Winterschlaf vorbei, Mittelmeer ahoi!

«Lobsty?»

«Mhmmm?»

«Alles klar soweit?»

«Mhmmm?»

«Aufwachen!»

Ach, gemütlich ist es hier im Hafen. Weiß gar nicht, wie lange ich schon so vor mich hin schaukele. Hab ich nur geträumt? Vom Wintermond, der sich im stillen Hafenwasser spiegelt. Von den Minikatamaranen, die an manchen Wochentagen in der  Morgensonne an mir vorübergleiten. Eifrige Schulkinder an Bord, die ihre in okzitanischen Farben leuchtenden Segel trimmen. Von immer wiederkehrenden Stürmen, die mich durchschütteln und mich in Schieflage an den Pier schieben, sodass ich meine Fender plattdrücke wie Flundern. Von meinem Käpt´n, der bei Starkwind unter Deck ´rumwieselt, an meiner Bordelektronik tüftelt, Schränke baut, Dinge von hier nach dort und dann doch wieder woanders hin räumt und dabei immer wieder über die lästigen Lütengs schimpft. Von der südfranzösischen Frühjahrssonne, die über mein Deck streicht und es wärmt. Von Alastair, dem Riggbauer; der meine Wanten nochmal prüft und nachspannt. Und von François, dem Segelmacher, der zweimal mit einer voll bepackten Sackkarre den langen Weg vom Parkplatz über den Steg kommt um ebenso geschickt wie zufrieden Groß, Genua und Sturmsegel einzuziehen.

Ich glaube, ich war eine ganze Weile mit meinem Käpt´n allein. Ob er wohl gemerkt hat, dass ich irgendwann genüsslich weggedöst bin?

«Lobsty!!»

War das nicht die Stimme von meiner Steuerfrau?

«Lobsty!! Es geht los!»

Ein Zittern durchläuft meinen Rumpf, als mein Motor anspringt.

«Wie, es geht los?»

Ich weiß gar nicht, wie mir geschieht. Doch das tiefe, satte Brummen meines Mercedes OM 314 rüttelt mich wohlwollend  aus meinem Winterschlaf. Und da ist Besuch in meinem Cockpit! Es ist unser Freund Quim aus Girona. Er hat vor ein paar Monaten geholfen, mein Unterwasserschiff zu streichen.

«Also, alles klar soweit? Tanks sind voll mit Wasser und Diesel. Proviant ist verstaut. Alle Luken dicht. Seeventile auch…». Die Stimme meiner Ruthie klingt aufgeregt.

«Leinen los!», ruft  mein Käpt´n.

Quim holt die Leine am Bug ein, meine Steuerfrau ist achtern zugange.

«Leinen sind los!», ruft sie. «Auf nach Valencia!»

Mein Steuerrad dreht sich gemächlich unter der Hand meines Käpt´ns und langsam gleite ich aus dem Hafen von Cap d´Agde. Mein Motor läuft ruhig und zufrieden. Er musste es Mitte der 2000er eine Zeitlang als Notstromaggregat in einem Panzer aushalten. Aber nun ist er marinisiert und hat eine friedliche Zukunft vor sich. Er wird mich voran bringen, wenn der Wind zu schwach ist oder sich mir und meiner Crew entgegenstellt. Auch zum manövrieren im Hafen brauchen wir ihn.

Der Umriss der Hafenausfahrt zeichnet sich vorm rötlich leuchtenden Horizont ab. Die Segel, noch eingerollt, recken sich in den heller werdenden Himmel. Heute ist ihr Tag! Der Wind steht günstig für unseren Kurs und wird kräftig blasen. Bin mal gespannt, wie das wird… bin ja schließlich ganz schön schwer… wer weiß, ob ich unter Segeln überhaupt anständig Fahrt aufnehmen kann…

*

Welch ein Genuss!

Ich gleite durch ein dunkelblaues Meer, auf dem überall aufgewühlte Schaumkrönchen tanzen. Über dem weit entfernten Küstenstreifen schweben schneebedeckte Gipfel im lichtblauen Himmel. Als trüge der Tramuntana die Berge in unfassbare Höhen, um daran zu erinnern, dass es keine Tugend ist, hoch hinaus zu wollen. Als würden die Pyrenäen zur Fata Morgana angesichts der rauen Freiheit des Meeres, in dessen Weite es keine vorgezeichneten Wege gibt und unsere Spuren ebenso schnell auftauchen wie sie von den sich kräuselnden Wellen verschluckt werden. Mein Herz wird leicht angesichts dieser unbezwingbaren Schönheit der Natur, die die Menschen all ihrer Ignoranz zum Trotz immer wieder reich beschenkt.

*

Vor einer Weile hat meine Crew das Großsegel eingeholt. Die Genua steht weit offen und der Wind, nun achterlicher als querab, bläst sie bauchig. Ruhig und sicher durchfurche ich die See. Meine Steuerfrau schaut immer wieder auf die Anzeigen. Und stellt verwundert fest, dass ich ganz schön flott bin. Jubelt, wenn ich bei so mancher Bö auf über acht Knoten komme. Ach, bin ich glücklich! Meine Ruthie ist zufrieden mit mir. Und mein Käpt´n erst recht. Das hab ich mir so gewünscht! Und Quim scheine ich auch zu gefallen.

Am Abend werfen wir den Anker in der Bucht von Collioure. Hier, am Fuß der Pyrenäen, nahe der spanischen Grenze, bekomme ich allmählich das Gefühl, dass die Reise beginnt.

Costa Brava mit den Pyrenäen im Hintergrund
Collioure/ Département Pyrénées-Orientales/ Okzitanien

Glossar

die Genua – großes Vorsegel, auch Fock genannt

die Sturmfock – kleines Vorsegel aus kräftigem Tuch, dessen Form trotz geringerer Fläche ein Vorankommen bei Sturm möglich macht

marinisieren – einen Motor mit einem Meerwasserkühlungssystem versehen

der Tramuntana – Nordwestwind, der in Katalonien von den Pyrenäen her weht

das Seeventil – Absperrvorrichtung am Schiffsrumpf, die dem kontrollierten Wassereinlass durch die Bordwand dient (Toilettenspülung, Motorkühlung, etc.)

Wind, achterlicher als querab – Wind, der seitlich und vom hinteren Teil des Bootes her in die Segel einfällt

1 Knoten = 1 Seemeile/Stunde = 1852 m/ Stunde (8 Knoten = 8 Seemeilen /h = 14,816 km /h)

der Lüteng – s. vorherigen Beitrag („An einem Morgen im Dezember“)

An einem Morgen im Dezember

«Aaaaaah! Ooohja!»

«Lobsty?»

Es ist soweit! Tut das gut!

Unendlich langsam taucht mein Kiel in den Fluss. Es ist der 10. Dezember. Das Wasser ist kalt. Herrlich! Habe fast zwei Tage im Kran gehangen und ganz nah am Ufer der Herault gestanden. Mein Käpt´n hat von früh bis spät gewerkelt. Ankerwinsch. Bugstrahlruder. Elektrik. Motor. Steuerung. Und was weiß ich noch alles. Und meine Steuerfrau hat mich nochmal mit Anti-Fouling Farbe gestrichen. Am Rumpf und unterm Kiel, an den Stellen, wo mich während der letzten Monate riesige Stahlböcke aufrecht gehalten haben. Hatten bannig viel Wind! Ab und an ist meine Ruthie dann auch ganz schön gerannt. Dem Plastikschälchen mit Farbe hinterher, oder der Isomatte, oder der Lackrolle. Geflucht hat sie. Das kann sie gut. Und gelacht hat sie. Hat sich genau so gefreut wie ich, dass es bald losgeht.

«Lobsty?»

«Ja, Ruthie?»

«Wie isses?»

«Wunderbar. Einfach wunderbar! Aber wann komm ich endlich frei? Kann Henry nicht die blöden Gurte abnehmen?»

Henry, das ist die gute Seele von der Werft hier. Er ist sozusagen mein Schutzengel. Und er hat all die Kräne, mit denen er uns Boote auf dem Chantier herum rangiert, selbst gebaut. Die meisten sogar schon als lütter Pimpf, mit seinem Vater zusammen. Henry kann Teile aus Edelstahl oder Aluminium fertigen, Schrauben anpassen und Gewinde drehen und vieles mehr. Ich weiß nicht, was meine Crew ohne ihn gemacht hätte. Henry weiß außerdem Dinge, die sonst niemand weiß. Neulich zum Beispiel hat meine Ruthie rumgemoppert, unser Käpt´n sei so tüdelig. Er würde ständig Dinge verlegen. Aber Henry hat sie eines Besseren belehrt.

«Das sind die Lütengs», hat er gesagt. «Kaum bist du bei der Arbeit und vergisst alles um Dich herum, da kommen sie aus ihrem Schlupfwinkel. Sie huschen herbei und schnappen sich das erstbeste Werkzeug, das ihnen in die Griffel kommt. Den Zehner Schlüssel. Die Siebzehner Nuss. Den einzigen Zwölfer Bohrer, den du hast. Die Schlingel wissen genau, wo du am allerwenigsten suchen würdest! Und genau da, da verstecken sie das Teil.»

Auf dem Chantier wohnen mindestens fünf dieser kleinen, grünen Wichte mit Zipfelmütze. Henry ärgert sich schon sein ganzes Leben mit ihnen herum. Deshalb weiß er auch, dass jeder Lüteng einen ganz eigenen Zipfelmützenstil hat. Der eine trägt seine Kopfbedeckung so schräg, dass man nur ein Auge sieht. Der nächste hat einen gelben Bommel am Zipfel. Und wieder ein anderer ist womöglich ein Mädchen, denn seine dunkelgrüne Mütze bringt die lila Locken, die sein Gesicht umrahmen, ungemein zur Geltung. Ich meine sogar, ich hätte einen von ihnen gesehen…

Meine Steuerfrau, die hat eine Schwäche für Kobolde, Feen, Hexen und andere wundersame Wesen. Wenn mein Käpt´n sie also neuerdings fragt, ob sie wohl diesen Schraubenzieher oder jene Zange gesehen hat, oder vielleicht sogar suchen könne, bleibt sie ganz locker. Die Lütengs treiben nun mal gerne Schabernack. Da kann man nichts machen.

Aber Lütengs hin, Kobolde her… « Können die Gurte jetzt ab?»

«Immer langsam middie jungen Pferde, Lobsty. Erst mal schauen wir, ob du ganz dicht bist.»

«Ganz dicht?»

« Jo. Müssen die Seeventile prüfen. Auch die Logge. Eben alle Stellen, wo Wasser reinlaufen könnte.»

«Ach so. Na, denn man tau!»

Und dann geht´s hoffentlich raus auf´s Meer. Will endlich auf den Wellen tanzen. Bis zum Hafen von Cap d´Agde ist´s zwar nur ein Katzensprung, aber ich bin gespannt, ob da auch Lütengs wohnen.

aufsMeer

Glossar

Ankerwinsch, die: Winde, um den Anker zu werfen oder zu lichten

Bugstrahlruder, das : Zusätzliche Schraube, die quer im Bug sitzt und beim Manövrieren hilft.

Anti-Fouling Farbe: Spezialfarbe, die das Anwachsen von Algen und Muscheltieren am Rumpf behindert.

´n büsch´n: ein bisschen

chantier (französisch): Werft

rummoppern: meckern, sich beschweren

Lüteng: südfranzösische Aussprache von „lutin“ (Zwerg, Gnom, Wicht)

Logge, die: der  Geschwindigkeitsmesser (am Rumpf befestigt)

Seeventil, das: absperrbare Einlass-, Auslass-oder Durchtrittsvorrichtung für Wasser am Rumpf des Schiffes

na denn man tau: na, dann mach mal

Das alte Boot und der Pirat

«Hast Du die Lütte nebenan gesehen?»

«Welche Lütte, Lobsty?»

«Na, die kleine Yacht da an Steuerbord!»

„Die is´doch nich´ lütt! Sie hat mindestens zweiunddreißig Fuß!»

Ich weiß ja nicht, was meine Steuerfrau unter „lütt“ versteht. Aber zweiunddreißig Fuß… das sind nur knapp zehn Meter. Ich bin immerhin vierundvierzig Fuß lang!

«Lütt oder nich´ lütt, die ist doch echt ganz seut, oder?»

Meine Ruthie kratzt sich am Kopf. «Ja, nich´ schlecht. Hat immerhin ein Mittelcockpit, und ´nen recht kräftigen Mast. Gefällt mir auch. Rate mal, was ihr Käpt´n für sie bezahlt hat!»

«Du kennst ihren Käpt´n?»

«Jo, sind doch Nachbarn. Paul ist ein alter Brite. So´n Pirat, weißt Du. Wenn er so dasteht, sieht´s immer aus, als ob er sich gegen ´ne steife Brise stemmt. Selbst bei Flaute. Als junger Mann, auf See, wenn richtig Wetter war, hat er sich gerne am Achterstag festgehalten und lauthals in den Sturm gesungen.»

«Er kann singen? Dann sollte er mal mit uns segeln! Er ist doch sicher mit allen Wassern gewaschen…»

«Mhm. Hat mit elf sein erstes  Segelboot flottgemacht. Damals, Anfang der Neunzehnfünfziger. Im Hafen von Portsmouth  parkten noch reihenweise U-Boote aus dem 2. Weltkrieg. Und in der Nähe, am Strand, lag ein betagtes Dinghi rum. Das war wirklich lütt! Und hatte noch nich´ mal´n Segel. Ein altes Bettlaken haben die Kids am Mast hochgezogen, und dann sind sie los.»

«Echt jetzt?»

«Jep!“

«…also, das würde mir ja nicht gefallen…einfach so´n labbriges Stück Stoff… waren da keine Erwachsenen bei?»

«Nö. Paul meint, er hat sich mit elf schon sehr erwachsen gefühlt. Das mit dem Bettlaken war seine Idee.»

«Und? Hat´s funktioniert?»

Meine Steuerfrau kichert. «Sind nich´ weit gekommen. Konnten aber zum Glück schwimmen. Das war der Beginn eines Seglerlebens. Jetzt hat Paul das Haus seinem Sohn geschenkt und lebt auf der vierzig Jahre alten Colvic neben uns. Hat sie vor vier Jahren gekauft. Also, was meinst Du? Wie teuer war sie?»

«Mhm, schwer zu sagen. Von Geld versteh ich nichts…»

Meine Steuerfrau schweigt und lässt den Blick über das Deck unserer Nachbarin schweifen. Doch sie war noch nie gut im Warten.

«Tausend Pfund!», platzt sie heraus.

«In welcher Kneipe?»

Meine Ruthie lacht und haut mir auf´s Kajütdach. «Bingo!»

«Das ist ja wohl das Letzte!», ärgere ich mich. «So eine seute, lütte Yacht kann man doch nich´ für´n Tausender verkloppen! Nach wie vielen Pints?»

«Naja… als der Abend begann wollte Pauls Kumpel noch 12.000…»

«Das hört sich schon besser an!»

«…´ ne durchzechte Nacht, und der Kaufvertrag war unterschrieben. Paul hat den Schlüssel mitgenommen und am nächsten Morgen gleich bezahlt.»

«Was´n Ding!»

«Jo. Die Frau von seinem Kumpel redet nicht mehr mit ihm. Aber die lütte Colvic ist ihm eine gute Gefährtin. „My mistress“ nennt er sie manchmal… »

«Trotzdem… mit mir habt ihr Euch mehr Mühe gegeben…»

«Jo, Lobsty. Das kannst du laut sagen. Du bist was ganz Besonderes!»

Blogfotosbeitrag5txt_Paul

***

Glossar

seut (Plattdütsch): süß

lütt (Plattdütsch): klein

Mittelcockpit:    Der Außenbereich eines Segelbootes ist nicht achtern (hinten), sondern in der Mitte. Dadurch wird die Achterkajüte geräumiger.

Achterstag: Ein am Masttopoder der Mastspitze angreifendes Seil, meist aus Draht, welches am Heck befestigt ist. Es stabilisiert den Mst und verhindert, dass dieser nach vorne kippt.

Colvic: Englischer Bootshersteller

Beaucaire: Kleinstadt mit Hafen an der Rhone, in Okzitanien

 

Mast im Sturm

Der Wind ist heute außer Rand und Band. Er pfeift übermütig, schleudert Regenschauer über den ölverschmierten Asphalt und peitscht durch tiefe Pfützen. Nur ab und an traut der Mond sich zwischen getriebenen Wolken hervor. Wirft hastig Regenbogenbogenschimmer auf dunkle Schmutzwasserlachen.

Jedes Mal, wenn ein Windstoß kommt, geht ein Zittern durch meinen Rumpf. Ich werde durchgerüttelt vom Bug bis zum Heck und mein Deck knarzt erwartungsvoll.

„Huihh, ist das aufregend!“

„Also wirklich, Lobsty, krieg dich mal ein. Das geht jetzt schon die ganze Nacht so!“ Meine Steuerfrau grunzt, rollt sich nach Backbord und zieht die Decke über den Kopf. „Und hör´ bitte endlich auf zu klackern!“

„Ich klacker´ doch gar nicht. Hab gar keinen Grund dazu. Das ist bestimmt irgendeine Nachbarin von uns“, gebe ich zurück.

„Na denn. Dachte, du machst Rabatz und weinst, weil du dich freust.“

Meine Ruthie lugt unter der Bettdecke hervor. Ich weiß, dass sie es liebt, in der Koje zu liegen und durch die Luke die Sterne zu betrachten. Wolken, die vorüberziehen. Eine einzelne Möwe, die am Himmel dahingleitet. Nun allerdings hängt ihr Blick besorgt an dem Kran, der sich trotz dichter Bewölkung vom Nachthimmel abhebt.

Und auch mein Käpt´n ist aufgewacht. „Wenn unser Mast fällt, ist das kein Problem. Der Kran hält ihn…“ brummt er. „Aber wenn der Kran kippt, landet er direkt auf…“

„Der Mast steht und das bleibt so!“, falle ich ihm ins Wort. „Und überhaupt, was heißt hier „unser“? Das ist mein Mast! Und hoffentlich bekomm´ ich auch bald alle Drähte, die noch fehlen! Und einen Baum! Damit ihr mich richtig schön auftakeln könnt!“

Mein Käpt´n muss nämlich die Wanten noch auf die richtige Länge kürzen. Deshalb hat er den Mast erst mal seitlich mit breiten Spanngurten gesichert. Und nach Südost hin, wo der Sturm herkommt, mit einem Gurt und zwei Leinen zusätzlich.

Böen fegen um das Werftgebäude. Der Mast schwankt und ein Ruckeln geht durch meinen Rumpf. Irgendwie ist mir, als sei der Fluss mit einem Mal viel näher als noch vor wenigen Tagen.

„Hach, am liebsten würde ich jetzt gleich auf´s Meer hinaustanzen!“, rufe ich ausgelassen.

„Immer langsam middie jungen Pferde. Windstärke zehn ist bannig viel. Und das Meer ist mächtig, meine Schöne.“ Meine Steuerfrau wickelt sich in ihre Decke und rückt das Kopfkissen zurecht.

„Ich hab´ keine Angst vorm Meer. Ich bin stark, und mein Mast ist solide! Er hat sogar Fußtritte Made in Kanada bis hoch an die Spitze!“ brüste ich mich.

„Ja, und er steht dir wirklich gut!“ Meine Steuerfrau gähnt. „Aber gönn mir jetzt noch ´ne Mütze Schlaf, du verrückter Hummer. Sonst fall ich morgen von der Saling, wenn ich deine Wanten festmache…“

***

Foto_Beitrag4

Glossar

Backbord: Vom Heck aus betrachtet die linke Seite vom Boot

Baum, bzw. Großbaum (nautisch): ist im rechten Winkel am Mast befestigt und dient dem Großsegel als horizontaler Ansatzpunkt zum Hissen und Trimmen

auftakeln (nautisch): mit Takelwerk (Wanten, Stage, Fallen, etc.) versehen, Segel setzen

Wanten: Drähte, die den Mast seitlich fixieren

Stage: Drähte, die den Mast am Bug und am Heck fixieren

Saling, -e: Querstreben am Mast, die Befestigungs- und Umlenkpunkte für die Wanten bieten

bannig (Plattdütsch): sehr

Immer langsam middie jungen Pferde (Plattdütsch): „Mach nicht so schnell!“

Wie Segelboote weinen

«Mövenkacke! Verflixte Mövenkacke! Möchte wissen, was die Viecher fressen!»

Schimpfen kann meine Steuerfrau wie ein Rohrspatz. Vor allem beim Putzen. Sie hasst putzen. Deshalb wollte sie ja erst dann mein Deck schrubben, wenn die Kisten mit dem Tüdelkram für Mast und Rollreffanlage nicht mehr herumstehen. Und wenn Frederique die Segel mitgenommen hat, um zu schauen, ob er sie an die neue Mastlänge anpassen kann. Trotzdem hüpft sie jetzt wie ein wild gewordener Klabautermann zwischen roten Plastikkisten und dem abgedeckten Segelpacken herum, wienert mal hier mal dort und ruft immer wieder `Mövenkacke!´.

Meine Ruthie -so nenne ich meine Steuerfrau gern- will mich wohl zum Lachen bringen. Aber mir ist einfach nur zum Heulen. Schon Freitagnacht, als sie mit dem Mastbauer vom Flughafen kam, war irgendwie der Wurm drin. Mitten in Grau d´Agde hat sie beinah eine Katze überfahren! Von links nach rechts ist das Tier seelenruhig über die Straße stolziert. Wie Teer hat sein Fell im Laternenlicht geglänzt. Pechschwarz.

«Ich werd´ noch abergläubisch!»

« Nun mach´ mal halblang, Lobsty. Gut oder schlecht, wer weiß das schon…» Tröstend gleitet ein Feudel um meinen Mastfuß.

«Gut wäre, wenn ich jetzt weinen könnte!», murre ich.

Segelboote weinen nicht? Weit gefehlt. Ab Windstärke vier so Pi mal Daumen können Fallen und lose Drähte uns die Schwermut von der Seele trommeln. Sie klackern gegen den Mast und singen von unserer Sehnsucht nach Himmel und Meer. Aber der Döspaddel von Mastbauer hat das falsche Ende von ´nem Draht gekappt. Und das war´s dann. Außer Spesen nichts gewesen. Kein Mast, kein Klackern.

«Ach, mien Seuten!» Meine Steuerfrau scheuert entschlossen an einem besonders dicken, schon einige Tage alten Möwenkackeflatscher herum. «Nu werf´ mal deinen Kummer über Bord. Unser Käpt´n nimmt das jetzt selbst in die Hand.»

«Kann er das denn?», frage ich erstaunt.

«Schließlich hat er dich von der ersten Stahlplatte an gebaut.»

«Und du gehst ihm zur Hand?»

«Jo. Wir gehen ganz sudsche bei.»

«Na, denn man tau! Legt euch ins Zeug!»

Bilder_Beitrag3.jpg

Glossar:

Feudel: Putzlappen

Fallen: Leinen zum Setzen der Segel.

Draht: Die Drähte (Vorstag, Achterstag, Wanten) halten den Mast aufrecht.

Döspaddel: Tollpatsch, Dummkopf

sudsche: Etwas langsam, in Ruhe oder besonnen tun.

Na, denn man tau: „Na, dann los jetzt. Fang an!“

***

Vom Landrattendasein

Meine Steuerfrau möchte, dass ich sie in den Schlaf schaukele.

„Wie soll das gehen?“, frage ich. „Wir sind an Land!“

Ein schicksalsergebenes Seufzen ist die Antwort. „Ja, ich weiß. Der Wind weht uns hier keine Gischt übers Deck, sondern Schleifstaub.“

„Hör auf zu jammern“, erwidere ich. „Du willst doch nicht etwa so mit mir in See stechen! Ich habe noch keinen Mast, keine Segel, noch nicht einmal einen Decksbelag… Selbst wenn mein Motor schon liefe, und die Navigationselektrik vollständig installiert wäre, wollte ich nicht ins Wasser! Du würdest ja auch nicht nackt und ungekämmt an der Herault spazieren gehen…“

Gedankenverloren streicht eine weiche Frauenhand über meine Cockpitbank. „Stimmt, Lobsty.“

Ich mag es, wenn meine Steuerfrau mich Lobsty nennt. Mein voller Name ist ja «Flying Lobster». Weil ich als Stahlyacht einen Panzer habe wie ein Hummer und dennoch mit meinen siebzehn Tonnen auf der See dahinfliegen kann. Die Franzosen hier auf der Werft, dem Chantier Naval Allemand, bestaunen mich. Sie sagen, ich sei «un beau voiler», «eine schöne Segelyacht». Aber was nutzen mir die Komplimente. Ich stehe auf dem Trockenen. Wie es sich wohl anfühlen wird, wenn der Wind zum ersten Mal mit einem Knallen mein Tuch strafft, ich von einem Moment auf den anderen Fahrt aufnehme und munter übers Meer schieße…

„Das Landrattendasein ist einfach nichts für mich“, schimpfe ich.“Kann mich hier nicht mal alleine aufrecht halten…“

Meine Steuerfrau lacht. „Genau! Und wenn unser Käpt´n die Treppe hochstapft, wackelst du wie eine eingerostete Greisin.“

Rost? Davon will ich gar nichts hören! Dieses Wort sollte niemand in meiner Gegenwart in den Mund nehmen. Erst neulich wurde an meiner Nachbarin herumgeflext, dass die Funken flogen. Das hat mir überhaupt nicht gefallen!

„Ach, wenn ich doch endlich hier weg könnte. Ich will segeln!“ maule ich

„Ich verrat´ Dir jetzt was, meine Schöne.“ Die Frauenhand tätschelt nun beruhigend meine Steuersäule. „Nächsten Montag stellen wir deinen Mast. Und wenn alles glattgeht, rufe ich am Dienstag Frederique Labat an, den Segelmacher in Marseillan.“

„Wirklich? Ich bekomme einen Mast? Ganz sicher?“ Ich kann es kaum glauben. Ach, ich bin ja so aufgeregt. Wenn doch nur schon Montagabend wäre!

„Ja, einen Hood Mast. Gebraucht gekauft und auf dich zugeschnitten. Stolze sechzehn Meter hoch. Mit Kabeln und Fallen drin und `nem Toplicht, `nem Windmesser und `nem Verklicker auf der Spitze.“

„Dann sieh jetzt zu, dass du dem Käpt´n hilfst und meine Rollreffanlage klarmachst!“, platze ich heraus.

„Aye!“, sagt meine Steuerfrau und macht sich an die Arbeit.

3_bei2

***

Elf Jahre… Im Traum verflossen

Das Meer hab´ ich noch nie gesehen. Dennoch trotze ich seit elf Jahren Wind und Wetter. Zu Beginn war ich nur eine Idee. Eine Schnapsidee, über die die Leute im Dorf lachten, Wetten abschlossen oder einfach nur verständnislos den Kopf schüttelten. Doch ich war verwegen genug, um die Zeit zu überdauern. Wollte unbedingt erleben, wie es sich anfühlt eine Segelyacht zu sein.

Selbst aus Sehnsucht geschaffen, träume ich schon lange von der See. Geduld hab´ ich bewiesen, und Ausdauer. Und weil ich ahne, dass es bald soweit ist, habe ich meinen Rumpf schon mal in Weiß gekleidet. Strahlend will ich ins Mittelmeer gleiten und mein altes Leben hinter mir lassen. Mich von den Wellen wiegen lassen an lauen Sommerabenden. In abgelegenen Buchten ankern. Durch die Fluten pflügen bei Windstärke sechs und zeigen, was ich kann.

Wunderbar wird das sein, wenn ich endlich die Nase in den Wind strecke und segele!

Sonnenhof

Deck1
Eine Menge Arbeit steckt in mir…