Einmal Malta… und dann Hellas

Warten auf den Mistral

Que meraviglia! Wir sind unterwegs. Haben prima Wind.  Meistens jedenfalls. Als Sophie, die Tochter vom Käpt´n, Ende Juni in Cagliari ankam, blies der Mistral munter und wir mussten gegen an, um sie abzuholen. Mir hat das ja Spaß gemacht! Aber meine Crew war´n büsch´n aus der Übung. War ja zehn Monate her gewesen, dass die beiden mich zum letzten Mal gesegelt hatten.

Den Winter hab ich wieder in der schnuckeligen Marina von Santa Maria Navarrese verbracht.  Zum Glück hat mich die Crew von meiner Freundin Nahia öfter besucht. Sie haben meine Leinen gecheckt, vor allem wenn Sturm angesagt war. In die Bilge geschaut und was noch so anlag. Und ab und an in den Werkzeugkisten vom Käpt´n rumgestöbert.  Hab´ mich immer gefreut, wenn sie fündig geworden sind. Auch die Käpt´ns von der Orion und von der Seawitch kamen mal vorbei. Ich war dann aber trotzdem bannig froh, als meine Crew endlich wieder an Bord war. Ende März war´s natürlich noch klamm in den Kojen.  Aber mit dem lütten Heizlüfter wurde das bald kuschelig unter Deck. Und für die Plicht gibt das ja die Kuchenbude.

Über zwei Monate lang hat meine Crew an mir rumgepusselt. Das brauchte ich man aber auch! Unter anderem ist mein Getriebe nu´ überholt,  achtern hab ich ´ne höhere Reling aus Edelstahl mit schwenkbaren Solarpaneelen dran und meine Genua ist repariert. Und mein Beiboot hat ´nen Überzug bekommen! Der griechischen Sonne eilt nämlich der Ruf voraus, dass PVC ihr nicht lange standhält.

Ach Hellas! Was bin ich gespannt! Der Meltemi, der Nordostwind, der die meiste Zeit des Jahres in der Ägäis vorherrscht, ist unter Seeleuten berüchtigt. Aber wir wollen ja erst mal ins Ionische Meer, das liegt auf dem Weg. Ich hab reichlich Proviant an Bord und meine Tanks sind voll. Noch sind wir in sardischen Gewässern. Ankern vor Porto Pino. Die Lady M ist mit ihrem Käpt´n André aus Carloforte hergeschippert und liegt neben mir. Gemächlich schaukeln wir vor uns hin und genießen beim Schwojen den Ausblick. Mal auf die Dünen, hinter denen sich weitläufige Lagunen verbergen, die von Flamingos und Reihern bewohnt sind. Mal auf den Pinienwald am Kap und den Kanal mit den lütten Fischerbooten, der nach Porto Pino führt.  Der Sand  ist hier so hell, dass das Meer bei ruhigem Sommerwetter schimmert wie ein Türkis. Da macht das denn auch nix, wenn wir vielleicht etwas länger auf den richtigen Wind warten müssen.  Und der Mistral ist ja zuverlässig. Früher oder später wird er kommen. Und mich von schräg achtern Kurs Südost schieben. Raumer Wind heißt das in der Seeleutesprache. Und wenn er wie üblich anständig  bläst, hab ich dann auch ´ne feine Welle aus der gleichen Richtung. Freu mich schon auf´s Surfen!

*

Wenn Rasmus wohlgesonnen ist…

Was für ein wunderbarer Segelwind! Kaum sind wir um die Südwestspitze von Sardinien rum, geht das los. Im Schutz der Insel gleite ich ruhig und geschwind dahin. Komme sogar immer wieder ins Surfen. Doch dann haben wir Kreuzsee vom Feinsten. Denn der Mistral teilt sich gern, wenn er aus dem Löwengolf heranweht. Im Westen von Sardinien fegt er die Küste hinab, umrundet die Insel im Süden und wird zu Westnordwest. Zugleich wird er südlich von Korsika in die Straße von Bonifacio abgelenkt, die Meerenge zwischen Sardinien und Korsika. Bläst er stark genug, umrundet er dann die Nordostspitze Sardiniens und wird zum Nordwind. Welle aus Westnordwest trifft also auf Welle aus Nord. Und wenn sie hoch genug ist, und ich schweres Mädchen wie ein Korken auf ihr tanze, nennen Seeleute das „Waschmaschine“.

Fast zwei Tage lang traut meine Crew sich nich´ mal mehr, das Brotmesser in die Hand zu nehmen. Eigentlich wollten wir ja bei den Egadischen Inseln, im Nordwesten von Sizilien, einen Stop einlegen. Da rauschen wir aber dran vorbei und lassen Favignana an Backbord liegen. Vor Anker in ´ner Bucht dort hätte meine Crew sicher keine ruhige Nacht. Die beiden überlegen, was es zum Abendessen geben könnte, denn sie haben mittlerweile die große Schüssel Reissalat und die Kartoffeltortilla aufgefuttert. Da wird das doch tatsächlich auf einmal ruhig genug, um ein paar Stullen zu schmieren. 

Meine Ruthie hat Steuerwache, und ich gleite bei über zwanzig Knoten von achtern so elegant dahin, dass sie Papier und Stift holt. Glücklich hockt sie in der Plicht und macht Notizen. Ab und an wirft sie ´nen Blick auf den Plotter. Kontrolliert, ob der Autopilot alles unter Kontrolle hat. Da knallt eine Böe von über dreißig Knoten in die Genua. Der Autopilot tilt. Er kann nicht schnell genug reagieren. Ich lauf´ aus dem Ruder. Kaum hat meine Steuerfrau ihren Schreibkram ins Schwalbennest gestopft, ist mein Käpt´n zur Stelle und die beiden fahren eine Wende. Das Schreiben lässt die Deern auf Wache nu´ lieber sein.

Wir lassen Sizilien hinter uns. Die Nacht ist mondlos. Horizont und Meer verschwimmen in der Dunkelheit. Als endlich die Sonne über den Horizont lugt, ist Gozo in Sicht, die westlichste Insel des maltesischen Archipels. In weniger als drei Tagen sind wir vom Südwesten Sardiniens hierher gesegelt. Rasmus ist uns wohlgesonnen!

Segeln bei raumem Wind

Glossar

Que meraviglia! – Wie wunderbar! (Italienisch)

Cagliari – Hauptstadt von Sardinien, im Süden der Insel.

Mistral – Nordwestwind, der vom Löwengolf her weht.

bannig – sehr (Plattdütsch)

lütt – klein (Plattdütsch)

raumer Wind – der Wind fällt in einem Winkel von ca. 100 bis 170 Grad in die Segel, sodass diese weit geöffnet werden müssen.

Plicht – auch Cockpit genannt. Bereich des Bootes im Freien, wo sich der  Steuerstand beefindet, meist auch Sitzbänke und ein Klapptisch.

Kuchenbude – Abdeckung der Plicht mit einem Verdeck, das ähnlich wie ein Zelt vor den Cockpitbereich Regen, Wind und Sonne

rumpusseln –  arbeiten, basteln (Plattdütsch)

schwojen – liegt ein Boot vor Anker dreht sich sein Bug in den Wind und die Ankerkette spannt sich. Je nach Windrichtung und -stärke  befindet es sich dann an einem entsprechenden Punkt auf oder innerhalb eines 360 Grad Kreises.

Carloforte – Stadt auf einer dem Südwestzipfel Sardiniens vorgelagerten Insel

Kreuzsee –  die Welle rollt aus zwei Himmelsrichtungen heran

Egadische Inseln – Inselgruppe im Nordwesten von Sizilien

Favignana – größte der Egadischen Inseln

Rasmus – Schutzpatron der Seeleute

Knoten – ein Knoten entspricht einer Geschwindigkeit von einer Seemeile pro Stunde (1 Sm = 1852 m)

aus dem Ruder laufen – eine starke Böe fällt ins Vorsegel und das Boot wird herumgedrückt, bis der Bug im Wind steht und das Vorsegel einfällt . Das Boot lässt sich erst wieder steuern, wenn das Segel getrimmt wird, d.h. es muss so zum Wind stehen, dass es sich strafft.

eine Wende fahren – das Vorsegel (Genua oder Fock) auf die andere Seite bringen, sodass der Bug des Bootes durch den Wind geht. Der Wind bläst von der anderen Seite ins Segel und der Kurs ändert sich -je nach Boot- mindestens um 60 bis 90 Grad.

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Gozo – schroffe Felsen, staubiges Grün

Zur rechten Zeit für ein Mittagsschläfchen fällt mein Anker. Simon von der Nahia hatte uns kurz zuvor die Position einer wunderschönen Bucht geschickt. Die Zufahrt zur Dwejra Bay ist nach Westen offen. Sie führt in ein weites Becken zwischen hoch aufragenden Felswänden. Es gibt ja kaum etwas, das ich so fürchte wie Steilküsten. Aber ich hab‘ hier reichlich Raum zum Schwojen. Und sollte starker Westwind aufkommen, bringt meine Crew mich woanders hin. Da kann ich mich auf verlassen.

Nachts lieg´ ich ruhig wie auf einem Bergsee.  Vor dem Frühstück will meine Steuerfrau allerdings Brot einholen. Mit dem Dinghi schippert mein Käpt´n sie zur nördlichen von zwei schmalen Einbuchtungen im Fels. Im Nu steigt sie eine Treppe hinauf, die zu einem weitläufigen Hang führt. Immer dem Duft der Macchia nach. Thymian. Wilder Fenchel. Garrigues. Agaven ragen zwischen vereinzelten Felsen auf. Von der Sonne verdorrte Kardonien und Bauruinen säumen den Weg.  Ein Mann pflügt sein Feld. Die trockene Erde wirbelt auf und lässt seine Silhouette verschwimmen. Was kämpft er der Erde ab? Kartoffeln, Kapern oder Kohl? Zucchini, Artischocken oder Tomaten? Auf einem anderen Feld stehen Weinstöcke in Reih und Glied. Und auf der Höhe angelangt gibt eine weite Schlucht den Blick auf verstreute Sandsteinbrüche am gegenüber liegenden Hang frei. LKW kommen und gehen, ziehen Staubwolken hinter sich her. Ein Dorf ist nirgends zu sehen.  

Auch in dem lütten Dwejra, das in der Senke hinter dem alten Wachtturm am Meer liegt, gibt das keine Bäckerei. Aber meine Ruthie traut ihren Augen nicht, als auf dem Weg dorthin eine Lagune in Sicht kommt. Umringt von Häusern und einer hohen Steilwand. Die Farbtupfer auf dem dunkel schimmernden Wasser erweisen sich bald als lütte Holzboote, einige der Häuser als Bootsschuppen. Und der schwarze Fleck auf der Felswand als Zugang zum offenen Meer.

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In der Abenddämmerung düst meine Crew mit dem Beiboot los. Nach so ´ner Überfahrt kann man sich schließlich mal ´ne Pizza gönnen. Mehrmals sind die zwei drauf und dran, in eine der vielen Höhlen zu fahren, die Brandung, Wind und Gestein hier in die Steilküste gefressen haben. Was man gut, dass sie jedes Mal noch´n büsch´n weitergschippert sind. Denn die Zufahrt nach Dwejra gleicht einem Tunnel. Sie is´ nicht allzu lang. Lagune und Bootsschuppen sind vom offenen Meer her zu sehen.

Das erste maltesische Abendessen ist köstlich!  Büsch´n arabisch, büsch´n Meze, und ´n Tick britisch. Als die Imqaret mit Vanilleeis verputzt sind, steht eine filigrane Mondsichel über der Lagune. Für den Rückweg durch den Höhlentunnel hat meine Crew natürlich ´ne Taschlampe dabei. Die dient zudem als Positionslicht. Falls man doch mal auf ein anderes Boot trifft in der Nacht.

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Malta – Schmelztiegel der Kulturen

Neben der Hafeneinfahrt von Mgarr, im Südosten von Gozo, lieg´ ich und warte. Ich mag das ja nich´ so gern, wenn meine Crew mich allein lässt. Und denn auch noch an so ´nem viel befahrenen Ort. Aber die zwei wollen sich Victoria anschauen, die Hauptstadt von Gozo im Inselinnern. Und in ´nem Hafen findet sich meist ein Platz, um das Dinghi sicher festzumachen.

Von der Haltestelle am Fähranleger aus braucht der Bus kaum ´ne halbe Stunde nach Rabat, wie Victoria meist von den Gozitanerinnen genannt wird. Wie Weihnachten sieht das da aus. Mitten im Hochsommer! Rote, mit Gold bestickte Banner und Lichterketten schmücken die Straßen. Vor allem entlang der Republic Street, vor Kirchen und auf manchen Plätzen wachen überlebensgroße Statuen von Erzengeln, Heiligen und Kirchenmännern. Einmal am Tag dreht eine Blaskapelle ihre Runden. Und das fast eine Woche lang.

Es ist „Festa“ zu Ehren des Schutzpatrons. „Viva San Gorg!“ verkünden Leuchtbuchstaben auf dem Hügel gegenüber der Cittadella.  Die Festung, die über Rabat thront, wurde auf den Resten einer mittelalterlichen Burg errichtet, als der Johanniterorden Malta in Besitz nahm. Das is´ bannig lang her. Aber das Meer erinnert sich gut. Es raunt mir die Namen all der Völker zu, deren Schiffe im Lauf der Jahrtausende an maltesischen Küsten Krieger ausgespuckt haben. Ganz dun wird mir davon. Phönizier, Römer, Germanen und Araber. Normannen, Staufer, Kastilier und wer nich´ noch alles.  Zuletzt waren es die Briten. Die herrschten hundertsechzig Jahre. Noch heute ist Englisch Amtssprache auf dem Archipel. Neben Maltesisch natürlich, das ich viel melodischer finde.  Es wurzelt ja auch im Arabischen und im sizilianischen Italienisch.

Kaum ist meine Crew wieder an Bord und will den Anker lichten, hab´ ich ein Boot der Hafenpolizei längsseits. Warum wir keine Courtesy Flag gehisst hätten, fragen die Beamten mit ernster Miene. „Wir wollten nach Sizilien. Aber der Wind hat uns hierher geweht. Und Malta ist so schön!“, sagt meine Steuerfrau. „Sowie wir in Valletta sind, besorge ich eine Flagge. Versprochen! Ach, Malta ist so schön!“ Da bedanken sich die Polizisten und schippern winkend davon.

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Auf Valletta sind meine Crew und ich so richtig neugierig. Die kleinste Hauptstadt Europas ist Unesco-Welterbe. Golden schimmern ihre aus Sandstein errichteten Festungsmauern in der Abendsonne. Sie erinnern daran, dass Malteserritter einst von hier aus Jagd auf muslimische Schiffe machten. Überblicken von der Landzunge Monte Sciberras aus den Grand Harbour im Süden und den Marsamxett Harbour im Norden. Wunderbare Naturhäfen mit zahlreichen Einbuchtungen, die die Malteserinnen „Creeks“ nennen. Mehrere Städte drängen sich hier an die Ufer. Sliema, Ta-Xbiex, Gzira, Msida, Hamrun, Floriana, Marsa, Paola, Cospicua, Kalkara – nur ein paar tausend Einwohner hat jede von ihnen.

Es gibt  viele Stellen zum Ankern. Und –ich fass das nich´!– Ankern ist erlaubt! Zwischen der Insel Fort Manoel mittendrin im Marsamxett Harbour und dem geschäftigen Ort Sliema warten sogar verschiedenste Bojen auf einlaufende Boote. Rostige, gelbe Tonnen. Rote Kegel. Blaue Bälle. Werden sie nicht mehr gebraucht? Oder vielleicht nur im Winter genutzt? Keiner kommt kontrollieren oder präsentiert eine Rechnung. Niemand beschwert sich. Sowas hab ich noch nie erlebt! Jetzt im Hochsommer müsste meine Crew anderswo so viel berappen, dass man die zwei Bojen, zwischen denen ich liege, vergolden könnte. Dabei is´ das hier nich´ gerade Badewasser. Aber dafür gibt das gute Einkaufsmöglichkeiten. Für Proviant. Und für Dinge, die ein Segelboot wie ich so an Zubehör und Ersatzteilen braucht. Und der Diesel kostet eins einundzwanzig den Liter! Sechsmal schippert mein Käpt´n mit dem Dinghi unter der Brücke zwischen Fort Manoel und dem Festland durch zur Tanke, weil er nur einen einzigen, leeren zwanzig Liter Kanister hat. Meine Steuerfrau ist unterdessen im Waschsalon. Und abends stopfen die Zwei sich im koreanischen Imbiss mit scharf gewürzten Nudelgerichten voll.

Das Beste aber ist, dass Zika seit einigen Jahren in Sliema wohnt. Der hat mich nämlich innen drin gestrichen. Sechs Schichten. Akkurat. Bis in den hintersten Winkel jedes einzelnen T-Eisens, das meinen Rumpf stabilisiert. War das eine Freude, ihn wiederzusehen! Er kannte mich ja noch ja gar nich´ so, wie ich jetzt bin. Mit Kombüse und Koje. Mit Segel und Rigg. Seetüchtig eben.

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Ein letztes mal Pizza

Um Wind für die Überfahrt nach Griechenland zu erwischen, segeln wir von Malta aus geradewegs gen Norden. Nach Syrakus, an der Ostküste Siziliens. Meine Steuerfrau ruft die Hafenbehörde per Funk und bekommt Koordinaten in der Rada di Sircusa, an denen wir ankern dürfen. Mit Blick auf die Insel Ortygia und die Altstadt von Syrakus, einst mächtigste Polis des antiken Siziliens, heute Welterbe. Pompöse Palazzos, protzige Kirchen und archäologische Fundstätten aus der Zeit hellenischer Herrscher locken Scharen von Besuchern an. In der Hochsaison muss hier jeder, der vom Tourismus lebt, seine Kasse füllen.    „Nepp!“, grummelt meine Ruthie, als sie vom Landgang kommt. „Die haben hier alle Touri-Burnout.“   Nur vom Wochenmarkt war sie begeistert. Hat Gewürzmischung für Spaghetti Aglio e Olio gekauft. Getrocknete Tomaten, wilden Oregano, gesalzene Kapern und Mandarinenlikör. 

Und wieder ist das Beste ein Wiedersehen! Wir treffen Ingrid, die wir in meinem ersten Segeljahr auf Menorca kennengelernt haben. Die Deern passt auf die „Wind“ auf. Der hundertjährige Holzsegler liegt seit Wochen hier vor Anker. Nicht gerade Badeferien für Ingrid, denn zum Schwimmen lädt das Brackwasser in der weiten Bucht nich´ ein. Selbst mein Käpt´n, der sonst einiges abkann, verzichtet darauf.  Dabei is´ das so heiß, dass meine Ruthie nich´ mal das Naturschutzgebiet am Ufer erkunden will. Unglaublich! Wo das doch der einzige Ort Europas ist, an dem Papyrus wächst.

Wir bleiben nur wenige Tage. Ein letztes Mal Pizza, und mein Anker wird gelichtet. Doch da hängt´n halber Schrottplatz dran. Außerdem Netze und altes Tauwerk. Mit Leine, Ankerwinsch, Messer und Geduld macht mein Käpt´n sich ans Werk. Fast ´ne Stunde braucht das, bis wir den ganzen Schiet los sind.

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Zum Kap Spartivento brechen wir am frühen Nachmittag auf.  Mal rausche ich unter Segeln über die See, mal tucker ich mit Motor. Die Silhouette des Ätnas trotzt dem flammenden Himmel. Raucht zahm vor sich hin.

Mein Anker fällt im Morgenlicht. Das Meer ist klar und frisch. Mein Käpt´n macht Wasser. Es ist hier gar nicht so übel. Helle, rundliche Felsen am Ufer. Struppige, schon bräunlich verfärbte Macchia. Baumgrün vieler Schattierungen. Sträucher, und vereinzelt gelb oder weiß blühende Büsche. Schlanke Palmen und junge Zypressen, hinter denen sich Bahngleise und eine Autobahn verstecken. Hier und dort Häuser und wenige Menschen am hellbraunen Kiesstrand. Und keine Strandbar weit und breit, die unsere Bordmusik übertönt.

Die Küste ist offen, und nur nach Norden hin geschützt. Aber wie viele Segelboote rasten wir hier nur über Nacht. Auf dem Weg von Italien nach Hellas, übers Ionische Meer.

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Glossar

Garrigues – mediterrane Strauchheiden

Meze – griechische Appetithäppchen aus Gemüse, Fisch, Fleisch oder Meeresfrüchten

Imqaret – frittierte, mit Dattelmus gefüllte Küchlein

dun – schwindelig (Plattdütsch)

Republic Street – Hauptstraße von Rabat (Victoria)

Courtesy Flag – Höflichkeitsflagge. Boote und Schiffe führen an Steuerbord die Flagge ihres Gastlandes

Rigg (auch Takelage oder Takelwerk) – Der Mast und Tauwerk sowie Drähte (Wanten und Stage), die den Mast halten. Beschläge, Blöcke und alles, was zum Bedienen der Segel notwendig und nicht am Schiff befestigt ist, sondern aam Mast und anderen Elementen des Riggs selbst

Rada von Siracusa – ausgedehnte Bucht vor Syrakus

Ätna – höchster aktiver Vulkan Europas (3357 m)

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Die Insel der wechselnden Winde

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Mast und Schotbruch, nimmt das denn gar kein Ende! Nich´ das mir Schwell was ausmachen würde. Ich bin ein schweres Mädchen, das wisst Ihr ja. Mit meinen zwanzig Tonnen kann ich kabbelige See gut ab. Egal, ob ich vor Anker liege oder übers Meer rausche. Aber meine Crew tut mir so langsam ´n büsch´n leid, denn seit wir Anfang Juni aus der Marina von Baunei ausgelaufen sind, haben wir kaum mal einen ganzen Tag ruhiges Wetter gehabt. Wer schwimmen will, geht besser über die Badeleiter ins Wasser. Schaut, wie die Strömung ist und bleibt immer schön in meiner Nähe. Mein Käpt´n flachst mittlerweile, dass wir ´nen Pool mit Gegenstromanlage haben.

Cala Brandinchi bei Mistral

Mal bläst der Mistral, Maestrale nennt man ihn in Italien. Er kommt aus Nordwest, vom Löwengolf her, und dreht vor Nordsardinien westlicher. Im Sommer ist es meist der Mistral blanc, der weiße Mistral. Ein Wind der klaren Sicht und der lebendigen Farben, der kaum Regen bringt. Wenn er die Oberhand gewinnt, erstrahlt das Meer in den schönsten Blautönen. Die Schaumkrönchen, die er auf die Wellenkämme wirft, leuchten, als hätten sie das Sonnenlicht aufgesogen. Jedes bisschen Grün, das sich an die felsige Küste klammert, hebt der Mistral hervor. Jede Falte der fernen Berge, jede Scharte, jeden Grat, jeden Gipfel, jeden Kamm. Doch er ist ein trügerischer Teufel, der es liebt, das Meer fern der Küste zu wilden Tänzen aufzupeitschen.  Auch wenn er an Sommertagen selten mehr als dreißig Knoten erreicht.

Der Scirocco wiederum saust aus Südost heran. Wie ein Dschinn erhebt er sich über der Sahara, fegt über das vor Hitze flimmernde Dünenmeer, saugt den aufgewirbelten Staub gierig auf und eilt dann mit trockener Kehle nordwärts, Richtung Mittelmeer, um seinen Durst zu stillen.  Dabei lässt er Wolken wachsen und treibt sie vor sich her. Sie tragen Sandschleier, die er der Wüste entrissen hat. Wenn er naht, liegt das Meer mancherorts wie ein Edelstein unterm trüber werdenden Himmel. Türkis schimmernd, als sei es nicht von dieser Welt.

Doch bald versinkt alles in Grau unter seinem Regiment. Selbst dort, wo sonst der helle Grund im klaren Wasser zu sehen ist, glänzt das Meer dann wie geschmolzenes Blei. Die Konturen von Bergen und Bäumen verschwimmen und die Landschaft zeigt sich nur noch schemenhaft.

Ob grau, ob türkis, ob strahlend blau, meine Steuerfrau kann sich nicht sattsehen an all dem Farbenspiel. Doch wenn der Scirocco Regen bringt, meckert sie wie ´ne kiebige Lachmöwe. Weil man an Deck nur noch schliddern kann und durch die Luken kaum noch was sieht. Weil man ums feudeln nich´ rumkommt, wenn morgens die ganze Plicht mit ´nem schmierigen, hellroten Film überzogen ist. Wat mutt, dat mutt. Doch meist kommt der Feudel erst dann zum Einsatz, wenn der Mistral dem Scirocco mal wieder den Garaus gemacht hat. Darum hab ich hier und dort schon rote Flecken auf meinem schönen, weißen Lack.

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Rund um die Tavolara

Die Isola Tavolara, südlich von Olbia, nennen wir mittlerweile liebevoll „unseren Hausberg“. Nur etwa sechzig Seemeilen von der Marina di Baunei entfernt findet sich hier bei fast jedem Wind eine Bucht, die Schutz bietet.  Genau der richtige Ort also, um mich endlich mit  ´nem Wassermacher auszustatten. Mein Käpt´n hat ihn aus ´nem Bausatz zusammengepusselt. Ein kleiner Hochdruckreiniger, eine Vorfilteranlage, um den groben Dreck aus dem Meerwasser zu holen, zwei Membranfilter für die Entsalzung,  ein Nadelventil, um einen Druck von etwa 55 bar einzustellen. Und verschiedene Kugelventile, um Meerwasser anzusaugen, oder Trinkwasser oder Reinigungsflüssigkeit in die gewünschte Richtung zu leiten. Und natürlich meterweise Schläuche. Nun kann meine Crew Seewasser zu Trinkwasser aufbereiten und muss nich´ mehr alle drei Wochen eine Marina anlaufen, um Wasser zu tanken. Allerdings verbraucht so ein Wassermacher Strom, den meine Lichtmaschine oder meine Solarkollektoren erzeugen müssen. Da muss ich wohl noch besser ausgerüstet werden.  Mein Käpt´n tüftelt dran.  Fürs Erste kommt ein Aggregat zum Einsatz, ein Generator, der Benzin in elektrische Energie umwandelt.

Beinah zwei Monate lang haben wir uns im Nordosten Sardiniens rumgetrieben. Dort ist es einfach zu schön, um Tschüs zu sagen. Bei Mistral lagen wir bestens in der Cala Brandinchi, von der Isola Tavolara aus gen Süd, um´s Capo Coda Cavallo rum. Dort haben wir die Hedwig kennengelernt. Ihr Käp´n kam mit ´nem Fisch und meinte, der sei zu groß für ihn allein. Meine Crew hat natürlich gleich den Grill angeschmissen und ´ne Buddel Wein entkorkt.

Kann man sich vom Ausblick auf die Tavolara nicht trennen, und bläst der Wind nicht allzu stark, liegt man bei Mistral auch in der Cala Istana sicher. Oder vor Porto San Paolo, wo jedoch ein Bootsverleih für reges Kommen und Gehen auf dem Wasser sorgt. Und so´n lüttes Bootchen mit Außenborder kann bannig Welle machen! Das hat die Crew von der lütten Gintonic aber nich´ davon abgehalten, zu uns rüber zu schwimmen. Weil ihnen mein Name so gut gefiel, wollten die beiden mal „Guten Tag“ sagen. War aber mal wieder so´n Wind, dass sie gegn die Strömung nich´ ankamen, und bei der Seawitch nebenan gelandet sind. Die Gintonic hat weder Beiboot noch Kombüse. Ihre Crew ist mit ihr von Genua über Korsika bis Sardinien gesegelt. Und wieder zurück. Die beiden sind meine Helden!

Bläst der Scirocco,  findet man in der Cala Girgolu Schutz. Die Tavolara, deren lang gestreckte Seite der Bucht zugewandt ist, trägt dann Wolkenhüte. Mal ´ne kecke Baskenmütze, schräg am Hang. Mal ´ne Melone, auf dem höchsten Gipfel.  Mal auch ´ne Krone, die auf dem oberen Rand der Insel sitzt. Oder sogar ein Wolkenröckchen, das auf halber Höhe den lang gestreckten Felsen umrundet und wie ein Tutu absteht. In der Cala Girgolu lag meine Freundin Nahia oft neben mir vor Anker. Auch die Orion, mit Paulinchen, dem seuten Cocker-Mischling an Bord. Steffi, von der Benko, hat meiner Crew eines Morgens frisch gebackene Muffins gebracht! Auf ihrem Paddleboard. Besuch ohne Boot hatten wir auch. Sophie hat doch glatt die schönste Woche vom ganzen Frühling erwischt. Und Delfine kamen vorbei. Was für eine Freude! Als sie auftauchten, hat mein Käpt´n gegen meinen Rumpf geklopft, um sie zu locken. Und das hat prima geklappt.

Die Saphir kam genau zur rechten Zeit, um ihrem Käpt’n zum Freispruch zu gratulieren. Vor zwei Jahren hatte Claus-Peter Reisch als Käpt´n des Seenotrettungsschiffes Eleonora nach tagelangem, schweren Sturm den Notstand erklärt und war in einen sizilianischen Hafen eingelaufen. Mit über hundert Menschen an Bord, die vor der lybischen Küste in Seenot geraten waren. Man muss sich das mal vorstellen! Der damalige Innenminister Italiens, Matteo Salvini, hatte der Eleonora die Einfahrt in italienische Gewässer untersagt und mehrere Häfen hatten ihr die Erlaubnis zum Anlegen verweigert. Claus-Peter Reisch nennt das Mittelmeer „Das Meer der Tränen“. Und so heißt auch das Buch, das er geschrieben hat. Das gehört in jede Bordbibliothek.

Quelle: Google Earth

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Einmal rund Sardinien

Weiße Strände, kuschelige Buchten, kristallklares Meer. Mal Felsküste, mal Dünen hoch wie Berge und immer wieder Lagunen im Inland, wo mancherorts sogar Flamingos leben. Anders als auf den Balearen, weiter westlich, ist die Flora überall satt und üppig. Doch Palmen sieht man kaum.

Auch ´nen Abstecher nach Korsika haben wir gemacht. Der Wind stand günstig. Er hat uns dann von von Porto Novo an der Südostküste Korsikas direkt nach Stintino gebracht.

Costa Esmeralda, Smaragdküste, nannte ein arabischer Prinz die Küstengebiete im Nordosten Sardiniens, nachdem er sie in den 1960er Jahren für´n Appel und´n Ei erworben hatte. Heute kostet ´ne Boje in der Cala di Volpe zweitausendachthundert Euro die Nacht. Da liegen so richtige Oschis, eine Superyacht neben der anderen. Eine Nacht haben wir´s da ausgehalten. Mein Käpt´n meinte, das wär´, als würde man auf´m LKW Parkplatz übernachten. Haufenweise Generatoren, nonstop auf Hochtouren. Der Jetset braucht Strom. Man muss ja den Whirpoll heizen. Oder die Yacht mit Lichtern behängen wie´n Weihnachtsbaum.

Meine Crew isst gern Pizza und wir mögen die einfachen Leute. Die Seenomaden, die auf ihren Booten leben. Die Fischer mit ihren ollen Holzkähnen. Die lütten Yachten unter italienischer Flagge, auf denen die ganze Großfamilie Urlaub macht. Ob Kinder oder Freunde, Oma oder Opa, Onkel oder Tante. Alle singen sie gerne. Meist mit Gitarrenbegleitung. Sie treffen zwar nicht immer den Ton, aber sie begleiten meine Crew in´s Land der Träume.

Seit Menschen zur See fahren ist das Mittelmeer eine Brücke zwischen all den Kulturen, die an seinen Ufern leben. Einmal rund um Sardinien rum fanden wir Zeugen verschiedenster Epochen. Vor über dreitausend Jahren schon kamen Schiffe aus dem östlichen Mittelmeer, die mit der Insel Handel trieben. Mykener, Zyprer und etwas später Phönizier aus Tyros, einer der ältesten bewohnten Städte der Erde. Vor der Sinis Halbinsel in der weitläufigen Bucht von Oristano, an der Westküste Sardiniens, habe ich mit Blick auf die antike Stadt Tharros an einer Boje gelegen. Einst gegründet von sardischen Nuraghern, hat Tharros viele Herren gesehen. Phönizier, Punier, Römer. Ebenso wie Nora, am Kap von Pula, in der Bucht von Cagliari am südlichsten Zipfel Sardiniens. Von Nora aus konnten die phönizischen Schiffe selbst bei widrigen Winden in See stechen.  Und auch wir hatten in der Cala di Pula Badewetter und höchstens mal mäßigem Südost bis Nordost, während nördlich und südlich von uns der Mistral mit um die dreißig Knoten geblasen hat.

Die hohen Berge im Inselinnern versperren dem Wind so manchen Weg. Doch sie hinderten weder Karthago noch Rom daran, ihre Macht zeitweise über ganz Sardinien auszudehnen. Mehr als tausend Jahre nach dem Niedergang Roms, das nach den Phöniziern weite Teile Sardiniens besetzte, belagerten arabische Flotten die Insel, wurden aber von den Seemächten Genua und Pisa zurückgeschlagen. Ein Großteil der malerischen, alten Türme wiederum, die überall auf Aussichtspunkten an der Küste thronen, wurde auf Befehl iberischer Herrscher errichtet. Nahezu vierhundert Jahre lang war Sardinien zuerst vom katalonisch-aragonischen und später vom spanischen Königreich besetzt. In Alghero, im Nordwesten Sardiniens, spricht man noch heute katalanisch. Die Stadt liegt an einer weitläufigen Bucht, wo ich fast zwei Wochen geankert hab. Meine Crew hatte im alten Hafen, direkt vor den Mauern der Altstadt, schon ´nen festen Platz für´s Beiboot. Mal ging´s zum Wäsche waschen, mal zum Einkaufen, mal wurden Bootsteile gesucht. Und natürlich immer mal wieder ´ne Runde durch das hübsche Städtchen gedreht, in dem an jeder Ecke ´ne katalanische Fahne weht.

Als mal wieder Mistral aufkam, sind wir ´gen Süden gerauscht. Erst mal zur Isola di Mal di Ventre, zur Bauchwehinsel. Der Name ist wohl ein Übersetzungfehler, denn auf sardisch heißt es Isula de Malu Entu, also „Insel des schlechten Windes“. Das passt auch eher. Die Kreuzsee auf´m Weg dahin war ´n büsch´n ungemütlich für meine Crew. Und beim dritten Versuch, an einer Boje festzumachen, hat mein Käpt´n den Bootshaken abgebrochen. Da kam aber schon der nette Käpt´n vom Nachbarboot und hat seine Hilfe angeboten. Meine Steuerfrau dachte, er wär ein Wächter des Naturschutzgebiets,  zu dem die Isula de Malu Entu und die Sinis Halbinsel am Festland gegenüber gehören. Sie hat sich gewundert, wo er mit dem Schlauchboot wohl hin will. Nach Sonnenuntergang, im letzten Licht. Mehrere Seemeilen von der Küste entfernt, vor einer Insel, so platt wie ´ne Flunder, auf der kein einziges Haus steht.

Die Isula di Malu Entu und die Sinis Halbinsel bieten bei Mistral ´n büsch´n mehr Schutz als viele andere Buchten an der Westküste Sardiniens. Daher sind wir zur Sinis Halbinsel rüber gesegelt, dort ein paar Tage geblieben und dann bei wenig Wind südwärts motort. In der Hoffnung, ein paar Tage in der Bucht von Masua vor Anker liegen zu können, bevor wir in Villasimius, im Südosten, Katamaran Frida und Crew auf ihrem Weg von Griechenland nach Spanien treffen.

Kaum ist man zwischen dem steil aus dem Meer aufragenden Pan di Zucchero und dem Festland durchgesegelt, fällt der Blick auf einen schroffen Felsen. Ein Turm wie aus einem Märchenschloss ragt daraus hervor.  Doch der Schein trügt, denn er ist ein Überbleibsel des industriellen Fortschritts. Vor etwa hundert Jahren ließen belgische Investoren hier einen neuartigen Seehafen bauen. Neben dem kuriosen Turm mündet ein sechshundert Meter langer Tunnel, durch den Zink und Blei von den Minen im Bergbaudorf Masua zum Meer transportiert wurden, um sie in Silos zu speichern und dann direkt auf Frachtschiffe zu verladen.

Schon die Phönizier suchten in der Gegend nach Erzen. Der Boom des Bergbaus auf Sardinien war jedoch vor etwa dreihundert Jahren. Von den Minen in Masua trugen die  Arbeiter das Erz in Weidenkörben zu ihren Bilancellen, leicht gebauten, traditionellen sardischen Booten, die bei schwerer See viel zu schnell sanken. Beladen mit bis zu dreißig Tonnen Blei erreichten sie oft nicht einmal Carloforte, wenn Sturm aufzog. In dem etwa zwanzig Seemeilen von Porto Flavia entfernten Hafen lag so manches Dampfschiff zwei lange Monate, bis es voll beladen war.

Meine Steuerfrau recherchiert. Die Texte über das Unesco Weltkulturerbe Porto Flavia rühmen vor allem die technische Leistung des Architekten und finden es bemerkenswert, dass dieser den Minenhafen nach seiner Tochter Flavia benannte. Interessiert es etwa nicht, dass viele, Erwachsene wie Kinder, sich in den Minen zu Tode schufteten? Will niemand wissen, ob diese Menschen einen Blick für die atemberaubende Landschaft hatten, in die Porto Flavia und Masua eingebettet sind?  Für die kühn ansteigenden, hier und dort mit Pinien bewaldeten Berge. Für die Blumenpracht, die selbst im Hochsommer die Wege säumt.

Wer hat gezählt, wie viele Seeleute über die Jahrhunderte mit ihren Bilancellen im Sturm kenterten und für immer verschollen?  Wer fagt danach, wie viele Menschen heute auf dem Weg von der nordafrikanischen Küste ins gelobte Europa Schiffbruch erleiden? Gebeutelt von bitterer Not. Damals wie heute Kraft schöpfend aus der Hoffnung auf ein besseres Leben. Vor allem nachts, wenn die Stille der Erinnerung Raum gibt, höre ich das Echo all der Träume, die in den Tiefen der See verloren sind. Spüre all die Sehnsüchte, die im Kommen und Gehen der Wellen umherirren.

Ich bin nur ein Segelboot. Doch ich weiß, dass alles, was lebt, auch träumen muss. Der Herbst zieht auf, ich bin auf den Winter vorbereitet und liege wieder in der Marina di Baunei. Die Orion liegt am gleichen Steg, und ich freue mich schon auf die Nahia, die bald kommen wird. Die Frida, mit der wir eine Weile gemeinsam gesegelt sind, ist mittlerweile auf den Balearen. Und ich bin allein und lausche dem Meer. Es erzählt von längeren Tagen und Sonne, die schon morgens mein Deck wärmt. Von wohl gesonnenen Winden und unbekannten Ufern. Von Delfinen, die mich begleiten und Schwertfischen, die plötzlich neben mir aus dem Wasser springen und einen Salto drehen. Und in einem Öffnen und Schließen der Augen wird Frühling sein.

 

Glossar

kabbelig – unruhig

n´büsch´n – ein bisschen

Mistral – Nordwestwind

Löwengolf – erstreckt sich vor der südfranzösischen Mittelmeerküste. Vom Cap de Creus bis Genua

dreißig Knoten – 55,56 km/h

Scirocco – Südostwind

kiebig– frech

bannig – sehr

schliddern – schlittern

feudeln – putzen, wischen

Plicht – auch Cockpit genannt. Bereich an des Bootes, wo sich das Steuer befindet und die Crew sich im Freien aufhält.

wat mutt, dat mutt – was muss, das muss

Feudel – Putzlappen

pusseln– basteln, schrauben

seut – süß

lütt – klein

oll -alt

*

Zeit zum Schaukeln

„Du, Ruthie…“

„Ja, Lobsty?“

„Schön, dass ihr wieder da seid!“

„Kannst Du laut sagen. Aber kalt ist das auf Sardinien.“

„Ich mag das, wenn der Wind´n büsch´n durch die Berge pfeift. Dann kann ich dich schaukeln.“

„Weißt du noch , Lobsty… In Grau d´Agde, auf der Werft?“

„Da wolltest du immer, dass ich dich in den Schlaf wiege. Aber das ging ja nich…“

„Jo. Weil du da noch an Land gestanden hast.“

„Und nun bin ich im Wasser, aber wir können auch nich´ da hin, wo wir wollen.“

„Genau, wegen der Pandemie.“

„Ist die immer noch nich´ vorbei?“

„Nö. Und im Moment dürfen wir Santa Maria Navarrese nicht verlassen und selbst wenn wir nur mal eben zum Bäcker wollen, müssen wir so einen Wisch dabei haben.“

„Dann bleibst du eben an Bord. Sind doch genug Konserven da.“

„Hm.“

„Es ist ja auch noch einges zu tun, Ruthie. Dusche funktionsfähig machen. Wassermacher bauen., Kurzwellenfunk installieren, Badeplattform umbauen für die Windfahnensteuerung…“

„Das macht der Käpt´n.“

„Dinghischutz nähen, Frotteebezüge für die Kissen in der Plicht, also ich will ja jetzt nich alles aufzählen…

„Is auch besser so.“

„…aber an Deck putzen könntest du auch ´n büsch´n…“

„Das regnet doch gerade…“

„…und Rost wegmachen…“

„Immer langsam middie jungen Pferde.“

„Heißt das, wir bleiben noch ´ne Weile hier im Hafen?“

„Bis Ende Mai haben wir den Liegeplatz.“

„Und dann?“

„Mal sehen. Vielleicht segeln wir um Sardinien rum.“

„Is´ ja schön hier.“

„Hauptsache Meer und Himmel und Wind umme Schnut.“

„Oh ja!“

„Aber jetzt geh ich unter Deck und schreib ´ne Geschichte.“

„Aye. Dann schaukel ich mal noch´n büsch´n.“

  • Marina di Baunei, April 2021

Schon interessant, wenn mein Käpt´n und meine Steuerfrau mit der Crew von meiner Nachbarin, der Segelyacht Nahia, schnacken. Heute haben sich die vier den ganzen Morgen Reiseabenteuer erzählt.  So von Plicht zu Plicht. Von wunderschönen Inseln in Thailand. Von Segelbooten, die in Guatemala den Rio Dulce hinauf segeln und mitten im Urwald vor Anker gehen. Von strengen Zöllnern auf Kuba und was weiß ich noch alles. Hach, ich liebe Abenteuer. Meine Crew hat über all die Geschichten glatt das Frühstücken vergessen.

Von hier bis nach Amerika würde ich ´ne Weile brauchen. In die Karibik wohl ´n büsch’n mehr als einen Monat. Mit den Passatwinden natürlich. Die fangen an westwärts zu wehen,  wenn  in Europa der Winter beginnt. Auf der anderen Seite vom großen Teich können die Stürme wohl ganz schön wild werden. In der Orkansaison, und um die nördlicher gelegenen Karibikinseln rum.  Dafür soll es im karibischen Meer immer warm sein, sogar wenn das über Wochen oder Monate hinweg regnet.

Der Wind hat mir geflüstert, im Atlantik sei der Seegang anders als im Mittelmeer. Die Wellen rollen weiter voneinander entfernt und werden höher. Das würde mir gefallen. Mal sehen, was ich mit meiner Crew so alles zu sehen bekomme. Mir ist das jedenfalls eins, wo die beiden mit mir hin segeln. Hauptsache Meer. Und Zeit zum Schaukeln.

*

Glossar

Plicht – auch Cockpit genannt. Offener Teil an Deck eines Bootes, wo die Mannschaft sich bei gutem Wetter meist aufhält.

Mir ist das eins – das ist mir egal

Windfahnensteuerung – auch „Windsteueranlage“ genannt. Arbeitet mechanisch und verbraucht im Gegensatz zum elektrischen Autopiloten keinen Strom. Der  Flügel der Windfahne wird so zum Wind gestellt, dass das Boot den gewünschten Kurs hält.

Bella Italia, wir kommen!

Menorca ist mit dem Sonnenuntergang am Horizont verschwunden, Sardinien liegt noch etwa hundertfünfzig Seemeilen ostwärts. Habe den Wind von querab, er weht stetig vom Löwengolf her. Meist aus Nordnordost, aber auch mal aus Nord oder Nordnordwest. Unser Freund André, ein erfahrener Skipper, meint, manchmal gäbe das bei dieser Wetterlage bis zu vier Meter Welle auf halbem Weg. Doch meine Crew wollte trotzdem los. Mag sein, dass die beiden das bald bereuen. Aber ich bin bannig froh! Bin doch bisher nur am französischen oder spanischen Festland lang gesegelt, oder von Valencia zu den Balearen und zurück. Wurde Zeit für ’ne etwas längere Überfahrt. Schließlich will ich was sehen von der Welt.

Bei fünf bis sieben Beaufort komme ich prima in Fahrt. Zum Glück hat meine Steuerfrau sich dran gewöhnt, dass ich oller Knickspanter mich recht fix zur Seite lege, wenn raue See vonder Seite heranrollt. Sie weiß, durch meinen langgezogenen Kiel bin ich stabil. Schade nur, dass wir hart am Wind segeln, auf die Nordwestspitze Sardiniens zu. Mit einem südlicheren Kurs flöge ich geradezu übers Meer. Da würden wir aber in Sizilien oder Tunesien landen, und da wollen wir ja nich‘ hin. Die Seawitch, eine alte Freundin, wartet in der Marina di Baunei auf uns. Ihr Käpt’n Michael hat den Geheimtipp gegeben, und wir haben tatsächlich in dem lütten Sportboothafen an der Ostküste Sardiniens ’nen Liegeplatz ergattert.  Bin ja so gespannt!

*

Nach zweiundvierzig Stunden Törn fällt mein Anker in der rundum geschützten Bucht von Porto Conte. Und meine Crew fällt in die Koje. Kaum haben die beiden ausgeschlafen und hocken im Cockpit, nähert sich ein Speedboot der Guardia di Finanza. Es ist das erste Mal, s­­­­­­eit ich auf dem Meer unterwegs bin, dass wir kontrolliert werden.

Meine Steuerfrau begrüßt die Jungs vom italienischen Zoll wie alte Freunde.

„Good Morning. Buon giorno.“

„Buon giorno.“ Ein Zöllner steht am Bug. Will wissen, wo wir herkommen.

Ausweise, Bootsschein und Versicherungsnachweis werden über die Reling gereicht, und die drei Beamten scharen sich um ihren Bordcomputer. Ihren Motorflitzer lassen sie treiben. Was machen die bloß so lange?

Endlich bringen sie die Papiere zurück. Doch Spanien gilt als Corona-Risikoland. Meine Crew muss fünfzehn Tage an Bord bleiben. In Quarantäne. Oder ’nen Corona-Test machen. Aber wo?

«As a friend I tell you,“, meint der Zöllner verschwörerisch, „go to Alghero harbour. The Guardia Costiera will test you.»

*

Vor Anker in der Bucht von Alghero funkt meine Steuerfrau die Guardia Costiera an. Mehrmals. Nach reichlich radebrechen wird sie an den Operatore vom Sportboothafen verwiesen. Der scheint tatsächlich zuständig zu sein. Er will einen Termin für den Test machen und sich wieder melden.

Meine Crew wartet. Es gewittert. In Strömen pladdert das Wasser vom Himmel. Meine Crew schickt Nachrichten. Wartet noch einen Tag. Endlich meldet sich der Operatore. Die Krankenhäuser sind überlastet. Testtermine gibt es frühestens in der nächsten Woche.

So langsam haben wir die Faxen dicke. Denn ab ersten Oktober kann ich auf meinen neuen Liegeplatz. Und durch die Straße von Bonfacio zur Marina di Baunei sind es noch um die zweihundert Seemeilen. Da brauche ich ein Weilchen, selbst wenn keine Herbststürme dazwischen kommen. Was ein Glück, dass mein Käpt’n nich‘ in den Hafen wollte! Wer dort im Quarantänebereich anlegt, sitzt fest. Bis ein negatives Testergebnis da ist.

Der Wind steht günstig. Die Himmel strahlt im schönsten Blau. Wir lichten den Anker und setzen die Segel.

*

Glossar

Löwengolf – Golfe du Lion.

bannig – sehr

Beaufort – Maßeinheit für die Windgeschwindigkeit, s. Tabelle weiter unten

oll – alt

Knickspanter – besondere Rumpfform. Bei Stahlbooten häufig. Siehe Foto im Beitrag „An einem Morgen im Dezember“, auf dem auch der Kiel zu sehen ist.

Seawitch -Segelyacht mit einem frechen Logo am Rumpf

Marina di Baunei – Sportboothafen in Santa Maria Navarrese/Sardinien

Guardia Costiera – Küstenwache

Speedboot – schnelles, langes Motorboot. Oft ohne Kajüte.

operatore – von „operare“(italienisch): arbeiten, operieren, zusammenarbeiten

pladdern – regnen

*

Meine Crew kriegt sich gar nich‘ mehr ein. Weil so wenige Boote in den Buchten ankern. Weil Sardinien so grün ist. Weil man die Untiefen der Fornelli-Passage wie anno dazumal mit Hilfe eines alten Peilsystems durchschiffen kann. Weil das Wasser so smaragdgrün schimmert.

Und ich hab noch nie in so ’ner weitläufigen Bucht wie der Cala Liscia gelegen. Dünen säumen das Ufer. Verborgen im Schilf sucht ein Flüsschen seinen Weg ins Meer. Landeinwärts liegen vereinzelt Dörfer an den Hängen. Kitesegler ziehen Farbtupfer am Himmel entlang, wetteifern mit den dahineilenden Wolken. Windsurfer düsen Vollspeed kreuz und quer. Einer schrammt fast meine Bordwand und lugt ins Cockpit. Grüßen kann er nicht. Muss ja das Segel halten.

Aber…

«Mast- und Schotbruch! Was knattert der Oschi da auf Ostsüdost denn so? Macht ja ein Riesengedööns

«Das ist ’ne Superyacht, Lobsty. Hat so viel Tüdelüt an Bord, dass die Generatoren nonstop laufen müssen.“ 

« Superyacht? Wie jetzt?»

«Na, hundertsechsunddreißig Meter lang. Sechs Decks. Vierundfünfzig Bedienstete. Vier Millionen Euro Miete die Woche.»

«Oha, mir wackelt das Toplicht vor lauter Zahlen.»

«Hubschrauber und zwei Landeplätze. Mehrere Schwimmbecken. Tauchbasis.»

«Wie apart. Schwimmbecken! Und denn gleich mehrere. Voll überflüssig. Wo das Meer hier so zum Baden verführt, smargdgrün und glasklar. ‚N Hubschrauber?  Welcher Hein-Fienbrot braucht denn sowas? Und überhaupt. Ein Schiff ohne Segel!  Schnickschnack. Der Wind bläst doch nirgends so munter und frei wie auf See. Wer das nicht nutzt, is doch’n Dösbaddel

«Wohl wahr, Lobsty.»

«Also… wenn mal Flaute ist und ihr unbedingt wo hin wollt, brauch ich so sechs bis sieben Liter Diesel die Stunde. Was braucht denn der Pott da?»

„Mhm… in den Tank passen sechshundertzweiundachtzigtausendfünfhundert Liter Diesel. Und das reicht gerade mal für sechstausendfünfhundert Seemeilen.“

«Echt jetzt? Also, von Port Pollensa nach Mahon sind das etwa hundert Seemeilen…»

 «…macht zirka siebzehntausend Euro an Sprit, Lobsty…»

«Is‘  nich‘ wahr!»

«Doch. Und das ist einfach nur obszön.»

«Obszön?»

«Unanständig. Schamlos. Anstößig.»

«Wohl wahr. Wer so viel Patte hat, sollte was abgeben…»

«Jo. Klarer Fall.»

«Aber wir brauchen ja nix, ne.»

«Nö, Lobsty. Wir haben ja uns.»

«Genau. Was wollen wir mehr.»

*

Glossar

sich nicht einkriegen – sich nicht beruhigen

Vollspeed – mit Höchstgeschwindigkeit

lugen – genau hinschauen

Fornelli Passage – Passage mit vielen Untiefen, die den Weg von der Westküste Sardiniens in die Straße von Bonifacio (zwischen Sardinien und Korsika) um etwa zwanzig Seemeilen verkürzt

altes Peilsystem der Fornelli Passage – man fährt so lange Richtung Osten, wie zwei Markierungssteine am Ufer deckungsgleich zu sehen sind. Dabei muss man immer wieder nach achtern schauen, denn auch dort stehen zwei Steine. Wenn die beiden Steine dort sich decken, biegt man nach Südosten ab.

die Schot – Leine zum Segel setzen

Oschi – Riesending

Gedööns  – Lärm

Tüdelüt – unsinniges Zeug

apart – sonderbar, eigenartig

Toplicht – Weißes Licht auf der Mastspitze. Muss beim Ankern nachts leuchten.

Hein-Fienbrot – eingebildeter Mann

Schnickschnack – Unfug, überflüssiges Zeug

Dösbaddel – Dummkopf

*

An der nordöstlichen Ecke von Sardinien liegt das Maddalena Archipel. Soll ja wunderschön sein. Doch über vierzig Euro am Tag für ’ne Ankererlaubnis is‘ man doch’n büsch’n viel. Naturschutzgebiet hin, Naturschutzgebiet her, wir segeln direkt zur Bucht von Olbia.  Seit fünfzehn Tagen sind mein Käpt’n und meine Steuerfrau in Quarantäne. Genug Vorräte waren ja an Bord, aber nu‘  freuen die beiden sich bannig auf den Landgang. Sie reden nur noch von frisch gebackener Pizza.

An der Molo Brin, der öffentlichen Mole von Olbia, finden wir ein geschütztes Plätzchen. Hier gibt’s weder Strom noch Wasser, dafür kostet der Liegeplatz nix. Und nette Nachbarn haben wir. Im strömenden Regen fängt der Käpt’n von der Dream meine Leinen und hilft beim Festmachen. Er ist auch ein Selbstbauer, seine Frau Manuela hat auch beim Bauen geholfen. Die Reinke-Yacht der beiden ist aus Aluminium.

Sturm aus West bis Nordwest soll nächstes Wochenende kommen, mit Windstößen bis elf Beaufort. Aber noch ist viel Platz hier an der Molo Brin. Wir ziehen um an den westlichen Pier, damit der Wind mich vom Land wegdrückt. Unsere Nachbaryacht hat einen arabischen Namen. Dar Melica, „Unser kleines Zuhause“. Gefällt mir irgendwie. Ihre Crew lädt spontan zum Muschelessen ein. Mein Ding sind Muscheln ja nich‘. Vor allem, wenn sie an meinem Rumpf sitzen. Aber mein Käpt’n und meine Ruthie lecken sich begeistert die Finger.

Ich liege direkt vor einem geschäftigen Parkplatz. Meine Steuerfrau hat Fenster und Luken zugehängt. Die Papierservietten, die sie an die lütten Luken der Achterkoje geklebt hat, find ich echt nüdelig. Früh morgens hocken hier schon die Angler am Pier. Schielen mir ab und an ins Cockpit und fangen meist nich‘ viel. Mein Käpt‘ n hat da mehr Glück. Er fischt ’ne riesige Bullenklööte aus der Bucht. Da hög ich mich!! Meine Crew hat natürlich alle Fender, die an Bord sind, zwischen Bordwand und Kaimauer gehängt. Aber ich kann da gar nich‘ genug von haben.

Die ersten Windstöße bringen Regen. Der letzte Angler holt seinen Köder ein. Mein Käpt‘ n kontrolliert nochmal alle Leinen, meine Steuerfrau die Luken. Die Molo Brin ist voll belegt. Dicht an dicht liegen die Boote an beiden Kais. Ein Nachzügler sucht verzweifelt eine Lücke zum festmachen. Wirft am Ende seinen Anker mitten in der Bucht.

Meine Crew schaltet den Kartenplotter an und beobachtet die Messwerte, die das Anemometer an der Mastspitze liefert.  Böen bis neunfünfzig Knoten waren angesagt. Mehr als vierzig Knoten in der Spitze werden es nicht. Das sind etwa funfundsiebzig Stundenkilometer. Nach zwei Tagen ebbt der Sturm ab. Sonnenlicht bricht zaghaft durch die immer noch bleigraue Wolkendecke. Tanzt mit dem leichten Nieselregen. Schietwedder hat doch auch seine guten Seiten. Was für ein wunderbarer Regenbogen!

Die Dar Melica läuft aus. Kurs auf Sizilien. Und auch meine Crew wirft die Leinen los. Meine neue Bullenklööte muss auf der Badeplattform mit. Is ja’n büsch’n sperrig, doch wer weiß, wo die noch gut is‘ für.

Wir sind ein wenig wehmütig. Noch zweimal ankern, dann werde ich einige Monate im Hafen liegen und ganz schön lange alleine sein.  Die letzte Nacht verbringen wir vor der Cala Luna, in der Bucht von Orosei. Der Schwell beschert meiner Crew einen unruhigen Schlaf. Dafür hocken die beiden schon bei Sonnenaufgang im Cockpit und genießen das Panorama. Die Mondsichel zeichnet sich vom heller werdenen Himmel ab. Am Fuß steiler Felswände säumen mehrere Höhlen einen schmalen Strand, der nach Süden hin in eine bewaldete Schlucht vordringt. Auf einem Felsblock inmitten der nördlichsten Höhle haben Besucher mit der Zeit eine Art Altar gebaut.  Den Blick auf’s Meer gerichtet halten unzählige Steinmännchen das Gleichgewicht. Ob sie die Winterstürme überdauern werden?

In der Marina di Baunei feiern wir mit der Seawitch das Wiedersehen. Überhaupt is‘ das ganz schön gesellig unter Bootsleuten. Die Crew von der Reggae gegenüber stürmt mein Cockpit mit Pizza und Sekt. Bea und Simon, die mit ihrer Yacht Nahia an Steuerbord liegen, gesellen sich dazu. Und abends kommt ab und an der Käpt’n von der Orion, die an Backbord liegt, auf ’nen Sundowner rüber. Paulinchen, sein seuter Cocker-Mischling, trappelt auf jedes Boot am Steg, dass ’ne anständige Gangway hat.

Tagsüber kann mein Käpt‘ n das rumpusseln nich‘ lassen. Ich mach ganz schön viel Arbeit. Da kann ich aber nix für. So sind wir Boote nun mal. Meine Steuerfrau freut sich, dass sie mit der Crew von der Seawitch wandern gehen kann. Sie wusste gar nicht, dass Käpt’n Michael sich so gut in den Bergen auskennt. „Atemberaubend!“, hat sie immer wieder geseufzt, als sie von der Tour zum Hochplateau von Baunei zurückkam. „Hach, is‘ das schön hier!“

Ich fühle mich wohlbehütet in dem kleinen Hafen. Nu‘, wo mein Kápt’n und meine Steuerfrau weg sind, betüdelt die Crew von der Nahia mich ganz schön. Hab‘ die gern, die beiden. Ein Segen, dass ich nich‘ so alleine bin! Den Namen Nahia mag ich auch. Es ist baskisch und bedeutet „der Wunsch“. Das Baskenland hat im Herzen von meiner Ruthie einen ganz besonderen Platz. Deshalb hisst sie an meiner Backbordwante die Ikurriña, wenn wir auf Törn sind. Aber bis wir wieder in See stechen is‘ das ja nu‘ noch’n büsch’n hin. Ach, hoffentlich bleibt meine Crew nächstes Jahr über Winter bei mir.

*

Glossar

’n büsch’n –  ein bisschen

Reinke – Yachtdesigner

nüdelig – niedlich

Bullenklööte – ballförmiger Fender (Klööte – Ball)

Fender – mit Luft gefgüllter Abstandshalter und Stoßämpfer

Beaufort –  Maßeinheit für Windgeschwindigkeit

Anemometer – Windmesser

Schietwedder – Mistwetter

rumpusseln – basteln

Sundowner – Getränk beim Sonnenuntergang

Pedralonga  –  Berg an der  Ostküste  Sardiniens

Backbordwante – seitlicher Draht, der den Mast stabilisiert und hält. Hier werden Vereinsflaggen u.a. gehisst. An der Steuerbordwante weht die Gastlandflagge. Am Heck die Flagge des Landes, in dem das Boot registriert ist.

Ikurriña (Baskisch) – baskische Flagge

Beaufort-Skala

BeaufortBezeichnungKnoten (kn)km/h
0Windstille, Flaute0-10-1
1leiser Zug1-41-5
2schwache Brise4-76-11
3leichte Brise7-1112-19
4mäßige Brise11-1620-28
5frische Brise16-2229-38
6starker Wind22-2839-49
7steifer Wind28-3450-61
8stürmischer Wind34-4162-74
9Sturm41-4875-88
10schwerer Sturm48-5689-102
11orkanartiger Sturm56-64103-117
12Orkan≥64≥118
Screenshot der Wetter-App Windy (vom 17.11.20) Die weißen Pfeile zeigen die Windrichtung an, die Hintergrundfarben die Windstärke. Die schwarze Linie beschreibt in etwa den Törn von Mahón zur Marina die Baunei.

Was wollen die Orcas?

«Du, Ruthie, das Meer hat mir geflüstert, das die Orcas Euch Seglern in letzter Zeit Angst und Bange machen…»

«Ja, Lobsty, vor allem vor der galicischen Küste, im Nordwesten von Spanien.»

«Und diese Wale mackern. In Gruppen haben sie Boote verfolgt und angegriffen.»

«Genau. Wissenschaftler rätseln jetzt, wieso.»

«Wissenschaftler?»

«Das sind schlaue Leute, die viele Fragen stellen. Die viel studieren, viel nachdenken und geduldig beobachten.»

«Ah. Und?»

«Manche meinen, die Orcas wollten sich rächen.»

«Wo denn für?»

«Einige der Tiere, die die Boote angreifen, haben alte Verletzungen. Von Harpunen zum Beispiel.

«Jo. Aber Rache, das  is‘ doch ’ne fixe Idee von Euch Zweibeinern. Da haben wir Meereswesen nix mit am Hut.»

«Eine Forscherin glaubt, es läge an der Corona-Pandemie. Wochenlang durften die Boote nicht aus den Häfen. Da war es ruhig auf See. Es wurde auch weniger gefischt. Dann war von heute auf morgen wieder der Bär los…»

«Jo. Also Angriff zur Selbstverteidigung.»

«Oder vielleicht eine Stressreaktion. Die Tiere rammen das Ruder so lange, bis es kaputt ist! Und im Davonschwimmen zermalmen sie einzelne Stücke davon.»

«Das schmeckt doch nich‘! »

«Is‘ wohl wahr. Die meisten Sportboote sind aus GFK

«Weißt Du, Ruthie, so’n Ruder, das  is‘ wie ’ne Schwanzflosse. Und die Orcas sind gute Jäger. Die wissen ganz genau, dass Steuern ohne Schwanzflosse nicht drin is‘.»

«Du meinst, sie wollen die Boote manövrierunfähig machen?»

«Klar. Was denn sonst. Warum auch immer.»

«Das ja’n Ding! Ganz schön plietsch

«Als wollten die Euch einen vor’n Bug scheren. Aber ’ne Bangbüx bist Du ja nich‘ . Und an meinem Ruder würden die Orcas sich die Zähne ausbeißen. Das is‘ aus Stahl.»

Orcas im Nordatlantik (Quelle: Wiki Commons)

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Glossar

mackern -zusammenhalten

GFK – glasfaserverstärkter Kunststoff

plietsch – schlau, pfiffig

einen vor ’n Buuk scheren – jn. einschüchtern

Bangbüx – Angsthase

Freunde sind das beste Ziel

Von Ibiza in den Norden Mallorcas war das kaum ein Umweg in die Bucht von Santa Ponşa. Hier lag nämlich die Wal mit ihrer Crew vor Anker. Die Wal ist ´ne hübsche Stahl-Ketsch. Hab Euch ja schon von ihr erzählt. Wir haben viel gemeinsam. Unsere Crews haben mal bei ihr, mal bei mir im Cockpit gehockt. Gesnackt und gelacht, dass die Wanten wackeln. Gegessen und getrunken und sich des Lebens gefreut. Mein Käpt´n und der Käpt´n von der Wal fachsimpeln besonders gern über Schiffsbaudinge. Is´ ja auch man gut so, schließlich brauchen Boote wie wir viel Zuwendung.

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Meine Steuerfrau hat erzählt, dass Katerchen Elmo, der seute Schietbüüdel, auf der Wal auf´m Lazy-Bag rumturnt. Was er da wohl macht? Katzen haben ja ´ne lange Tradition als Matrosen. Früher, als noch alle Schiffe unter Segeln oder Rudern fuhren, waren sie für die Verteidigung der Vorräte gegen Nagetiere zuständig. Ich glaub, da hat Katerchen Elmo auf der Wal ´nen leichteren Job. Kann mir nicht vorstellen, dass Steuerfrau Tatjana die Mäuse auf´m Tisch tanzen lässt.

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Dieses Jahr war es in der Hauptsaison recht ruhig auf der Größten der Balearen. So ´ne Pandemie hat ja man auch ihre Vorteile. Aber das Meer um Mallorca ´rum hat da nich´ viel von mitbekommen. War ganz schön schmuddelig. Sogar in den abgelegenen Buchten an der Tramuntanaküste, wo man vom Land her nich´ hinkommt, schwamm reichlich Unrat auf´m Wasser. Wo ich doch so stolz bin, dass ich meine Crew da hinbringen kann. Natürlich nur, wenn das Wetter es erlaubt. Denn bei steifer Brise von Nord is´ ankern vor der Steilküste nich´ ratsam. Aber dieses Jahr hatten wir Glück, und meine Steuerfrau konnte von der Bucht von Deiá aus direkt in die Berge wandern, in das Dörfchen mit gleichem Namen. Nur das Einkaufen hätte sie sich sparen können. Zwei Euro fuffzich für´n Kroasang is ja man wohl´n büsch´n düür.

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Könnte euch auch von der ein oder anderen Panne vertellen, aber da snack´ ich nich´so gern über. Fragt mal lieber meinen Käpt´n oder meine Steuerfrau. Port Pollenşa, wo wir über zwei Wochen vor Anker gelegen haben, ist jedenfalls bestens geeignet, wenn Reparaturen anfallen. Es ist ein sympathisches Küstenstädtchen im Nordosten Mallorcas, mit Eisenwarenhandel und Läden für nautischen Bedarf. ´Nen Waschsalon gibt das, ´ne Marina, wo man Wasser tanken kann und Lebensmittelgeschäfte, die vernünftige Preise haben. Und ´ne Post, wo man sich Ersatzteile hinschicken lassen kann. Aber vor allem wohnt Flatty hier auf seinem Boot. Die Gorg Blau liegt das ganze Jahr über an einer Boje in der weitläufigen Bucht.

Wir sind diesmal unter Segeln eingelaufen. Flatty kam uns schon entgegen. Hat uns mit seinem Beiboot beim Anker einfahren geholfen. Das ist echt ´ne Leistung, immerhin hat sein Außenborder nur zweieinhalb Pferdestärken. Und wie schwer ich bin, brauch ich Euch ja nich´ andauernd vertellen. Lobo, der lütte Jack Russel Terrier, der mit Flatty auf der Gorg Blau wohnt, hat das Manöver überwacht. Die Vorderpfötchen auf´m Dollbord, hat er über´n Bug vom Dinghi gelugt und eifrig gebellt. Noch so´n seutes Kerlchen! Er schwimmt doch glatt die fünfhundert Meter von der Gorg Blau bis an Land.

Meine Steuerfrau hätte ja auch gern ´nen Vierbeiner an Bord. Aber das steht noch in den Sternen, ob unser Käpt´n sich irgendwann überreden lassen wird…

*

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Glossar

Ketsch – Segelboot mit zwei Masten: Groß- und Besanmast. Der Besanmast ist der kleinere, und steht immer achterlicher (hinten).

Kroasang – Croissant

düür – teuer

seuter Schietbüüdel – Kosename für Babys (süßer Beutel voll Scheiße)

Lazy-Bag – beim Segelbergen fällt das Segel durch Leinen, die diagonal zwischen Mast und Baum gespannt sind (die Lazy-Jacks, oder Faulenzer) in den Lazy-Bag

snacken – reden, sich unterhalten

Wanten – seitliche Drähte, die den Mast stützen

vertellen –erzählen

Dinghi – Beiboot

Dollbord – der verstärkte, obere Rand eines offenen Bootes

seut – süß

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Menorca, wilde Schönheit

Gelassen gleite ich dahin. Leichte Dünung von Süd kräuselt die See. Schmale Buchten schmiegen sich versteckt hinter schroffen Felsen in die Küstenlinie. Von Pinienhainen behütet, die sich, den Blick aufs Meer gerichtet, an kargen Grund klammern. Der Wind bläht meine Segel, singt leise im Chor mit dem Tuch. Ein Sandstrand erstreckt sich am Ufer. Begleitet eine Weile meinen Kurs, durchbrochen von einer steilen Schlucht, die ins Inselinnere dringt. Einsam und klobig protzen zwei Hotels. Machtlos gegen die wilde Schönheit, die sie umgibt. Silbern sucht das Sonnenlicht unser´n Weg übers Meer, tänzelt voraus Richtung Isla del Aire.

Gestern hat mein Käpt´n meinen Rumpf geputzt. Oder, besser gesagt, mein Unterwasserschiff an Steuerbord. Hach, wie angenehm! Mit ´nem Plastikspachtel, das Atemgerät per Schlauch am Kompressor angeschlossen, hat er Seepocken und sonstigen Bewuchs in mühseliger Kleinarbeit abgeschabt. Backbord will er auch noch ran. Er meint, ich wär´ schon jetzt ´nen halben Knoten fixer. Aber eilig hat meine Crew es ja nicht.

Meine Steuerfrau studiert Wetterberichte. Meint, dass Starkwind kommen soll. Bis vierzig Knoten, oder mehr. Aus Nordost. Den wollten wir eigentlich in der Son Saura abwettern, der einsamen, weiten Bucht im Südwesten Menorcas, wo wir jetzt herkommen. Nich´ mal Hütte steht da. Aber nur ´ne stunde Fußmarsch entfernt liegt Son Catlar, eine Siedlung aus vorchristlicher Zeit. Da war meine Steuerfrau ganz begeistert von.

In der Son Saura jedenfalls wird wohl die nächsten Tage reichlich Welle reinrollen. Weil´s nicht nur vom Löwengolf her kachelt, sondern auch aus Richtung Gibraltar, die afrikanische Küste lang und hoch zu den Balearen. Also steife Brise aus Nordost, aber Schwell aus Süd. Ungemütlich. Seit drei Tagen schon liegt meine Crew achtern quer in der Koje. Is´ja man auch nich angenehm, wenn der Kopf beim Schlafen dauernd rückwärts nach unten sackt.

Aber nu´ sind wir ja auf´m Weg in die Cala Teulera. Die liegt gleich an Steuerbord, wenn man in den ausgedehnten Fjord reinfährt, der nach Mahón führt. Da hab ich Euch letztes Jahr schon von vertellt. Und von all den Seevölkern, die Menorca über die Jahrhunderte besiedelt haben. Phönizier, Griechen, Karthager, Römer und Vandalen. Mauren, Spanier, Briten und Franzosen. Heiß umkämpft war die Insel. Liegt sie doch mitten im westlichen Mittelmeer.

Sicher hat die Teulera schon Seeleute vieler Kulöör gesehen. Sie ist was ganz besonderes. In alle Himmelsrichtungen windgeschützt. Ihr südlicher Zugang ist von See her kaum auszumachen. Und an Nordwest führt ein schmaler Kanal zur Rückseite der Isla de la Cuarentena, also weiter Richtung Mahón. So was gibt das nich´oft. ´Ne versteckte, rundum sichere Bucht mit zwei Zufahrten. Allerdings ist viel Schlick am Grund. Kein Sand. Das is´ nich´so doll. Aber Flatty hat meiner Crew letztes Jahr ein paar Stellen gezeigt, wo der Anker sich gut einfahren lässt.

*

Ich lieg´ vor Anker und schwoje vor mich hin. Mal zeigt mein Bug nach Nordost, mal nach Nord. Immer da hin, wo der Wind herkommt. Auf See würde ich jetzt Wind und Wellen trotzen. Aber meine Crew hat ein geschütztes Plätzchen für mich gesucht. Hach, ich werd´ doch man gerne betüdelt.

Niedrige Felsen umgeben mich. Der Himmel scheint nah und Wolken treiben über meine Mastspitze weg. Boten, die dem Wind vorauseilen. Zwei Türme, einst von den Engländern erbaut, blicken über dicht an dicht ankernde Segelboote. Dunkle Wächter im Morgenrot. Regen trommelt leise auf mein Bimini. Irgendwo klingelt ein Rigg. Hier und da geht Licht hinter den Luken an. Vom Nachbarboot zieht der Duft frisch gebackenen Brotes herüber. Ein Kormoran, den Kopf scheinbar gleichmütig gedreht, lässt sich treiben. In aller Ruhe. Schnellt unvermittelt in die Tiefe, den Schnabel voran. Wo ist er bloß geblieben? Weit entfernt taucht er auf. Reckt den Hals. Keine Beute diesmal.

Ein Schiffsmotor springt an. Backbord voraus slippt eine Alu-Sloop unter belgischer Flagge. Im Cockpit ein Paar. Er bleibt am Steuer. Sie huscht zum Vorschiff. Streckt den Arm, als wär´s ein Zeiger. Immer da hin, wo die Ankerkette unter Spannung steht. Das metallische Scheppern der Kette, die über den Bug gezogen wird und in den Ankerkasten fällt, durchbricht die Morgenstille. Bis der Anker mit einem schweren Rucken seinen Platz in der Bugrolle findet. Suchend schiebt die Sloop sich nun zwischen schaukelnden Booten hindurch. Flaggen tanzen wild. Französische, spanische, englische, deutsche. Auch eine tschechische. Zwei Möwen gleiten über den westlichen Wachtturm hinweg und lassen sich vom Aufwind davontragen. Der Aufbau einer Fähre, makellos weiß, schwebt hinter Festungsmauer von La Mola Richtung Mahón.

Unser Nachbar auf dem historischen Motorsegler aus Holz steht an der Reling. Hält die Kaffeetasse mit beiden Händen.

«Buenos días!», ruft meine Steuerfrau. «Wie viel Kette habt Ihr draußen?»

«Zwanzig Meter», antwortet er.

«Wir auch. Wenn der Wind zunimmt, geben wir fünf dazu.»

«Ja. Machen wir auch. Alles klar.»

*

Mein Dinghi hat in Port Pollensa ´nen neuen Außenborder bekommen. Fünfzehn PS, Viertakter. Ich weiß nich´, ob ich das gut oder schlecht finden soll. Der alte Zweitakter von Yamaha war ja auch ganz OK. Hatte immerhin 5 PS. Allerdings musste mein Käpt´n dauernd den Vergaser putzen. Und ´nu is´ meine Crew öfter mal ganz schön lange weg. Vor allem hier, wo das so viel zu sehen gibt. Das Städtchen Es Castell, dass gegenüber von der Isla de la Cuarentena vor sich hin schlummert, obwohl sein malerischer kleiner Hafen von Lokalen und Souvenirläden bevölkert ist. Und natürlich Mahón, die Schöne auf dem Berg, weit hinten im Fjord.

Ich bin nicht gern allein, vor allem, wenn ich vor Anker liege. Das ist ja vielleicht verständlich. Aber ich gönne meiner Crew den Spaß.

*

*

Glossar

Knoten – 1 Knoten=1 Seemeile/Stunde=1,852 km/h

fixer – schneller

Son, son – bedeutet im menorquinischen soviel wie „seine“, bzw. „jenes, was … gehört“

Löwengolf – auch Golfe du Lion. Erstreckt sich im Mittelmeer, zwischen dem spanischen Cap de Creus und der französischen Stadt Toulon.

achtern hinten, hinterer Bereich eines Bootes oder Schiffes

vertellt erzählt

Kulöör – hier: Herkunft, Hautfarbe, Nationalität

Isla de la Cuarentena – Quarantäneinsel

schwojen – sich um den Anker drehen, wobei der Bug sich in Windrichtung stellt und die Ankerkette sich spannt. Ist der Anker gut eingegraben, beschreibt der Schwojkreis einen Radius um den Anker herum, der der Länge der herausgelassenen Kette entspricht.

betüdeln – umsorgen

Bimini – Sonnenverdeck

Rigg der Mast und die Drähte (Wanten, Stage) und Leinen, die den Mast halten

slippen – Rutschen des Ankers auf dem Grund

Sloop, die – Segeloboot mit einem Mast

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Von Festmacherleinen und Erinnerungen

Was war das für ein Kuddelmuddel in Valencia. Erst drei Monate „confinamiento“, wie unsere spanischen Freunde sagen, „Verbannung“. Ihr wisst schon, wegen der Pandemie. Nicht mal „a las islas“ durfte man segeln, „zu den Inseln“. Das ist der Schnack in Valencia, wenn´s um die Balearen geht. Andere Inseln gibt´s ja auch nicht nah bei.

Ende Mai ist trotzdem meine Nachbarin, die Farfelu, in See gestochen. Richtung England, in ihren Heimathafen. Das ging ja. Nur an Land durfte ihre Crew nicht auf´ m Weg. Und Anfang Juni hat uns die Frida verlassen, der Katamaran mit den zwei seuten Miezekatzen. Ruckzuck waren die in Italien. Ende Juni dann, als das soweit war, dass man von Valencia aus auch wieder „zu den Inseln“ durfte, dachten meine Steuerfrau und ich, dass es nun los ginge. Aber Pustekuchen. Mein Käpt´n hatte einiges an mir rum gepusselt, das musste er ja nun zu Ende bringen. Und zwischendurch ist er sogar um mich rum getaucht und hat tagelang Bewuchs von meinem Rumpf gekratzt. Anemonen. Seepocken. Und so komische, röhrenförmige witte Dinger, die Behausungen von weißen Röhrenwürmern war´n das, glaub ich. Sogar meine kleine Bullenklöte war damit bewachsen, die sah aus, als hätte sie´n Bart. Hätte ich noch lange in der Marina gelegen, wär´ ich wohl zum Riff geworden.

Fast ´nen ganzen Monat war ich also noch im Hafen, nachdem der Ausnahmezustand in Spanien vorbei war. Zusammen mit der Wal. Die ist auch aus Stahl, so wie ich. Und ihr Käpt´n hat sie auch selbst gebaut. Cool, oder? Ach ja, und´n Vierbeiner hat sie neuerdings auch an Bord.´N lüttes Katerchen namens Elmo. Pechschwarz. Na, jedenfalls sind wir zwei Boote dann am gleichen Tag ausgelaufen. So Mitte Juli. Die Wal ist unter vollen Segeln nach Nordosten gerauscht, über die Columbretes nach Mallorca. Ich bin eher getuckert. Ostwärts. Achtzehn Stunden hab ich gebraucht für knapp achtzig Seemeilen. Gegen die Welle an. Und nur zeitweise n´büsch´n Wind in den Segeln. Aber meine Crew wollte so gern nochmal zu den Pitiusas. Seuter Name, ne? Den haben Ibiza und Formentera den alten Griechen zu verdanken, wegen der vielen Pinien, die dort zu vorchristlicher Zeit wuchsen.

Einige Tage habe ich in der Cala en Bassa gelegen, in der Bucht von San Antonio. Schön war´s dort, aber recht voll. Um die fünfzig Boote vor Anker. Und laut. Jeden Nachtmittag kamen Partycrews auf Motoryachten. Also sind wir rüber nach Formentera, in die Cala Saona an der Westküste. War nich´ wirklich viel ruhiger da. Aber so ´ne seute, lütte Insel is´ das! Das Meer hat mir geflüstert, dass ihr Name von den alten Römern kommt. „La frumentaria“. Denn das Land war hier einst fruchtbar und überall wurde Getreide angebaut. Doch der unterirdische See, der Süßwasser im Überfluss spendete, ist schon seit Jahrhunderten versiegt. Heute gibt das nicht mal mehr Quellen oder Brunnen, und die meisten Häuser haben eine Zisterne, in der das Regenwasser gesammelt wird.

Nun bin ich wieder auf der Größten der Pitiusas. Hach, ist das wunderbar hier! Könnte noch wochenlang vor mich hin träumen in dieser weitläufigen Bucht im Nordwesten von Ibiza. So ruhig ist die See zur Zeit, dass die Leute auf diesen komischen Brettern stehend ganz nah an den Klippen entlang rudern. Verborgene Strandfleckchen und winzige Höhlen erkunden. Häuser sieht man kaum. Die meisten liegen im Pinienwald versteckt, der die sanften, felsigen Hügel überzieht. Nur schade, dass so ein Riesenklotz hochgezogen wird, da wo man rum fährt Richtung Nordost. Fügt sich zum Glück ganz gut in die Landschaft.

Bei Ostsüdost zeigt mein Bug genau auf die kuschelige Cala Xuclá, mit den kleinen Bootsschuppen aus verwittertem Holz. Da kann mein Käpt´n gut festmachen, wenn er meine Ruthie an Land bringt. Vor paar Tagen hat sie Grünzeug und Brot in Portinatx eingeholt, ´ne halbe Stunde Fußmarsch von hier. Und vorgestern ist sie morgens einfach losgetrampt, von der Cala Xarraca aus. im südwestlichen Winkel unserer Ankerbucht.

„Mal sehen wer anhält, und wo die Leute so hinfahren…“, hat sie gemeint.

Autos sind ja man doch´n büsch´n fixer als ich das bin, das weiß ich wohl. Wenn Wind und Welle stimmen, mach ich so fünf bis sieben Knoten die Stunde. Fünf Knoten sind um die neun Kilometer. Nach Santa Eulalia zum Beispiel, auf der anderen Seite Ibizas, würde ich von hier aus etwa vier Stunden brauchen. Aber bei dem Ostwind, der gerade weht, kommt Ankern da sowieso nich´ in die Tüte. Viel zu kabbelige See.

Na, jedenfalls hat meine Ruthie ´nen ausgiebigen Landausflug gemacht. Beim ersten Lift haben sie drei Mädels aus Valencia mitgenommen, die hier Urlaub machen. Dann ein Israeli. Schulterlange, lockige, schon ein bisschen graue Haare hatte er. Und so Surferklamotten an. Seit achtzehn Jahren lebt er auf der Insel. Konnte kaum Spanisch. Aber Englisch. An der Abzweigung zu seinem Haus, ein paar Kilometer vor Santa Eulalia, kam zufällig gerade ein Freund von ihm langsam angefahren. Hebräisch haben sie geschnackt.

„Du kannst umsteigen!“, hat er dann gesagt. „Mein Freund nimmt dich mit bis Santa Eulalia.“

Das hat sich meine Steuerfrau nicht zweimal sagen lassen.

„Wie sagt man Danke auf hebräisch“, hat sie noch gefragt.

„Todah.“

Da fiel es ihr wieder ein.

„Todah Rah Ba!“ Vielen Dank.

Vor über vierzig Jahren war sie nämlich mal in Israel gewesen. In Jerusalem, mit seiner verwinkelten Altstadt, die Besucher schnell in die Irre führt. In der Wüste, mit dem Sinaigebirge am Horizont. Orangerot schimmernd im Licht der versinkenden Sonne, die noch im Abtauchen das nahe Meer beim Namen nennt.

Nach ´ner Runde über den Hippiemarkt an der Punta Arabí und durch Santa Eulalia, ging´s auf den Rückweg. Tomaten, Yoghurt, Schokolade, Brot und ein Geschenk für´s frisch gebackene Enkelinchen im Rucksack. Also wieder Daumen raus. In den meisten Autos saßen Touristen, Pärchen oder Gruppen junger Männer. Hat ´ne Weile gedauert, bis eine Deutsche, die mal auf Ibiza gelebt hat, anhielt. Auf dem Rücksitz ihre lütte Tochter, die zum Gruß stolz ihre frisch lackierten, roten Fingernägel vorzeigte.

Bis zur Straße nach St. Joan war´s nich´ weit. Dort hat bald ein Opa seinen rumpeligen Kastenwagen an den Straßenrand gelenkt. Den Beifahrersitz so vollgepackt mit Tüdelkram, dass gar kein Platz zum Sitzen war.

„Ich fahr nur drei Kilometer. Kannst ja aber mit zu mir kommen, in meinem Haus leben!“

Meine Ruthie hat gelacht.

„Danke, aber ich bin schon verheiratet“, hat sie gesagt.

„Schade. Aber ich fahr später nochmal die gleiche Strecke. Wenn Du dann noch hier stehst, bring ich Dich bis Portinatx,“ meinte der Alte fröhlich und zuckelte weiter.

Kaum Autos kamen dann vorbei. Doch nach nicht allzu langer Zeit bremste ein Rothaariger mit ´nem Dreitagebart. War vielleicht so Mitte vierzig und hatte ´n Schnack wie die Leute am Rio de la Plata, im Süden von Südamerika.

„Bist du aus Uruguay oder aus Argentinien?“, hat meine Steuerfrau ihn gefragt.

„Hab die ersten drei Jahres meines Lebens in Uruguay gelebt. Dann in Argentinien, in Buenos Aires“, erzählte er.

Wieder ein Lift, der Erinnerungen brachte. An den Rio de la Plata, dessen schlammbraune Fluten sich bis an den Horizont erstrecken. Von Montevideo am Nordufer ist Buenos Aires im Süden nur zu erahnen. An eine Kalebasse mit Matetee, die von Hand zu Hand gereicht wird. An den Dreikönigstag im Stadtteil Palermo und die Comparsa von Isla de Flores. An kräftige schwarze Männer, die auf ihren Congas trommeln, bis die Hände bluten. An die Nachbarn, die ihnen den Rhythmus stampfend folgen. Straßauf, straßab. Stundenlang.

Ein paar Weggabelungen weiter hat´s keine zwei Minuten hat´s gedauert und meine Ruthie hockte neben einer Frau um die fünfzig in einem Kastenwagen. Sie sprach gut Spanisch, war aber wohl Engländerin oder so. Das Wageninnere war staubig, als führe sie gern mit offenen Fenstern über Sandwege. Sie hatte Erfahrung mit dem Trampen, denn sie wusste: jeder Lift ist gut. Egal wie kurz.

Zu guter Letzt ist dann tatsächlich eine junge Spanierin ganz bis Portinatx gefahren. Silvia hieß sie. War sehr schlank, sehr hübsch, hatte sehr kurze Haare und trug einen raffinierten, knielangen Häkelrock und ein Top, welches das kunstvolle Blumentattoo auf ihrem Rücken zur Geltung brachte. Hat vor einigen Jahren auf Formentera gelebt. Gedacht, Ibiza sei nur Party. War dann ein paar Monate hier, ist geblieben und liebt es, im Sommer Kayak zu fahren und im Winter in den Bergen zu wandern. Als meine Ruthie dem davonfahrenden Auto hinterherwinkte kam ihr in den Sinn, dass Silvia uns ja mal mit ihrem Kayak besuchen könnte. Doch sie hatte sie nicht eingeladen.

Aber das ist doch ganz eins. Als Segelboot weiß ich, wie gut es tut, sich dem Fluss der Dinge zu überlassen. Pläne und Verpflichtungen sind wie Festmacherleinen. Sie geben Sicherheit. Doch im Sturm können sie reißen. Frei und unter Segeln aber ist der Wind mein Gefährte. Manchmal lässt er auf sich warten. Dann wieder ist er wechselhaft. Oder er übertreibt es gehörig. Aber zuweilen weht er munter und stetig, und ich gleite glücklich übers Meer. Vielleicht dorthin, wo er will. Vielleicht dorthin, wo ich will. Gut oder schlecht, wer weiß das schon. Ich bin eine Erinnerungssammlerin. Erinnerungen sind kostbarer als jeder Piratenschatz.

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*

Glossar

Kuddelmuddel – Durcheinander, Hin und Her

rum pusseln – basteln

witt- weiß

Bullenklöte – ballförmiger Fender. Dient beim Anlegen im Hafen als Rammschutz.

Schnack – Sprache, Dialekt, Redensart

Farfelu- Segelyacht unter englischer Flagge

Frida – Katamaran unter deutscher Flagge

Wal – Stahlketch (Segelyacht aus Stahl mit zwei Masten) unter deutscher Flagge

Columbretes – Inselgruppe 30 Seemeilen östlich von Castellón

´n büsch´n – ein bisschen

seut – süß

lütt – klein

einholen – einkaufen

der Lift – das Wegstück, dass man beim Trampen mitgenommen wird

kabbelig – unruhig

schnacken – reden

Tüdelkram – Zeug, Krimskrams

Palermo – Stadtteil von Montevideo

Comparsa – Trommelgruppe

Isla de Flores – Straße im Stadtteil Palermo

das ist doch ganz eins – das macht doch gar nichts

Hafenmonolog

Das ist ja wohl ´n Ding! Nu is schon Mai, und die Marina war wochenlang wie ausgestorben. Natürlich ist das ein oder andere Boot bewohnt, doch niemand sticht in See.  Das Meer hat mir geflüstert, dass nur noch Küstenwache und Fischerboote unterwegs waren. Kein Segelboot weit und breit. Die Möwen war´n wohl froh. Die hatten die Strände für sich.  Nicht mal Angler haben sich an den Ufern getummelt. Nur hier und da ein Obdachloser, der sich im Schutz eines Strandrestaurants eingerichtet hatte, aber nie lange blieb. Erst heute war ´n zum ersten Mal wieder Lüd am Strand spazieren. Früh am Morgen. Und abends, als es duster wurde.

Dann hatten wir hier in Spanien auch reichlich Schietwedder. Ganz anders als in Deutschland.  Sogar weit im Norden, in Hamburg, wo sie alle mit ´m Regenschirm inner Hand zur Welt kommen, war das wohl viel schöner.  Wenigstens kann meine Crew nu auch bei Regen in meinem Cockpit sitzen. Die zwei haben nämlich fleißig genäht. Echt elegant, was dabei rausgekommen ist. So ein schönes Grau! Jeder sagt, dass es gut zu mir passt. Und ich bekomm ja gerne Komplimente. 

Ohne meine Nachbarinnen wär´ das trotzdem echt dröge hier im Hafen.  Aber die Frida, die Wal und die Farfelu muntern mich immer wieder auf. Und Karla und Lilli, die sööten Miezen von der Frida, die auf´m Steg rumtapsen. Schade nur,  dass unsere Crews gar nicht mehr gemütlich auf  einem von uns Booten zusammenhocken. Und auch beim Klönschnack auf´m Steg immer auf Abstand bleiben.

Meine Crew meint, dass ist wegen der Pandemie. Corona heißt die. Deshalb kann ich nicht aus´m Hafen. Das is´ja wohl Schiet an Boom. Ahn das mal, dass sowas passiert!

Aber irgendwie kapier´ ich das nicht ganz … So ´ne Pandemie ist überall? Sie breitet sich aus wie ein Lauffeuer? Sie kann töten?

Also, ich bin vielleicht ´ne Kodderschnut, doch jetzt ma Butter bei die Fische!

Manchmal schwappt der Schwell mir Trauer an den Rumpf. Über all die Menschen, die Kurs auf Europa dem Hunger von der Schneide springen wollen. Über die im Meer versunkenen Tränen. Über die verschollenen Träume der Ertrunkenen.

Er ist überall. Er breitet sich aus wie ein Lauffeuer. Er tötet. Ist Hunger eine Pandemie?

Manchmal schlägt das Meer mir Wut vor den Bug. Über all den Schiet, der so  herumtreibt. Über grenzenlose Massen von Unrat,  die in die Tiefsee absinken und sich dort zu Gebirgen auftürmen.  Über den qualvollen Tod, den so viele Meereswesen sterben. Den Bauch voll Plastik oder das Gefieder von Schweröl durchtränkt.

Er ist überall. Er breitet sich aus wie ein Lauffeuer. Er tötet. Ist Müll eine Pandemie?

Mein Käpt´n meint, ich soll mir nicht so´n Kopp machen. Is wohl wahr, ich dümpel einfach schon zu lange vor mich hin.  Auch wenn ich als Segelyacht das Warten ja gewohnt bin. Auf günstigen Wind… Auf besseres Wetter…  Wenigstens hat meine Steuerfrau versprochen, mir ´n Yellow Jack zu besorgen. Nur für alle Fälle. Obwohl… Das kann noch dauern hier.  Frühestens Mitte Juni wird das wohl was mit „Leinen los“. Dann is aber wirklich bald ma daddeldu.  Ich will Wind umme Schnut!

*

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Lüd –Leute

duster – dunkel

Schietwedder –  Mistwetter

dröge – langweilig

sööt – süß

das is´ja wohl Schiet an Boom – das ist gelaufen und nicht mehr zu ändern

Kodderschnut  – jemand mit frechem Mundwerk

jetzt ma Butter bei die Fische – aber jetzt rede ich Klartext/komme ich zum Punkt

Yellow Jack – Gelbe Flagge. „Q“ (Quebec) im internationalen Flaggenalphabet. Bedeutet in Kombination mit dem 1. Hilfsstander (blauer Wimpel mit gelben Rändern):    „Ich brauche Gesundheitsabfertigung.“

Wind umme Schnut – Wind um die Nase (Schnut – Mund)

Kopp – Kopf

nu is aber bald ma daddeldu – jetzt reicht es aber bald mal

Ein Balearensommer

Kaum zu glauben! Schon wieder schaukele ich mich in den Winterschlaf. Dabei war ich nur etwas über zwei Monate auf Törn. Kann ja verstehen, dass meine Crew nicht einfach zu den Kanaren weiterrauschen wollte. Und dann, wenn die Hurricanesaison vorbei ist, vielleicht in die Karibik. Sind ja nautisch betrachtet Grünschnäbel. Außerdem ist noch einiges an mir zu tun. Wasserleitungen, Bad, Holzarbeiten, Elektrik… und natürlich Instandhaltung. Ach, und achtern, unter der großen Koje, wartet immer noch der Bausatz für den Wassermacher. Deshalb liege ich nun in der Marina von Valencia. Und erst im nächsten Frühjahr geht es wieder in die Ferne. Nach Griechenland vielleicht…

Einen Windgenerator hab ich ja nun. So ein Chinateil für 120 Euro. Hatte mein Käpt´n auf dem Biolandhof von Freunden an den fahrbaren Hühnerställen gesehen. An meinem Geräteträger installiert funktionierte er aber nicht.  Also nochmal ab das Ganze. Echt Möwenschiet! Das Innenleben fiel meinem Käpt´n in Einzelteilen entgegen. Was man gut, dass er so ein pfiffiger Bordingenieur ist! Das Ding quietscht zwar immer noch, aber bei Starkwind bringt es Strom zuwege und wird sogar leiser.

Seit Mitte August haben wir uns auf den Balearen rumgetrieben. Die meiste Zeit in Buchten von Menorca und Mallorca. In einem Hafen waren wir nur Anfang September. In Mahon, während der Fiestas. Ich hab ja noch nie ein Pferd gesehen, aber meine Crew war begeistert von dem Spektakel. Hundertundachtzig Pferde sind zwei Tage lang mit ihren Reitern durch die Altstadt oben auf dem Berg defiliert! Und danach, am Tag des Schutzpatrons, wurde hier unten im Hafen an jeder Ecke Musik gemacht und getanzt.

Die Fiestas vergingen, die erste Gota Fría dieses Jahres kam. Und wir blieben im Hafen von Mahon. Diente die kilometerlang gestreckte Bucht doch schon Karthagern, Römern, Briten, Mauren und natürlich Spaniern als sicherer Schlupfwinkel. Das hat mir nicht nur das Meer geflüstert. Auch die alten Festungsanlagen und Kolonialhäuser, auf verstreuten Inseln oder am geschwungenen Ufer gelegen, erinnern an eine bewegte Vergangenheit.

In der Zufahrt des fjordartigen Naturhafens, gleich an Steuerbord, liegt die Cala Teulera. Die einzige Bucht Menorcas, die in alle Himmelsrichtungen windgeschützt ist. Nach zwölf Stunden Navigation ohne Autopilot kamen wir hier eines Nachmittags an. Doch egal, wo mein Anker fiel, er slippte über den Grund und wollte sich einfach nicht eingraben. Als die Sonne gerade hinter dem Horizont verschwand, kam der Käpt´n von der Gorg Blau rüber gerudert.  Er kannte die guten Stellen. Nur dass meine Ankerwinsch plötzlich keinen Mucks mehr sich gab. Was man gut, dass er mit Hand angelegt hat beim Kette runterlassen.

Auf Menorca liegt auch die Lieblingsbucht meiner Steuerfrau, die Cala Macarella. Sogar Bergziegen gibt es dort. Eine hat ganz schön Radau gemacht, die ganze Nacht. Hockte in einer Höhle an der Steilküste und traute sich weder vor noch zurück. Aber ein Grüppchen Segler hat ihr geholfen. Meine Crew, eine junge französische Tierärztin…  Und in meinem Dinghi haben sie die Ziege an Land gebracht!

Die  steifen, launischen Herbstwinde, die mal aus Südwest bliesen, dann aus Nordost, mal aus West, dann wieder aus Süd, haben uns weitergetrieben. In die Cala des Degollador, am Hafeneingang von Ciutadella, direkt beim Fähranleger. Was für eine Waschmaschine! Ruhig schlafen konnte meine Crew dort selten. Aber eine neue Freundin hab ich gefunden, die Juliane! Sie ist eine Stahlketch, fast so lang wie ich und vierzig Jahre alt. Mal war meine Crew bei ihr, dann war ihre Crew bei mir. Das war ein munteres Hin und Her. Geschnackt wurde ausgiebig. Und natürlich gegessen und getrunken. Erst in Menorcas Gewässern, bei Ciutadella. Dann vor Mallorca, in der Bucht von Pollensa.

Ende September kam auch die Gorg Blau mit ihrer Crew in Port Pollensa eingetrudelt, um den Winter im Schutz der Serra de Tramuntana zu verbringen. Und Anfang Oktober ist die Juliane dann in die Karibik aufgebrochen. Da wären mein Käpt´n und meine Steuerfrau wohl gern hinterher… Aber auch Formentera, wo wir dann über Nacht hingesegelt sind, war ein kleines Paradies. Und von dort waren es nur zwei, drei Segelstunden an die Südküste Ibizas, sodass bei jedem Wind ein geschütztes Eckchen nah bei lag.

Mir macht es ja nichts aus, wenn die See rau und die Brise steif ist. Ganz im Gegenteil! Mit ein büsch´n Wetter komm ich erst richtig in Fahrt. Aber Menschen brauchen eben öfter mal ´ne Mütze Schlaf. Meine Crew segelt trotzdem gerne nachts. Auch wenn andere Schiffe dann nur an ihren Positionslichtern zu erkennen sind. Oder auf meinem Kartenplotter. Deshalb hab ich auch Radar. So sind selbst die Schiffe auf dem Bildschirm zu sehen, die kein AIS-Signal aussenden. 

Jedenfalls fühl ich mich bannig wohl auf See. Ich mag es, wenn mein Motor verstummt und nur noch der Wind in meinen Segeln singt. Wenn meine Steuerfrau dem Seefunk lauscht und mein Käpt´n im Cockpit Ausschau hält. Es gefällt mir, dass der Wind meine Reisen plant. Auch wenn es nicht leicht ist,  mit seinen Launen zu leben. Manchmal macht er sich rar. Tagelang. Dann wieder ist er unentschlossen. Weht mal hierhin, mal dorthin. Mal stärker, mal schwächer, mal kaum. Oder er wütet. Peitscht hastig hohe Wellen auf. Dicht an dicht. An guten Tagen erhebt er sich frisch und stetig, sodass die See sich locker kräuselt. Erwische ich ihn dann im rechten Moment, bringt er mich auf Kurs und ich gleite leise über die glatte See. Manchmal sogar bis ans Ziel. Deshalb liebe ich den Wind. Auch wenn meine Crew ihn manchmal fürchtet.

Ach, hoffentlich ist bald wieder Frühling.

*

*

Menorca: Die nördlichste Insel der Balearen ist Unesco Weltnaturerbe. Ein Wanderweg, der Cami des Cavalls (Pferdeweg), führt an der Küste entlang und umrundet sie.

Mallorca: Die größte Insel der Balearen.

Mahon: Hauptstadt von Menorca, im äußersten Osten der Insel gelegen.

Fiestas: meint im Spanischen ein alljährliches Stadt- oder Dorffest, meist nach dem Namen ein eines Schutzheiligen benannt. Die  Fiestas de la Mare de Deu de Grácia (Stadtfest der Mutter Gottes ihrer Gnade) von Mahon finden am ersten Wochenende im September statt.

Gota Fría („Kalter Tropfen“): Wetterphänomen, das auftritt, wenn eine Höhenkaltfront (Abkühlung nur in höheren Luftschichten) auf vom Meer aufgewärmte Luftmassen trifft. Geht einher mit Starkregen, Sturm, Gewitter und Hagelschauern. Teilweise auch mit Wind-oder Wasserhosen. Die Gota Fría bildet sich  meist im Herbst. Da es sich um ein tropensturm-ähnliches Sturmtief handelt, wird sie im spanischen Mittelmeerraum auch Medicane (von „Mediterranean Hurricane“) genannt, was allerdings verwirrend ist, da ein Medicanenicht Stärke und Dauer eines Hurricanes oder Zyklons erreicht und durch andere meteorologische Prozesse gekennzeichnet ist als ein Tropensturm.

Hafen von Mahon: Nach Sydney der zweitgrößte Naturhafen der Erde.

Cala Teulera: Teulera Bucht

Gorg Blau: https://flattysystempirat.blogspot.com/

Cala Macarella: Macarella Bucht, an der Südküste Menorcas gelegen.

Dinghi: im Deutschen Sammelbegriff für das Beiboot eines größen Bootes oder Schiffes. Meist ein Schlauchboot mit Außenbordmotor und Rudern.

Ciutadella: Hafenstadt von Menorca, im äußersten Westen der Insel gelegen.

Cala des Degollador: Bucht des Scharfrichters (oder „Schlachters“)

Juliane: http://krummewege.de/index.html

Stahlketch: Eine Ketch ist ein Segelboot mit zwei Masten, dem Großmast und dem achterlichen, kürzeren Besanmast.

schnacken: reden, sich unterhalten

Pollensa/Port Pollensa: Kleinstädte im Nordwesten Mallorcas. Während Pollensa landeinwärts in den Ausläufern der Serra de Tramuntana liegt, hat Port Pollensa Zugang zum Meer sowie einen Sportboothafen. In der kilometerbreiten, geschützten Bahia de Pollensa (Bucht von Pollensa) ist Ankern erlaubt.

Serra de Tramuntana: Gebirgszug im Nordwesten Mallorcas

AIS-Signal: Automatic Identifiaction System. Sendet im UKW-Seefunkbereich Information zu Schiffen (Name, Länge, Breite, Schiffsart, etc.) sowie deren Navigationsdaten (Position, Kursrichtung, Geschwindigkeit, Ziel, etc.) um den Schiffsverkehr zu lenken und die Sicherheit in der Seeschifffahrt zu verbessern.

bannig: sehr, viel

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Wind umme Schnut tut gut

«Na, denn man tau! Wurde aber auch Zeit!»

Nicht dass ich muksch wär´. Aber ich hab schon befürchtet, dass meine Steuerfrau gar nicht mehr über mich schreibt! Ansonsten betüdelt sie mich ja schon. Am liebsten mag ich es, wenn sie Rost wegmacht. Rost ist echt Möwenschiet, da hab ich bannig Schiss vor. Mein Deck, zum Beispiel, war nur mit Grundierung gestrichen, als wir in Südfrankreich losgesegelt sind. Ich könnt Euch sicher vorstellen, wie das nach zwei Wochen auf See ausgesehen hat! Habe mich den ganzen Törn über gefragt, wann ich endlich ´nen anständigen Decksanstrich bekomme. Im Mai war das. Wir hatten öfters mal ´ne steife Brise, und auch Regen.  Erst im Ebro Delta wurde es schön… das Meer hatte schon über zwanzig Grad!  Meine Crew war so  heiß drauf, meine Badeplattform einzuweihen, dass sie vor´m ersten Köpper beinah vergessen hätten, die Badeleiter runterzulassen!

In Castellón, im Real Club Nautico, hab ich dann ganz alleine am Mövensteg gelegen. Lolín, die gute Seele vom Hafenbüro, meinte der heißt so, weil die Möwen dort in aller Ruhe die Wasserhähne aufdrehen und sich satttrinken. Ob das wohl Seemannsgarn ist? Schließlich tropft der Haupthahn unablässig. Da müssen die armen Vögel sich doch nicht so abmühen.  Aber Möwen hin, Wasserhähne her, meine Crew ist tagelang auf den Knien rumgerutscht und hat mein Deck und meinen Decksaufbau geschmirgelt. Sogar Freunde aus Valencia sind gekommen und haben geholfen. War das ein Genuss! Meine Ruthie hat allerdings mal wieder reichlich geflucht, was von „schlimmer als Windpocken“ gemurmelt, und dass sie auch gern mal so ausgiebig den Rücken gekrault bekäme.

Von Castellón ging es dann im Juni in den Hafen von Burriana. Glaube, die Liegeplätze sind dort recht günstig. Mag ihn aber nicht besonders. Im Nu ist mir ein Rauschebart am Rumpf gewachsen! Gespickt mit Seepocken. Ne, das is´ nix. So komm´ ich ja gar nicht mehr in die Puschen! Und Lütengs gibt es in Burriana auch! Mein Käpt´n hat mal wieder dauernd irgendwas gesucht. Werkzeug, Schrauben, Pinsel, Holzteile, Kabelschuhe… Ob meine Steuerfrau sich wohl auch mit den lästigen Wichteln rumärgern musste? Sie war wochenlang bei ihrer Freundin Ale auf einer alten Orangenfarm. Nur ab und an hat sie fertig genähte Polster oder lackierte Holzteile gebracht. Und kistenweise süße Sommerorangen, die sie am Steg verteilt hat. Karissa, der Skipper aus Kenia, hat sich darüber besonders gefreut.

Jetzt ist es fast Mitte September. Seit einem Monat bin ich auf Törn. Endlich ein Fahrtensegler. Im Frühjahr, als ich aus Südfrankreich kam, war ich sozusagen noch ein Frachtschiff. Achtern voll mit Holz- und PVC-Platten, Arbeitsmaschinen, Werkzeug, Farbpötten und was nich´ noch allens. Aber nu hab ich im Heck sogar ´ne richtig gemütliche Käptn´s Suite.  Gebe ja zu, dass noch einiges an mir zu tun ist. Aber ich finde, ich bin schon ganz passabel. Jedenfalls bekomme ich viele Komplimente. Und weil ich so einen seefesten  Eindruck mache, wird oft gefragt, ob meine Crew mit mir um die Welt segeln will.

„Keine Ahnung…“, sagen die beiden dann. „Mal sehen…“

Das gefällt mir. Wo ich bin, ist mir eigentlich egal. Hauptsache, Meer um mich rum. Wenn ich auf den Wellen tanze und der Horizont mich kreisrund umgibt, der Himmel hoch und die Wolken weit, fühle ich mich unendlich klein. So klein, wie ich eben bin.

Wenn ich hart am Wind segele, in die eine und dann wieder in die andere Richtung kreuze, und trotzdem meinem Ziel kaum näher komme, übe ich mich in Geduld und langem Atem. Und wenn ich dann manchmal einen anderen Ort anlaufe, als geplant, nehm ich´s gelassen. Die Sonne geht überall wieder auf.

Wenn der Wind an einem Tag wütet und die See sich kreuzweise türmt, ich herumgeschleudert werde und es hilflos mit mir geschehen lasse,  spüre ich später, vielleicht  im Schutz einer verborgenen Bucht, tiefen Frieden. Und bin am nächsten Tag umso zuversichtlicher, wenn eine frische Brise meine Segel strafft und ich geradewegs ans Ziel fliege.  Über die leicht bewegte See, leise und schnell wie der Wind. 

Wenn die Sonne Sternschnuppen ins Meer wirft, verschwenderisch funkelnd und überschäumend, bin ich wunschlos glücklich.

Wind umme Schnut tut gut.

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denn man tau: dann mal los

muksch: verärgert, eingeschnappt

betüdeln: sich liebevoll um jmd. kümmern

bannig Schiss: sehr viel Angst

Real Club Nautico: Häufige Bezeichnung im Spanischen für Segelvereine, die eine Sportboothafenanlage verwalten  („Königlicher Nautischer Verein“)

in die Puschen kommen: sich in Bewegung setzen (auch im Sinne von „Fahrt aufnehmen“)

Lütengs: französisch für „Zwerg“, „Wichtel“, „Kobold“

(s.a. Beitrag „An einem Morgen im Dezember“)

nu: jetzt

hart am Wind segeln: im 30 Grad-Winkel zur Windrichtung segeln.

kreuzweise: Kreuzsee

umme Schnut: um den Mund (bzw. im Gesicht)