty in der Koboldbucht
Wasp Bay
Die Nahia vor Meganisi (grün) und Lefkada (hohe Berge)
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WoP, der Käpt´n der Little Secret, kommt in Órmos Varko zum Klönschnack vorbei. Die Lise ist auf dem Weg nach Norden. Wohin die Reise geht, fragt er. Mein Käpt´n möchte mal durch den Kanal von Korinth. Vielleicht aber auch um die Peloponnes Halbinsel. Meine Steuerfrau träumt von Ithaka. Vorerst huschen wir mal hierhin, mal dorthin. Trödeln rum. Vor Nikiana, wo der Bus nach Lefkada Stadt gleich neben dem Häfchen hält, ist der Ankergrund gut und das Meer erstaunlich sauber. In Órmos Desimou tüftelt mein Käpt´n am Wassermacher. Obwohl die Bucht nach Süden offen ist, rollt bei Südwind wenig Schwell rein. Das gibt ´ne lütte Höhle mit Strand drin, und ´nem Schrein für den heiligen Nikolaus. Zwei Campinglätze, ´n Imbiss und drei Restaurants drängen sich an den Strand. Is´ aber trotzdem gemütlich. Und Wasser machen wir nun mit Solarenergie.
In Órmos Rementinoú, an der Ostküste von Meganisi, lieg ich zum ersten Mal an einer Landleine. Die Olivenbäume wachsen hier auf Terrassen bis ans Ufer. Eine Amantis landet auf meinem Deck. Dabei können Gottesanbeterinnen kaum fliegen! In Katomeri, ´ne Viertelstunde den Berg hoch, hängt ein Bild von Che Guevara an einem Haus.
Órmos Varko
Gewitter bei Nikiana
Straße in Lefkada Stadt
Órmos Desimou
Blick auf den Kanal zwischen Meganisi und Lefkada
Órmos Rementioú
Amantis
Haus in Katomeri
Von Meganisi nach Ithaka segeln wir hart am Wind. Der kommt von der offenen See. Legt zwischen Kephalonia und Lefkada ´n Zahn zu. Um Nisos Atakos, mitten auf unserem Weg, kommen wir im Norden nicht rum. Meine Crew öffnet die Segel. Refft eilig vorm Südkap des Inselchens. Von da husche ich direkt nach Órmos Sarakiniko rein. Eine Landleinenbucht. Aber die Nahia ist schon da, und ihr Käpt´n hilft. Diesmal krieg ich zwei Leinen, wie sich das gehört.
Die Kapitänin von der Nahia weiß, wo mit Fallböen zu rechnen ist. Auf dem Weg von Órmos Ateos nach Vathy sind die Berge am Westufer ´ne Windrutsche. Bis in die Hauptstadt von Ithaka rein fegen die Böen. In der Bucht von Vathy suchen wir Schutz zwischen Festland und Lazarettinselchen. Ab Mittag trudeln Flotillen ein. Andere Boote auch. Bald ist Platzmangel. Ein französischer Katamaran liegt viel zu nah bei. Mein Käpt´n ruft rüber. Zeigt, wo unser Anker liegt. Dem Käpt´n vom Kat schein das eins. Mit ´ner italienischen Yacht das gleiche Spiel. Ihre Crew lädt zum Gin Tonic ein. Is ja nett. Aber meine Crew hat sich landfein gemacht. My boat is made of steel, sagt mein Käpt´n. Take care of yours. Genau. Mir kann so´n Yoghurtbecher nix anhaben.
Fischerboot in Órmos Atherinos (Meganisi)
Die Nahia in Órmos Sarakiniko
Landleinenpool an Lobstys Heck (Órmos Sarakiniko)
Órmos Ateos
Vathy (Ithaka)
Katze in Vathy
*
Ithaka gilt als die Heimat von König Odysseus. In Lefkada und Kephalonia schürt man Zweifel. Homers Epos beschreibe eine Landschaft, die nicht zu Ithaka passe. Die Odyssee ist die Mutter aller Heldenreisen! Kalypso, Kyklopen, Sirenen. Der Hades, Agamemnon, der trojanische Krieg. Selbst ich hab´ da schon von gehört! Odysseus war schließlich ein Seefahrer. Musste gegen Poseidons Stürme ankämpfen. Reisender kommst du nach Ithaka… Seit wir nach Hellas aufgebrochen sind, klingelt meiner Steuerfrau dieser Satz im Ohr. Da ist aber nicht Homer für verantwortlich, sondern Konstantinos Kavafis.
ITHAKA
Brichst du auf gen Ithaka
so wünsch dir eine lange Fahrt
voller Abenteuer und Erkenntnisse
Die Lästrygonen und Zyklopen
den zornigen Poseidon fürchte nicht
solcherlei wirst du auf deiner Fahrt nie finden
wenn hochgesinnt dein Denken
wenn edle Regung deinen Geist und Körper anrührt
Den Lästrygonen und Zyklopen, dem zornigen Poseidon
wirst du nicht begegnen
falls du sie nicht in deiner Seele mit dir trägst
falls deine Seele sie nicht vor Dir aufbaut
so wünsch dir eine lange Fahrt
der Sommer Morgen mögen viele sein
da du, mit welcher Freude und Zufriedenheit
in nie zuvor erblickte Häfen einfährst
halt ein bei Handelsplätzen der Phönizier
die schönen Waren zu erwerben
Perlmutter und Korallen, Bernstein, Ebenholz
erregende Essenzen aller Art
so reichlich du vermagst, erregende Essenzen
besuche viele Städte in Ägypten
damit du von den Eingeweihten lernst und wieder lernst
Stets halte Ithaka im Sinn
Dort anzukommen ist dir vorbestimmt
Jedoch beeile deine Reise nicht
Besser ist, sie dauere viele Jahre
und alt geworden lege auf der Insel an
nun reich an dem, was du auf deiner Fahrt gewannst
und ohne zu erwarten, dass Ithaka dir Reichtum gäbe
Ithaka gab dir die schöne Reise
Du wärest ohne es nicht auf die Fahrt gegangen
Nun hat es dir nicht mehr zu geben
Auch wenn es sich dir ärmlich zeigt
Ithaka betrog dich nicht
So weise, wie du wurdest, und in solchem Maß erfahren
wirst du ohnedies verstanden haben
was die Ithakas bedeuten
Konstantinos Kavafis
Lobsty
*
Glossar
in die Puschen kommen – in die Gänge kommen, sich aufraffen (Norddeutsch)
seut – süß
Euböa – zweitgrößte Insel Griechenlands (nach Kreta). Liegt im Westen der Ägäis.
´n büsch´n – ein bisschen
SuP – Stand up Paddleboard, d.h., Steh-Paddelbrett. Das Stehpaddeln hat sich aus dem Surfen entwickelt. Anfangs wurden Surfboards, Longboards u.ä. aus dem Wellenreiten verwendet, vor allem auf Hawaii. Seit der Erfindung der aufblasbaren Paddelbretter hat sich das Stehpaddeln zu einem weit verbreiteten Freizeitsport entwickelt.
A happy wife is happy life – glückliche Ehefrau, glückliches Leben
Aiolus – Gott des Windes
baumt das Groß aus – auch: Bullenstander setzen. Beim Segeln vor dem Wind laufen viele Yachten leicht aus dem Ruder. Baumt man das Großsegel aus, steht es in einem Winkel von 70 bis 85 Grad. Das Boot lässt sich besser steuern.
Schmetterlingsegeln – das Großsegel steht zur einen, das Vorsegel zur anderen Seite.
ihm is´ das eins – das ist ihm egal (Norddeutsch)
Kanal 72 – Hat man mit einem anderen Boot keinen Funkkanal vereinbart, kann man es über Kanal 16 rufen, wechselt jedoch sofort die Frequenz. Denn Kanal 16 ist die UKW-Frequenz für Notrufe und dringliche Mitteilungen. Der Seewetterbericht oder die navigatorischen Warnungen werden hier mit dem Verweis auf andere Sendefrequenzen angekündigt.
Nahia. Nahia. Nahia. This is sailing vessel Flying Lobster. Flying Lobster. Over. – Funkprotokoll. Der Name des Schiffes, das man ruft, wird zwei- bis dreimal genannt. Dann der Name des Schiffes, das ruft. „Over“ meint, dass die Rufende auf Antwort wartet.
Nahia – der Wunsch (Baskisch)
Törn – Segelausflug (Norddeutsch)
Nisos – Insel (Griechisch)
Órmos – Bucht (Griechisch)
Bammel – Angst
schwojen – Beim Ankern stellt sich der Bug des Bootes in den Wind. Ist der Wind stark genug, spannt sich die Ankerkette. Um den Fixpunkt herum, an dem sich der Anker eingegraben hat, kann ein Boot einen Kreis von 360 º Grad beschreiben.
siebzig Meter Kette – Nicht nur der Anker hält ein Boot am Platz, sondern auch der Teil der Kette, der am Meeresboden liegt. Um zu berechnen, wie viel Kette beim Ankern raus gelassen werden sollte, multipliziert man die Wassertiefe mindestens mal drei. Je mehr Kette am Boden liegt, umso geringer ist die Gefahr, dass der Anker beim Schwojen aus dem Grund gerissen wird. Bei viel Wind oder starkem Schwell bedeutet daher mehr Kette mehr Sicherheit.
slippen – der Anker löst sich und rutscht über den Meeresgrund
Windy – Wetter App. Vor allem fürs Segeln und Windsurfen
Konverter – wandelt 12 V Gleichstrom in 220 V Wechselstrom um. Die Hochdruckpumpe von Lobstys Wassermacher ist ein kleiner, kostengünstiger Hochdruckreiniger. Dieser benötigt 220 V.
Pfeffersack – ursprünglich verächtliche Bezeichnung für Kaufleute der Hanse, die im Mittelalter aus Übersee Gewürze importierten. Meint eine rücksichtslose Person, die durch Machthunger und Geldgier zu Reichtum gekommen ist. Onassis baute u.a. Mitte des 20. Jahrhunderts die weltgrößte private Walfangflotte auf und verkaufte diese 1956 an Japan.
Klönschnack –Schwätzchen
Lise – Little Secret
Schwell – von „swell“ (Englisch). Meint Dünung, also Wellen, die nicht durch den aktuellen Wind aufgebaut werden, sondern in einem anderen Gebiet oder zu einem anderen Zeitpunkt entstanden sind. Kann auch durch ein vorbeifahrendes Schiff verursacht sein.
lütt – klein
hart am Wind – Auch hoch am Wind oder gegen an. Je nach Bootstyp muss der Wind mindestens in einem Winkel von 25 bis 90 Grad in die Segel treffen, damit Vortrieb entsteht. Lobstys kleinster, segelbarer Windeinfallwinkel liegt bei etwa 30 Grad.
reffen – Segel durch Einholen verkleinern, um dem Wind weniger Angriffsfläche zu bieten
Katamaran, kurz Kat – Boot oder Schiff mit zwei Rümpfen, die fest miteinander verbunden sind
My boat is made of steel. Take care of yours. – Mein Boot ist aus Stahl. Pass auf deins auf.
Cool! Ich hab´ ein Maskottchen. Geschaffen hat es eine Künstlerin aus Uruguay. Eugenia Assanelli. Als Segelyacht kann ich ja auf der See dahinfliegen. Am besten unter vollen Segeln, und anständig getrimmt. Mein Alter Ego macht das mit dem Fliegen anders.
Endlich is´ meine Steuerfrau in die Puschen gekommen. Nu´ denn, gut Ding will Weile haben. So wie das Brot, dass mein Käpt´n bäckt. Den Sauerteig füttern, damit er bereit ist, wenn er auf Mehl und Wasser trifft. Teig kneten. Ihn gehen lassen. Schön warm muss der das haben! Dann mehrmals falten. Einen Brotlaib formen. Wieder ruhen lassen. Ofen vorheizen. Brot rein. ´Ne Tasse Wasser ins untere Blech schütten. Ofentemperatur und Garzeit müssen stimmen.
Backen kann mein Käpt´n alleine. Ein paar Stunden, und ein knuspriges Brot duftet verlockend. Zeichnen kann meine Steuerfrau nur bedingt. Da hat Eugenia Talent. Richtig seut is´ mein gemaltes Gegenstück geworden. Mein Name beflügelt ja auch die Phantasie. Flying Lobster. Fliegender Hummer.
Lobsty auf Wolke am Rumpf, das hätte mir gefallen. Aber als Stahlschiff muss ich ab und an gestrichen werden. Dann wär´ das schöne Bild wieder weg. Also hab ich eine Fahne bekommen. Und die liegt nu´ seit Wochen unter Deck. Frag´ mich, ob das diesen Sommer noch was wird mit dem Hissen.
Que meraviglia! Wir sind unterwegs. Haben prima Wind. Meistens jedenfalls. Als Sophie, die Tochter vom Käpt´n, Ende Juni in Cagliari ankam, blies der Mistral munter und wir mussten gegen an, um sie abzuholen. Mir hat das ja Spaß gemacht! Aber meine Crew war´n büsch´n aus der Übung. War ja zehn Monate her gewesen, dass die beiden mich zum letzten Mal gesegelt hatten.
Den Winter hab ich wieder in der schnuckeligen Marina von Santa Maria Navarrese verbracht. Zum Glück hat mich die Crew von meiner Freundin Nahia öfter besucht. Sie haben meine Leinen gecheckt, vor allem wenn Sturm angesagt war. In die Bilge geschaut und was noch so anlag. Und ab und an in den Werkzeugkisten vom Käpt´n rumgestöbert. Hab´ mich immer gefreut, wenn sie fündig geworden sind. Auch die Käpt´ns von der Orion und von der Seawitch kamen mal vorbei. Ich war dann aber trotzdem bannig froh, als meine Crew endlich wieder an Bord war. Ende März war´s natürlich noch klamm in den Kojen. Aber mit dem lütten Heizlüfter wurde das bald kuschelig unter Deck. Und für die Plicht gibt das ja die Kuchenbude.
Über zwei Monate lang hat meine Crew an mir rumgepusselt. Das brauchte ich man aber auch! Unter anderem ist mein Getriebe nu´ überholt, achtern hab ich ´ne höhere Reling aus Edelstahl mit schwenkbaren Solarpaneelen dran und meine Genua ist repariert. Und mein Beiboot hat ´nen Überzug bekommen! Der griechischen Sonne eilt nämlich der Ruf voraus, dass PVC ihr nicht lange standhält.
Ach Hellas! Was bin ich gespannt! Der Meltemi, der Nordostwind, der die meiste Zeit des Jahres in der Ägäis vorherrscht, ist unter Seeleuten berüchtigt. Aber wir wollen ja erst mal ins Ionische Meer, das liegt auf dem Weg. Ich hab reichlich Proviant an Bord und meine Tanks sind voll. Noch sind wir in sardischen Gewässern. Ankern vor Porto Pino. Die Lady M ist mit ihrem Käpt´n André aus Carloforte hergeschippert und liegt neben mir. Gemächlich schaukeln wir vor uns hin und genießen beim Schwojen den Ausblick. Mal auf die Dünen, hinter denen sich weitläufige Lagunen verbergen, die von Flamingos und Reihern bewohnt sind. Mal auf den Pinienwald am Kap und den Kanal mit den lütten Fischerbooten, der nach Porto Pino führt. Der Sand ist hier so hell, dass das Meer bei ruhigem Sommerwetter schimmert wie ein Türkis. Da macht das denn auch nix, wenn wir vielleicht etwas länger auf den richtigen Wind warten müssen. Und der Mistral ist ja zuverlässig. Früher oder später wird er kommen. Und mich von schräg achtern Kurs Südost schieben. Raumer Wind heißt das in der Seeleutesprache. Und wenn er wie üblich anständig bläst, hab ich dann auch ´ne feine Welle aus der gleichen Richtung. Freu mich schon auf´s Surfen!
*
Die erste Nacht vor Anker (Bucht von Arbatax)
Die Genua wird geflickt
Kanal von Porto Pino
Wenn Rasmus wohlgesonnen ist…
Was für ein wunderbarer Segelwind! Kaum sind wir um die Südwestspitze von Sardinien rum, geht das los. Im Schutz der Insel gleite ich ruhig und geschwind dahin. Komme sogar immer wieder ins Surfen. Doch dann haben wir Kreuzsee vom Feinsten. Denn der Mistral teilt sich gern, wenn er aus dem Löwengolf heranweht. Im Westen von Sardinien fegt er die Küste hinab, umrundet die Insel im Süden und wird zu Westnordwest. Zugleich wird er südlich von Korsika in die Straße von Bonifacio abgelenkt, die Meerenge zwischen Sardinien und Korsika. Bläst er stark genug, umrundet er dann die Nordostspitze Sardiniens und wird zum Nordwind. Welle aus Westnordwest trifft also auf Welle aus Nord. Und wenn sie hoch genug ist, und ich schweres Mädchen wie ein Korken auf ihr tanze, nennen Seeleute das „Waschmaschine“.
Fast zwei Tage lang traut meine Crew sich nich´ mal mehr, das Brotmesser in die Hand zu nehmen. Eigentlich wollten wir ja bei den Egadischen Inseln, im Nordwesten von Sizilien, einen Stop einlegen. Da rauschen wir aber dran vorbei und lassen Favignana an Backbord liegen. Vor Anker in ´ner Bucht dort hätte meine Crew sicher keine ruhige Nacht. Die beiden überlegen, was es zum Abendessen geben könnte, denn sie haben mittlerweile die große Schüssel Reissalat und die Kartoffeltortilla aufgefuttert. Da wird das doch tatsächlich auf einmal ruhig genug, um ein paar Stullen zu schmieren.
Meine Ruthie hat Steuerwache, und ich gleite bei über zwanzig Knoten von achtern so elegant dahin, dass sie Papier und Stift holt. Glücklich hockt sie in der Plicht und macht Notizen. Ab und an wirft sie ´nen Blick auf den Plotter. Kontrolliert, ob der Autopilot alles unter Kontrolle hat. Da knallt eine Böe von über dreißig Knoten in die Genua. Der Autopilot tilt. Er kann nicht schnell genug reagieren. Ich lauf´ aus dem Ruder. Kaum hat meine Steuerfrau ihren Schreibkram ins Schwalbennest gestopft, ist mein Käpt´n zur Stelle und die beiden fahren eine Wende. Das Schreiben lässt die Deern auf Wache nu´ lieber sein.
Wir lassen Sizilien hinter uns. Die Nacht ist mondlos. Horizont und Meer verschwimmen in der Dunkelheit. Als endlich die Sonne über den Horizont lugt, ist Gozo in Sicht, die westlichste Insel des maltesischen Archipels. In weniger als drei Tagen sind wir vom Südwesten Sardiniens hierher gesegelt. Rasmus ist uns wohlgesonnen!
Segeln bei raumem Wind
Glossar
Que meraviglia! – Wie wunderbar! (Italienisch)
Cagliari – Hauptstadt von Sardinien, im Süden der Insel.
Mistral – Nordwestwind, der vom Löwengolf her weht.
bannig – sehr (Plattdütsch)
lütt – klein (Plattdütsch)
raumer Wind – der Wind fällt in einem Winkel von ca. 100 bis 170 Grad in die Segel, sodass diese weit geöffnet werden müssen.
Plicht – auch Cockpit genannt. Bereich des Bootes im Freien, wo sich der Steuerstand beefindet, meist auch Sitzbänke und ein Klapptisch.
Kuchenbude – Abdeckung der Plicht mit einem Verdeck, das ähnlich wie ein Zelt vor den Cockpitbereich Regen, Wind und Sonne
rumpusseln – arbeiten, basteln (Plattdütsch)
schwojen – liegt ein Boot vor Anker dreht sich sein Bug in den Wind und die Ankerkette spannt sich. Je nach Windrichtung und -stärke befindet es sich dann an einem entsprechenden Punkt auf oder innerhalb eines 360 Grad Kreises.
Carloforte – Stadt auf einer dem Südwestzipfel Sardiniens vorgelagerten Insel
Kreuzsee – die Welle rollt aus zwei Himmelsrichtungen heran
Egadische Inseln – Inselgruppe im Nordwesten von Sizilien
Favignana – größte der Egadischen Inseln
Rasmus – Schutzpatron der Seeleute
Knoten – ein Knoten entspricht einer Geschwindigkeit von einer Seemeile pro Stunde (1 Sm = 1852 m)
aus dem Ruder laufen – eine starke Böe fällt ins Vorsegel und das Boot wird herumgedrückt, bis der Bug im Wind steht und das Vorsegel einfällt . Das Boot lässt sich erst wieder steuern, wenn das Segel getrimmt wird, d.h. es muss so zum Wind stehen, dass es sich strafft.
eine Wende fahren – das Vorsegel (Genua oder Fock) auf die andere Seite bringen, sodass der Bug des Bootes durch den Wind geht. Der Wind bläst von der anderen Seite ins Segel und der Kurs ändert sich -je nach Boot- mindestens um 60 bis 90 Grad.
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Gozo – schroffe Felsen, staubiges Grün
Zur rechten Zeit für ein Mittagsschläfchen fällt mein Anker. Simon von der Nahia hatte uns kurz zuvor die Position einer wunderschönen Bucht geschickt. Die Zufahrt zur Dwejra Bay ist nach Westen offen. Sie führt in ein weites Becken zwischen hoch aufragenden Felswänden. Es gibt ja kaum etwas, das ich so fürchte wie Steilküsten. Aber ich hab‘ hier reichlich Raum zum Schwojen. Und sollte starker Westwind aufkommen, bringt meine Crew mich woanders hin. Da kann ich mich auf verlassen.
Nachts lieg´ ich ruhig wie auf einem Bergsee. Vor dem Frühstück will meine Steuerfrau allerdings Brot einholen. Mit dem Dinghi schippert mein Käpt´n sie zur nördlichen von zwei schmalen Einbuchtungen im Fels. Im Nu steigt sie eine Treppe hinauf, die zu einem weitläufigen Hang führt. Immer dem Duft der Macchia nach. Thymian. Wilder Fenchel. Garrigues. Agaven ragen zwischen vereinzelten Felsen auf. Von der Sonne verdorrte Kardonien und Bauruinen säumen den Weg. Ein Mann pflügt sein Feld. Die trockene Erde wirbelt auf und lässt seine Silhouette verschwimmen. Was kämpft er der Erde ab? Kartoffeln, Kapern oder Kohl? Zucchini, Artischocken oder Tomaten? Auf einem anderen Feld stehen Weinstöcke in Reih und Glied. Und auf der Höhe angelangt gibt eine weite Schlucht den Blick auf verstreute Sandsteinbrüche am gegenüber liegenden Hang frei. LKW kommen und gehen, ziehen Staubwolken hinter sich her. Ein Dorf ist nirgends zu sehen.
Auch in dem lütten Dwejra, das in der Senke hinter dem alten Wachtturm am Meer liegt, gibt das keine Bäckerei. Aber meine Ruthie traut ihren Augen nicht, als auf dem Weg dorthin eine Lagune in Sicht kommt. Umringt von Häusern und einer hohen Steilwand. Die Farbtupfer auf dem dunkel schimmernden Wasser erweisen sich bald als lütte Holzboote, einige der Häuser als Bootsschuppen. Und der schwarze Fleck auf der Felswand als Zugang zum offenen Meer.
*
In der Abenddämmerung düst meine Crew mit dem Beiboot los. Nach so ´ner Überfahrt kann man sich schließlich mal ´ne Pizza gönnen. Mehrmals sind die zwei drauf und dran, in eine der vielen Höhlen zu fahren, die Brandung, Wind und Gestein hier in die Steilküste gefressen haben. Was man gut, dass sie jedes Mal noch´n büsch´n weitergschippert sind. Denn die Zufahrt nach Dwejra gleicht einem Tunnel. Sie is´ nicht allzu lang. Lagune und Bootsschuppen sind vom offenen Meer her zu sehen.
Das erste maltesische Abendessen ist köstlich! Büsch´n arabisch, büsch´n Meze, und ´n Tick britisch. Als die Imqaret mit Vanilleeis verputzt sind, steht eine filigrane Mondsichel über der Lagune. Für den Rückweg durch den Höhlentunnel hat meine Crew natürlich ´ne Taschlampe dabei. Die dient zudem als Positionslicht. Falls man doch mal auf ein anderes Boot trifft in der Nacht.
*
Ankunft in Gozo
Lobsty: rechts im Bild
Blick auf Dwejra
Lagune von Dwejra
Kirche in Dwejra
Malta – Schmelztiegel der Kulturen
Neben der Hafeneinfahrt von Mgarr, im Südosten von Gozo, lieg´ ich und warte. Ich mag das ja nich´ so gern, wenn meine Crew mich allein lässt. Und denn auch noch an so ´nem viel befahrenen Ort. Aber die zwei wollen sich Victoria anschauen, die Hauptstadt von Gozo im Inselinnern. Und in ´nem Hafen findet sich meist ein Platz, um das Dinghi sicher festzumachen.
Von der Haltestelle am Fähranleger aus braucht der Bus kaum ´ne halbe Stunde nach Rabat, wie Victoria meist von den Gozitanerinnen genannt wird. Wie Weihnachten sieht das da aus. Mitten im Hochsommer! Rote, mit Gold bestickte Banner und Lichterketten schmücken die Straßen. Vor allem entlang der Republic Street, vor Kirchen und auf manchen Plätzen wachen überlebensgroße Statuen von Erzengeln, Heiligen und Kirchenmännern. Einmal am Tag dreht eine Blaskapelle ihre Runden. Und das fast eine Woche lang.
Es ist „Festa“ zu Ehren des Schutzpatrons. „Viva San Gorg!“ verkünden Leuchtbuchstaben auf dem Hügel gegenüber der Cittadella. Die Festung, die über Rabat thront, wurde auf den Resten einer mittelalterlichen Burg errichtet, als der JohanniterordenMalta in Besitz nahm. Das is´ bannig lang her. Aber das Meer erinnert sich gut. Es raunt mir die Namen all der Völker zu, deren Schiffe im Lauf der Jahrtausende an maltesischen Küsten Krieger ausgespuckt haben. Ganz dun wird mir davon. Phönizier, Römer, Germanen und Araber. Normannen, Staufer, Kastilier und wer nich´ noch alles. Zuletzt waren es die Briten. Die herrschten hundertsechzig Jahre. Noch heute ist Englisch Amtssprache auf dem Archipel. Neben Maltesisch natürlich, das ich viel melodischer finde. Es wurzelt ja auch im Arabischen und im sizilianischen Italienisch.
Kaum ist meine Crew wieder an Bord und will den Anker lichten, hab´ ich ein Boot der Hafenpolizei längsseits. Warum wir keine Courtesy Flag gehisst hätten, fragen die Beamten mit ernster Miene. „Wir wollten nach Sizilien. Aber der Wind hat uns hierher geweht. Und Malta ist so schön!“, sagt meine Steuerfrau. „Sowie wir in Valletta sind, besorge ich eine Flagge. Versprochen! Ach, Malta ist so schön!“ Da bedanken sich die Polizisten und schippern winkend davon.
*
Auf Valletta sind meine Crew und ich so richtig neugierig. Die kleinste Hauptstadt Europas ist Unesco-Welterbe. Golden schimmern ihre aus Sandstein errichteten Festungsmauern in der Abendsonne. Sie erinnern daran, dass Malteserritter einst von hier aus Jagd auf muslimische Schiffe machten. Überblicken von der Landzunge Monte Sciberras aus den Grand Harbour im Süden und den Marsamxett Harbour im Norden. Wunderbare Naturhäfen mit zahlreichen Einbuchtungen, die die Malteserinnen „Creeks“ nennen. Mehrere Städte drängen sich hier an die Ufer. Sliema, Ta-Xbiex, Gzira, Msida, Hamrun, Floriana, Marsa, Paola, Cospicua, Kalkara – nur ein paar tausend Einwohner hat jede von ihnen.
Es gibt viele Stellen zum Ankern. Und –ich fass das nich´!– Ankern ist erlaubt! Zwischen der Insel Fort Manoel mittendrin im Marsamxett Harbour und dem geschäftigen Ort Sliema warten sogar verschiedenste Bojen auf einlaufende Boote. Rostige, gelbe Tonnen. Rote Kegel. Blaue Bälle. Werden sie nicht mehr gebraucht? Oder vielleicht nur im Winter genutzt? Keiner kommt kontrollieren oder präsentiert eine Rechnung. Niemand beschwert sich. Sowas hab ich noch nie erlebt! Jetzt im Hochsommer müsste meine Crew anderswo so viel berappen, dass man die zwei Bojen, zwischen denen ich liege, vergolden könnte. Dabei is´ das hier nich´ gerade Badewasser. Aber dafür gibt das gute Einkaufsmöglichkeiten. Für Proviant. Und für Dinge, die ein Segelboot wie ich so an Zubehör und Ersatzteilen braucht. Und der Diesel kostet eins einundzwanzig den Liter! Sechsmal schippert mein Käpt´n mit dem Dinghi unter der Brücke zwischen Fort Manoel und dem Festland durch zur Tanke, weil er nur einen einzigen, leeren zwanzig Liter Kanister hat. Meine Steuerfrau ist unterdessen im Waschsalon. Und abends stopfen die Zwei sich im koreanischen Imbiss mit scharf gewürzten Nudelgerichten voll.
Das Beste aber ist, dass Zika seit einigen Jahren in Sliema wohnt. Der hat mich nämlich innen drin gestrichen. Sechs Schichten. Akkurat. Bis in den hintersten Winkel jedes einzelnen T-Eisens, das meinen Rumpf stabilisiert. War das eine Freude, ihn wiederzusehen! Er kannte mich ja noch ja gar nich´ so, wie ich jetzt bin. Mit Kombüse und Koje. Mit Segel und Rigg. Seetüchtig eben.
Um Wind für die Überfahrt nach Griechenland zu erwischen, segeln wir von Malta aus geradewegs gen Norden. Nach Syrakus, an der Ostküste Siziliens. Meine Steuerfrau ruft die Hafenbehörde per Funk und bekommt Koordinaten in der Rada di Sircusa, an denen wir ankern dürfen. Mit Blick auf die Insel Ortygia und die Altstadt von Syrakus, einst mächtigste Polis des antiken Siziliens, heute Welterbe. Pompöse Palazzos, protzige Kirchen und archäologische Fundstätten aus der Zeit hellenischer Herrscher locken Scharen von Besuchern an. In der Hochsaison muss hier jeder, der vom Tourismus lebt, seine Kasse füllen. „Nepp!“, grummelt meine Ruthie, als sie vom Landgang kommt. „Die haben hier alle Touri-Burnout.“ Nur vom Wochenmarkt war sie begeistert. Hat Gewürzmischung für Spaghetti Aglio e Olio gekauft. Getrocknete Tomaten, wilden Oregano, gesalzene Kapern und Mandarinenlikör.
Und wieder ist das Beste ein Wiedersehen! Wir treffen Ingrid, die wir in meinem ersten Segeljahr auf Menorca kennengelernt haben. Die Deern passt auf die „Wind“ auf. Der hundertjährige Holzsegler liegt seit Wochen hier vor Anker. Nicht gerade Badeferien für Ingrid, denn zum Schwimmen lädt das Brackwasser in der weiten Bucht nich´ ein. Selbst mein Käpt´n, der sonst einiges abkann, verzichtet darauf. Dabei is´ das so heiß, dass meine Ruthie nich´ mal das Naturschutzgebiet am Ufer erkunden will. Unglaublich! Wo das doch der einzige Ort Europas ist, an dem Papyrus wächst.
Wir bleiben nur wenige Tage. Ein letztes Mal Pizza, und mein Anker wird gelichtet. Doch da hängt´n halber Schrottplatz dran. Außerdem Netze und altes Tauwerk. Mit Leine, Ankerwinsch, Messer und Geduld macht mein Käpt´n sich ans Werk. Fast ´ne Stunde braucht das, bis wir den ganzen Schiet los sind.
*
Zum Kap Spartivento brechen wir am frühen Nachmittag auf. Mal rausche ich unter Segeln über die See, mal tucker ich mit Motor. Die Silhouette des Ätnas trotzt dem flammenden Himmel. Raucht zahm vor sich hin.
Mein Anker fällt im Morgenlicht. Das Meer ist klar und frisch. Mein Käpt´n macht Wasser. Es ist hier gar nicht so übel. Helle, rundliche Felsen am Ufer. Struppige, schon bräunlich verfärbte Macchia. Baumgrün vieler Schattierungen. Sträucher, und vereinzelt gelb oder weiß blühende Büsche. Schlanke Palmen und junge Zypressen, hinter denen sich Bahngleise und eine Autobahn verstecken. Hier und dort Häuser und wenige Menschen am hellbraunen Kiesstrand. Und keine Strandbar weit und breit, die unsere Bordmusik übertönt.
Die Küste ist offen, und nur nach Norden hin geschützt. Aber wie viele Segelboote rasten wir hier nur über Nacht. Auf dem Weg von Italien nach Hellas, übers Ionische Meer.
*
Blick auf Ortygia (Rada di Siracusa)
Ankerfang
Hier liegt der Schrott (Koordinaten)
Der Ätna
Capo Spartivento
Glossar
Garrigues – mediterrane Strauchheiden
Meze – griechische Appetithäppchen aus Gemüse, Fisch, Fleisch oder Meeresfrüchten
Imqaret – frittierte, mit Dattelmus gefüllte Küchlein
dun – schwindelig (Plattdütsch)
Republic Street – Hauptstraße von Rabat (Victoria)
Courtesy Flag – Höflichkeitsflagge. Boote und Schiffe führen an Steuerbord die Flagge ihres Gastlandes
Rigg (auch Takelage oder Takelwerk) – Der Mast und Tauwerk sowie Drähte (Wanten und Stage), die den Mast halten. Beschläge, Blöcke und alles, was zum Bedienen der Segel notwendig und nicht am Schiff befestigt ist, sondern aam Mast und anderen Elementen des Riggs selbst
Mast und Schotbruch, nimmt das denn gar kein Ende! Nich´ das mir Schwell was ausmachen würde. Ich bin ein schweres Mädchen, das wisst Ihr ja. Mit meinen zwanzig Tonnen kann ich kabbelige See gut ab. Egal, ob ich vor Anker liege oder übers Meer rausche. Aber meine Crew tut mir so langsam ´n büsch´n leid, denn seit wir Anfang Juni aus der Marina von Baunei ausgelaufen sind, haben wir kaum mal einen ganzen Tag ruhiges Wetter gehabt. Wer schwimmen will, geht besser über die Badeleiter ins Wasser. Schaut, wie die Strömung ist und bleibt immer schön in meiner Nähe. Mein Käpt´n flachst mittlerweile, dass wir ´nen Pool mit Gegenstromanlage haben.
Cala Brandinchi bei Mistral
Mal bläst der Mistral, Maestrale nennt man ihn in Italien. Er kommt aus Nordwest, vom Löwengolf her, und dreht vor Nordsardinien westlicher. Im Sommer ist es meist der Mistral blanc, der weiße Mistral. Ein Wind der klaren Sicht und der lebendigen Farben, der kaum Regen bringt. Wenn er die Oberhand gewinnt, erstrahlt das Meer in den schönsten Blautönen. Die Schaumkrönchen, die er auf die Wellenkämme wirft, leuchten, als hätten sie das Sonnenlicht aufgesogen. Jedes bisschen Grün, das sich an die felsige Küste klammert, hebt der Mistral hervor. Jede Falte der fernen Berge, jede Scharte, jeden Grat, jeden Gipfel, jeden Kamm. Doch er ist ein trügerischer Teufel, der es liebt, das Meer fern der Küste zu wilden Tänzen aufzupeitschen. Auch wenn er an Sommertagen selten mehr als dreißig Knoten erreicht.
Mistralblaues Meer
Die Isola Tavolara von der Cala Istana aus betrachtet
Der Scirocco wiederum saust aus Südost heran. Wie ein Dschinn erhebt er sich über der Sahara, fegt über das vor Hitze flimmernde Dünenmeer, saugt den aufgewirbelten Staub gierig auf und eilt dann mit trockener Kehle nordwärts, Richtung Mittelmeer, um seinen Durst zu stillen. Dabei lässt er Wolken wachsen und treibt sie vor sich her. Sie tragen Sandschleier, die er der Wüste entrissen hat. Wenn er naht, liegt das Meer mancherorts wie ein Edelstein unterm trüber werdenden Himmel. Türkis schimmernd, als sei es nicht von dieser Welt.
Der Scirocco nähert sich Stintino
Mein Käpt´n setzt den Heckanker, damit ich nich´so doll schaukel
Doch bald versinkt alles in Grau unter seinem Regiment. Selbst dort, wo sonst der helle Grund im klaren Wasser zu sehen ist, glänzt das Meer dann wie geschmolzenes Blei. Die Konturen von Bergen und Bäumen verschwimmen und die Landschaft zeigt sich nur noch schemenhaft.
Isola Tavolara, grau in grau
Morgensonne bei Scirocco im Golf von Oristano
Scirocconachmittag vor Alghero
Ein Gewitter zieht auf
Ob grau, ob türkis, ob strahlend blau, meine Steuerfrau kann sich nicht sattsehen an all dem Farbenspiel. Doch wenn der Scirocco Regen bringt, meckert sie wie ´ne kiebige Lachmöwe. Weil man an Deck nur noch schliddern kann und durch die Luken kaum noch was sieht. Weil man ums feudeln nich´ rumkommt, wenn morgens die ganze Plicht mit ´nem schmierigen, hellroten Film überzogen ist. Wat mutt, dat mutt. Doch meist kommt der Feudel erst dann zum Einsatz, wenn der Mistral dem Scirocco mal wieder den Garaus gemacht hat. Darum hab ich hier und dort schon rote Flecken auf meinem schönen, weißen Lack.
Nach dem Sciroccoregen
Wolken über der Tavolara
*
Rund um die Tavolara
Die IsolaTavolara, südlich von Olbia, nennen wir mittlerweile liebevoll „unseren Hausberg“. Nur etwa sechzig Seemeilen von der Marina di Baunei entfernt findet sich hier bei fast jedem Wind eine Bucht, die Schutz bietet. Genau der richtige Ort also, um mich endlich mit ´nem Wassermacher auszustatten. Mein Käpt´n hat ihn aus ´nem Bausatz zusammengepusselt. Ein kleiner Hochdruckreiniger, eine Vorfilteranlage, um den groben Dreck aus dem Meerwasser zu holen, zwei Membranfilter für die Entsalzung, ein Nadelventil, um einen Druck von etwa 55 bar einzustellen. Und verschiedene Kugelventile, um Meerwasser anzusaugen, oder Trinkwasser oder Reinigungsflüssigkeit in die gewünschte Richtung zu leiten. Und natürlich meterweise Schläuche. Nun kann meine Crew Seewasser zu Trinkwasser aufbereiten und muss nich´ mehr alle drei Wochen eine Marina anlaufen, um Wasser zu tanken. Allerdings verbraucht so ein Wassermacher Strom, den meine Lichtmaschine oder meine Solarkollektoren erzeugen müssen. Da muss ich wohl noch besser ausgerüstet werden. Mein Käpt´n tüftelt dran. Fürs Erste kommt ein Aggregat zum Einsatz, ein Generator, der Benzin in elektrische Energie umwandelt.
Isola Tavolara
Schnappschuss von Lobsty von der Nahia aus
Es wird Nacht in der Cala Girgulo
Frühling auf der Isola Tavolara
Blick von der Isola Tavolara zum Festland
Meine Steuerfrau macht Fotos
An der Molo Brin in Olbia, die Orion im Vordergrund
Beim Wasser machen steht das Aggregat an Deck
Der Wassermacher
Beinah zwei Monate lang haben wir uns im Nordosten Sardiniens rumgetrieben. Dort ist es einfach zu schön, um Tschüs zu sagen. Bei Mistral lagen wir bestens in der Cala Brandinchi, von der Isola Tavolara aus gen Süd, um´s Capo Coda Cavallo rum. Dort haben wir die Hedwig kennengelernt. Ihr Käp´n kam mit ´nem Fisch und meinte, der sei zu groß für ihn allein. Meine Crew hat natürlich gleich den Grill angeschmissen und ´ne Buddel Wein entkorkt.
Kann man sich vom Ausblick auf die Tavolara nicht trennen, und bläst der Wind nicht allzu stark, liegt man bei Mistral auch in der Cala Istana sicher. Oder vor Porto San Paolo, wo jedoch ein Bootsverleih für reges Kommen und Gehen auf dem Wasser sorgt. Und so´n lüttes Bootchen mit Außenborder kann bannig Welle machen! Das hat die Crew von der lütten Gintonic aber nich´ davon abgehalten, zu uns rüber zu schwimmen. Weil ihnen mein Name so gut gefiel, wollten die beiden mal „Guten Tag“ sagen. War aber mal wieder so´n Wind, dass sie gegn die Strömung nich´ ankamen, und bei der Seawitch nebenan gelandet sind. Die Gintonic hat weder Beiboot noch Kombüse. Ihre Crew ist mit ihr von Genua über Korsika bis Sardinien gesegelt. Und wieder zurück. Die beiden sind meine Helden!
Bläst der Scirocco, findet man in der Cala Girgolu Schutz. Die Tavolara, deren lang gestreckte Seite der Bucht zugewandt ist, trägt dann Wolkenhüte. Mal ´ne kecke Baskenmütze, schräg am Hang. Mal ´ne Melone, auf dem höchsten Gipfel. Mal auch ´ne Krone, die auf dem oberen Rand der Insel sitzt. Oder sogar ein Wolkenröckchen, das auf halber Höhe den lang gestreckten Felsen umrundet und wie ein Tutu absteht. In der Cala Girgolu lag meine Freundin Nahia oft neben mir vor Anker. Auch die Orion, mit Paulinchen, dem seuten Cocker-Mischling an Bord. Steffi, von der Benko, hat meiner Crew eines Morgens frisch gebackene Muffins gebracht! Auf ihrem Paddleboard. Besuch ohne Boot hatten wir auch. Sophie hat doch glatt die schönste Woche vom ganzen Frühling erwischt. Und Delfine kamen vorbei. Was für eine Freude! Als sie auftauchten, hat mein Käpt´n gegen meinen Rumpf geklopft, um sie zu locken. Und das hat prima geklappt.
Die Benko in der Cala Istana
Besuch vorm Frühstück
Die besten Muffins
Die Nahia unterm Wolkenhut der Tavolara
Schnorcheln in der Cala Girgolu
Neben der Seawitch vor Porto San Paolo
Die Crew von der Orion kommt zu Besuch
Netter Nachbar, lecker Fisch
Die Saphir kam genau zur rechten Zeit, um ihrem Käpt’n zum Freispruch zu gratulieren. Vor zwei Jahren hatte Claus-Peter Reisch als Käpt´n des Seenotrettungsschiffes Eleonora nach tagelangem, schweren Sturm den Notstand erklärt und war in einen sizilianischen Hafen eingelaufen. Mit über hundert Menschen an Bord, die vor der lybischen Küste in Seenot geraten waren. Man muss sich das mal vorstellen! Der damalige Innenminister Italiens, Matteo Salvini, hatte der Eleonora die Einfahrt in italienische Gewässer untersagt und mehrere Häfen hatten ihr die Erlaubnis zum Anlegen verweigert. Claus-Peter Reisch nennt das Mittelmeer „Das Meer der Tränen“. Und so heißt auch das Buch, das er geschrieben hat. Das gehört in jede Bordbibliothek.
Quelle: Google Earth
*
Einmal rund Sardinien
Weiße Strände, kuschelige Buchten, kristallklares Meer. Mal Felsküste, mal Dünen hoch wie Berge und immer wieder Lagunen im Inland, wo mancherorts sogar Flamingos leben. Anders als auf den Balearen, weiter westlich, ist die Flora überall satt und üppig. Doch Palmen sieht man kaum.
Auch ´nen Abstecher nach Korsika haben wir gemacht. Der Wind stand günstig. Er hat uns dann von von Porto Novo an der Südostküste Korsikas direkt nach Stintino gebracht.
Costa Esmeralda, Smaragdküste, nannte ein arabischer Prinz die Küstengebiete im Nordosten Sardiniens, nachdem er sie in den 1960er Jahren für´n Appel und´n Ei erworben hatte. Heute kostet ´ne Boje in der Cala di Volpe zweitausendachthundert Euro die Nacht. Da liegen so richtige Oschis, eine Superyacht neben der anderen. Eine Nacht haben wir´s da ausgehalten. Mein Käpt´n meinte, das wär´, als würde man auf´m LKW Parkplatz übernachten. Haufenweise Generatoren, nonstop auf Hochtouren. Der Jetset braucht Strom. Man muss ja den Whirpoll heizen. Oder die Yacht mit Lichtern behängen wie´n Weihnachtsbaum.
Meine Crew isst gern Pizza und wir mögen die einfachen Leute. Die Seenomaden, die auf ihren Booten leben. Die Fischer mit ihren ollen Holzkähnen. Die lütten Yachten unter italienischer Flagge, auf denen die ganze Großfamilie Urlaub macht. Ob Kinder oder Freunde, Oma oder Opa, Onkel oder Tante. Alle singen sie gerne. Meist mit Gitarrenbegleitung. Sie treffen zwar nicht immer den Ton, aber sie begleiten meine Crew in´s Land der Träume.
In der Cala di Volpe
Luxusboje
Dünen-Trichternarzissen in Porto Novo (Korsika)
Seit Menschen zur See fahren ist das Mittelmeer eine Brücke zwischen all den Kulturen, die an seinen Ufern leben. Einmal rund um Sardinien rum fanden wir Zeugen verschiedenster Epochen. Vor über dreitausend Jahren schon kamen Schiffe aus dem östlichen Mittelmeer, die mit der Insel Handel trieben. Mykener, Zyprer und etwas später Phönizier aus Tyros, einer der ältesten bewohnten Städte der Erde. Vor der Sinis Halbinsel in der weitläufigen Bucht von Oristano, an der Westküste Sardiniens, habe ich mit Blick auf die antike Stadt Tharros an einer Boje gelegen. Einst gegründet von sardischen Nuraghern, hat Tharros viele Herren gesehen. Phönizier, Punier, Römer. Ebenso wie Nora, am Kap von Pula, in der Bucht von Cagliari am südlichsten Zipfel Sardiniens. Von Nora aus konnten die phönizischen Schiffe selbst bei widrigen Winden in See stechen. Und auch wir hatten in der Cala di Pula Badewetter und höchstens mal mäßigem Südost bis Nordost, während nördlich und südlich von uns der Mistral mit um die dreißig Knoten geblasen hat.
Ruinen von Tharros, und auf dem Hügel ein spanischer Turm
Scirocco in der Bucht von Oristano
Straße von Pula
Blau ist das Windloch, orange der Starkwind
Bucht von Pula mit den Ruinen von Nora und einem spanischen Turm
Frachter in der Bucht von Cagliari
Die hohen Berge im Inselinnern versperren dem Wind so manchen Weg. Doch sie hinderten weder Karthago noch Rom daran, ihre Macht zeitweise über ganz Sardinien auszudehnen. Mehr als tausend Jahre nach dem Niedergang Roms, das nach den Phöniziern weite Teile Sardiniens besetzte, belagerten arabische Flotten die Insel, wurden aber von den Seemächten Genua und Pisa zurückgeschlagen. Ein Großteil der malerischen, alten Türme wiederum, die überall auf Aussichtspunkten an der Küste thronen, wurde auf Befehl iberischer Herrscher errichtet. Nahezu vierhundert Jahre lang war Sardinien zuerst vom katalonisch-aragonischen und später vom spanischen Königreich besetzt. In Alghero, im Nordwesten Sardiniens, spricht man noch heute katalanisch. Die Stadt liegt an einer weitläufigen Bucht, wo ich fast zwei Wochen geankert hab. Meine Crew hatte im alten Hafen, direkt vor den Mauern der Altstadt, schon ´nen festen Platz für´s Beiboot. Mal ging´s zum Wäsche waschen, mal zum Einkaufen, mal wurden Bootsteile gesucht. Und natürlich immer mal wieder ´ne Runde durch das hübsche Städtchen gedreht, in dem an jeder Ecke ´ne katalanische Fahne weht.
Vor Anker mit Blick auf Alghero
Hafen von Alghero
Katalanische Flaggen. Und eine sardische.
Spanischer Turm in der Bucht von Porto Conte
Im Naturpark von Porto Conte
Als mal wieder Mistral aufkam, sind wir ´gen Süden gerauscht. Erst mal zur Isola di Mal di Ventre, zur Bauchwehinsel. Der Name ist wohl ein Übersetzungfehler, denn auf sardisch heißt es Isula de Malu Entu, also „Insel des schlechten Windes“. Das passt auch eher. Die Kreuzsee auf´m Weg dahin war ´n büsch´n ungemütlich für meine Crew. Und beim dritten Versuch, an einer Boje festzumachen, hat mein Käpt´n den Bootshaken abgebrochen. Da kam aber schon der nette Käpt´n vom Nachbarboot und hat seine Hilfe angeboten. Meine Steuerfrau dachte, er wär ein Wächter des Naturschutzgebiets, zu dem die Isula de Malu Entu und die Sinis Halbinsel am Festland gegenüber gehören. Sie hat sich gewundert, wo er mit dem Schlauchboot wohl hin will. Nach Sonnenuntergang, im letzten Licht. Mehrere Seemeilen von der Küste entfernt, vor einer Insel, so platt wie ´ne Flunder, auf der kein einziges Haus steht.
Die Isula di Malu Entu und die Sinis Halbinsel bieten bei Mistral ´n büsch´n mehr Schutz als viele andere Buchten an der Westküste Sardiniens. Daher sind wir zur Sinis Halbinsel rüber gesegelt, dort ein paar Tage geblieben und dann bei wenig Wind südwärts motort. In der Hoffnung, ein paar Tage in der Bucht von Masua vor Anker liegen zu können, bevor wir in Villasimius, im Südosten, Katamaran Frida und Crew auf ihrem Weg von Griechenland nach Spanien treffen.
Kaum ist man zwischen dem steil aus dem Meer aufragenden Pan di Zucchero und dem Festland durchgesegelt, fällt der Blick auf einen schroffen Felsen. Ein Turm wie aus einem Märchenschloss ragt daraus hervor. Doch der Schein trügt, denn er ist ein Überbleibsel des industriellen Fortschritts. Vor etwa hundert Jahren ließen belgische Investoren hier einen neuartigen Seehafen bauen. Neben dem kuriosen Turm mündet ein sechshundert Meter langer Tunnel, durch den Zink und Blei von den Minen im Bergbaudorf Masua zum Meer transportiert wurden, um sie in Silos zu speichern und dann direkt auf Frachtschiffe zu verladen.
Pan di Zucchero und Steiküste
Verladestation von Porto Flavia
Blick auf die Bucht von Masua
Sardisches Fischboot im Kanal von Porto Pino
In der Bucht von Villasimius
Ankern vorm militärischen Sperrgebiet am Capo San Lorenzo
Landgang mit der Crew von der Frida
Schon die Phönizier suchten in der Gegend nach Erzen. Der Boom des Bergbaus auf Sardinien war jedoch vor etwa dreihundert Jahren. Von den Minen in Masua trugen die Arbeiter das Erz in Weidenkörben zu ihren Bilancellen, leicht gebauten, traditionellen sardischen Booten, die bei schwerer See viel zu schnell sanken. Beladen mit bis zu dreißig Tonnen Blei erreichten sie oft nicht einmal Carloforte, wenn Sturm aufzog. In dem etwa zwanzig Seemeilen von Porto Flavia entfernten Hafen lag so manches Dampfschiff zwei lange Monate, bis es voll beladen war.
Meine Steuerfrau recherchiert. Die Texte über das Unesco Weltkulturerbe Porto Flavia rühmen vor allem die technische Leistung des Architekten und finden es bemerkenswert, dass dieser den Minenhafen nach seiner Tochter Flavia benannte. Interessiert es etwa nicht, dass viele, Erwachsene wie Kinder, sich in den Minen zu Tode schufteten? Will niemand wissen, ob diese Menschen einen Blick für die atemberaubende Landschaft hatten, in die Porto Flavia und Masua eingebettet sind? Für die kühn ansteigenden, hier und dort mit Pinien bewaldeten Berge. Für die Blumenpracht, die selbst im Hochsommer die Wege säumt.
Wer hat gezählt, wie viele Seeleute über die Jahrhunderte mit ihren Bilancellen im Sturm kenterten und für immer verschollen? Wer fagt danach, wie viele Menschen heute auf dem Weg von der nordafrikanischen Küste ins gelobte Europa Schiffbruch erleiden? Gebeutelt von bitterer Not. Damals wie heute Kraft schöpfend aus der Hoffnung auf ein besseres Leben. Vor allem nachts, wenn die Stille der Erinnerung Raum gibt, höre ich das Echo all der Träume, die in den Tiefen der See verloren sind. Spüre all die Sehnsüchte, die im Kommen und Gehen der Wellen umherirren.
Ich bin nur ein Segelboot. Doch ich weiß, dass alles, was lebt, auch träumen muss. Der Herbst zieht auf, ich bin auf den Winter vorbereitet und liege wieder in der Marina di Baunei. Die Orion liegt am gleichen Steg, und ich freue mich schon auf die Nahia, die bald kommen wird. Die Frida, mit der wir eine Weile gemeinsam gesegelt sind, ist mittlerweile auf den Balearen. Und ich bin allein und lausche dem Meer. Es erzählt von längeren Tagen und Sonne, die schon morgens mein Deck wärmt. Von wohl gesonnenen Winden und unbekannten Ufern. Von Delfinen, die mich begleiten und Schwertfischen, die plötzlich neben mir aus dem Wasser springen und einen Salto drehen. Und in einem Öffnen und Schließen der Augen wird Frühling sein.
In der Bucht von Porto Pino
Lagune von Porto Pino am Morgen
Ein Vogelparadies
Weißer Sand, kristallklares Wasser
Müde Libelle
Die Frida vor Santa Maria Navarrese
Die Marina die Baunei und die Küste des Olgliastra
Die Crew der Nahia nimmt ein Sonnenbad
Käpt´n und Steuerfrau in der Marina di Baunei
Ein Liegeplatz mit Blick auf die Hafenausfahrt
Glossar
kabbelig – unruhig
n´büsch´n – ein bisschen
Mistral – Nordwestwind
Löwengolf – erstreckt sich vor der südfranzösischen Mittelmeerküste. Vom Cap de Creus bis Genua
dreißig Knoten – 55,56 km/h
Scirocco – Südostwind
kiebig– frech
bannig – sehr
schliddern – schlittern
feudeln – putzen, wischen
Plicht – auch Cockpit genannt. Bereich an des Bootes, wo sich das Steuer befindet und die Crew sich im Freien aufhält.
„Kannst Du laut sagen. Aber kalt ist das auf Sardinien.“
„Ich mag das, wenn der Wind´n büsch´n durch die Berge pfeift. Dann kann ich dich schaukeln.“
„Weißt du noch , Lobsty… In Grau d´Agde, auf der Werft?“
„Da wolltest du immer, dass ich dich in den Schlaf wiege. Aber das ging ja nich…“
„Jo. Weil du da noch an Land gestanden hast.“
„Und nun bin ich im Wasser, aber wir können auch nich´ da hin, wo wir wollen.“
„Genau, wegen der Pandemie.“
„Ist die immer noch nich´ vorbei?“
„Nö. Und im Moment dürfen wir Santa Maria Navarrese nicht verlassen und selbst wenn wir nur mal eben zum Bäcker wollen, müssen wir so einen Wisch dabei haben.“
„Dann bleibst du eben an Bord. Sind doch genug Konserven da.“
„Hm.“
„Es ist ja auch noch einges zu tun, Ruthie. Dusche funktionsfähig machen. Wassermacher bauen., Kurzwellenfunk installieren, Badeplattform umbauen für die Windfahnensteuerung…“
„Das macht der Käpt´n.“
„Dinghischutz nähen, Frotteebezüge für die Kissen in der Plicht, also ich will ja jetzt nich alles aufzählen…
„Is auch besser so.“
„…aber an Deck putzen könntest du auch ´n büsch´n…“
„Das regnet doch gerade…“
„…und Rost wegmachen…“
„Immer langsam middie jungen Pferde.“
„Heißt das, wir bleiben noch ´ne Weile hier im Hafen?“
„Bis Ende Mai haben wir den Liegeplatz.“
„Und dann?“
„Mal sehen. Vielleicht segeln wir um Sardinien rum.“
„Is´ ja schön hier.“
„Hauptsache Meer und Himmel und Wind umme Schnut.“
„Oh ja!“
„Aber jetzt geh ich unter Deck und schreib ´ne Geschichte.“
„Aye. Dann schaukel ich mal noch´n büsch´n.“
Ausfahrt Marina di Baunei
Wolkenverhangener April 2021
Schon interessant, wenn mein Käpt´n und meine Steuerfrau mit der Crew von meiner Nachbarin, der Segelyacht Nahia, schnacken. Heute haben sich die vier den ganzen Morgen Reiseabenteuer erzählt. So von Plicht zu Plicht. Von wunderschönen Inseln in Thailand. Von Segelbooten, die in Guatemala den Rio Dulce hinauf segeln und mitten im Urwald vor Anker gehen. Von strengen Zöllnern auf Kuba und was weiß ich noch alles. Hach, ich liebe Abenteuer. Meine Crew hat über all die Geschichten glatt das Frühstücken vergessen.
Von hier bis nach Amerika würde ich ´ne Weile brauchen. In die Karibik wohl ´n büsch’n mehr als einen Monat. Mit den Passatwinden natürlich. Die fangen an westwärts zu wehen, wenn in Europa der Winter beginnt. Auf der anderen Seite vom großen Teich können die Stürme wohl ganz schön wild werden. In der Orkansaison, und um die nördlicher gelegenen Karibikinseln rum. Dafür soll es im karibischen Meer immer warm sein, sogar wenn das über Wochen oder Monate hinweg regnet.
Der Wind hat mir geflüstert, im Atlantik sei der Seegang anders als im Mittelmeer. Die Wellen rollen weiter voneinander entfernt und werden höher. Das würde mir gefallen. Mal sehen, was ich mit meiner Crew so alles zu sehen bekomme. Mir ist das jedenfalls eins, wo die beiden mit mir hin segeln. Hauptsache Meer. Und Zeit zum Schaukeln.
*
Glossar
Plicht – auch Cockpit genannt. Offener Teil an Deck eines Bootes, wo die Mannschaft sich bei gutem Wetter meist aufhält.
Mir ist das eins – das ist mir egal
Windfahnensteuerung – auch „Windsteueranlage“ genannt. Arbeitet mechanisch und verbraucht im Gegensatz zum elektrischen Autopiloten keinen Strom. Der Flügel der Windfahne wird so zum Wind gestellt, dass das Boot den gewünschten Kurs hält.
Menorca ist mit dem Sonnenuntergang am Horizont verschwunden, Sardinien liegt noch etwa hundertfünfzig Seemeilen ostwärts. Habe den Wind von querab, er weht stetig vom Löwengolfher. Meist aus Nordnordost, aber auch mal aus Nord oder Nordnordwest. Unser Freund André, ein erfahrener Skipper, meint, manchmal gäbe das bei dieser Wetterlage bis zu vier Meter Welle auf halbem Weg. Doch meine Crew wollte trotzdem los. Mag sein, dass die beiden das bald bereuen. Aber ich bin bannig froh! Bin doch bisher nur am französischen oder spanischen Festland lang gesegelt, oder von Valencia zu den Balearen und zurück. Wurde Zeit für ’ne etwas längere Überfahrt. Schließlich will ich was sehen von der Welt.
Bei fünf bis sieben Beaufort komme ich prima in Fahrt. Zum Glück hat meine Steuerfrau sich dran gewöhnt, dass ich ollerKnickspanter mich recht fix zur Seite lege, wenn raue See vonder Seite heranrollt. Sie weiß, durch meinen langgezogenen Kiel bin ich stabil. Schade nur, dass wir hart am Wind segeln, auf die Nordwestspitze Sardiniens zu. Mit einem südlicheren Kurs flöge ich geradezu übers Meer. Da würden wir aber in Sizilien oder Tunesien landen, und da wollen wir ja nich‘ hin. Die Seawitch, eine alte Freundin, wartet in der Marina di Baunei auf uns. Ihr Käpt’n Michael hat den Geheimtipp gegeben, und wir haben tatsächlich in dem lütten Sportboothafen an der Ostküste Sardiniens ’nen Liegeplatz ergattert. Bin ja so gespannt!
*
Nach zweiundvierzig Stunden Törn fällt mein Anker in der rundum geschützten Bucht von Porto Conte. Und meine Crew fällt in die Koje. Kaum haben die beiden ausgeschlafen und hocken im Cockpit, nähert sich ein Speedboot der Guardia di Finanza. Es ist das erste Mal, seit ich auf dem Meer unterwegs bin, dass wir kontrolliert werden.
Meine Steuerfrau begrüßt die Jungs vom italienischen Zoll wie alte Freunde.
„Good Morning. Buon giorno.“
„Buon giorno.“ Ein Zöllner steht am Bug. Will wissen, wo wir herkommen.
Ausweise, Bootsschein und Versicherungsnachweis werden über die Reling gereicht, und die drei Beamten scharen sich um ihren Bordcomputer. Ihren Motorflitzer lassen sie treiben. Was machen die bloß so lange?
Endlich bringen sie die Papiere zurück. Doch Spanien gilt als Corona-Risikoland. Meine Crew muss fünfzehn Tage an Bord bleiben. In Quarantäne. Oder ’nen Corona-Test machen. Aber wo?
«As a friend I tell you,“, meint der Zöllner verschwörerisch, „go to Alghero harbour. The Guardia Costiera will test you.»
*
Vor Anker in der Bucht von Alghero funkt meine Steuerfrau die Guardia Costiera an. Mehrmals. Nach reichlich radebrechen wird sie an den Operatore vom Sportboothafen verwiesen. Der scheint tatsächlich zuständig zu sein. Er will einen Termin für den Test machen und sich wieder melden.
Meine Crew wartet. Es gewittert. In Strömen pladdert das Wasser vom Himmel. Meine Crew schickt Nachrichten. Wartet noch einen Tag. Endlich meldet sich der Operatore. Die Krankenhäuser sind überlastet. Testtermine gibt es frühestens in der nächsten Woche.
So langsam haben wir die Faxen dicke. Denn ab ersten Oktober kann ich auf meinen neuen Liegeplatz. Und durch die Straße von Bonfacio zur Marina di Baunei sind es noch um die zweihundert Seemeilen. Da brauche ich ein Weilchen, selbst wenn keine Herbststürme dazwischen kommen. Was ein Glück, dass mein Käpt’n nich‘ in den Hafen wollte! Wer dort im Quarantänebereich anlegt, sitzt fest. Bis ein negatives Testergebnis da ist.
Der Wind steht günstig. Die Himmel strahlt im schönsten Blau. Wir lichten den Anker und setzen die Segel.
Beaufort – Maßeinheit für die Windgeschwindigkeit, s. Tabelle weiter unten
oll – alt
Knickspanter – besondere Rumpfform. Bei Stahlbooten häufig. Siehe Foto im Beitrag „An einem Morgen im Dezember“, auf dem auch der Kiel zu sehen ist.
Seawitch -Segelyacht mit einem frechen Logo am Rumpf
Marina di Baunei – Sportboothafen in Santa Maria Navarrese/Sardinien
Guardia Costiera – Küstenwache
Speedboot – schnelles, langes Motorboot. Oft ohne Kajüte.
operatore – von „operare“(italienisch): arbeiten, operieren, zusammenarbeiten
pladdern – regnen
*
Meine Crew kriegt sich gar nich‘ mehr ein. Weil so wenige Boote in den Buchten ankern. Weil Sardinien so grün ist. Weil man die Untiefen der Fornelli-Passage wie anno dazumal mit Hilfe eines alten Peilsystems durchschiffen kann. Weil das Wasser so smaragdgrün schimmert.
Und ich hab noch nie in so ’ner weitläufigen Bucht wie der Cala Liscia gelegen. Dünen säumen das Ufer. Verborgen im Schilf sucht ein Flüsschen seinen Weg ins Meer. Landeinwärts liegen vereinzelt Dörfer an den Hängen. Kitesegler ziehen Farbtupfer am Himmel entlang, wetteifern mit den dahineilenden Wolken. Windsurfer düsen Vollspeed kreuz und quer. Einer schrammt fast meine Bordwand und lugt ins Cockpit. Grüßen kann er nicht. Muss ja das Segel halten.
Aber…
«Mast- und Schotbruch! Was knattert der Oschi da auf Ostsüdost denn so? Macht ja ein Riesengedööns!»
«Das ist ’ne Superyacht, Lobsty. Hat so viel Tüdelüt an Bord, dass die Generatoren nonstop laufen müssen.“
« Superyacht? Wie jetzt?»
«Na, hundertsechsunddreißig Meter lang. Sechs Decks. Vierundfünfzig Bedienstete. Vier Millionen Euro Miete die Woche.»
«Oha, mir wackelt das Toplicht vor lauter Zahlen.»
«Hubschrauber und zwei Landeplätze. Mehrere Schwimmbecken. Tauchbasis.»
«Wie apart. Schwimmbecken! Und denn gleich mehrere. Voll überflüssig. Wo das Meer hier so zum Baden verführt, smargdgrün und glasklar. ‚N Hubschrauber? Welcher Hein-Fienbrot braucht denn sowas? Und überhaupt. Ein Schiff ohne Segel! Schnickschnack. Der Wind bläst doch nirgends so munter und frei wie auf See. Wer das nicht nutzt, is doch’n Dösbaddel.»
«Wohl wahr, Lobsty.»
«Also… wenn mal Flaute ist und ihr unbedingt wo hin wollt, brauch ich so sechs bis sieben Liter Diesel die Stunde. Was braucht denn der Pott da?»
„Mhm… in den Tank passen sechshundertzweiundachtzigtausendfünfhundert Liter Diesel. Und das reicht gerade mal für sechstausendfünfhundert Seemeilen.“
«Echt jetzt? Also, von Port Pollensa nach Mahon sind das etwa hundert Seemeilen…»
«…macht zirka siebzehntausend Euro an Sprit, Lobsty…»
«Is‘ nich‘ wahr!»
«Doch. Und das ist einfach nur obszön.»
«Obszön?»
«Unanständig. Schamlos. Anstößig.»
«Wohl wahr. Wer so viel Patte hat, sollte was abgeben…»
«Jo. Klarer Fall.»
«Aber wir brauchen ja nix, ne.»
«Nö, Lobsty. Wir haben ja uns.»
«Genau. Was wollen wir mehr.»
*
Glossar
sich nicht einkriegen – sich nicht beruhigen
Vollspeed – mit Höchstgeschwindigkeit
lugen – genau hinschauen
Fornelli Passage – Passage mit vielen Untiefen, die den Weg von der Westküste Sardiniens in die Straße von Bonifacio (zwischen Sardinien und Korsika) um etwa zwanzig Seemeilen verkürzt
altes Peilsystem der Fornelli Passage – man fährt so lange Richtung Osten, wie zwei Markierungssteine am Ufer deckungsgleich zu sehen sind. Dabei muss man immer wieder nach achtern schauen, denn auch dort stehen zwei Steine. Wenn die beiden Steine dort sich decken, biegt man nach Südosten ab.
die Schot – Leine zum Segel setzen
Oschi – Riesending
Gedööns – Lärm
Tüdelüt – unsinniges Zeug
apart – sonderbar, eigenartig
Toplicht – Weißes Licht auf der Mastspitze. Muss beim Ankern nachts leuchten.
Hein-Fienbrot – eingebildeter Mann
Schnickschnack – Unfug, überflüssiges Zeug
Dösbaddel – Dummkopf
*
An der nordöstlichen Ecke von Sardinien liegt das Maddalena Archipel. Soll ja wunderschön sein. Doch über vierzig Euro am Tag für ’ne Ankererlaubnis is‘ man doch’n büsch’n viel. Naturschutzgebiet hin, Naturschutzgebiet her, wir segeln direkt zur Bucht von Olbia. Seit fünfzehn Tagen sind mein Käpt’n und meine Steuerfrau in Quarantäne. Genug Vorräte waren ja an Bord, aber nu‘ freuen die beiden sich bannig auf den Landgang. Sie reden nur noch von frisch gebackener Pizza.
An der Molo Brin, der öffentlichen Mole von Olbia, finden wir ein geschütztes Plätzchen. Hier gibt’s weder Strom noch Wasser, dafür kostet der Liegeplatz nix. Und nette Nachbarn haben wir. Im strömenden Regen fängt der Käpt’n von der Dream meine Leinen und hilft beim Festmachen. Er ist auch ein Selbstbauer, seine Frau Manuela hat auch beim Bauen geholfen. Die Reinke-Yacht der beiden ist aus Aluminium.
Sturm aus West bis Nordwest soll nächstes Wochenende kommen, mit Windstößen bis elf Beaufort. Aber noch ist viel Platz hier an der Molo Brin. Wir ziehen um an den westlichen Pier, damit der Wind mich vom Land wegdrückt. Unsere Nachbaryacht hat einen arabischen Namen. Dar Melica, „Unser kleines Zuhause“. Gefällt mir irgendwie. Ihre Crew lädt spontan zum Muschelessen ein. Mein Ding sind Muscheln ja nich‘. Vor allem, wenn sie an meinem Rumpf sitzen. Aber mein Käpt’n und meine Ruthie lecken sich begeistert die Finger.
Ich liege direkt vor einem geschäftigen Parkplatz. Meine Steuerfrau hat Fenster und Luken zugehängt. Die Papierservietten, die sie an die lütten Luken der Achterkoje geklebt hat, find ich echt nüdelig. Früh morgens hocken hier schon die Angler am Pier. Schielen mir ab und an ins Cockpit und fangen meist nich‘ viel. Mein Käpt‘ n hat da mehr Glück. Er fischt ’ne riesige Bullenklööte aus der Bucht. Da hög ich mich!! Meine Crew hat natürlich alle Fender, die an Bord sind, zwischen Bordwand und Kaimauer gehängt. Aber ich kann da gar nich‘ genug von haben.
Die ersten Windstöße bringen Regen. Der letzte Angler holt seinen Köder ein. Mein Käpt‘ n kontrolliert nochmal alle Leinen, meine Steuerfrau die Luken. Die Molo Brin ist voll belegt. Dicht an dicht liegen die Boote an beiden Kais. Ein Nachzügler sucht verzweifelt eine Lücke zum festmachen. Wirft am Ende seinen Anker mitten in der Bucht.
Meine Crew schaltet den Kartenplotter an und beobachtet die Messwerte, die das Anemometer an der Mastspitze liefert. Böen bis neunfünfzig Knoten waren angesagt. Mehr als vierzig Knoten in der Spitze werden es nicht. Das sind etwa funfundsiebzig Stundenkilometer. Nach zwei Tagen ebbt der Sturm ab. Sonnenlicht bricht zaghaft durch die immer noch bleigraue Wolkendecke. Tanzt mit dem leichten Nieselregen. Schietwedder hat doch auch seine guten Seiten. Was für ein wunderbarer Regenbogen!
Die Dar Melica läuft aus. Kurs auf Sizilien. Und auch meine Crew wirft die Leinen los. Meine neue Bullenklööte muss auf der Badeplattform mit. Is ja’n büsch’n sperrig, doch wer weiß, wo die noch gut is‘ für.
Wir sind ein wenig wehmütig. Noch zweimal ankern, dann werde ich einige Monate im Hafen liegen und ganz schön lange alleine sein. Die letzte Nacht verbringen wir vor der Cala Luna, in der Bucht von Orosei. Der Schwell beschert meiner Crew einen unruhigen Schlaf. Dafür hocken die beiden schon bei Sonnenaufgang im Cockpit und genießen das Panorama. Die Mondsichel zeichnet sich vom heller werdenen Himmel ab. Am Fuß steiler Felswände säumen mehrere Höhlen einen schmalen Strand, der nach Süden hin in eine bewaldete Schlucht vordringt. Auf einem Felsblock inmitten der nördlichsten Höhle haben Besucher mit der Zeit eine Art Altar gebaut. Den Blick auf’s Meer gerichtet halten unzählige Steinmännchen das Gleichgewicht. Ob sie die Winterstürme überdauern werden?
In der Marina di Baunei feiern wir mit der Seawitch das Wiedersehen. Überhaupt is‘ das ganz schön gesellig unter Bootsleuten. Die Crew von der Reggae gegenüber stürmt mein Cockpit mit Pizza und Sekt. Bea und Simon, die mit ihrer Yacht Nahia an Steuerbord liegen, gesellen sich dazu. Und abends kommt ab und an der Käpt’n von der Orion, die an Backbord liegt, auf ’nen Sundowner rüber. Paulinchen, sein seuter Cocker-Mischling, trappelt auf jedes Boot am Steg, dass ’ne anständige Gangway hat.
Tagsüber kann mein Käpt‘ n das rumpusseln nich‘ lassen. Ich mach ganz schön viel Arbeit. Da kann ich aber nix für. So sind wir Boote nun mal. Meine Steuerfrau freut sich, dass sie mit der Crew von der Seawitch wandern gehen kann. Sie wusste gar nicht, dass Käpt’n Michael sich so gut in den Bergen auskennt. „Atemberaubend!“, hat sie immer wieder geseufzt, als sie von der Tour zum Hochplateau von Baunei zurückkam. „Hach, is‘ das schön hier!“
Ich fühle mich wohlbehütet in dem kleinen Hafen. Nu‘, wo mein Kápt’n und meine Steuerfrau weg sind, betüdelt die Crew von der Nahia mich ganz schön. Hab‘ die gern, die beiden. Ein Segen, dass ich nich‘ so alleine bin! Den Namen Nahia mag ich auch. Es ist baskisch und bedeutet „der Wunsch“. Das Baskenland hat im Herzen von meiner Ruthie einen ganz besonderen Platz. Deshalb hisst sie an meiner Backbordwante die Ikurriña, wenn wir auf Törn sind. Aber bis wir wieder in See stechen is‘ das ja nu‘ noch’n büsch’n hin. Ach, hoffentlich bleibt meine Crew nächstes Jahr über Winter bei mir.
Olbia
Geheimtipp in Olbia
Lobstys „neue“ Bullenklööte
Nach dem Sturm
Bucht von Orosei
Cala Luna
Gleichgewichtsaltar
Marina die Baunei
Blick von den Ausläufern des Golgo auf Pedralonga
Aufstieg zur Schäferhütte von Ovile US Piggius
Auch für den Hund gibt’s eine Hütte (Ovile US Piggius)
Fender – mit Luft gefgüllter Abstandshalter und Stoßämpfer
Beaufort – Maßeinheit für Windgeschwindigkeit
Anemometer – Windmesser
Schietwedder – Mistwetter
rumpusseln – basteln
Sundowner – Getränk beim Sonnenuntergang
Pedralonga – Berg an der Ostküste Sardiniens
Backbordwante – seitlicher Draht, der den Mast stabilisiert und hält. Hier werden Vereinsflaggen u.a. gehisst. An der Steuerbordwante weht die Gastlandflagge. Am Heck die Flagge des Landes, in dem das Boot registriert ist.
Ikurriña (Baskisch) – baskische Flagge
Beaufort-Skala
Beaufort
Bezeichnung
Knoten (kn)
km/h
0
Windstille, Flaute
0-1
0-1
1
leiser Zug
1-4
1-5
2
schwache Brise
4-7
6-11
3
leichte Brise
7-11
12-19
4
mäßige Brise
11-16
20-28
5
frische Brise
16-22
29-38
6
starker Wind
22-28
39-49
7
steifer Wind
28-34
50-61
8
stürmischer Wind
34-41
62-74
9
Sturm
41-48
75-88
10
schwerer Sturm
48-56
89-102
11
orkanartiger Sturm
56-64
103-117
12
Orkan
≥64
≥118
Screenshot der Wetter-App Windy (vom 17.11.20) Die weißen Pfeile zeigen die Windrichtung an, die Hintergrundfarben die Windstärke. Die schwarze Linie beschreibt in etwa den Törn von Mahón zur Marina die Baunei.
«Du, Ruthie, das Meer hat mir geflüstert, das die Orcas Euch Seglern in letzter Zeit Angst und Bange machen…»
«Ja, Lobsty, vor allem vor der galicischen Küste, im Nordwesten von Spanien.»
«Und diese Wale mackern. In Gruppen haben sie Boote verfolgt und angegriffen.»
«Genau. Wissenschaftler rätseln jetzt, wieso.»
«Wissenschaftler?»
«Das sind schlaue Leute, die viele Fragen stellen. Die viel studieren, viel nachdenken und geduldig beobachten.»
«Ah. Und?»
«Manche meinen, die Orcas wollten sich rächen.»
«Wo denn für?»
«Einige der Tiere, die die Boote angreifen, haben alte Verletzungen. Von Harpunen zum Beispiel.
«Jo. Aber Rache, das is‘ doch ’ne fixe Idee von Euch Zweibeinern. Da haben wir Meereswesen nix mit am Hut.»
«Eine Forscherin glaubt, es läge an der Corona-Pandemie. Wochenlang durften die Boote nicht aus den Häfen. Da war es ruhig auf See. Es wurde auch weniger gefischt. Dann war von heute auf morgen wieder der Bär los…»
«Jo. Also Angriff zur Selbstverteidigung.»
«Oder vielleicht eine Stressreaktion. Die Tiere rammen das Ruder so lange, bis es kaputt ist! Und im Davonschwimmen zermalmen sie einzelne Stücke davon.»
«Das schmeckt doch nich‘! »
«Is‘ wohl wahr. Die meisten Sportboote sind aus GFK.»
«Weißt Du, Ruthie, so’n Ruder, das is‘ wie ’ne Schwanzflosse. Und die Orcas sind gute Jäger. Die wissen ganz genau, dass Steuern ohne Schwanzflosse nicht drin is‘.»
«Du meinst, sie wollen die Boote manövrierunfähig machen?»
«Klar. Was denn sonst. Warum auch immer.»
«Das ja’n Ding! Ganz schön plietsch.»
«Als wollten die Euch einen vor’n Bug scheren. Aber ’ne Bangbüx bist Du ja nich‘ . Und an meinem Ruder würden die Orcas sich die Zähne ausbeißen. Das is‘ aus Stahl.»