Weizen, Windstille und Klöster

Wir tauchen ein in Schwärze, Himmel und Meer sind eins in der Dunkelheit, nur der Bildschirm meines Plotters leuchtet, im Nachtmodus, rot auf dunklem Grund. Dicht an meinem Unterwasserschiff gleiten Klippen vorbei, aus dem Meer ragende Felsen, deren Spitzen erst aus der Finsternis hervortreten, als ich die schmale Durchfahrt hinter mir gelassen hab´ und kurz nach Mitternacht der abnehmende Halbmond über der Silhouette von Sigri erscheint.

Die Lichter des Örtchens verschwinden hinter den Felseninseln, der Südwind erhebt sich, weht verhalten aber stetig, bis auf halber Strecke nach Limnos mein Motor ran muss. Das Windloch währt nich´ lange, bald rauscht der Meltemi aus Nordost heran, pustet von querab in meine Segel und schiebt mich gen Mazedonien. Auch die Strömung von den Dardanellen her kommt aus Nordost, aber die bringt mich vom Kurs ab, deshalb hat meine Crew schon beim Aufbruch in Sigri ´nen nördlicheren Kurs gesetzt, um den berechneten Versatz auszugleichen.

Mein Anker fällt in ´ner abgeschiedenen Bucht, jenseits vom Strand leuchten Weizenfelder in der Nachmittagssonne, erstrecken sich über sanfte Hügel bis ins Inselinnere. Beim Landgang stakst Sousa zwischen Stoppeln rum und der einzige Weg den Hügel hoch endet bei ´nem Bauernhof; nach ´ner Mütze Schlaf verlassen wir Ormos Kokkina, tuckern in der morgendlichen Windstille gemütlich an der Südküste lang ostwärts und bald in die weite Bucht von Moudros, wo Muscheln und Krabben sich besonders wohl fühlen. Das trübe Wasser is´ recht warm, da freut mein Käpt´n sich über, bis er am nächsten Morgen Schaum und Unrat vorbeitreiben sieht.

Aber hinterm lütten Kap Aspros, nur´n Delphinsprung weiter südlich, vorm mit Sonnenschirmen gespickten Strand von Fanarakia, da schillert das Meer wie ein Aquamarin. Nah bei gibt das sogar Schatten, ´n lüttes Pinienwäldchen säumt die Nachbarbucht, und tagelang is´ das Meer so ruhig, dass ich geradezu tiefenentspannt im Wasser liege.  Dann kommt Schwell herangerollt, ich kippel und wippe auf den Wellen, meine Crew lichtet den Anker. Mit dem Schatten hat sich das erledigt, von nun an müssen meine Steuerfrau und Sousa früh in die Puschen kommen, um beim Landgang keinen Sonnenstich zu kriegen; auf Limnos sind fast alle Bäume dem Weizen gewichen, nur vereinzelt hält ein Olivenbaum, eine Kiefer, ein Feigenbaum oder eine Eiche die Stellung und trotzt dem Meltemi.

Bald soll unser Besuch aus Pamplona in der Inselhauptstadt Mirina ankommen, wir halten Ausschau nach malerischen, gut geschützten Badebuchten. In Ormos Kontias bevölkert ´ne Ziegenherde den Strand und das Meer is´ ebenso trüb wie vor Moudros, also beschließt meine Crew, Wäsche zu waschen, in Mirina soll das ´nen Waschsalon geben, `ne Rarität in der nordöstlichen Ägäis. 

Der Meltemi schwächelt, das is´ noch Platz in der weiten, recht gut geschützten Hafenbucht, über die eine zur Ruine zerfallene Burg wacht. Das Meer hat mir geflüstert, dass es Kriegsgaleeren verschiedenster Völker hierher getragen hat, die Burg von Mirina wurde einst von Byzanz auf den Ruinen einer antiken Akropolis errichtet, später bauten Venezianer und Osmanen weiter. Kurz vor Sonnenuntergang hüpft Sousa den gepflasterten Weg zur Festung hoch, ein Rudel kleiner Hirsche springt am Hang lang, huscht hinter Felsen. Abends füllen sich die Tische der Restaurants am Kai des kleinen Fischerhafens und nebenan, in der von Souvenirlädchen bevölkerten Fußgängergasse, herrscht beinah hektisches Gedränge, bin froh, dass ich am anderen Ende der Bucht liege.

Kaum riecht das an Bord endlich mal nach „frisch gewaschen“ verdrücken wir uns nach Ormos Plateos, kurz um ein Kap rum an der Südwestspitze von Limnos. Nach ´n paar Tagen wird der Meltemi übermütig, die Windsurfschule macht Pause und Sousa muss ihr Geschäftchen auf meinem Deck erledigen. Meine Crew checkt die Wetter App, am nächsten Tag soll das noch stürmischer werden, und zwei Wochen lang so bleiben. Segelurlaub ohne Baden? Mit sturmzerzaustem Haar in der Plicht hocken? Das soll unserem Besuch erspart bleiben, ich werd´ klargemacht zum Anker lichten.

Der Wunschkurs, zur Insel Thassos auf dem Weg zu meinem Winterplatz in Nea Peramos, kommt nich´ in Frage, auch auf Thassos wird wohl kein Badewetter sein. Meine Crew setzt Kurs auf Mazedonien, zum mittleren der drei Finger, die das nordgriechische Festland ins Meer reckt. Über dreißig Knoten sind angesagt, ich liebe Wind umme Schnut!

In der Nacht treffen wir zum ersten Mal auf den alles überragenden Berg Athos, mit um die vierzig Knoten rauscht der Meltemi seine Steilhänge runter, mein Käpt´n, der gerade Wache hat, refft flott meine Segel. Zum mittleren Finger hin wird das zusehends ruhiger, der Meltemi wird vom Festland nach Süden abgelenkt, in die Zentralägäis. Als das Morgengrauen nicht mehr fern und die Ankerbucht nah is´, weht ein laues Lüftchen, das ab und an zwischen an Land aufragenden Hügeln ´n büsch´n in Fahrt kommt. Segel setzen. Segel einholen, Motor an. Wieder Segel setzen. Motor aus. Bald is´ meine Steuerfrau das leid und wir dümpeln rum, bis die Sonne endlich aufgeht und die Sandflecken am Grund zu sehen sind, schließlich soll mein Anker nich´ im Seegras fallen.

Unsere Freunde aus Pamplona erweisen sich als Wasserratten, übernehmen zwischen Paddelboardtouren, Landgängen mit Sousa und genüßlichem Plantschen im Meer das Regime in der Kombüse und verwöhnen meine Crew; meine Ruthie schreibt entspannt an ihrer Drachengeschichte, die sollte lieber von meinen Abenteuern berichten.

Das is´ August und noch wohlig warm, jeden Nachmittag strebt der thermische Südwind zum aufgewärmten Festland hin, beschert entspannte Segeltörns. Nach Nea Marmaris, von aus dem Marmarameer vertriebenen Griechen 1922 gegründet, oder Diaporti, wo man nichts als gut bestückte Schapps braucht, und vielleicht ´ne Badehose.  Von Diaporti in die rundum geschütze Bucht von Porto Koufo, der Anker fällt auf zwanzig Meter und greift nich´ gut, da Flaute herrscht is´ uns das eins.

Wir huschen um den mittleren Finger rum, ankern vor ´nem Nacktbadestrand. Beim Landgang grüßt meine Crew und lächelt, in ´nem Zelt aus Schattennetzen wird gerade getafelt, da hoppelt Sousa hin und kriegt was ab. Pfade führen die Sandsteinfelsen hoch, an ´nem Plumpsklo vorbei und runter ins Örtchen Kalamitsi, wo Caféterrassen warten. Über Nacht raubt der Schwell den Schlaf, am Morgen huschen wir rüber zur Insel Drénia vor dem östlichen Finger, manche Griechen verbringen hier ´ne Nacht auf ´ner Sonnenliege am Strand, andere den ganzen Sommer, im Wohnwagen oder im Zelt, meist verborgen zwischen Büschen oder hinter Zäunen; wer ein paar Tage bleibt, gehört zur Familie.

In Ouranopoli, am östlichen Finger, gegenüber von Drénia, steigt unser Besuch in den Bus nach Thessaloniki. Der nächste Besuch kommt, diesmal aus der Pfalz, das geht gesellig zu an Bord, Sousa sammelt Streicheleinheiten. Wieder Südwind, wir huschen zur Insel Diaporos im Nordosten des mittleren Fingers, fliehen gleich am nächsten Tag vor der Mietmotorbootinvasion zurück nach Drénia, wo die Tochter vom Käpt´n beim Landgang bald mit alten Bekannten von Sousa Klönschnack hält. Die wenigen Mietmotorboote, die von Ouranopouli nach Drénia rüberkommen, stören kaum, wer nach Ouranopouli fährt, hat anderes im Sinn, als ein Boot zu mieten, Tag für Tag spucken Reisebusse massenweise Pilger aus, die zum Berg Athos streben. Pilger, keine Pilgerinnen, Frauen haben keinen Zutritt zu der Mönchsrepublik unter griechischer Souveränität und ihren zwanzig in Fels gebauten, orthodoxen Klöstern.

Auch unser Besuch aus der Pfalz hat „Tschüs“ gesagt, meine Crew macht sich im Morgenlicht auf Weg zur Insel Thassos. Nochmal ein langer Schlag, nonstop um den östlichen Finger rum, die Küstenwache jagt jeden weg, der an den Ufern vom Berg Athos ankert. Gegen Mitternacht gräbt mein Anker sich vor Potos, an der Südküste von Thassos, in Sand. In der weiten Bucht von Limenaria genießt meine Crew die letzten Tage Bootsleben, Ruthie paddelt mit Sousa zu ´nem lütten, wilden Strand, wo ´n Pfad die Uferböschung hoch in ein Kiefernwäldchen mit Meerblick führt; mein Käpt´n hockt inner Plicht, träumt davon, dass der Sommer nie aufhört.

Mitte September werde ich in Nea Peramos aus dem Wasser gehoben. Nu´ steh ich Land, aufgebockt und eingepfercht zwischen anderen Yachten. Lieber wär´ ich dicht am Wasser, da, wo die Sonne auf den Wellen tanzt, wo der Wind mit dem Meer singt und der weite Horizont mich ruft, da fühl´ ich mich sicher. 

Glossar

Plotter – auch Kartenplotter: elektronisches Navigationsgerät, das digitale Seekarten, Kurs und Geschwindigkeit des Bootes, Windrichtung und Wassertiefe, per AIS (Automatic Identification System) oder Radar geortete Schiffe in der Nähe, u.v.m. anzeigt.

Mazedonien – auch Makedonien genannt. Region im Norden Griechenlands, die den Teil des historischen Mazedoniens umfasst, der im heutigen Griechenland liegt.

Strömung– weitläufige, gerichtete Bewegung des Meerwassers. Die Strömung von den Dardanellen her beruht auf dem fast doppelt so hohen Salzgehalt des Mittelmeeres gegenüber dem schwarzen Meer, wobei eine salzarme Oberflächenstrrömung von Schwarzen Meer durch das Marmarameer und die Dardanellen ins Mittelmmer fließt, und eine salzreichere, tiefere Strömung in die entgegengesetzte Richtung.

Versatz – seitliche Kursabweichung eines Segelbootes durch Meeresströmungen oder Windeinfall.

Schwell – abgeleitet,vom englischen „swell“, auch Dünung genannt: Wasserwellen, die bereits aus ihrem Ursprunggebiet herausgelaufen und nicht mehr wie die Windsee von der Windeinwirkung abhängig sind. Windsee und Dünung bilden zusammen den Seegang.

in die Puschen kommen – in Gang kommen

Ormos– griechisch: „Bucht“

Seemeile – eine Seemeile = 1852 Meter

Wind umme Schnut – Wind um die Nase (bzw. die Schnauze, den Mund)

Knoten – ein Knoten = eine Seemeile pro Stunde = 1,852 km/h

Seegras – auch Neptungras oder Poseidonia (posidonia oceanica) genannt. Seegraswiesen können mindestens doppelt so viel CO2 speichern wie eine gleich große Fläche tropischer Regenwald, bieten über 220 Tierarten einen Lebensraum und filtern das Meerwasser, indem sie Nährstoffe aus Flüssen aufnehmen und die Überdüungung des Meeres verhindern. Posidonia ist für den Schutz des Mittelmeeres unentbehrlich, doch sie wächst ungemein langsam, nur ein bis drei Zentimeter pro Jahr. Oft wird sie bei Ankermanövern ausgerissen und vernichtet, z.B. wenn der in Sand und Gras eingegrabene Anker gelichtet wird oder die Ankerkette durch eine Seegraswiese schleift.

Schapps – Vorratsschränke

das is´ uns eins – das ist uns egal

Klönschnack halten – gemütlich miteinander plauern

*

Tage in Sigri

Endlich kommt meine Crew in die Puschen! Hatte ich erwähnt, dass mir ein Algenbart wächst und mein Rumpf schon ganz grün is´? Seit anderthalb Monaten dümpel ich vor mich hin, obwohl weder befreundete Yachten noch Freunde in der Nähe sind. Und wenn der Meltemi morgen wie angesagt auf Nord dreht und `n Zahn zulegt, häng ich hier noch länger rum, nur heute noch bläst er aus Nordost, bringt uns locker Kurs Westnordwest, von Pèrama im Südosten nach Sigri im Südwesten von Lesbos.

Was bin ich man froh, dass meine Steuerfrau hektisch Geschirr und Plünnen verstaut, während mein Käpt´n in den Motorraum klettert und die Stopfbuchspackung schmiert. Alle Luken und Seeventile dicht. Plotter und Motor an. Anker auf. Kurz nochmal was einholen in Pérama, ´n schnellen Kaffee trinken und dem netten Wirt vom Baroque „Tschüs“ sagen. Wieder Anker auf. Die Genua raus, mein schönes, großes Vorsegel; kaum segeln wir an der fünf Seemeilen entfernten Südküste lang, auch das Groß.

Am frühen Abend kommt das zwölf Seemeilen entfernte Plomari in Sicht, der Wind dreht auf Nordwest, die Welle rollt uns entgegen. Außerhalb der Hafenmole, dicht beim Stadtstrand, finden wir `n büsch´n Schutz, mein Anker greift auf Anhieb, meine Crew macht sich landfein. Der Nordostwind soll erst später wieder aufkommen, Sousa muss Abendgassi gehen und das Handy sagt, an der Uferpromenade gäb´s ’ne Gyrosbude. Die erweist sich als Schnellrestaurant, das Eröffnung feiert; noch hängen die Flaggen im Stadthäfchen schlapp rum, meine Crew ergattert ’nen Tisch, schiebt den Leuten, die sich um den Nebentisch drängeln, zwei Stühle rüber. Das sind australische Griechen auf Urlaub in ihrem Heimatdorf, halb Plomari sei damals, vor mehr als vierzig Jahren, nach Australien ausgewandert, erzählen sie. Als ´ne frische Brise aus Nordost den Flaggen Leben einhaucht, beobachtet Sousa enttäuscht, wie meine Ruthie Gyros und Pommes in Pappschachteln packt für die Nacht.

Man gut, dass weder Abwasch noch Aufräumen anstehen, ich schaukel wild auf den Wellen, als meine Crew an Bord klettert. Punkt Mitternacht wird mein Anker gelichtet. Dreißig Seemeilen später, im Morgenlicht, springt mein Motor an und ich tucker um das Kap Saratsina. Soll die windigste Ecke der Insel sein, doch als meine Steuerfrau den Leuchtturm hinter sich lässt und vorbei an drei nach Westen offenen Buchten in den größten natürlichen Hafen von Lesbos schippert, weht nur ein laues Lüftchen. Im Norden der vierten Bucht, der Südbucht von Sigri, thront die von einem osmanischen Admiral errichtete Festung; Felseninseln schirmen sie vom Meer ab, bilden ein ausgedehntes Hafenbecken, das nur nach Süd hin offen ist, und aus Süd kommen die Stürme der Ägäis nur im Winter.

Mit Blick auf die Burgruine verbringe ich geruhsame Tage, von der Strandbar wehen kubanische Klänge herüber. Wenn meine Ruthie mit Sousa ´ne Runde dreht, wundert sie sich öfter mal über den Meltemi, der hat in Sigri zwei Gesichter: In der Südbucht is´ er freundlich, erlaubt ihr, zügig zum Strand zu paddeln, während er zur gleichen Zeit knallhart durch die Nordbucht fegt, flache Wellen ins Stadthäfchen scheucht und die vereinzelt am Kai liegenden Fischerboote oder Yachten aus der Ruhe bringt.

Im verschlafenen Sigri macht selbst die Zeit öfter mal´n Nickerchen. Ein Millionen Jahre alter, versteinerter Wald kann bestaunt werden, sogar ein geologisches Museum von Weltrang, doch das sind weder Taxen noch Mietautos zu finden und nur einmal am Tag fährt ein Bus. Bald hüpft Sousa ohne Leine durch die Gässchen, begrüßt hier die Fellnase vom Cocktailcafé, dort die Stromerin, die gerne vor dem Imbiss in der Hauptstraße wartet und von den Nachbarn so liebevoll gefüttert wird, dass sie kaum noch laufen kann. Besonders angetan hat Sousa das ´n brauner Mischlingsrüde, mit dem tollt sie um die Ecken, bis ihm die Luft ausgeht. Auch meine Ruthie findet ´ne Freundin, die winkt ihr vom Balkon aus zu und kommt zum Strand runter, mit Galgorüde Pino, der sich feinfühlig von Sousa bechnüffeln lässt.

Mein Käpt´n bastelt wieder am beharrlich tropfenden Wassermacher, packt in der Plicht alle ausgedienten Kärcher K2, die an Bord lagern, auf einen Haufen. Aus fünf mach einen, der hält zwei Tage. Und noch einen, der geht schon nach einem Tag in die Knie. Zum Glück is´ am Strand ´n Wasserhahn, da füllt meine Crew Kanister. Bis das lang erwartete Paket in Mytilini ankommt.

Morgens um sechs zuckelt meine Ruthie im Bus Serpentinen hoch, das Getriebe kracht, der Fahrer ächzt und haut die Gänge rein. Oben im Bergdorf steigen alle aus, warten auf das modernere Gefährt, das aus Paralia Eressos kommt, einem Küstenstädtchen, wo jedes Jahr ein Frauenfestival zu Ehren der Dichterin Sappho gefeiert wird. Sappho hat in der Antike auf Lesbos gelebt und die Schönheit der Frauen besungen, deshalb werden Frauen, die Frauen lieben, noch heute „lesbisch“ genannt.

Nachmittags um fünf streckt sich Ruthie in meiner Plicht aus und legt die Beine hoch; obwohl das von Sigri nach Mytilini gerade mal achtzig Kilometer sind, hat sie sieben Stunden Bus hinter sich. Aber die Pumpe von dem schicken, neuen Hochdruckreiniger, den uns der Anbieter vom Wassermacher-Bausatz zum Testen geschickt hat, macht Süßwasser wie am Schnürchen. Nu´will der Käpt´n weg aus Sigri, das Meer is ihm hier zu kalt. Meine Ruthie mag das kalte Meer, und den Meltemi, der uns zwingt, zu bleiben.

Das fängt an zu kacheln. Mein Käpt‘ n pusselt unter Deck rum, hört Krimis oder hält ein Nickerchen; meine Ruthie und Sousa genießen die Tage mit Freunden in Sigri und der Meltemi pustet munter, meine schöne Ankerkette aus Edelstahl is‘ zum Zerreißen gespannt. Zwei Tage lang geht das so, dann kommt mein Anker ins Rutschen. 

„Nur die Ruhe“, sag ich mir, „nach’n paar Metern gräbt der sich wieder ein.“ 

Und bin völlig auf’m falschen Dampfer, denn mein Anker slippt wie ein Weltmeister, zieht mich quer durch die Bucht. Unsere Nachbarin, ’ne französische Yacht, fängt and zu hupen. Rhythmisch. Abgehackt. Drängend. Von weit weg hör‘ ich meine Steuerfrau rufen, die is gerade an Land, sieht mich wohl auf die Klippen im Südosten zuslippen. Das Hupen dröhnt wie blöd, das felsige Ufer kommt gefährlich nah. Und endlich schmeißt mein Käpt’n den Motor an. Reißt das Steuer rum. Hab‘ ich mich verjagt, ich krieg‘ mich gar nich‘ mehr ein! Bin bannig froh, als wir zwei Tage später Anker auf gehen. Aber meine Ruthie is´ traurig, hoffentlich findet sie bald woanders neue Freunde. Und wenn nich´, dann kommt ja bald Besuch.

*

in die Puschen kommen – in Gang kommen

Stopfbuchspackung – dichtet die Welle zwischen Getriebe und Schiffsschraube gegen den Eintritt von Seewasser ab

Plünnen – Kleider, Sachen

Plotter – Schiffsnavigationsgerät am Steuerstand, dass auf einem Display eine Seekarte anzeigt Befindet

einholen – einkaufen

das Groß – das Großsegel

Seemeile – auch “nautische Meile” (1852 m), gebräuchlich in der Schiff- und Luftfahrt

slippen – rutschen

sich verjagen – sich erschrecken

sich einkriegen – sich beruhigen

bannig – sehr

*

Wunschlos glücklich

Was man sich von ganzem Herzen wünscht, sagt meine Steuerfrau, geht in Erfüllung, man muss da nur beharrlich von träumen. Bislang hab´ ich gedacht, das wär´ Tüünkraam, doch dieses Jahr sind bei uns gleich zwei lang gehegte Herzenswünsche in Erfüllung gegangen: einer von mir und einer von meiner Steuerfrau. Zudem bin ich selbst ja auch ein lang gehegter, wahr gewordener Traum, zwölf Jahre lang hat meine Crew da von geträumt, mit mir über die See zu segeln; nu´ bin ich schon seit sieben Jahren auf dem Mittelmeer zuhause.

Wie berauschend das war, zum ersten Mal den Wind in meinen Segeln zu spüren! Auch wenn ich mich zu Beginn meines Daseins eher wie ein Frachtschiff gefühlt hab, denn in meinem Heck, wo heute ´ne schöne, breite Doppelkoje is´, waren reihenweise Bootsbau Sperrholzplatten gelagert. In unserem ersten Segeljahr hab´ ich viel zu lange in der Marina von Burriana vor mich hingedümpelt, während mein Käpt´n getischlert und meine Steuerfrau lackiert hat; Meeresgewächse und Schalenwesen, die sich in der Hafenbrühe zu Hause fühlen, haben meinen Rumpf bevölkert und als wir endlich zu den Islas Columbretes aufgebrochen sind, ging der Sommer seinem Ende entgegen. Seitdem wünsche ich mir, wenigstens einmal nicht die letzte Yacht zu sein, deren Crew die Leinen loswirft, wenn die Tage länger werden und die Nächte angenehm lau. Nicht nur, weil mir das Gejammer meiner Steuerfrau auf den Geist geht, die neidisch jedem Boot hinterherblickt, das die Positionstonnen der Hafenausfahrt hinter sich lässt. Für mich gibt das einfach nichts Schöneres als nur Meer und Wind und Himmel um mich rum. 

Immerhin, letztes und vorletztes Jahr haben wir das geschafft, Ende Juni die Leinen loszuwerfen, aber dieses Jahr verlassen wir schon Ende Mai den Hafen! Mit einem lachenden Auge, das den Horizont sucht, und einem weinenden, das zurückblickt, zu den Schiffen, Seglern und Landratten hin, die wir über Winter ins Herz geschlossen haben. Und auf das hübsche Küstenstädtchen Pylos, wo der Herzenswunsch meiner Steuerfrau in Erfüllung gegangen is´. Eines Morgens stand da nämlich ´ne befreundete Landratte am Kai, die gerne streunenden Hunden und Katzen hilft, und hatte ´ne bannig seute Töle auf´m Arm. Meine Steuerfrau und ich waren hin und weg, und auch mein Käpt´n hat sich gleich in den Schietbüddel verguckt. Sousa heißt die Lütte, wiegt gerade mal fünf Kilo, ich hab´ jetzt ein Relingsnetz, damit sie nich´ über Bord gehen kann.

Als mein Motor anspringt, spitzt sie erschrocken die Knickohren und hopst aus ihrem Körbchen unter der Sitzbank am Steuer. Aber Plicht is´ Pflicht für Sousa, wenn wir Anker auf gehen oder, wie jetzt, ablegen, um zwei befreundeten Booten zum alljährlichen Jazzfestival nach Kardhamili zu folgen.

Sousa zeigt sich seetauglich, uns fällt ein Stein vom Herzen. Wir ankern mit Blick auf eine Bühne, bis wir nach Porto Kagio aufbrechen, wo ich ein letztes Mal gemütlich neben der Rijo und der Chellouise  vor mich hin schaukel.  Denn der Wind bestimmt, und der bringt uns am nächsten Tag zum Kanal zwischen der Insel Kythira und dem Kap Malea, an der Südspitze des östlichen Peloponnesfingers. Hier zeigt der Meltemi sich gerne von seiner stürmischsten Seite, schon Odysseus versetzte er vor die Küste Afrikas, zu den Lotosessern. Doch wir kommen mit dem Westwind, der im Kanal ´nen Zahn zulegt, von so zwölf auf achtzehn Knoten, und an Lee von Kythira die Hänge hoher Berge hinabsaust. Als meine Crew vor Agios Pelagia den Anker wirft, peitscht er uns vom Land her mit über zwanzig Knoten flache Wellen entgegen, auf denen Schaumkrönchen tanzen.

Über Nacht schläft der Wind ein, wir hoffen, dass er nochmal auffrischt, uns Kurs Nordost zur westlichsten Insel der sagenumwobenen Kykladen bringt. Doch Eile mit Weile, denn das wird mit sechzig Seemeilen der erste längere Schlag für Sousa werden.

Und überhaupt, ich trau mich ja kaum, das zu sagen, aber ich glaub´, ich bin wunschlos glücklich.

*

Glossar

Tüünkram – Unsinn

Pylos – Hafenstädtchen im Südwesten des westlichen Peloponnesfingers

Marina de Burriana – Sportboothafen an der spanischen Mittelmeerküste zwischen Valencia und Castellón

Islas Columbretes – Kleines Archipel vulkanischen Ursprungs dreißig Seimeilen östlich von Castellón. Seht unter Naturschutz.

bannig seute Töle – sehr süßer Hund

Schietbüddel – „Schießebeutel“, Kosename für Babys und kleine Kinder

Kap Malea – Kap am Südzipfel des östlichen Peloponnesfingers

Meltemi – Nordwind, der in den Sommermonaten in der ägäis vorherrscht

Lee – die dem Wind abgewandte Seite

Schlag – eine Strecke, die man segelt. Lobstys segelt bei gutem Wind bequem um die dreißig Seemeilen an einem Sommertag. Ist der Schlag länger, muss die Crew früh aufstehen oder sich auf einen Nachttörn einstellen.

Piräus, Peloponnes und dann Pylos

Eins hab ich vermisst diesen Sommer: das Lachen und Kreischen der Möwen. Mein Käpt´n fragt sich, ob diese Spezies in Griechenland heimisch is´, aber hier gibt das doch so viele Fischerboote, denen fliegen Möwen so gerne hinterher. Schon Aristoteles hat Möwen beobachtet, und auch Odysseus soll den Küstenvögeln auf seinen Irrfahrten begegnet sein. Immer wieder wandert der Blick meiner Steuerfrau suchend zum Himmel, oder über die Felsen und Inselchen, auf denen Vögel so gerne rasten.

Mein Käpt´n schaut nach dem Autopiloten, ersetzt die dünnen Originalkabel zur Hydraulikpumpe durch dickere, klemmt anständige Kabelschuhe an. Doch kaum haben wir uns auf den Weg gemacht, steigt der Autopilot wieder aus. Zum Glück bläst der Meltemi, strafft meine Segel und hält mich auf Kurs zum Kap Sounion, wo Poseidon von seinem Tempel aus weit übers Meer blickt.

Nach ´ner beschaulichen Nacht bitten wir den Meeresgott der alten Griechen um Schutz. Aber auf dem kurzen Törn nach Glyfada flucht meine Steuerfrau vor sich hin, das is´ Flaute, sie musste meinen Motor anschmeißen. Drei Strich Backbord, zwei Strich Steuerbord, das Steuern braucht pausenlos volle Aufmerksamkeit, Klönschnack mit dem Käpt´n oder den Wolken hinterher träumen is´ nich´. Als sie kurz auf den Plotter schaut, um Kurs und Geschwindigkeit von ´nem Frachter zu checken, der uns entgegen kommt, lauf ich aus dem Ruder, dabei will ich doch gar nich´nach Afrika. ´N büsch´n Wind hätte Poseidon ruhig schicken können!

In der Bucht von Athen fällt mein Anker vor einem Park mit Restaurantterrassen, bald schaukel ich einsam vor mich hin. Meine Crew hat mein Beiboot vorm Yacht Club festgemacht, will an Land Ersatzteile besorgen, denn auch mein Wassermacher is´ futsch. Kaffee und Tee wird an Bord nu´ mit Mineralwasser gekocht, geduscht wird erstmal nicht.

Der späte September is´ heiß, die Stadtluft abgasschwer und klebrig, das trübe Meer lädt nich´ zum Schwimmen ein. Aber die Nächte sind unterhaltsam: Einmal Hochzeitsfeuerwerk über´m Restaurant, öfter mal Motorradrennen auf der Küstenschnellstraße. Das Geknatter und Geknalle der Maschinen verstummt, wenn rotes Blinken Drohnen verrät, die zwischen den Lichtpunktreihen der Straßenlaternen umherschwirren. Sind wohl Polizeispione, kaum sind sie verschwunden, röhren die Motorräder wieder um die Wette.

Bin froh, als mein Wassermacher repariert ist und ich nach vier Stunden Motorfahrt im Schatten hoher Hügel vor Nisos Aegina liege. Die Insel mitten im Saronischen Golf hat kaum geschützte Buchten, der Schwell holt meine Crew früh am Morgen aus der Koje. Nordwest kommt auf, wir segeln gen Süd, meine Steuerfrau blickt mal wieder sehnsüchtig zum Land, zur Nachbarinsel Nisos Moni, wo Ankern bei Nordwind ungemütlich wäre. Hirsche und Pfauen soll das da geben, wie sind die da bloß hingekommen?

Die neue Hydraulikpumpe is´ in Deutschland bestellt, wir warten im Süden von Nisos Poros, trinken manchmal Kaffee im quirligen Hafenstädtchen gleichen Namens. Mit Blick aufs Festland des Peloponnes liegt Yacht an Yacht römisch-katholisch am kilometerlangen Kai, aber ich döse in Ormos Dhaskalia vor mich hin, vor Landleinen, mit Blick auf einen schmalen Strand. Das Meer ist glatt wie ein Tümpel, manchmal dreht eine einsame Möwe ihre Runden, einmal sehen wir sogar zwei, auf dem Inselchen mit der lütten Kirche. Morgens taucht ab und an ein Kormoran auf, jagt Fische, hier gibt das noch welche.

Skurrile Nachbarn werfen ihren Anker. Ein zweiundfünfzig-Fuß-Katamaran unter US-Flagge, dessen Skipper meint, ich nähme zu viel Platz weg. Er will wohl auch gerne vor dem Strand liegen, wo meine Ruthie das Paddelboard parkt und die Böschung zur Landstraße hochkraxelt. Kaum is´ der Kat weg, kommt ´ne fette Motoryacht, die wie ´ne Wodka Marke heißt. Von morgens bis abends volle Pulle Techno, da steht meine Crew nich´ auf. zum Glück verzieht sich der Freudendampfer nach zwei Tagen, sonst hätte das Weck-Rock zum Fühstück gegeben, ACDC, Highway to Hell. Nu´ kann meine Crew kann das Buchtenleben wieder genießen, und nach neun Tagen warten kommt endlich die neue Hydraulikpumpe.

Der Meltemi erhebt sich früh, auf geht´s zu meinem Winterliegeplatz. Kurz vor Sonnenuntergang segeln wir sechzig Seemeilen weiter südlich um ´ne Landzunge, sind müde, freuen uns auf ´n ruhigen Abend in Palaia Monemvasia. Stattdessen bekommen wir kräftig auf die Mütze. Fallwinde rutschen die Berge am Nordufer der weiten Bucht runter, knallen in meine Segel, bringen mich bannig in Schräglage. Schleunigst holt meine Crew das Großsegel ein und refft die Genua. Trotzdem hab ich immer noch soviel Krängung, dass die Wellen, die der Wind uns vom Ufer her entgegen schleudert, über meine Deckskante klatschen. Nach ´ner viertel Stunde fällt mein Anker und greift beim ersten Versuch. Nachts wird das ruhiger, aber noch vor dem Frühstück huschen wir um die Halbinsel Monemvasia, bestaunen im Vorübergleiten das anderthalb Jahrtausende alte Festungsstädtchen, das sich hinter dicken Mauern an die Felsen drückt.

Moni Emvasia (μόνη εμβασία) bedeutet »Einziger Zugang«, der Ort war lange Zeit eine freie byzantinische Stadt, die vielen Belagerungen standhielt. Fiel dann den Franken in die Hände, den Osmanen, den Venezianern, kurzzeitig sogar einem katalanischen Seeräuber, der die Festung bald den Römern überlassen musste. Bis zum Aufstand der Griechen gegen die Osmanen in den 1820er Jahren nannte man ihn auch „Gibraltar des Ostens“, heute ist Monemvasia ein Freiluftmuseum, in dem ein paar alte Leute die Stellung halten, umringt von Hotels, Wochenendhäusern, Bars, Restaurants und Souvenirläden.

Vor der Brücke zwischen dem Festland und der Halbinsel ist Ankern erlaubt, doch wir legen im kostenlosen Stadthäfchen an, längsseits, mitten am Kai der östlichen Außenmole. Möwen gibt das auch hier keine, trotz der Fischerboote, wenn das nich´ so traurig wäre, würd´ ich mich da ja über freuen. Keine Möwen, keine Möwenkacke.

„Ruthie, komm schnell!“, ruft mein Käpt´n, der achtern an der Reling steht und aufs Wasser zeigt. Meine Steuerfrau sputet sich. Ihr Herz beginnt zu klopfen, als sie die Meeresschildkröte entdeckt. Bannig alt muss die sein, is´ größer als mein Rettungsring. Langsam paddeln ihre kurzen, dicken Reptilienbeine, ihr Panzer ist mit Algen bewachsen. Sie knabbert eifrig an der Kaimauer, arbeitet sich in dem schmalen Spalt zwischen meinem Rumpf und der Mauer voran. Kümmert sich nich´ um meine Crew, die ihr an meine Reling gedrängt folgt, sie nicht aus den Augen läasst, bis sie meinen Bug erreicht hat und davon schwimmt.

Später, am Nachmittag, sieht mein Käpt´n mitten im Hafenbecken zwei Schildkrötenköpfe aus dem Wasser lugen. Meine Steuerfrau ist nach Monemvasia aufgebrochen, wollte zur Oberstadt, wo Reste einer mittelalterichen Burg und eine Kirche stehen. Schaut sicher schon vom höchsten Punkt der Halbinsel zu mir runter, schüttelt den Kopf, weil dieser schöne Ort so viele Kriege erlebt hat. Denn friedlich währt am längsten, das beweisen die Schildkröten, die seit den Zeiten der Dinosaurier die Meere bewohnen.

Die Kapitänin der Nausikaa schickt ´ne Nachricht, fragt, ob wir schon ums Kap Malea rum sind. Dort begann die Irrfahrt des Odysseus, der wollte nur kurz um den Peloponnes rum, nach Ithaka, doch am Kap Malea riss die windgepeitschte See ihn fort. Gen Afrika, zur den Lotusessern auf der Insel Djerba. Odysseus kannte weder Wetterradar noch Wettersatelliten, sonst hätte er das sicher wie die Berufsschifffahrt gemacht, die heutzutage bei Starkwind das Kap Malea meidet und den Umweg um die Insel Kythira in Kauf nimmt. Meine Crew checkt die Windy App und bei ruhigem, klarem Wetter tuckern wir um den sagenumwobenen südlichsten Zipfel des europäischen Festlands.

Noch zwei Ankerpätze, dann werden wir am Ziel sein. In Agios Elena, an der Südküste von Nisos Elafonisos, trifft ein Meer wie Aquamarin auf hellen, von Dünen gesäumten Sandstrand. Wir haben Glück, der Südwest schiebt erst ab drei Uhr morgens Welle in die Bucht, um vier lichten wir den Anker. Umrunden den mittleren Peloponnesfinger, wo am Kap Tainaran die See ´n büsch´n rauer wird. Nehmen Kurs Nordnordwest, auf den ersten Peloponnesfinger zu. Der Wind gibt sich launisch, bläst mal munter, schläft dann wieder ein. Gewitterfronten ziehen uns entgegen, dunkle, bauchige Wolken, manche driften ab nach West, andere nach Ost. Über uns bleibt der Himmel hell.

Ich bin ein wenig wehmütig, als wir mit Blick auf die venezianische Festungsanlage, die Methoni vom Ionischen Meer trennt, die letzten Nächte vor Anker liegen. Das Meer ist klar, das Örtchen beschaulich, gerne würden wir länger bleiben. Doch im nur acht Seemeilen entfernten, kostenlosen Stadthafen von Pylos ist gerade ein guter Platz frei. Freunde, die schon ein Weilchen dort liegen, raten uns, nich´ zu trödeln. Kurz vor Pylos, als wir zwischen der Insel Sfaktiria und dem Leuchtturm in die weitläufige Bucht von Navarino tuckern, sehen wir zum ersten Mal in diesem Jahr einen kleinen Schwarm Möwen.

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Glossar

Aristoteles – beobachtete auch das Aussehen und Verhalten von etwa fünfhundert Tierarten, das er in seinem neunbändigen Werk „Historia animalium“ („Geschichte der Tiere“) beschrieb.

Hydraulikpumpe -ist durch T-Stücke an die beiden Schläuche der Steuerungsanlage angeschlossenund mit dem Kurscomputer verbunden (meist mittels NMEA2000-Schnittstelle), der über die Pumpenaktivität das Ruder bewegt.

Meltemi – in der Ägäis vorherrschender Wind aus dem Nordquadranten

Glyfada – Stadt südlich von Athen an der Westküste von Attika

Plotter – Kartenplotter: Schiffsnavigationsgerät (GPS), das auf einem Display eine eletronische Seekarte anzeigt, auf der Position und Route des Schiffes zu sehen sind. Über das Automatische Identifikations System (AIS) können Schiffe in der Umgebung angezeigt werden, z.T. mit Information zu Kurs, Geschwindigtkeit oder z.B. Schiffslänge. Das Display kann als Radarbildschirm genutzt werden, der Werte anzeigen, die Echolot und Windmesser geben.

Saronischer Golf - Golf im Norwesten der Ägäis, auch Golf von Ägina genannt.

Nisos Aegina – Insel Ägina

Nisos Moni – Insel Moni

Nisos Poros – Insel Poros

Schwell (oder Dünung) -Wellen, die aus ihrem Entstehungsbereich herausgelaufen sind oder von vorbeifahrenden Schiffen verursacht werden, und in einen Hafen oder ein Bucht laufen. Im Gegensatz zur Windsee, die entsteht, wenn der Windd auf die Wasseroberfläche trifft. Schwell + Windsee = Seegang

Verkehrtrennungsgebiet – kanalisiert an Engstellen oder Kaps einen Schifffahrtsweg in unterschiedliche Fahrtrichtungen

römisch-katholisch anlegen – erst den Buganker werfen, dann rückwärts am Kai anlegen und Backbord und Steuerbordleine legen. Die Ankerkette liegt dabei in der Verlängerung der Längsachse des Schiffes oder Bootes.

Ormos Dhaskalia – Dhaskalia Bucht, an der Südküste der Insel Poros

zweiundfünfzig-Fuß-Katamaran – ca. 16m langes Schiff mit zwei Rümpfen, die fest miteinander verbunden sind.

Skipper – verantwortliche Boots- oder Schiffsführerin der Freizetschifffahrt.

Palaia Monemvasia – bucht m Norden der Halbinsel Monemvasia, an der Ostküste des östlichen Peloponnesfingers

bannig – sehr

Krängung – seitliche Neigung eines Schiffs

Nausikaa -befreudnete Segelyacht

Ithaka – griechische Insel im Ionischen Meer, Heimat des Odysseus

Windy App – Wetter App für Segler und SurferInnen

Agios Elena – Bucht der Insel Elafonisos

Nisos Elafonisos – Insel westlich des Kap Malea

*

Dem Meltemi entgegen

Auf in den Sommer! Es ist Anfang Juli, endlich bin ich wieder da, wo ich hin gehör, auf dem Meer.  Glücklich tucker ich an der Westküste der Insel Euböa lang, an Backbord gleitet das Festland vorbei. Nach ´ner kurzen Nacht vor Aidipsos lugt die Sonne übern Horizont und kündigt Hitze an. Da verzichtet meine Crew lieber auf das Bad in den heißen Quellen am Strand, lichtet den Anker und setzt Segel. Wir wollen um die Nordwestspitze Euböas huschen, und dann in den Pagasitischen Golf -auch Golf von Volos genannt.  Hart am Wind knüppeln wir in der Straße von Oreoi gegen Strömung, Welle und Meltemi an, den Nordwind, der in der Ägäis im Juli und August gerne zu Hochform aufläuft.  Meist bläst er aus Nordost, lässt sich aber gern von Kaps oder Bergen umlenken. So kommt er nu´ von da, wo wir hin wollen, von Ost, und schiebt uns in der Straße von Oreoi hartnäckig westwärts. Meine Crew gibt auf und wendet, segelt zurück nach Euböa, sucht ein geschütztes Eckchen, lässt meinen Anker fallen und wartet. Auf Ebbe, wenn das Wasser sich aus der Straße von Oreoi zum Meer hin zurückzieht. Und darauf, dass dem Meltemi zwischendurch mal die Puste ausgeht.

Als Segelyacht mach ich immer, was der Wind bestimmt. Er entscheidet, ob meine Crew und ich bleiben oder weiterziehen. Ob ich gegen die Welle angeh´ oder von ihr wie ´ne Nussschale hin und her geworfen werde, ob ich flott dahingleite oder vor mich hin dümpel und ohne Jockel nix geht. Ich für meinen Teil würde ja am liebsten die Ägäis rauf und runter rauschen, für Starkwind bin ich schließlich gemacht. Aber meine Crew hat sich ´ne Runde Erholung redlich verdient, wo die beiden doch so fleißig waren, dass ich nu´ wie aus´m Ei gepellt daher komme. Übe mich also in Geduld, als wir nicht gleich die Weite des Meeres suchen, schaukel vor mich hin in Ormos Alogoporos, im Südosten vom Pagasitischen Golf, wo die Berge des Pilion den Meltemi ausbremsen. Neben mir ankert die Victory, ´ne fesche Dehler Yacht, die ich vom Boatyard in Limni kenn, wo ich den Winter verbracht hab.

Meine Steuerfrau schnorchelt ´ne Runde durch die Bucht, will wissen, ob mein Anker sitzt, klettert dann schimpfend die Badeleiter hoch. Nich´ einen  Fisch hat sie gesehen, der Meeresboden gleicht ´ner Unterwasserwüste. Ein Spaziergang am nächsten Morgen muntert sie auf, da läuft sie mit dem Käpt´n von der Vicky über die Insel Trikeri gegenüber, durch ein weißes Fischerdörfchen zu  ´ner malerischen Bucht, dann zum  Kloster auf´m Hügel. Später kommt die Serenita, ´ne lütte Hallberg Rassy, kurz mit ihrem Käpt´n vorbei, übernachtet Backbord querab. Klönschnack in der Plicht hab´ ich immer gern!

Die Vicky bricht nach Volos auf, die Serenita nach Chalkida. Wir tuckern rüber nach Agii Apostoli, wo das Meer stets so glatt wie ein See is´. Das dauert nich´ lange, da taucht die Vicky wieder auf. Ihr Käpt´n betüdelt uns, kocht öfter mal was Feines, klettert auf meinen Mast, kontrolliert Wanten und Kabel und tauscht die Birne der Trikolorlampe. Bin traurig, als er die Vicky zum Anker lichten klar macht und Kurs aufs offene Meer nimmt, zu den nördlichen Sporaden. Doch meine Crew hat aufgehört, die Tage zu zählen, wenn das noch lange so geht, schlägt mein Anker Wurzeln.

Zu meinem Glück sorgen an vielen Sommernachmittagen thermische Effekte im Pagasitischen Golf für Südostwind, sonst würden die zwei wohl sagen: „Leider kein Segelwind, Lobsty…“, und noch´n büsch´n die Seele baumeln lassen. So machen wir uns denn doch bald auf nach Volos, im Norden des Golfs, wo das allerlei Geschäfte gibt. Bootszubehör, Elektrik, Eisenwaren, ´ne Yacht wie ich braucht viel Zuwendung, das habe ich sicher schon mal erwähnt. Ich bekomm ´nen neuen Unterliekstrecker. Meine Crew staunt, für Leinen wird in Hellas der Preis nicht nach Länge berechnet, sondern nach Gewicht. Außerdem braucht mein Käpt´n noch Kabel, um ´ne Seilwinde für mein Dinghi anzubauen. Und PVC Kleber, damit meine Crew nich´ jedes Mal pumpen muss, wenn sie mit meinem Beiboot an Land will.

Bald segeln wir im Westen des Golfs wieder gen Süden, nach Ormos Nies rein. Büsch´n trüb das Wasser hier, mein Anker is´ nich´ zu sehen am Grund, als meine Steuerfrau ´ne Runde schnorchelt, und Fische gibt das wieder keine. Ormos Nies ist weitläufig, mehrere Buchten schmiegen sich zwischen sanfte Hügel, Olivenbäume wachsen bis ans Ufer.  Hier und dort durchbrechen lütte Strände, auf die man gerade mal zwei Beiboote ziehen könnte, die Uferlinie, im Süden lockt ein ausgedehnter Strand einheimische Urlauber an. Dort, wo er zu einem schmalen Sandstreifen ausläuft, hocken manche auf Plastikstühlen unter Sonnenschirmen,  seichte Wellen umspielen ihre Füße.  Quellwasser aus den Bergen bildet Rinnsale, die dem Meer zustreben, beim verlassenen Kloster auf einer Landzunge speist es sogar ein altes, gemauertes Wasserbecken.

Eines Morgens, meine Steuerfrau is´ kaum aus der Koje, schallt die Stimme vom Käpt´n den Niedergang runter. „This is my boat!“  Sie lugt raus an Deck, er steht an der Reling und is´ ganz aus dem Häuschen. Meine Steuerfrau folgt seinem Blick ans Ufer, da liegt mein Dinghi noch auf dem lütten Strand, wo er das da am Vorabend mit Flicken versehen hatte, der Kleber musste noch trocknen. Und ´nu rangiert ´n Pick-Up neben meinem Beiboot rum, schiebt rückwärts einen Bootsanhänger ins Wasser. „He!“, ruft mein Käpt´n nochmal. „What are you doing?“ Springt auf´s  Paddleboard und rudert los. Meine Steuerfrau schnappt sich schlaftrunken ihren Badeanzug, hechtet den Niedergang hoch und schwimmt hinterher. Kurz darauf stehen beide neben dem leeren Bootsanhänger, das Wasser reicht ihnen bis an die Knie. Ratlos sehen sie sich um. Weit und breit ist kein Mensch zu sehen, der Pick-up parkt verlassen neben meinem Beiboot. Meine Steuerfrau watet aus dem Wasser und setzt sich auf einen Baumstamm, mein Käpt´n kratzt sich am Kopf. Nach ´ner Weile nähert sich Motortuckern. Scheint von dem lütten Hafen um die Ecke zu kommen, wo bunte Holzboote mit Außenborder liegen, wie man sie in Hellas oft sieht. Meine Crew spitzt die Ohren. Sieht kurz darauf ein Holzboot neben den Bäumen auftauchen, die den Blick auf einen Teil des Häfchens versperren. Es hält auf meinen Käpt´n zu, der Mann an der Ruderpinne zuckt entschuldigend die Schultern, is´ wohl der Pick-up Fahrer. „Kalimera!“, ruft er. Englisch spricht er keins. Mein Käpt´n antwortet „Good Morning!“ und „Sorry!“ und watet ihm entgegen, um beim Verladen zu helfen. Mir fällt ein Stein von Herzen. Im Sommer ankern wir gerne, ohne Dinghi  wär´ das nix.

*

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Glossar

Aidipsos – Badeort im Norden der Insel Euböa, bekannt für seine heißen Quellen

Straße von Oreoi – Wasserstraße, die den Golf von Nord Euböa und den Pagasitischen Golf mit der Ägäis verbindet

Jockel – Motor

Ormos Alogoporos – Alogoporos Bucht, im Südosten des Golfs von Volos

Pilion – Gebirgszug im Regionalbezirk Magnisia der griechischen Region Thessalien, der den Pagasitischen Golf umschließt.

Dehler – Marke für sportliche Segelyachten

Hallberg Rassy – schwedische Bootswerft für hochseetaugliche Yachten

Klönschnack –Schwätzchen

Plicht – offener Teil eines Bootes, mit Steuerstand, Sitzfläche und z.T. Tisch

Chalkida – Hauptstadt der griechischen Insel Euböa

Agii Apostoli – Bucht im Südosten des Golfs von Volos

betüdeln – umsorgen

nördliche Sporaden – Inselgruppe im Norden der Ägäis

Unterliekstrecker – Leine (oder Draht), mit der ein Roll-Großsegel aus dem dem Mast gezogen und getrimmt, also flacher oder bauchiger gestellt, wird.

Ormos Nies – weitläufige Einbuchtung im Westen des Pagasitischen Golfs

Dinghi – Beiboot

Kalimera – Guten Morgen (griechisch)

*

Endlich wieder Komplimente

„Du, Ruthie…“

„Ja, Lobsty?“

„Bist Du mir böse?“

„Wie kommst du da denn auf, meine Schöne?“

„Mach ich nich´ zu viel Arbeit?“

„Da kannst du ja nix für, nach vier Jahren im Wasser. Dein Unterwasserschiff war das reinste Riff.“

„Wohl wahr. Und all die Rostnester unterm Lack, da war mir gar nich´ wohl bei.“

„Sah aus, als hättest du die Masern. Wir Döspaddel hatten da im Herbst auch noch Primer über gestrichen.  Nu´ hat der Käpt´n die ganzen Stellen freigelegt, bis auf den Stahl hat er die alte Farbe runter geschliffen, wochenlang.“

„Ich mag das, wenn ich so betüdelt werd´!“

„Würde mir auch gefallen.“

„Der ganze Rost war wohl schon da gewesen, als ich noch auf dem Sonnenhof gestanden hab, in der Pfalz, auf´m Berg.“

„Nu´ isser ja weg, Lobsty, brauchst dir keine Sorgen mehr zu machen.“

„Das Deck ist auch neu gestrichen, sogar mit so Streukügelchen im Lack, da rutscht ihr hoffentlich nich´ mehr aus.“

„Jo. Siebzig Liter Farbe haben wir verbraucht. Und um die fünfhundert Meter Klebeband abgepult.“

„Und ´ne Menge Putzlappen verschlissen. Meine Klampen die blitzen und blinken!“

„Für dich nur das Beste,  mien Deern.“

„Echt jetzt?“

„Bist doch unser schweres Mädchen. Wenn die Crew von ´nem Yoghurtbecher mal wieder ihren Anker zu nah bei schmeißt, bleiben der Käpt´n und ich ganz entspannt. Stahl gegen GFK, da is´ der Verlierer klar. Du schlägst nich´ so schnell Leck!“

„Eine von meinen Schwesteryachten, die Themroc, hat das unbeschadet überstanden, als sie vor Neuseeland auf ein Riff gelaufen ist.“

„Genau. Und  bei Starkwind segelst du erste Sahne.“

„Oh, das hör ich gern. Hab schon lange kein Kompliment mehr bekommen.“

„Du bist was ganz Besonderes.“

„Das hast du nett gesagt.“

„Weißt du noch, auf deiner Jungfernfahrt, Lobsty, als wir von  Cap d´Agde nach  Castellón gesegelt sind? In der Marina von Palamos kamen zwei Katalanen mit Rotwein und Oliven an,  haben den Käpt´n zu Dir beglückwünscht und gefragt, ob sie an Bord kommen dürfen.“

„Oh ja! Und als wir in Castellón am Möwensteg lagen, stand da plötzlich einer vom Salvamento Maritimo und hat mich berwundert.“

 „Sein Sohn war der Segellehrer von den Deerns und Jungs, die immer mit den Optimisten um dich rumgeschippert sind, und der hatte ihm gesagt, am Steg liegt un velero muy bonito.“

„Sowas hör ich gern.“

„Nu´ kannst du ja wieder Komplimente angeln. Siehst aus wie neu.“

„Da freu ich mich bannig über!“ 

„Und bald geht das los. Im Wasser sind wir ja schon, anner Boje, mit Blick auf´n Boatyard. Müssen nur noch´n büsch´n rumpütschern; Dinghi und Außenborder klar machen, Sturmsegel  einfädeln, Kartenplotter testen …“

Na denn man tau, liebe Steuerfrau. Ich brauch endlich Wind umme Schnut.“

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Döspaddel – Dummkopf, Trottel

Primer – Rostschutz/Vorstreichfarbe

betüdeln – umsorgen, verhätscheln

Klampen – meist aus Edelstahl (A4, seewasserbeständig). Dienen zum Fetsmachen der Leinen beim Anlegen an einem Steg oder Kai.

mien Deern – mein Mädchen

Yoghurtbecher -Boote aus GFK (glasfaserverstärkter Kunststoff) sind leichter und wendiger als Stahlboote, und darauf sind Lobsty und Crew zuweilen neidisch.

Salvamento Maritimo – Spanische Seenotrettung

Optimist – kleine, leichte Segeljolle für Kinder und Jugendliche bis ca. 15 Jahre. Hat nur ein Seegel, dient auch als Vorbereitung auf den Regattasport.

un velero muy bonito – Spanisch: ein sehr schönes Segelboot

bannig – sehr

rumpütschern – umständlich arbeiten, mit einer Sache nicht zu Ende kommen

na denn man tau – dann mal los

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Jassu, Iónio Pélagos

Unser Besuch ist auf dem Weg nach Deutschland. Ein langer Segeltag beginnt. Der Himmel über Trizonia verabschiedet sich mit einem Regenbogen. Mal wieder ist Schmetterling angesagt . Bis der Wind auffrischt und wir das Groß einholen. Heiter rausche ich dahin. Die Küste des Peloponnes gleitet an Backbord vorbei. Schimmert verträumt im Abendrot. Das Vergnügen ist kurz. Mein Motor muss ran.

Im Stadthafen von Korinth is´ Ankern erlaubt, schreibt ein Segler in der Navily App. Is´ aber Tüdelkram. Kaum haben mein Käpt´n und meine Steuerfrau sich das im Cockpit gemütlich gemacht, steht einer aus´m Hafenbüro am Kai. Is´ kaum zu erkennen. Das Licht seiner Taschenlampe tanzt über mein Deck. Wir sollen weg. Oder an Land festmachen. Meine Steuerfrau schaut durchs Fernglas. Westlich eines hohen Zauns liegt Boot hinter Boot längsseits. Östlich davon hat nur eine Yacht festgemacht. Aber was sind das für dunkle Stellen am Pier?

Mir is´ ganz mulmig, als meine Crew Fender klarmacht und Leinen rausholt. Klar zum Anlegen lichten die zwei den Anker. Da springt der Nachbar von seinem Boot. Ruft no hurry, guys! Fängt unsere Leine. Die dunklen Stellen erweisen sich als Gummischutz. Dort, wo tückische Lücken im Pier klaffen. Der Wind drückt uns weg. Der nette Ami zieht uns bei und huscht winkend zu seiner Yacht zurück.

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Schon Caesar machte Pläne für einen Wasserweg durch die Landenge bei Korinth. Mit der Erfindung des Dynamits wird das Projekt machbar. Etwa hundertdreißig Jahre alt ist der Kanal von Korinth. Letztes Jahr war er gesperrt. Mal wieder ein Erdrutsch. Dieses Jahr schlüpfe ich gerade noch durch, bevor er wieder schließt. Tschüs, Ionisches Meer! Ägäis, wir kommen! Nur ´ne knappe Stunde, und der Saronische Golf empfängt mich mit einem lauen Lüftchen. Ein teurer Spaß. Zweihundertvierzig Euro. Aber ein Monument der Ingenieurskunst. Das gefällt meiner Crew. Besonders dem Käpt´n.

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Nisos Salamina bietet hier und dort ´ne lauschige Bucht. Órmos Kanakia, an der Westküste, lässt uns die Industrielandschaft um die Ecke vergessen. Entführt meine Ruthie in die Bronzezeit. Direkt am Strand den Hügel hoch. Über einen schmalen Pfad zwischen Pinien und Macchia zu den Ruinen einer mykenischen Akropolis.  Hier in Hellas finden sich an allen Ecken und Enden Zeugen vergangener Epochen. Vielerorts stellen archäologische Museen die lokalen Funde aus. Auch in Salamina Stadt. Sechstausend Jahre alte Vasen sind da zu sehen! Sollen formidabel sein. Kein Wunder, dass Töpfer im alten Griechenland kerameus genannt wurden.

Ansonsten hat die Hauptstadt der Insel kaum Historisches bewahrt. Beton bestimmt das Bild. Ein einsames Graffito im naiven Stil erinnert an die Seeschlacht von Salamis. Zweieinhalb Jahrtausende ist es her, dass der Siegeszug der Perser gen Westen hier beendet wurde. Heute geht Salamis nahtlos in Paloukia über. Tag und Nacht verkehren Fähren zwischen der Insel und Piräus. Am selben Steg bewacht ein Stahlzaun den Marinestützpunkt, Heimathafen der meisten griechischen Kriegsschiffe . Was bin ich man froh, dass ich eine Segelyacht bin. Das wäre grausam, allzeit vor Kanonen zu starren.

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Vor Piräus liegen Tanker und Frachter auf Reede. Prägen das Panorama vn Órmos Giala, an der Südwestküste Salaminas. Sonst gibt das hier kaum was. Nur die Kneipe vom Ruderclub und eine Bushaltestelle. Der Meltemi pustet kräftig aus Nordost. Kommt müde an. Erreicht kaum mehr als zwanzig Knoten. Anders is´ das am Kap Sounion. Am Südzipfel Attikas sind stetig sieben bis acht Beaufort gemeldet. Da müssen wir rum. Und dann gegen an. Also warten wir. Sieben Tage. Das Meer is´ recht klar. ´N büsch´n kühl, aber OK. Nur von der Badeleiter traut meine Crew sich nich´ weit weg.

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Mehr Containerschiffe als sonst wo im östlichen Mittelmeer, mehr Fähren als sonst wo in Europa. Piräus ist ein geschäftiger Hafen. Früh morgens merk ich da nich´ viel von im Verkehrstrennungsgebiet. Ein Lotse, der ´ne Kranplattform zieht und zwei Frachter von Süd. ´Ne Fähre, zwei Yachten und ´n Tanker von Nord. Schwupps haben wir die Bucht von Athen überquert. Den Meltemi stetig von querab und zahmer als die Tage zuvor. An der Riviera von Athen wird er mal mehr, mal weniger böig.  Pfeift um Inselchen. Lässt sich hier und dort von einem Kap ablenken oder braust einen Hang hinab.

Auch Órmos Sounion is´ nich´ gerade ´n Flautenfleckchen. Wie geschaffen für den Poseidontempel. Oben auf dem Kap thront der. Überblickt die südliche Ägäis. Meine Crew bleibt an Bord. Hat null Bock, das Dinghi runter zu lassen bei den Böen.  Zum Ufer is´ das  auch ´ne Ecke. Da würden die zwei wohl nass ankommen. So warten sie auf die Nacht. Wenn Scheinwerfer die hohen Säulen aus weißem Marmor mit Gold überziehen.

Im Morgengrauen geht das weiter. Eigentlich zu früh. „Bei Sonnenaufgang musst Du ums Kap!“, hat unsere Freundin von der Benko meiner Steuerfrau ans Herz gelegt. Nu´ dümpel ich im Leerlauf vor mich hin. Die Sonne trödelt hinter den Bergen im Südosten. Mein Käpt´n macht derweil Wasser. Meine Ruthie verliert die Geduld. Legt den Gang ein. Ich tucker ums Kap. Und endlich! Der Tempel badet in Morgenröte. Zusammen mit den Felsen und dem Meer. Wir erbitten Poseidons Schutz. Wie die Seeleute in alten Zeiten.

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Euböa – Windkapriolen und Möwenkacke

Um die Ecke vom Kap Sounion kommt Euböa in Sicht. Wir motoren. Das Festland an Backbord, die Inselküste an Steuerbord. Der Meltemi hat ´ne Verschnaufpause eingelegt. Bläst dann vormittags ein Weilchen. Hart am Wind knüppel ich nordwärts. Dann is´ wieder tote Hose. Hat aber auch sein Gutes. Die Fallwinde vor Nimporeio, an der Inselküste, gewähren ruhigen Schlaf. Am Morgen kommen sie dann wie gerufen. Hauen munter von querab in meine Segel und schieben mich zurück auf unsere Route gen Norden.

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Die Bucht von Porto Buffalo schlängelt sich ins Land und wird zu einem kreisrunden Naturhafen. Vier bis fünf Boote wie ich finden hier Platz und Sandgrund. Gut geschützt vor Seegang. Da macht das nix, dass die Hügel am Ufer eine Düse für den Meltemi formen. Mein Anker hält.

Der Sommer ist zurückgekehrt. Er schwächelt. Der Sonnenuntergang riecht nach Herbst. Doch morgens is das Deck ´ bei weitem nich´ so nass wie schon im September vor Lefkada. Und das Meer ist immer noch warm genug für meine Steuerfrau, die ein Frostködel ist. Etliche der wenigen Häuser scheinen verwaist. Schweigen hinter heruntergelassenen Jalousien.  Nur neben mir, am Ufer, ist der Bär los. „Evia Silence“ steht auf dem Schild vor dem Haus, das eine Art Hotel zu sein scheint. Mein Käpt´n ist überzeugt davon, dass dort Kandidatinnen für die Miss Griechenland Wahl trainiert werden.  Doch die Mädels, die sich mittags am felsigen Ufer sonnen, machen schlichtweg gerne Yoga. Da hat meine Steuerfrau ein Auge für. ´Nu hat sie endlich meine Lobstyfahne gehisst! Fröhlich flattert die bei jeder Böe.  Müsste vom Yogasaal aus bestens zu sehen sein.

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Der Meltemi is´ ein windiger Geselle. Mal trudelt er unentschlossen, dann knallt er ohne Vorwarnung in meine Segel. Will mich umhauen. Überlegt es sich anders. Lässt mich zufrieden dahingleiten. Schläft ein. Bläst kurz darauf wieder volle Kanne. Was für ´ne Möwenkacke! Wenigstens kommt er heute von querab. Denn Euböas Küste macht ´nen Knick. Wir halten Kurs West. Und meine Crew übt Segel trimmen.

Eretria ist unser Ort für die Nacht. Nach zwei Wochen Buchtenschaukeln fiebert sogar mein Käpt´n dem Landgang entgegen. Auf den Morgenspaziergang verzichtet er. Die Straßen des Örtchens erinnern meine Ruthie an Südamerkia. Sehr breit. Marode. Spärlich von flachen, weißen Häusern gesäumt. Hier und dort genießen Alte vor der Haustür die Herbstsonne.

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Wir kreuzen gegen an. Meine Crew beobachtet die Wasseroberfläche. Wo die dunkler is´, wartet die nächste Böe. Wende um Wende schlagen wir dem Wind ein Schnippchen. Zum Glück liegen nur wenige Seemeilen vor uns. Die Brücke von Chalkida wartet. Unter durch können wir nich´. Viel zu niedrig. Aber sie kann beidseits verschwinden. Eine der letzten Schiebebrücken! Wird einmal am Tag geöffnet. Irgendwann zwischen neun Uhr Abends und drei Uhr morgens. Die Stillwasserzeit verschiebt sich jeden Tag um eine halbe Stunde.

Der Stadtkai ist nich´ gerade verlockend. Zu zerwühlt is´ das Wasser. Die Tidenströmungen durch die Evripos Meerenge sind die stärksten in Griechenland. Is´ ja auch die engste Meerenge der Erde. Bis zu zehn Mal am Tag kann die Strömung hier die Richtung wechseln. Gilt als unvorhersehbar. Ein Gezeitengeheimnis, bei dem wohl der Wind mitmischt. Selbst für Aristoteles unlösbar. Der soll sich angesichts des Mysteriums in den Evripos gestürzt haben. Wenn das man kein Märchen is´ !

Ich warte in sicherer Entfernung. Meine Crew lässt das Dinghi runter. Zahlt im Hafenbüro die Gebühr. Um elf Uhr nachts wird die Brücke geöffnet. Was´n Dusel, wir müssen nicht bis drei Uhr morgens warten. Sollen ab neun auf Kanal zwölf Standby sein .  Um viertel vor elf ruft die Brückenkontrolle ein Boot nach dem anderen. Ankerketten rasseln in ihre Kisten. Zwei Boote sind vor uns dran. Mein Käpt´n rätselt, welche das sind. Wir warten. Lassen ein Motorboot und eine Segelyacht durch. Motoren mit gut Abstand hinterher. Es ist fast windstill und diesig. Land und Meer verschwimmen schwarz. Ein paar Seemeilen entfernt, vor Atrakia, fällt meine Crew hundemüde in die Koje.

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Kein Wind. Dafür pladdert der Regen ungestüm. Meine Ruthie bäckt Kuchen. Freut sich, dass wir mit Motor flink sind. Und mittags schon am Ziel. Xaris, vom Stellplatz wo ich hin soll, schickt uns in den Stadthafen. Starkwind is´ im Anmarsch. Und noch mehr Regen. Wenn das ruhiger wird, sagt er, holt er mich aus dem Wasser. Wir erwischen einen letzten, windstillen Moment. Gleiten in das schmale Häfchen von Limni. Wie soll ich da bloß wieder raus kommen! Meine Ruthie springt von Bord. Fängt die Leinen und macht mich fest. Mein Käpt´n freut sich über unsere leichtfüssige Steuerfrau.

Wir wettern ab. Meine Crew erkundet die Umgebung. Schnackt mit Fischern. Letztes Jahr stand Nordeuböa in Flammen. In Limni brannten erste Häuser. Auf dem boatyard machte man Rettungsboote klar. Die griechische Regierung überlässt die Insel ihrem Schicksal. Konzentriert alle Kräfte auf einen Flächenbrand bei Athen. Baumskelette bevölkern nun die Hügel. Weiter als das Auge reicht.  Wildtiere sind nicht zu sehen. Nur ein paar streunende Hunde.

Feuer gehorcht dem Wind. Hat vereinzelt Grün verschont. Hier ´nen Olivenhain dort ´nen Nadelbaum. Sogar über ein Dorf ist es hinweg gesprungen. Hat wo anders eine Ziegenherde eingeschlossen. Sich Bienenstöcke einverleibt. Viele Familien sammelten Harz. Für den Retsina Wein. Lebten da von. Jetzt werden selbst unversehrte Kiefern schlagartig braun. Sterben im Handumdrehen. Die Menschen schwanken zwischen Trauer und Wut. Sind verzweifelt. Haben Hoffnung. In fünfzehn Jahren, sagt ein Fischer, ist alles wieder grün. Man sieht es schon. Verkohlte Olivenbäume, die von den Wurzeln her austreiben. Kieferntriebe auf unbefahrenen Wegen.

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Im Hafen drehen geht nicht. Rückwärts fahren ist heikel. Ich muss nach achtern verholt werden. Unsere Nachbarn und Xaris vom Bootsstellplatz helfen. Früh am nächsten Morgen, bei Flaute, geht das los. Nach Paralia Koxili is´ das ein Katzensprung. Xaris wartet im Wasser. Er dirigiert uns. Ich rausche auf ihn zu. Man gut, dass er ´n Neoprenanzug anhat. Und gerne taucht. Erst beim dritten Anlauf rutsche ich in die Schienen vom Trailer. Nu´ steh´ ich auf meinem Winterplatz. Ich muss wirklich langsam mal´n büsch´n betüdelt werden. Farbe und so. Aber hier lässt sich das aushalten. Hab´ lange nich´ so viele Möwen gesehen! Hunderte von weißen Punkten auf dem blauen Meer. Schwingen sich ab und an in die Luft. Verschmelzen zu einem Wunderwesen. Lösen sich voneinander. Kreisen im Gleitflug. Solange die mir nich´ aufs Deck kacken, freu ich mich da über.

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Route vom Ionischen Meer in die Agäis

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Glossar

Jassu, Iónio Pélagos – Tschüs, Ionisches Meer

Trizonia – insel im Golf von Korinth

Navily – App für Segler und Windsurfer. Die Nutzer können z. B. Kommentare zu Ankerplätzen veröffentlichen.

Tüdelkramhier: Unsinn (Plattdütsch)

Pier – Kaimauer (Plattdütsch)

Fender klarmachen – Fender an der Reling befestigen

no hurry, guys – keine Eile, Leute

Nisos – Insel (Griechisch)

Órmos – Bucht (Griechisch)

Bronzezeit – meint hier das Späthelladikum, ca. 1600 v. Chr. bis ca. 1050 v. Chr.

mykenische Akropolis – die Bezeichnung „mykenisch“ ist eine moderne Schöpfung. Wie sich die Kultur selbst nannte, ist unbekannt. Sie bevölkerte im Späthelladikum den Ägäisraum und ist die erste bekannte Hochkultur des europäischen Festlands.

kerameus – Töpfer (Altgriechisch)

auf Reede liegen – vor einem Hafen oder der Mündung einer Wasserstraße vor Anker liegen und warten

Meltemi – Starker Wind aus dem Nordquadranten (Nordost, Nord, Nordwest), der von Mai bis Oktober in der Ägäis vorherrscht

Beaufort – meint die Beaufort Skala, welche die Windstärke nach Geschwindigkeit und Auswirkung in Stufen von 0 (Windstille) bis 12 (Orkan) kategorisiert

gegen an – gegen den Wind segeln bedeutet, zu kreuzen. Immer im höchst möglichen Winkel zum Wind. Je nach Schiffstyp 30º bis 90º Grad.

Verkehrstrennungsgebiet –  bekannt gemachte Schifffahrtswege, die durch Trennlinien oder Trennzonen in Einbahnwege geteilt sind

von querab – der Wind fällt im 90º Winkel in die Segel. Rechtwinklig zum Kiel

Riviera von Athen – das Küstengebiet der südlichen Vorstädte von Athen. Von Piräus bis zum Kap Sounion.

Poseidon – Gott des Meeres in der griechischen Mythologie. Bruder von Zeus und eine der zwölf olympischen Gottheiten.

Euböa – zweitgrößte Insel der Ägäis

Düse – z.B. ein lang gezogenes Tal, das sich in Windrichtung erstreckt. In diesem Fall von Nordost nach Südwest, sodass der Meltemi aus Nordosten kommend seine Kraft bündelt und schneller wird.

Frostködel – jemand, der leicht friert

Chalkida – Hauptstadt von Euböa

Stillwasserzeit – kurzer Zeitraum beim Umkehren des Gezeitenstroms

Kanal zwölf – UKW Kanal. Seefunk

abwettern – auf besseres Wetter warten

boatyard – Bootsstellplatz

verholen – mit Leinen o.a. zu einem anderen Liegeplatz ziehen

betüdeln – umsorgen, pflegen

Quellenhinweis zum Foto vom Poseidontempel: https://commons.wikimedia.or/wiki/File:Greece_Cape_Sounion_BW_2017-10-09_10-06-31.jpg

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Vom Meer und von Land

Mein Element ist das Meer. Ach, hätte ich das doch erlebt, als seine Riffe bunt und bewohnt waren. Und die Buchten voller Leben. Dort, wo das Wasser noch klar und durchscheinend ist, treffen wir manchmal selten gewordene Wesen. Einmal hat meine Ruthie sogar einen kleinen Rochen gesehen. Und ein anderes Mal  ´nen blassrosa Seestern.  Die großen Steckmuscheln, die sie als Kind so mochte, sind nur noch Erinnerung.

Oft hab´ ich ja ´nen Strand, ´n felsiges Ufer oder irgendein Örtchen in Sichtweite. Wenn ich in ´ner Bucht gemütlich vor mich hin schaukel, lassen mein Käpt´n und meine Steuerfrau gerne mal die Seele baumeln. Anker ich vor ´ner größeren Stadt -was zum Glück nich´ häufig vorkommt- sieht das anders aus. Die beiden sind jeden Tag auf Landgang. Und sie schlafen unruhig. Über Winter lieg ich meist in einem Hafen.  Manchmal auch bei Sturm. Schwappt Öl und Abfall rum, nervt das. Gibt das viele Fischerboote, wachsen Algen besonders eifrig. Dann hab´ ich in  kürzester Zeit ´nen Poseidonbart am Rumpf. Je mehr Menschengewusel, umso lebloser die Unterwasserwelt. Dabei mag ich das so gern, wenn die Fische die Seepocken, Entenmuscheln und Schiffsbohrwürmer von meinem Rumpf abknabbern!

Ich frag´ mich, wie Menschen das Meer betrachten. Meine Steuerfrau sagt, das Land von Weitem zu sehen hat was für sich. So klein wirkt alles, so unbedeutend. Selbst Kummer oder Furcht erscheinen in ´nem anderen Licht. In der Berufsschifffahrt nennt so mancher die See „das blaue Regal“. Was nich´ mehr gebraucht wird, geht nämlich über Bord. Das soll ma´ eine verstehen! Andere besingen la mer. Ihre Weite. Ihre Wildheit. Die Sehnsucht nach dem, was der Horizont verbirgt. Das gefällt mir schon besser. Aber ich glaube, im Grunde ist das Meer den Menschen fremd.  Denn es ist eine Welt, so einzigartig und wundersam wie die Sterne am Himmel.

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Die Nahia sichtet auf der Überfahrt von Malta nach Griechenland ein Boot in Seenot. Etwa sieben Meter lang. Mit Außenborder. Hoffnungslos überladen. Immer wieder verschwindet es im Wellental. Die Nahia fährt unter vollen Segeln. Kann nicht so einfach stoppen, und mit ihren zwölf Metern Länge nur wenige Personen an Bord nehmen. Müsste um die dreißig Menschen ihrem Schicksal überlassen. Ihre Kapitänin sendet ein Pan-Pan auf Kanal sechzehn. Keiner antwortet. Die Zeit verrinnt. Eine gefühlte Ewigkeit. Unsere Freundin funkt beharrlich. Fordert die Weiterleitung des Notrufs ans MRCC. Noch immer keine Rückmeldung. Ein Frachter ist in Sichtweite. Sie ruft ihn. Zögerlich sagt er Unterstützung zu. Setzt Kurs auf die Position, an der die Nahia die Menschen in Seenot zuletzt gesichtet hat. Wenig später meldet sich Radio Crotone. Das MRCC hat die Koordination übernommen. Die Nahia soll ihren Weg, der Frachter die Suche fortsetzen. Weitere Frachter werden in die Rettungsaktion einbezogen. Der Funkverkehr zeigt, dass die Kapitäne sich aus der Verantwortung stehlen wollen. Das dürfen die nich´. Is´ internationales Seerecht. Ein Funkspruch von Frontex kommt klar und deutlich rüber. Von Seenotrettung keine Rede. Das Warten ist eine Qual. Acht lange Stunden überwachen unsere Freunde AIS und Funk. Endlich sichtet ein liberianischer Frachter das Boot. Die italienische Küstenwache rettet alle fünfunddreißig Personen. 

Für manche Menschen ist das Meer der einzige Weg in eine Zukunft. Die Hoffnungslosigkeit fürchten sie mehr, als die dunkle Tiefe der See.

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Reiselust und Melancholie

Fast Herbst. Meine Crew überlegt, nach Pylos zu segeln. Kurs Peloponnes. Aber erst mal kommt die Tochter vom Käpt´n. Die Deern is´ echt reiselustig! Steht schon am Kai von Astakos, als wir einlaufen. Zum ersten Mal in diesem Sommer legen wir in einem Stadthafen an. „Römisch-Katholisch“, also Anker werfen und dann rückwärts an den Steg. Da liegt ´ne Stahlsegelyacht. „Heilix Blechle“ heißt die. Hektisch holt ihre Crew die Fender raus. Hätte gar nich´ Not getan. Der Wind drückt uns weg. Nur schräg am Ende vom Steg gelingt das Festmachen, die Leine achtern an Steuerbord viel länger als die an Backbord.

Astakos liegt nördlich vom Golf von Patras.  Ein nettes Fleckchen abseits von Flotillen und Tourismus. Hafengebühren gibt das nich´. Wer am Steg Wasser und Strom zapfen möchte, bekommt am Kiosk für zehn Euro ´ne Karte. Aber wir haben ja Solarstrom. Und machen unser Wasser selbst.

Büsch´n was einholen am Morgen. Frühstücken. Leinen auf Slip. Ablegen. Wir motoren Kurs Nordwest. Sophie freut sich auf die Nahia. Es ist fast windstill. Auf´m Hinweg hatten wir sieben bis acht Knoten. Da nehm´ ich auch nich´ wirklich Fahrt auf.  Aber am Westufer der weiten Bucht von Astakos erhebt sich der Berg Veloutsa. Is´ fast tausend Meter hoch und recht kahl. ´Ne prima Rutschbahn für Fallböen. Besonders bei Nordwest.  Mal wieder über zwanzig Knoten Wind. Und emsiges Reffen. Im Nu war ich am Ziel!

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Die Zeit verfliegt. Bald ist Ende September. Mehrmals schon haben wir uns von der Nahia verabschiedet. Sind dann geblieben. Oder haben sie nochmal getroffen. Zweimal hat ihr Käpt´n mein Dinghi gerettet. Einmal nachts, als das nich´ richtig festgemacht war. Einmal im Starkwind. Da hat der Außenborder gestreikt. Beim dritten Mal, frotzelt er, behält er mein Beiboot. Seins verliert nämlich Luft. 

In Órmos Vlicho ist das Wasser trüb. „The english toilet“ nennen die Einheimischen den Ort. Starkwind und Gewitter sind angesagt. Die Berge rundum bieten Schutz. Zwei Tage lang.  Dann wünschen wir der Nahia zum letzten Mal Handbreit und Fairwinds. Meine Crew will nu´ doch durch den Kanal von Korinth. Sind fast zweihundert Seemeilen weniger nach Limni, wo ich aus dem Wasser soll.  Wir setzen Kurs Südost. Müssen uns sputen. Der Kanal macht bald dicht. Wann genau, ist unklar. 

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So gerne hätten wir Sophie die Wasp Bay in Nisos Kastos von ihrer träumerischen Seite gezeigt. Doch der Ostwind schiebt Welle rein, und wir lichten in aller Frühe den Anker. Mein Käpt´n erspäht Nadelfische im kabbeligen Wasser. Wie lütte Seeschlangen wirken sie. Werden auch Salzwasser-Hornhecht genannt. Man sieht sie nich´ oft.

Am Nordufer der weiten Einfahrt in den Golf von Patras liegt Marschland. Das Naturschutzgebiet „Porto Skrofa“ ist an einen Privatmann vermietet. Der betreibt hier Fischfarmen. Und ein Restaurant mit mehreren Bojen, an denen Gäste ihr Boot festmachen können. Einsam blickt die nach drei Seiten offene Terrasse in die weitläufige Bucht. Die Kellnerin bringt meiner Crew ´nen Liter Mineralwasser. Mit Kohlensäure. Fünf Euro die Buddel. Die trägt meine Ruthie freundlich zurück. Nur der Preis für stilles Wasser ist in Griechenland gesetzlich festgelegt.  Auf höchstens eins fünfzig den Liter.

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Der Wind schiebt uns von achtern zur Rio-Andirrio-Brücke. Sie überspannt die Meerenge am Übergang vom Golf von Patras zum Golf von Korinth. War wohl nich´ leicht zu bauen, hier hat die Erde schon oft gebebt. Meine Crew meldet mich über Kanal vierzehn bei Rion-Traffic an. Fünf Seemeilen vorher. Flying Lobster. Height of mast eighteen meters. Bekommt Erlaubnis, unter dem nördlichen Abschnitt der Brücke durchzufahren. Bleibt auf Hörbereitschaft. Meine Segel sind auf Schmetterling getrimmt. Das Groß zur einen, die Genua zur anderen Seite. Hinter uns färbt der Horizont sich goldorange. Vor uns leuchten Straßenlaternen in fünfzig Meter Höhe. Nah bei der Brücke sagen wir der Kontrollstation nochmal Bescheid. Dann, auf einmal, allerfeinste Waschmaschine. In Windeseile schmeißt meine Crew den Motor an und holt die Segel ein. Mein Käpt´n fährt, meine Steuerfrau hält nach Gegenverkehr Ausschau. Kaum unter durch drehen wir nach Backbord ab. Kurs Nordnordost, auf Nafpaktos zu. Blicken zurück. Die Stahlseile verschwinden in der Nacht. Die Pylone sind angestrahlt. Blaue Riesen, die am Himmel kratzen.

´Ne Stunde später macht meine Steuerfrau die Positionslichter des venezianischen Hafens von Nafpaktos aus. Dann, nach und nach, mehrere Boote, die östlich der Einfahrt vor Anker liegen. Da sucht meine Crew mir ein Plätzchen. Vor dreitausend Jahren war Nafpaktos eine Hafenmetropole. Die Herrscher wechselten oft. Als im Mittelalter mal Venedig am Ruder ist, heißt der Ort Lepanto. Die Burg wird erneuert, der Hafen gebaut. Erfolglos belagern ihn die Osmanen. Ein Jahrhundert später tobt vor Lepanto die letzte große Galeerenschlacht des Mittelmeers. Noch immer erinnert sich das Meer an den Geschmack von Blut.

Mein Käpt´n, Sophie und meine Steuerfrau entdecken auf Landgang ein hübsches Städtchen. Mit allerlei Kafenions, malerischem Aufstieg zur Burg und einer netten Bäckerin. Mein Dinghi ist im Häfchen festgemacht. Ich wollte da nich´ rein. Is´ viel zu eng.

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Wenn mich Eine fragen würde, wo das Land besonders schön is´, käme meine Antwort wie aus der Harpune geschossen. Eine Insel im Golf von Korinth. Nah bei der Nordküste. Da wettern wir ´n büsch´n Starkwind ab. Die Benko hatte die gleiche Idee. In so guter Gesellschaft find´ ich das gar nich´ so übel, im Hafen zu sein. Obwohl meine Crew ´n Holzbrett zwischen Fender und Kai schieben muss, weil der Beton bröckelt.  Meine Ruthie freut sich bannig, Ouzo kennenzulernen. Das dritte Crewmitglied der Benko. Er mag die verschlungenen Pfade von Trizonia auch gern. Will Hasen hinterher hüpfen und Schildkröten aufstöbern. Wir lassen ihn schnuppern, aber nich´ laufen. Das ein oder andere Foto verdanken wir ihm.

Schweren Herzens verabschieden wir uns von der Benko. Die hübsche Reinke-Stahlyacht soll verkauft werden! Sie is´ für mich wie ´ne Schwester. Ihre Crew is´ man bannig jung. Die muss nu´ an Land, ´n büsch´n Monne machen. Aber die Videos von Sailing Benko bleiben auf Youtube. Ich glaub´, ich brauch ´ne frische Brise und ein loses Fall. Dann trommel ich meine Melancholie in den Wind.

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Glossar

la mer – das Meer (Französisch)

Pan Pan – Dringlichkeitsmeldung im Sprechfunkverkehr zwischen Schiffen, Flugzeugen oder anderen Fahrzeugen. Wer bei einem akuten, schwerwiegenden Problem (Panne mit akuter Gefahr für ein Fahrzeug, ärztliche Hilfe wird benötigt, o. ä.) Hilfe ruft, beginnt seinen Funkspruch mit Pan Pan, Pan Pan, Pan Pan. Der Dringlichkeitsruf Pan Pan ist dem Hilferuf Mayday untergeordnet, der bei einen Notfall mit akuter Lebensgefahr gesendet wird und die Einleitung von Rettungsmaßnahmen erbittet.

MRCCMaritime Rescue Coordination Centre. Leitstelle zur Koordination der Seenotrettung. Befinden sich vor allem in Küstenstaaten weltweit, die das SAR- Abkommen von 1979 unterzeichnet haben. Dieses soll die Rettung von Menschen in Seenot unabhängig vom Unfallort durch eine Seenotrettungsorganisation sicherstellen.

Crotone – Hauptstadt der kalabrischen Provinz Crotone. Liegt an der italienischen „Stiefelsohle“.

Frontex – Europäische Agentur für die Grenz- und Küstenwache. Zuständig für die Kontrolle der Außengrenzen des Schengen-Raums. Wurde 2004 gegründet.

AIS – Automatisches Identifikationssystem für Schiffe. Ein Datenfunksystem, das statische, dynamische und reisebezogene Schiffsdaten zwischen damit ausgerüsteten Schiffen sowie zwischen ausgerüsteten Schiffen und Landstationen austauscht.

Nahia  – „der Wunsch“ (Baskisch), ein befreundetes Segelboot

Deern – Mädchen (Plattdütsch)

Fender – aufblasbare Kissen, Schläuche oder Kugeln, die den Schiffsrumpf beim Anlegen und Manövrieren vor Beschädigungen schützen

achtern –  hinten (Plattdütsch, nautischer Ausdruck)

Flotille –  mehrere Boote, die zusammen einen Törn machen; u.U. fährt nur auf einem davon ein Skipper mit Segelschein

Leinen auf Slip – Leinen so legen, dass man sie beim Ablegen vom Boot aus einfach an Bord ziehen kann

Órmos – Bucht (Griechisch)

Handbreit –  „Immer eine Hand breit Wasser unterm Kiel“. Deutscher Seeleutegruß beim Abschied

Fairwinds – „schöne Winde“. Englischer Seeleutegruß beim Abschied

Wasp Bay – Wespenbucht

Nisos – Insel (Griechisch)

lütt – klein (Plattdütsch)

Rio-Andirrio Brücke – heißt offiziell Charilaos-Trikoupis-Brücke

Flying Lobster. Height of mast eighteen meters. –  Schiffsname und Masthöhe müssen vor der Durchfahrt bei Rion Traffic angegeben werden

Waschmaschine – aufgewühlte See; bedingt durch Wind- und Strömungsverhältnisse kommen Wellen aus verschiedenen Richtungen

Pylon – Pfeiler von Hänge- oder Drahtseilbrücken, der die Seile an den höchsten Punkten trägt

Kafenion – Kaffeehaus, Café

Benko – befreundetes Segelboot

bannig – sehr (Plattdütsch)

Monne – Geld (Plattdütsch)

Fall – auf Segelschiffen ein Stück Tauwerk, das zum Hinaufziehen (Setzen) und Herablassen (Bergen) oder Reffen von Segeln benutzt wird

Link zum Nadelfisch Foto von Paul Harrison: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Keeltail_needlefish_0541.jpg

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Der Sommer ein Traum

Ich steh auf dem Trockenen. So richtig wohl is´ mir dabei ja nich.´ Aber mein Unterwasserschiff ist mittlerweile ein Riff. Und der Rost macht mir zu schaffen. ´N büsch´n Pflege wär nich´ verkehrt. Doch der Winter ist im Anmarsch, und in Euböa kann das wohl  kalt werden. Letzten März sind die Schiffe hier auf dem Stellplatz unter einer Schneedecke verschwunden. Mal sehen, wie das dieses Jahr wird.

Grau verschwimmt das Meer mit den Umrissen der Küste. Der Wind peitscht Regenwolken vor sich her. Träumen geht immer.  Von lauen Nächten, leise wiege ich meine Crew unterm Sternenzelt. Vom Aufwachbad am Morgen, das Meer so klar, dass mein weiß gestrichener Anker am Grund zu sehen ist. Vom Landgang mit dem Sup. Im Schatten eines Olivenbaumes wartet es, während meine Steuerfrau die Gegend erkundet. Der Käpt´n hält Siesta unterm Moskitonetz.

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Neue Ufer rufen

Auf Segelwind warten. Ende Juli kann das im Mittelmeer einiges an Geduld erfordern. Nicht gerade eine Stärke meiner Steuerfrau. A happy wife is a happy life, denkt mein Käpt´n sich. Hat nichts dagegen, bald ins süße Lotterleben der Buchtensegler einzu­­­­­tauchen. Wirft den Motor an. Stundenlang macht Aiolus sich rar. Bis er angeschlichen kommt. Von achtern. Mit sechs bis sieben Knoten. Der Käpt´n baumt das Groß aus. Ich segel  Schmetterling.  Fühl mich wie ´ne lahme Ente! Widerwillig verschwindet Italien in der Nacht.

Drei mondlose Nächte und zwei Tage lang umgibt uns allein das Ió­­nio Pélagos, das ionische Meer. Immer wieder muss mein OM314 ran. Der brummt zufrieden. Ihm is´ das eins, was der Diesel kostet. Kurz begleiten uns Delfine. Eine Schildkröte kreuzt meinen Weg. Korfu, am Übergang zur Adria, liegt weit im Norden. So viele Inseln warten auf uns! Und Buchten wie Sand am Meer. Obwohl der Wind schwächelt, lassen wir ihn den Kurs bestimmen. Direkt auf die Südküste von Lefkada zu.

In der rundum geschützten Bucht von Syvota fällt mein Anker auf griechischen Grund. Erst mal frühstücken! Hundemüde hofft meine Crew auf eine Vormittagssiesta ohne Schwell und Fallwinde. Ruhig is´ das hier allerdings nich´. Restaurants säumen das Ufer, locken mit kostenlosen Liegeplätzen am hauseigenen Steg.  Flotillenweise rücken Segelboote an. Is echt ´n Ding! Um eine Flotillenyacht zu chartern braucht man keinen Führerschein. Ein Boot mit Skipper leitet die übrigen Crews per Funk an.  Geheuer is´ mir das ja nich´.

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Nahia. Nahia. Nahia. This is sailing vessel Flying Lobster. Flying Lobster. Over. Die Nahia antwortet auf den ersten Ruf. Wir wechseln auf Kanal 72. Unsere Freunde ankern in der Bucht von Palairos. Nur ´nen Halbtgstörn entfernt. Vor Freude könnte ich quietschen wie ein Delfin.

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Im Norden von Nisos Meganisi gefällt mir das. Kaum ein Haus. Nur zwei Boote neben mir. Hinter der Badeplattform schwimmt mein Dinghi. Klar lockt das Meer. Manchmal treibt Schaum drauf. Wo der wohl herkommt? Die See ist ein Seidentuch in Órmos Platigyáli. Seit gestern Abend. Meine Crew is´ nochmal drum rum gekommen, Landleinen zu legen. Da haben die zwei echt Bammel vor. Dabei sieht das einfach aus bei anderen Booten. Anker an der richtigen Stelle runterlassen. Rückwärts fahren, bis er sich gut eingräbt. Die Kette muss sich in einer Linie mit meiner Längsachse spannen. Zugleich werd ich achtern, an Backbord und Steuerbord, mit Leinen an Land befestigt. Landleinen eben. Hier in der Gegend meist an einer Felsspitze, die aus dem Wasser ragt. Oder an einem knorrigen Baumstamm. Ich geb ja zu, ich bin ´n büsch´n schwerfällig. Besonders im Rückwärtsgang.  Doch vor den Inseln hier fällt der Grund oft schnell ab. Und nah am Ufer is´ schwojen nich´ drin. Nu´ anker ich auf zweiundzwanzig Meter Tiefe. Da reichen meine siebzig Meter Kette. Wenn das Wetter ruhig is´. Und der Wind darf nich´ drehen.

Mein Käpt´n liest ´nen Thriller.  Meine Steuerfrau checkt den Wetterbericht. Lässt den Blick schweifen.  „Schau mal, Käpt´n“, sagt sie. „Was das Boot da für ´ne Schräglage hat!“  Lässig hocken die zwei in der Plicht. Seh´n die denn nich´, wie die See sich weiter draußen kräuselt? Der Wind schiebt die Welle vor sich her und setzt ihr Schaumkrönchen auf. Sie rollt auf uns zu. Aus Nordnordost. 

„Gleich geht´s los hier!“Mein Käpt´n springt auf. Hastet zum Heck. Ruft „Dinghi hoch!“ Klettert die Leiter runter. Zieht mein Beiboot bei. Mal ist die Badeplattform Land unter, mal steht sie in der Luft, ´n Meter über´m Wasser. Mein Käpt´n scheint leicht wie ein Flummi. Hält sich mit einer Hand am Geräteträger fest. Mit der anderen will er die Karabinerhaken einhängen. Am Heck bereitet meine Steuerfrau die Leinen zum Hochziehen vor. Wartet. Der Wind drückt uns in die Bucht. Mein Anker slippt. Das felsige Ufer kommt näher. Ruthie schmeißt den OM314 an. Legt den Vorwärtsgang ein.

Endlich! Unisono ziehen die zwei mein Dinghi hoch. Geben Vollgas. Das is´ man mal gerade noch gut gegangen! Um die Ionischen Inseln rum blasen die Böen oft so stetig, dass die Grundwindgeschwindigkeit nicht interessiert. Wenn Windy sieben Knoten vorhersagt, und zwanzig in der Böe, werden es möglicherweise beinah durchgehend zwanzig.  Vielleicht ist das Meer deshalb heute so leer. Nur die Sonne begleitet uns. Flutet das Firmament mit Feuerfarben. Versinkt fulminant hinterm Festland.  Als wir ein Plätzchen zwischen den Booten vor Palairos suchen, verschwindet das Städtchen in der Dämmerung.

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Brichst Du auf gen Ithaka…

Freunde sind das beste Ziel. Wie gesagt, das Meer is´ überall blau. Zur Nahia tuckern wir am frühen Nachmittag. Extra langsam, um mit dem Strom, den mein Motor generiert, genügend Wasser zu machen. Der Konverter wird bald zu heiß. Achtzig Liter Wasser müssen reichen. Umso besser, denkt sich meine Ruthie. Jetzt können wir schneller fahren. Noch weiß sie nicht, dass wir unsere Freunde öfter treffen werden. Die schönsten Buchten werden wir mit ihnen teilen. Die Wasp Bay, an der Ostküste von Kastos. So einsam und wild. Morgens wecken uns die Ziegen am Ufer. Die Bucht beim Kapellchen, im Norden von Kalamos. Grün wie ein Waldsee schimmert das Meer. Sind da Feen und Kobolde zwischen den Kiefern am Ufer? Gegenüber am Festland, in der Bucht von Mitikas, stehen Duschen am Strand. In die Kalamos Woods Bay ließ Jackie sich schippern. Die Insel von Onassis liegt um die Ecke. Eine Pfeffersackinsel. Betreten verboten.

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WoP, der Käpt´n der Little Secret, kommt in Órmos Varko zum Klönschnack vorbei. Die Lise ist auf dem Weg nach Norden. Wohin die Reise geht, fragt er. Mein Käpt´n möchte mal durch den Kanal von Korinth. Vielleicht aber auch um die Peloponnes Halbinsel. Meine Steuerfrau träumt von Ithaka. Vorerst huschen wir mal hierhin, mal dorthin. Trödeln rum. Vor Nikiana, wo der Bus nach Lefkada Stadt gleich neben dem Häfchen hält, ist der Ankergrund gut und das Meer erstaunlich sauber. In Órmos Desimou tüftelt mein Käpt´n am Wassermacher. Obwohl die Bucht nach Süden offen ist, rollt bei Südwind wenig Schwell rein.  Das gibt ´ne lütte Höhle mit Strand drin, und ´nem Schrein für den heiligen Nikolaus. Zwei Campinglätze, ´n Imbiss und drei Restaurants drängen sich an den Strand. Is´ aber trotzdem gemütlich. Und Wasser machen wir nun mit Solarenergie.

In Órmos Rementinoú, an der Ostküste von Meganisi, lieg ich zum ersten Mal an einer Landleine. Die Olivenbäume wachsen hier auf Terrassen bis ans Ufer. Eine Amantis landet auf meinem Deck. Dabei können Gottesanbeterinnen kaum fliegen! In Katomeri, ´ne Viertelstunde den Berg hoch, hängt ein Bild von Che Guevara an einem Haus.

Von Meganisi nach Ithaka segeln wir hart am Wind. Der kommt von der offenen See. Legt zwischen Kephalonia und Lefkada ´n Zahn zu. Um Nisos Atakos, mitten auf unserem Weg, kommen wir im Norden nicht rum. Meine Crew öffnet die Segel. Refft eilig vorm Südkap des Inselchens.  Von da husche ich direkt nach Órmos Sarakiniko rein. Eine Landleinenbucht. Aber die Nahia ist schon da, und ihr Käpt´n hilft. Diesmal krieg ich zwei Leinen, wie sich das gehört.

Die Kapitänin von der Nahia weiß, wo mit Fallböen zu rechnen ist. Auf dem Weg von Órmos Ateos nach Vathy sind die Berge am Westufer ´ne Windrutsche. Bis in die Hauptstadt von Ithaka rein fegen die Böen. In der Bucht von Vathy suchen wir Schutz zwischen Festland und Lazarettinselchen. Ab Mittag trudeln Flotillen ein. Andere Boote auch. Bald ist Platzmangel. Ein französischer Katamaran liegt viel zu nah bei. Mein Käpt´n ruft rüber. Zeigt, wo unser Anker liegt. Dem Käpt´n vom Kat schein das eins. Mit ´ner italienischen Yacht das gleiche Spiel. Ihre Crew lädt zum Gin Tonic ein. Is ja nett. Aber meine Crew hat sich landfein gemacht. My boat is made of steel, sagt mein Käpt´n. Take care of yours. Genau. Mir kann so´n Yoghurtbecher nix anhaben.

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Ithaka gilt als die Heimat von König Odysseus. In Lefkada und Kephalonia schürt man Zweifel. Homers Epos beschreibe eine Landschaft, die nicht zu Ithaka passe. Die Odyssee ist die Mutter aller Heldenreisen! Kalypso, Kyklopen, Sirenen. Der Hades, Agamemnon, der trojanische Krieg. Selbst ich hab´ da schon von gehört! Odysseus war schließlich ein Seefahrer. Musste gegen Poseidons Stürme ankämpfen. Reisender kommst du nach Ithaka… Seit wir nach Hellas aufgebrochen sind, klingelt meiner Steuerfrau dieser Satz im Ohr. Da ist aber nicht Homer für verantwortlich, sondern Konstantinos Kavafis.

ITHAKA

Brichst du auf gen Ithaka

so wünsch dir eine lange Fahrt

voller Abenteuer und Erkenntnisse

Die Lästrygonen und Zyklopen

den zornigen Poseidon fürchte nicht

solcherlei wirst du auf deiner Fahrt nie finden

wenn hochgesinnt dein Denken

wenn edle Regung deinen Geist und Körper anrührt

Den Lästrygonen und Zyklopen, dem zornigen Poseidon

wirst du nicht begegnen

falls du sie nicht in deiner Seele mit dir trägst

falls deine Seele sie nicht vor Dir aufbaut

so wünsch dir eine lange Fahrt

der Sommer Morgen mögen viele sein

da du, mit welcher Freude und Zufriedenheit

in nie zuvor erblickte Häfen einfährst

halt ein bei Handelsplätzen der Phönizier

die schönen Waren zu erwerben

Perlmutter und Korallen, Bernstein, Ebenholz

erregende Essenzen aller Art

so reichlich du vermagst, erregende Essenzen

besuche viele Städte in Ägypten

damit du von den Eingeweihten lernst und wieder lernst

Stets halte Ithaka im Sinn

Dort anzukommen ist dir vorbestimmt

Jedoch beeile deine Reise nicht

Besser ist, sie dauere viele Jahre

und alt geworden lege auf der Insel an

nun reich an dem, was du auf deiner Fahrt gewannst

und ohne zu erwarten, dass Ithaka dir Reichtum gäbe

Ithaka gab dir die schöne Reise

Du wärest ohne es nicht auf die Fahrt gegangen

Nun hat es dir nicht mehr zu geben

Auch wenn es sich dir ärmlich zeigt

Ithaka betrog dich nicht

So weise, wie du wurdest, und in solchem Maß erfahren

wirst du ohnedies verstanden haben

was die Ithakas bedeuten


Konstantinos Kavafis
Lobsty

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Glossar

in die Puschen kommen – in die Gänge kommen, sich aufraffen (Norddeutsch)

seut – süß

Euböa – zweitgrößte Insel Griechenlands (nach Kreta). Liegt im Westen der Ägäis.

´n büsch´n  – ein bisschen

SuP – Stand up Paddleboard, d.h., Steh-Paddelbrett. Das Stehpaddeln hat sich aus dem Surfen entwickelt. Anfangs wurden Surfboards, Longboards u.ä. aus dem Wellenreiten verwendet, vor allem auf Hawaii. Seit der Erfindung der aufblasbaren Paddelbretter hat sich das Stehpaddeln zu einem weit verbreiteten Freizeitsport entwickelt.

A happy wife is happy life – glückliche Ehefrau, glückliches Leben

Aiolus – Gott des Windes

baumt das Groß aus – auch: Bullenstander setzen. Beim Segeln vor dem Wind  laufen viele Yachten leicht aus dem Ruder. Baumt man das Großsegel aus, steht es in einem Winkel von 70 bis 85 Grad. Das Boot lässt sich besser steuern.

Schmetterlingsegeln –  das Großsegel steht zur einen, das Vorsegel zur anderen Seite.

ihm is´ das eins – das ist ihm egal (Norddeutsch)

Kanal 72  –  Hat man mit einem anderen Boot keinen Funkkanal vereinbart, kann man es über Kanal 16 rufen, wechselt  jedoch sofort die Frequenz. Denn Kanal 16 ist die UKW-Frequenz für Notrufe und dringliche Mitteilungen. Der Seewetterbericht oder die navigatorischen Warnungen werden hier mit dem Verweis auf andere Sendefrequenzen angekündigt.

Nahia. Nahia. Nahia. This is sailing vessel Flying Lobster. Flying Lobster. Over.  –  Funkprotokoll. Der Name des Schiffes, das man ruft, wird zwei- bis dreimal genannt. Dann der Name des Schiffes, das ruft. „Over“ meint, dass die Rufende auf Antwort wartet.

Nahia – der Wunsch (Baskisch)

Törn –  Segelausflug (Norddeutsch)

Nisos – Insel  (Griechisch)

Órmos – Bucht (Griechisch)

Bammel – Angst

schwojen – Beim Ankern stellt sich der Bug des Bootes in den Wind. Ist der Wind stark genug, spannt sich die Ankerkette. Um den Fixpunkt herum, an dem sich der Anker eingegraben hat, kann ein Boot einen Kreis von 360 º Grad beschreiben.

siebzig Meter Kette – Nicht nur der Anker hält ein Boot am Platz, sondern auch der Teil der Kette, der  am Meeresboden liegt. Um zu berechnen, wie viel Kette beim Ankern raus gelassen werden sollte, multipliziert man die Wassertiefe mindestens mal drei. Je mehr Kette am Boden liegt, umso geringer ist die Gefahr, dass der Anker beim Schwojen aus dem Grund gerissen wird. Bei viel Wind oder starkem Schwell bedeutet daher mehr Kette mehr Sicherheit.

slippen –  der Anker löst sich und rutscht über den Meeresgrund

Windy  – Wetter App. Vor allem fürs Segeln und Windsurfen

Konverter – wandelt 12 V Gleichstrom in 220 V Wechselstrom um. Die Hochdruckpumpe von Lobstys Wassermacher ist ein kleiner, kostengünstiger Hochdruckreiniger. Dieser benötigt 220 V.

Pfeffersack – ursprünglich verächtliche Bezeichnung für Kaufleute der Hanse, die im Mittelalter aus Übersee Gewürze importierten. Meint eine rücksichtslose Person, die durch Machthunger und Geldgier zu Reichtum gekommen ist.  Onassis baute u.a.  Mitte des 20. Jahrhunderts die weltgrößte private Walfangflotte auf und verkaufte diese 1956 an Japan.

Klönschnack Schwätzchen

Lise – Little Secret

Schwell – von „swell“ (Englisch).  Meint Dünung, also Wellen, die nicht durch den aktuellen Wind aufgebaut werden, sondern in einem anderen Gebiet oder zu einem anderen Zeitpunkt entstanden sind. Kann auch durch ein vorbeifahrendes Schiff verursacht sein.

lütt – klein

hart am Wind – Auch hoch am Wind oder gegen an. Je nach Bootstyp muss der Wind mindestens in einem Winkel von 25 bis 90 Grad in die Segel treffen, damit Vortrieb entsteht. Lobstys kleinster, segelbarer Windeinfallwinkel liegt bei etwa 30 Grad.

reffen – Segel durch Einholen verkleinern, um dem Wind weniger Angriffsfläche zu bieten

Katamaran, kurz Kat – Boot oder Schiff mit zwei Rümpfen, die fest miteinander verbunden sind

 My boat is made of steel. Take care of yours. – Mein Boot ist aus Stahl. Pass auf deins auf.

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Maskottchen ist gebacken

Cool! Ich hab´ ein Maskottchen. Geschaffen hat es eine Künstlerin aus Uruguay. Eugenia Assanelli. Als Segelyacht kann ich ja auf der See dahinfliegen. Am besten unter vollen Segeln, und anständig getrimmt. Mein Alter Ego macht das mit dem Fliegen anders.

Endlich is´ meine Steuerfrau in die Puschen gekommen. Nu´ denn, gut Ding will Weile haben. So wie das Brot, dass mein Käpt´n bäckt. Den Sauerteig füttern, damit er bereit ist, wenn er auf Mehl und Wasser trifft. Teig kneten. Ihn gehen lassen. Schön warm muss der das haben! Dann mehrmals falten. Einen Brotlaib formen. Wieder ruhen lassen. Ofen vorheizen. Brot rein. ´Ne Tasse Wasser ins untere Blech schütten. Ofentemperatur und Garzeit müssen stimmen. 

Backen kann mein Käpt´n alleine. Ein paar Stunden, und ein knuspriges Brot duftet verlockend.  Zeichnen kann meine Steuerfrau nur bedingt. Da hat Eugenia Talent. Richtig seut  is´ mein gemaltes Gegenstück geworden. Mein Name beflügelt ja auch die Phantasie. Flying Lobster. Fliegender Hummer.

Lobsty auf Wolke am Rumpf, das hätte mir gefallen. Aber als Stahlschiff muss ich ab und an gestrichen werden. Dann wär´ das schöne Bild wieder weg. Also hab ich eine Fahne bekommen. Und die liegt nu´ seit Wochen unter Deck. Frag´ mich, ob das diesen Sommer noch was wird mit dem Hissen.

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