Was man sich von ganzem Herzen wünscht, sagt meine Steuerfrau, geht in Erfüllung, man muss da nur beharrlich von träumen. Bislang hab´ ich gedacht, das wär´ Tüünkraam, doch dieses Jahr sind bei uns gleich zwei lang gehegte Herzenswünsche in Erfüllung gegangen: einer von mir und einer von meiner Steuerfrau. Zudem bin ich selbst ja auch ein lang gehegter, wahr gewordener Traum, zwölf Jahre lang hat meine Crew da von geträumt, mit mir über die See zu segeln; nu´ bin ich schon seit sieben Jahren auf dem Mittelmeer zuhause.
Wie berauschend das war, zum ersten Mal den Wind in meinen Segeln zu spüren! Auch wenn ich mich zu Beginn meines Daseins eher wie ein Frachtschiff gefühlt hab, denn in meinem Heck, wo heute ´ne schöne, breite Doppelkoje is´, waren reihenweise Bootsbau Sperrholzplatten gelagert. In unserem ersten Segeljahr hab´ ich viel zu lange in der Marina von Burriana vor mich hingedümpelt, während mein Käpt´n getischlert und meine Steuerfrau lackiert hat; Meeresgewächse und Schalenwesen, die sich in der Hafenbrühe zu Hause fühlen, haben meinen Rumpf bevölkert und als wir endlich zu den Islas Columbretes aufgebrochen sind, ging der Sommer seinem Ende entgegen. Seitdem wünsche ich mir, wenigstens einmal nicht die letzte Yacht zu sein, deren Crew die Leinen loswirft, wenn die Tage länger werden und die Nächte angenehm lau. Nicht nur, weil mir das Gejammer meiner Steuerfrau auf den Geist geht, die neidisch jedem Boot hinterherblickt, das die Positionstonnen der Hafenausfahrt hinter sich lässt. Für mich gibt das einfach nichts Schöneres als nur Meer und Wind und Himmel um mich rum.
Immerhin, letztes und vorletztes Jahr haben wir das geschafft, Ende Juni die Leinen loszuwerfen, aber dieses Jahr verlassen wir schon Ende Mai den Hafen! Mit einem lachenden Auge, das den Horizont sucht, und einem weinenden, das zurückblickt, zu den Schiffen, Seglern und Landratten hin, die wir über Winter ins Herz geschlossen haben. Und auf das hübsche Küstenstädtchen Pylos, wo der Herzenswunsch meiner Steuerfrau in Erfüllung gegangen is´. Eines Morgens stand da nämlich ´ne befreundete Landratte am Kai, die gerne streunenden Hunden und Katzen hilft, und hatte ´ne bannig seute Töle auf´m Arm. Meine Steuerfrau und ich waren hin und weg, und auch mein Käpt´n hat sich gleich in den Schietbüddel verguckt. Sousa heißt die Lütte, wiegt gerade mal fünf Kilo, ich hab´ jetzt ein Relingsnetz, damit sie nich´ über Bord gehen kann.
Sousa und Lobsty im Stadthafen von Pylos
Als mein Motor anspringt, spitzt sie erschrocken die Knickohren und hopst aus ihrem Körbchen unter der Sitzbank am Steuer. Aber Plicht is´ Pflicht für Sousa, wenn wir Anker auf gehen oder, wie jetzt, ablegen, um zwei befreundeten Booten zum alljährlichen Jazzfestival nach Kardhamili zu folgen.
Sousa zeigt sich seetauglich, uns fällt ein Stein vom Herzen. Wir ankern mit Blick auf eine Bühne, bis wir nach Porto Kagio aufbrechen, wo ich ein letztes Mal gemütlich neben der Rijo und der Chellouise vor mich hin schaukel. Denn der Wind bestimmt, und der bringt uns am nächsten Tag zum Kanal zwischen der Insel Kythira und dem Kap Malea, an der Südspitze des östlichen Peloponnesfingers. Hier zeigt der Meltemi sich gerne von seiner stürmischsten Seite, schon Odysseus versetzte er vor die Küste Afrikas, zu den Lotosessern. Doch wir kommen mit dem Westwind, der im Kanal ´nen Zahn zulegt, von so zwölf auf achtzehn Knoten, und an Lee von Kythira die Hänge hoher Berge hinabsaust. Als meine Crew vor Agios Pelagia den Anker wirft, peitscht er uns vom Land her mit über zwanzig Knoten flache Wellen entgegen, auf denen Schaumkrönchen tanzen.
Über Nacht schläft der Wind ein, wir hoffen, dass er nochmal auffrischt, uns Kurs Nordost zur westlichsten Insel der sagenumwobenen Kykladen bringt. Doch Eile mit Weile, denn das wird mit sechzig Seemeilen der erste längere Schlag für Sousa werden.
Und überhaupt, ich trau mich ja kaum, das zu sagen, aber ich glaub´, ich bin wunschlos glücklich.
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Glossar
Tüünkram – Unsinn
Pylos – Hafenstädtchen im Südwesten des westlichen Peloponnesfingers
Marina de Burriana – Sportboothafen an der spanischen Mittelmeerküste zwischen Valencia und Castellón
Islas Columbretes – Kleines Archipel vulkanischen Ursprungs dreißig Seimeilen östlich von Castellón. Seht unter Naturschutz.
bannig seute Töle – sehr süßer Hund
Schietbüddel – „Schießebeutel“, Kosename für Babys und kleine Kinder
Kap Malea – Kap am Südzipfel des östlichen Peloponnesfingers
Meltemi – Nordwind, der in den Sommermonaten in der ägäis vorherrscht
Lee – die dem Wind abgewandte Seite
Schlag – eine Strecke, die man segelt. Lobstys segelt bei gutem Wind bequem um die dreißig Seemeilen an einem Sommertag. Ist der Schlag länger, muss die Crew früh aufstehen oder sich auf einen Nachttörn einstellen.
Eins hab ich vermisst diesen Sommer: das Lachen und Kreischen der Möwen. Mein Käpt´n fragt sich, ob diese Spezies in Griechenland heimisch is´, aber hier gibt das doch so viele Fischerboote, denen fliegen Möwen so gerne hinterher. Schon Aristoteles hat Möwen beobachtet, und auch Odysseus soll den Küstenvögeln auf seinen Irrfahrten begegnet sein. Immer wieder wandert der Blick meiner Steuerfrau suchend zum Himmel, oder über die Felsen und Inselchen, auf denen Vögel so gerne rasten.
Mein Käpt´n schaut nach dem Autopiloten, ersetzt die dünnen Originalkabel zur Hydraulikpumpe durch dickere, klemmt anständige Kabelschuhe an. Doch kaum haben wir uns auf den Weg gemacht, steigt der Autopilot wieder aus. Zum Glück bläst der Meltemi, strafft meine Segel und hält mich auf Kurs zum Kap Sounion, wo Poseidon von seinem Tempel aus weit übers Meer blickt.
Ein perfekter Segeltag
Kap Sounion mit Poseidontempel
Nach ´ner beschaulichen Nacht bitten wir den Meeresgott der alten Griechen um Schutz. Aber auf dem kurzen Törn nach Glyfada flucht meine Steuerfrau vor sich hin, das is´ Flaute, sie musste meinen Motor anschmeißen. Drei Strich Backbord, zwei Strich Steuerbord, das Steuern braucht pausenlos volle Aufmerksamkeit, Klönschnack mit dem Käpt´n oder den Wolken hinterher träumen is´ nich´. Als sie kurz auf den Plotter schaut, um Kurs und Geschwindigkeit von ´nem Frachter zu checken, der uns entgegen kommt, lauf ich aus dem Ruder, dabei will ich doch gar nich´nach Afrika. ´N büsch´n Wind hätte Poseidon ruhig schicken können!
In der Bucht von Athen fällt mein Anker vor einem Park mit Restaurantterrassen, bald schaukel ich einsam vor mich hin. Meine Crew hat mein Beiboot vorm Yacht Club festgemacht, will an Land Ersatzteile besorgen, denn auch mein Wassermacher is´ futsch. Kaffee und Tee wird an Bord nu´ mit Mineralwasser gekocht, geduscht wird erstmal nicht.
Der späte September is´ heiß, die Stadtluft abgasschwer und klebrig, das trübe Meer lädt nich´ zum Schwimmen ein. Aber die Nächte sind unterhaltsam: Einmal Hochzeitsfeuerwerk über´m Restaurant, öfter mal Motorradrennen auf der Küstenschnellstraße. Das Geknatter und Geknalle der Maschinen verstummt, wenn rotes Blinken Drohnen verrät, die zwischen den Lichtpunktreihen der Straßenlaternen umherschwirren. Sind wohl Polizeispione, kaum sind sie verschwunden, röhren die Motorräder wieder um die Wette.
Bin froh, als mein Wassermacher repariert ist und ich nach vier Stunden Motorfahrt im Schatten hoher Hügel vor Nisos Aegina liege. Die Insel mitten im Saronischen Golf hat kaum geschützte Buchten, der Schwell holt meine Crew früh am Morgen aus der Koje. Nordwest kommt auf, wir segeln gen Süd, meine Steuerfrau blickt mal wieder sehnsüchtig zum Land, zur Nachbarinsel Nisos Moni, wo Ankern bei Nordwind ungemütlich wäre. Hirsche und Pfauen soll das da geben, wie sind die da bloß hingekommen?
Nisos Moni und Nisos Aegina
In der Bcht vonAthen
Die neue Hydraulikpumpe is´ in Deutschland bestellt, wir warten im Süden von NisosPoros, trinken manchmal Kaffee im quirligen Hafenstädtchen gleichen Namens. Mit Blick aufs Festland des Peloponnes liegt Yacht an Yacht römisch-katholisch am kilometerlangen Kai, aber ich döse in Ormos Dhaskalia vor mich hin, vor Landleinen, mit Blick auf einen schmalen Strand. Das Meer ist glatt wie ein Tümpel, manchmal dreht eine einsame Möwe ihre Runden, einmal sehen wir sogar zwei, auf dem Inselchen mit der lütten Kirche. Morgens taucht ab und an ein Kormoran auf, jagt Fische, hier gibt das noch welche.
Skurrile Nachbarn werfen ihren Anker. Ein zweiundfünfzig-Fuß-Katamaran unter US-Flagge, dessen Skipper meint, ich nähme zu viel Platz weg. Er will wohl auch gerne vor dem Strand liegen, wo meine Ruthie das Paddelboard parkt und die Böschung zur Landstraße hochkraxelt. Kaum is´ der Kat weg, kommt ´ne fette Motoryacht, die wie ´ne Wodka Marke heißt. Von morgens bis abends volle Pulle Techno, da steht meine Crew nich´ auf. zum Glück verzieht sich der Freudendampfer nach zwei Tagen, sonst hätte das Weck-Rock zum Fühstück gegeben, ACDC, Highway to Hell. Nu´ kann meine Crew kann das Buchtenleben wieder genießen, und nach neun Tagen warten kommt endlich die neue Hydraulikpumpe.
Lobsty in Ormos Dhaskalia
Golf von Poros
Wandern aud der Insel Poros
Im Kloster gibt’s Süssigkeiten
Der Meltemi erhebt sich früh, auf geht´s zu meinem Winterliegeplatz. Kurz vor Sonnenuntergang segeln wir sechzig Seemeilen weiter südlich um ´ne Landzunge, sind müde, freuen uns auf ´n ruhigen Abend in Palaia Monemvasia. Stattdessen bekommen wir kräftig auf die Mütze. Fallwinde rutschen die Berge am Nordufer der weiten Bucht runter, knallen in meine Segel, bringen mich bannig in Schräglage. Schleunigst holt meine Crew das Großsegel ein und refft die Genua. Trotzdem hab ich immer noch soviel Krängung, dass die Wellen, die der Wind uns vom Ufer her entgegen schleudert, über meine Deckskante klatschen. Nach ´ner viertel Stunde fällt mein Anker und greift beim ersten Versuch. Nachts wird das ruhiger, aber noch vor dem Frühstück huschen wir um die Halbinsel Monemvasia, bestaunen im Vorübergleiten das anderthalb Jahrtausende alte Festungsstädtchen, das sich hinter dicken Mauern an die Felsen drückt.
Moni Emvasia (μόνη εμβασία) bedeutet »Einziger Zugang«, der Ort war lange Zeit eine freie byzantinische Stadt, die vielen Belagerungen standhielt. Fiel dann den Franken in die Hände, den Osmanen, den Venezianern, kurzzeitig sogar einem katalanischen Seeräuber, der die Festung bald den Römern überlassen musste. Bis zum Aufstand der Griechen gegen die Osmanen in den 1820er Jahren nannte man ihn auch „Gibraltar des Ostens“, heute ist Monemvasia ein Freiluftmuseum, in dem ein paar alte Leute die Stellung halten, umringt von Hotels, Wochenendhäusern, Bars, Restaurants und Souvenirläden.
Palaia Monemvasia
FestungsstadtMonemvasia
Halbinsel Monemvasia
Vor der Brücke zwischen dem Festland und der Halbinsel ist Ankern erlaubt, doch wir legen im kostenlosen Stadthäfchen an, längsseits, mitten am Kai der östlichen Außenmole. Möwen gibt das auch hier keine, trotz der Fischerboote, wenn das nich´ so traurig wäre, würd´ ich mich da ja über freuen. Keine Möwen, keine Möwenkacke.
„Ruthie, komm schnell!“, ruft mein Käpt´n, der achtern an der Reling steht und aufs Wasser zeigt. Meine Steuerfrau sputet sich. Ihr Herz beginnt zu klopfen, als sie die Meeresschildkröte entdeckt. Bannig alt muss die sein, is´ größer als mein Rettungsring. Langsam paddeln ihre kurzen, dicken Reptilienbeine, ihr Panzer ist mit Algen bewachsen. Sie knabbert eifrig an der Kaimauer, arbeitet sich in dem schmalen Spalt zwischen meinem Rumpf und der Mauer voran. Kümmert sich nich´ um meine Crew, die ihr an meine Reling gedrängt folgt, sie nicht aus den Augen läasst, bis sie meinen Bug erreicht hat und davon schwimmt.
Später, am Nachmittag, sieht mein Käpt´n mitten im Hafenbecken zwei Schildkrötenköpfe aus dem Wasser lugen. Meine Steuerfrau ist nach Monemvasia aufgebrochen, wollte zur Oberstadt, wo Reste einer mittelalterichen Burg und eine Kirche stehen. Schaut sicher schon vom höchsten Punkt der Halbinsel zu mir runter, schüttelt den Kopf, weil dieser schöne Ort so viele Kriege erlebt hat. Denn friedlich währt am längsten, das beweisen die Schildkröten, die seit den Zeiten der Dinosaurier die Meere bewohnen.
Aufstieg zur Oberstadt von Monemvasia
Blick auf den Ort Gefira und den Stadthafen
Die Kapitänin der Nausikaa schickt ´ne Nachricht, fragt, ob wir schon ums Kap Malea rum sind. Dort begann die Irrfahrt des Odysseus, der wollte nur kurz um den Peloponnes rum, nach Ithaka, doch am Kap Malea riss die windgepeitschte See ihn fort. Gen Afrika, zur den Lotusessern auf der Insel Djerba. Odysseus kannte weder Wetterradar noch Wettersatelliten, sonst hätte er das sicher wie die Berufsschifffahrt gemacht, die heutzutage bei Starkwind das Kap Malea meidet und den Umweg um die Insel Kythira in Kauf nimmt. Meine Crew checkt die Windy App und bei ruhigem, klarem Wetter tuckern wir um den sagenumwobenen südlichsten Zipfel des europäischen Festlands.
Noch zwei Ankerpätze, dann werden wir am Ziel sein. In Agios Elena, an der Südküste von Nisos Elafonisos, trifft ein Meer wie Aquamarin auf hellen, von Dünen gesäumten Sandstrand. Wir haben Glück, der Südwest schiebt erst ab drei Uhr morgens Welle in die Bucht, um vier lichten wir den Anker. Umrunden den mittleren Peloponnesfinger, wo am Kap Tainaran die See ´n büsch´n rauer wird. Nehmen Kurs Nordnordwest, auf den ersten Peloponnesfinger zu. Der Wind gibt sich launisch, bläst mal munter, schläft dann wieder ein. Gewitterfronten ziehen uns entgegen, dunkle, bauchige Wolken, manche driften ab nach West, andere nach Ost. Über uns bleibt der Himmel hell.
Agios Elena
Der Gewitterfront entgegen
Venezianische Festungsanlage von Methoni
Ich bin ein wenig wehmütig, als wir mit Blick auf die venezianische Festungsanlage, die Methoni vom Ionischen Meer trennt, die letzten Nächte vor Anker liegen. Das Meer ist klar, das Örtchen beschaulich, gerne würden wir länger bleiben. Doch im nur acht Seemeilen entfernten, kostenlosen Stadthafen von Pylos ist gerade ein guter Platz frei. Freunde, die schon ein Weilchen dort liegen, raten uns, nich´ zu trödeln. Kurz vor Pylos, als wir zwischen der Insel Sfaktiria und dem Leuchtturm in die weitläufige Bucht von Navarino tuckern, sehen wir zum ersten Mal in diesem Jahr einen kleinen Schwarm Möwen.
Nachbar im Stadthafen
Stadtmauer von Pylos
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Glossar
Aristoteles – beobachtete auch das Aussehen und Verhalten von etwa fünfhundert Tierarten, das er in seinem neunbändigen Werk „Historia animalium“ („Geschichte der Tiere“) beschrieb.
Hydraulikpumpe -ist durch T-Stücke an die beiden Schläuche der Steuerungsanlage angeschlossenundmit dem Kurscomputer verbunden (meist mittels NMEA2000-Schnittstelle), der über die Pumpenaktivität das Ruder bewegt.
Meltemi – in der Ägäis vorherrschender Wind aus dem Nordquadranten
Glyfada – Stadt südlich von Athen an der Westküste von Attika
Plotter – Kartenplotter: Schiffsnavigationsgerät (GPS), das auf einem Display eine eletronische Seekarte anzeigt, auf der Position und Route des Schiffes zu sehen sind. Über das Automatische Identifikations System (AIS) können Schiffe in der Umgebung angezeigt werden, z.T. mit Information zu Kurs, Geschwindigtkeit oder z.B. Schiffslänge. Das Display kann als Radarbildschirm genutzt werden, der Werte anzeigen, die Echolot und Windmesser geben.
Saronischer Golf - Golf im Norwesten der Ägäis, auch Golf von Ägina genannt.
Nisos Aegina – Insel Ägina
Nisos Moni – Insel Moni
Nisos Poros – Insel Poros
Schwell (oder Dünung) -Wellen, die aus ihrem Entstehungsbereich herausgelaufen sind oder von vorbeifahrenden Schiffen verursacht werden, und in einen Hafen oder ein Bucht laufen. Im Gegensatz zur Windsee, die entsteht, wenn der Windd auf die Wasseroberfläche trifft. Schwell + Windsee = Seegang
Verkehrtrennungsgebiet – kanalisiert an Engstellen oder Kaps einen Schifffahrtsweg in unterschiedliche Fahrtrichtungen
römisch-katholisch anlegen – erst den Buganker werfen, dann rückwärts am Kai anlegen und Backbord und Steuerbordleine legen. Die Ankerkette liegt dabei in der Verlängerung der Längsachse des Schiffes oder Bootes.
Ormos Dhaskalia – Dhaskalia Bucht, an der Südküste der Insel Poros
zweiundfünfzig-Fuß-Katamaran – ca. 16m langes Schiff mit zwei Rümpfen, die fest miteinander verbunden sind.
Skipper – verantwortliche Boots- oder Schiffsführerin der Freizetschifffahrt.
Palaia Monemvasia – bucht m Norden der Halbinsel Monemvasia, an der Ostküste des östlichen Peloponnesfingers
bannig – sehr
Krängung – seitliche Neigung eines Schiffs
Nausikaa -befreudnete Segelyacht
Ithaka – griechische Insel im Ionischen Meer, Heimat des Odysseus
Windy App – Wetter App für Segler und SurferInnen
Agios Elena – Bucht der Insel Elafonisos
Nisos Elafonisos – Insel westlich des Kap Malea
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Lobstys Route 2023
Nördliche Sporaden und Pagasitischer Golf (Quelle: Wiki Commons)
Immer nur Delphinsprünge von einer Bucht zur andern, seit Ende Juni ankern wir mal hier, mal da, und das is´ schon fast September. Die nördlichen Sporaden sind man bannig schön, aber ich bin doch kein Hausboot! Wird Zeit, dass ich endlich Meilen mache.
Aber erst mal kommt Besuch, den wir in Volos abholen, also nehmen wir Kurs auf den Pagasitischen Golf. Es ist ein bisschen wie nach Hause kommen, als mein Anker in Ormos Alogoporos fällt, gegenüber der Insel Trikeri, zu der bis spät abends ein Wassertaxi schippert. Doch am nächsten Morgen zeigt die Welt sich duster, und auch während die Sonne höher steigt bleibt die Silhouette der Berge im Norden hinter einem grauen Schleier verborgen. Nebel sieht anders aus, mein Deck ist bald von einer grauen, schmierigen Schicht bedeckt. Denn der Meltemi bringt Asche aus Nordost, wo seit zwei Wochen ein verheerender Waldbrand wütet, im Dadia Nationalpark Tiere und Pflanzen in Rekordzeit frisst. Über dreihundert Kilometer entfernt liegt die Gegend an der Grenze zur Türkei, aber meine Ruthie macht alle Luken dicht und bleibt im Salon, denn an Deck kann von frischer Luft keine Rede sein.
Aschenebel
Drei Tage später geht das gen Norden, der wolkenlose Himmel ist noch immer grau statt blau. Kurz vor Volos gleite ich durch Grüppchen von Spiegeleiquallen, viele sind bratpfannengroß. Auch auf dem Rückweg zu den Sporaden, als unser Besuch schon an Bord is´, treffen wir noch vereinzelt auf diese Überlebenskünstler, die das Meer seit Urzeiten bewohnen. Das Nesselgift von Spiegeleiquallen ist für Menschen ungefährlich, die kuriosen Wesen sind sogar essbar. Wer schwimmen will dreht nun trotzdem vorher ´ne Runde an der Reling und linst ins Wasser.
Meine Crew hat sich verdoppelt, da freu ich mich über, das gibt dem Bordleben Schwung. Bald zieht uns das nach Skopelos, wo das bei Neo Klima so schön nach Wald duftet. Die Vicktory lässt nich´ lange auf sich warten, ihr Anker fällt Steuerbord voraus. Mein Käpt´n bleibt an Bord, während der Rest meiner Crew und der Käpt´n der Vicky die Insel mit dem Scooter erkunden. Glossa, das hübsche Bergdörfchen, und Skopelos Stadt, wo die Yachten am Kai wie Flummis auf und ab hüpfen, wenn Fähren kommen und gehen.
Die Vicky vor Neo Klima
Blick von Glossa zum Festland
Häuser in Glossa
Skopelos Stadt
Spiegeleiqualle (Quelle: Wikimedia Commons)
Zwei Sonnentage sind uns gegönnt, dann is´ Tief Daniel im Anmarsch. Zum Glück liegt nur zwei Seemeilen südlich von Neo Klima ein Naturhafen. Limani Panormos, am Südufer von Ormos Panormos, ist ein Ort wie von Zauberhand geschaffen. Pinien reichen bis ans seichte Ufer, wo überall Felsbrocken aus dem Wasser ragen, die darauf warten, dass die Tochter vom Käpt´n mit meinen Landleinen zu ihnen schwimmt. Fische huschen um mich rum, ein kleiner Schwarm Brandbrassen natürlich, und ein paar Streifenbrassen. Möwen gibt das keine, aber fast jeden Morgen jagt ein Kormoran in Ufernähe, reckt den langen Hals, steckt dann den schwarzen Kopf mit dem langen Schnabel suchend ins Wasser, taucht ab und sein Hinterteil is´ das Letzte, was verschwindet. Einmal hockt er ganz in der Nähe auf ´nem Felsen und trocknet in aller Ruhe seine Flügel. Meine Ruthie is´ hin und weg, legt das Fernglas nich´ mehr aus der Hand.
Tief Daniel wird zum Gewittersturm, das regnet ununterbrochen, blitzt und donnert pausenlos. Meine Crew bemüht sich redlich um gute Laune, schiebt Ankerwache, Schichtwechsel alle zwei Stunden, sind ja zu viert. Wir haben die Blitze nich´ gezählt, die Feuerwehr in Volos schon: zwölftausend in einer Nacht.
Boote vor Landleinen in Limani Panormos (Skopelos, nördliche Sporaden)
Landleine gelegt
Suchbild: Limani Panormos
´Ne Woche is´ schnell rum, bevor der Sturm abgeflaut is´, hat unser Besuch schon die Rucksäcke gepackt. Der Rückflug startet von der Nachbarinsel Skiathos, doch alle Fähren sind gestrichen. Endlich darf ich mal zeigen, was ich kann, bin ja für raues Wetter gebaut. In Limani Panormos scheint das ruhig, aber wie das wohl um die Ecke aussieht?
´Ne viertel Stunde später, als wir aus Ormos Panormos raus getuckert sind, bleibt das Großsegel drin und meine Crew setzt nur die Genua. Im zweiten Reff. Is´ ja wenig Tuch, aber ich mache sechs Knoten, genieße den Wind umme Schnut und die Schräglage, während der Sohn vom Käpt´n mich steuert. Rüber nach Skiathos Stadt sind das neun Seemeilen, wir segeln in der Abdeckung von Skopelos. Nur auf den letzten drei Seemeilen rollt die Welle von der offenen See her auf mich zu, manch eine um die vier Meter hoch. Meine Crew refft nochmal, die Genua is´ nur noch ein lütter Zipfel.
Mein Anker fällt westlich von Skiathos Stadt, wo einige Boote vor Landleinen liegen und der Schwell sich in Grenzen hält. Im Hafen lieg ich ja nich´ gerne, und außerdem is´ das da voll. Mit dem Beiboot schippert meine Crew um ´ne kleine Landzunge, geduckt gegen die Welle an. An Land, in Hafennähe, sind die Straßen voller Schlamm, ausgerissener Bäume und Unrat, öffentliche Busse fahren nich´. Mit Rucksack und Tasche bepackt stapft unser Besuch zum Flughafen.
Ankunft in Skiathos
In der Abdeckung der Inseln wird es ruhiger
Boote vor Landleinen westlich von Skiathos Stadt
Das is´ still geworden an Bord, meine Crew is´ betrübt. Aber nu´ soll das ja gen Süden gehen, um den Peloponnes rum zu meinem Winterplatz, nach Pylos, wo meine Freundin Frieda liegt. Die hängt mich immer ab beim Buddysegeln, is´ ja auch´n Katamaran, ´ne flotte Catana. Noch schnell die gewaschene Wäsche abholen und einkaufen, dann stechen wir in See. Doch ich laufe immer wieder aus dem Ruder, mein Autopilot streikt und auch das Anemometer gibt seinen Geist auf. Aber der Meltemi bläst und bringt uns unbeirrt nach Skyros, mit der Welle aus Nordnordost, von schräg achtern, surfe ich munter dahin. Später dreht der Meltemi auf Ost, die Welle kommt von Backbord und schwappt immer mal wieder in die Plicht. Ich frag mich, warum meine Crew nich´ refft, die zwei sind irgendwie entspannter als sonst, liegt wohl an dem kaputten Anemometer.
Die südlichste Insel der nördlichen Sporaden empfängt uns mit sechs Beaufort, doch mein Anker greift beim ersten Versuch in Ormos Pefko. Jetzt, Mitte September, hat das Meer um Skyros rum nur noch achtzehneinhalb Grad. Die ersten Herbststürme sind schon übers Land gezogen, abends hat meine Crew Fleecejacken an, auch Morgens, vor dem Frühstück, als die zwei verschlafen in der Plicht hocken. Merken die denn nich´, dass ich durch die halbe Bucht rutsche, dass mein Anker slippt?
Als die Felsküste schon gefährlich nah is´, kommen die zwei endlich in die Puschen und lichten den Anker. Versuchen mehrmals, an der zehn Meter Linie nochmal Halt zu finden. Vergeblich. Um das schmale, längliche Inselchen Valáxa rum wär´n das acht Seemeilen in die nächste Bucht, die letzten vier bei über dreißig Knoten gegen den Wind an, also tuckern wir durch die enge Durchfahrt zwischen dem Festland und Valáxa nach Ormos Linaria. Dort liegt schon ´ne lütte Segelyacht unter ukrainischer Flagge vor Anker. Ihre Kapitänin is´ auf dem Vordeck, beschließt wohl, das winzige Dinghi nich´ zu Wasser zu lassen, hat ja auch keinen Außenborder, und gegen an rudern bei dreißig Knoten is´ keine gute Idee. Meine Crew schippert rüber, als sie zu dem hübschen Hafenstädtchen Linaria aufbricht, nimmt die Einhandseglerin in meinem Dinghi mit. „Wenn im Land Krieg herrscht, is´ das gut, ein Segelboot zu haben“, sagt meine Ruthie beim Kaffertrinken in der Strandbar.
Punkt neun holt mein Käpt´n am nächsten Tag meinen Anker auf. Während meine Steuerfrau mich aus der Bucht lenkt, schaut sie mal wieder sehnsüchtig zum Ufer hin, wo der Bus in den Norden der Insel abfährt. Landgang abgesagt, der Wetterbericht hat sich geändert, der perfekte Segelwind kommt einen Tag früher. Meltemi, was denn sonst.
Von Skyros bis zur Südwestspitze der Insel Euböa, das is´ kein Delphinsprung, sondern unser längster Schlag dieses Jahr. Glücklich lasse ich mich von der Welle schieben, am Ende des Tages durch den Steno Kafira, zwischen Euböa und der Insel Andros. Zwei bis drei Knoten Strömung sind in der zehn Seemeilen langen Wasserstraße alltäglich, bei starkem Meltemi können das bis zu sieben Knoten werden. Kein Wunder, dass ich meinen Geschwindigkeitsrekord aufstelle: mit 10,8 Knoten rausche ich dahin, in der Spitze natürlich, immer nur für ein paar Sekunden. Für die beinah sechzig Seemeilen brauche ich neun Stunden, kurz vor Sonnenuntergang huschen wir nach Ormos Castri rein. Mit einmal is´ das ruhig und still, die See glatt wie ein Spiegel in der lütten Bucht, die sich zwischen kahle, sanft abfallende Hügel schmiegt, auf denen hier und dort ein weißes Haus in der Abendsonne leuchtet.
Tschüs, Nördliche Sporaden, hoffentlich sehen wir Euch bald wieder!
Ormos Castri
Der Anker braucht ein paar Versuche, bis er hält
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Glossar
Ormos Panormos – Panormos Bucht
Limani Panormos – Hafen von Panormos
Meltemi – kräftiger Nordwind (meist aus Nordost kommend, auch mal aus Nordwest), der in den Sommermonaten in der Ägäis vorherrscht
Genua – vergrößertes Vorsegel eines Segelbotes (im Gegensatz zur Fock). Wenn die Genua ganz ausgerollt ist, befindet sich ihr Achterliek (hinterste, unterste Spitze) hinter dem Mast. Lobstys Genua ist größer, als ihr Großsegel .
zweites Reff – bei starkem Wind wird die Segelfläche durch Reffen verkleinert, um Druck aus dem Segel zu nehmen-Andernfalls geht das Boot zu sehr in Schräglage (es krängt). Zu hohe Krängung beansprucht Boot und Segel unnötig, denn sie verringert die Geschwindigkeit und kann zum Verlust der Ruderwirkung führen, im Extremfall sogar zum Kentern.
sechs Knoten – 11,112 km/h
Schwell – auch Dünung genannt: Wellen, die aus ihrem Ursprungsgebiet herausgelaufen sind, oder von vorbeifahrenden Schiffen verursacht werden, und in einen Hafen oder ein Bucht laufen.
Katamaran – Segelyacht mit zwei Rümpfen, die fest durch ein Tragdeck miteinander verbunden sind.
Catana – französische Werft, die im 1984 gegründet wurde. Catana Katamarane gelt als qualitativ hochwertige, leichte, schnelle Yachten.
Anemometer – Windmesser
sechs Beaufort – nach der Beaufortskala: 39 – 49 km/h
Ormos Pefko – Kiefernbucht
Ormos Linaria – Bucht von Linaria
Einhandseglerin – Frau, die alleine mit einer Segelyacht unterwegs ist
Euböa – zweitgrößte Insel Griechenlands, liegt in der Ägäis.
Oh, was freu ich mich auf die nördlichen Sporaden! Sporadikos (σποραδικός) bedeutet verstreut, über hundert Inseln und Inselchen sind das. Flechten, Felskrabben, Eidechsen oder Ziegen sind dort zu Hause. Hin und wieder eine windschräge Trauerzypresse, die sich an eine Felswand krallt und natürlich Kiefern. Im Meer wohnen Muscheln, Algen oder Seeigel am Fels, ab und an auch ein raffinierter Oktopus in ´ner Nische, Seepferdchen oder Seesterne leider kaum noch. Menschen leben vor allem auf den größten Sporadeninseln, auf Skiathos, Skopelos und Alonnisos , und auf Skyros, einen Segeltag weiter südlich.
Meine Steuerfrau checkt die Navily App, liest Kommentare von anderen Seglern zu den Ankerbuchten der Inseln, stolpert dabei über ein Foto. ´Ne Robbe auf´m Paddleboard! Im Hafen von Patitiri, der Hauptstadt von Alonnisos. Die Insel ist Teil des größten Naturschutzgebietes des Mittelmeers, wo Mönchsrobben in einem besonders geschützten Bereich leben, aber die tauchen doch ab, wenn sie Menschen nur von Weitem sehen!
Mönchsrobbe Kostis auf der Badeplattform der Anastasia II
Lobsty an der Ostküste von Peristera (Meeresnaturpark Alonnisos)
Ziegen auf Peristera (Meeresnaturpark Alonnisos)
Vom Pagasitischen Golf nach Skiathos is´ das nur ein Delphinsprung. Da wir gegen den Meltemi an kreuzen, der uns im Euböakanal mal wieder als Ostwind entgegen rauscht, sind die fünfundzwanzig Seemeilen an einem Tag nicht zu schaffen. Abends fällt mein Anker in Chondri Ammos, is´ kaum noch Platz in der Bucht, ich lieg in der Mitte, wo meine Kettenlänge gerade mal reicht. Zum Glück schlafen Wind und Welle ein, während die Sonne den Steinbruch gegenüber schönmalt, bis die Nacht alles Licht verschluckt.
Auch am nächsten Abend haben wir Dusel, der Meltemi beruhigt sich kurz nachdem wir Ormos Matraki, an der Südwestküste von Skiathos, im Zickzackkurs erreicht haben. Kristallklares Wasser hier, das Relief des Sandgrunds is´ deutlich zu erkennen. Der Käpt´n der Victory schickt ´ne Nachricht, er kommt von der Nachbarinsel Skopelos rüber. In meiner Kombüse duftet das nach Aubergineneintopf, als der Anker der Vicky sich zwischen mir und der steil abfallenden Felsküste in den Grund gräbt. Kurz darauf macht ihr Käpt´n sein Dinghi achtern fest und springt auf meine Badeplattform.
Früh am Morgen schon wieder Anker auf gehen, so hab ich das gern. Der angesagte Meltemi erhebt sich gerade, am Vormittag soll er schon wieder einschlafen. Meine Steuerfrau wirft einen letzten Blick zum Sandstrand mit der Robinson Crusoe Bar. „Nächstes Mal, Lobsty!“, flüstert sie und lenkt mich leicht nach Backbord, damit meine Ankerkette locker hängt und der Käpt´n, der am Bug steht, sie besser einholen kann. „Nächstes Mal guck ´ ich hier nach Fischen. Und ich geh´ an Land.“
Gegen an im Euböakanal
Anker auf vor Skopelos
Kaum sind meine Segel draußen, rausche ich Kurs Nordnordost. Als wir die Nordwestspitze von Skiathos erreichen, hat die Vicky, die etwas später los is´, mich längst überholt. Ihr Gennaker bauscht sich vorm Bug, ein leuchtend roter Punkt auf tiefem Blau weit draußen. ´N büsch´n neidisch bin ich ja schon, auch wenn ich das ungern zugebe. Manchmal fühl ich mich wie ´ne lahme Ente, wär´ ich doch bloß schneller! Jedes Mal, wenn ich die sieben Knoten Grenze knacke, jubelt meine Crew. Die Vicky beschleunigt im Handumdrehen auf sieben Knoten, braucht mit ihrem Leichtwindsegel gerade mal zehn Knoten Wind dafür. Und mit Groß und Fock kommt sie auch bei dreiBeaufort gut voran. Mit meinen zwanzig Tonnen kann ich da nur von träumen. Gegen ein so sportliches GFK-Leichtgewicht komm ich nich´ an. Bei drei Beaufort mach ich höchstens mal drei Knoten, aber nur mit dem Wind von querab oder achtern.
Bald ist die Westküste von Skopelos in Sicht. Im näherkommen weht uns Pinienduft entgegen, scheint allen Poren der Natur zu entströmen, sogar dem Meer und den Inselchen, die wir kurz vor Neo Klima umschiffen. Meine Steuerfrau is´ hin und weg von der grünsten Insel Griechenlands, selbst die höheren Hügel sind über und über von dichten Kiefernwäldern bedeckt. Kein Wunder, das Skopelos einer der wichtigsten Rastplätze für Zugvögel is´, die aus Afrika kommen.
Ankern vor Neo Klima
Blick über Skopelos
Einige Tage liege ich im Schutz einer kleinen Insel, dann is´ Starkwind im Anmarsch. Vicky und ich kreuzen gegen den Meltemi nach Alonnisos, das nordöstlich von Skopelos liegt. Im lütten Naturhafen von Votsy ist das Meer glatt wie ein Spiegel. Boote liegen dicht an dicht vor Landleinen, das is´ gerade noch Platz für zwei. Ankern war keine gute Idee, beim Schnorcheln sieht meine Steuerfrau, dass die Ankerketten der Boote vor Landleinen fast die ganze Breite des Hafens einnehmen. Sollte mein Anker slippen, könnten wir von bannig Dusel reden, wenn er in einem der zwei ausgedienten, algenbewachsenen Anker oder den gammeligen Leinen am Grund hängen bliebe. Sonst gäbe das Kettensalat.
In der Nacht knallen mir aus Nordwest Böen über zwanzig Knoten auf den Bug, meine Crew macht abwechselnd Ankerwache. Auch auf der Vicky hält der Käpt´n Wache, nickt ab und an in der Plicht ein. Als das endlich dämmert, tuckert meine Crew mit mir um die Ecke nach Ormos Milia. Nun kann ich seelenruhig um meinen Anker schwojen, und da der Meltemi über Land kommt, rollt kaum Schwell in die Bucht.
Naturhafen von Votsy
Votsy (Alonnisos)
Meine Ruthie schnorchelt und freut sich über Brandbrassen und Streifenbrasssen. Und ´nen Tag später traut meine Crew ihren Augen kaum, als ´ne Moana 38 neben mir den Anker wirft. Anastasia II heißtdie, und is´ sozusagen ´ne kleine Schwester von mir. Beim Klönschnack in ihrer Plicht erzählt ihr Käpt´n traurig von der Mönchsrobbe Kostis, die sich gerne auf der Badeplattform der Anastasia gesonnt hat. Meiner Steuerfrau geht ein Licht auf. Das Foto in der Navily App! Uns hätte das auch gefallen, wenn sich mit einmal so ´ne seute Robbe genüsslich achtern in der Sonne geräkelt hätte. Kostis war oft im Hafen von Patitiri, um Paddelboards oder Badeplattformen auszuprobieren. 2018, nach dem Medicane Zorbas, wurde er von einem Fischer gefunden, war noch ein Baby, hatte seine Mutter verloren. DieMOM pflege ihn gesund und wilderte ihn aus. Bald war er das Maskottchen des Meeresnaturparks, wurde berühmt in ganz Griechenland, denn er hatte keine Angst vor Menschen, suchte auch Kontakt zu Tauchern.
„Ich glaube, er wollte einfach nur Liebe teilen, sogar umarmt hat er mich“, sagt Nikos Vardakis von Ghost Divers Greece in einem Podcast von Ocean Crime. Seine Zutraulichkeit kostete Kostis das Leben, 2021 fand man ihn mit dem Pfeil einergroßen Harpune zwischen den Augen an einem Strand. Die MOM setzte achtzehntausend Euro Belohnung aus. Wer könnte ein Motiv haben, einen so harmlosen Meeressäuger zu ermorden? „Die fressen zu viel Fisch!“, soll ein Fischer gesagt haben. Und viele Fische hat meine Steuerfrau beim Schnorcheln ja auch auf den Nördlichen Sporaden nich´ gesehen. Wie lange ´ne Robbe wohl jagen muss, um satt zu werden? Würde mich nich´ wundern, wenn die Tiere öfter mal mit knurrendem Magen die Jagd aufgeben. Da kann so ein Netz, das ein Fischer quer durch ´ne Bucht gespannt hat, ungemein verlockend sein. Beute satt! Wusste der Mörder, der eine anderthalb Meter lange Harpune dabei hatte, wie zutraulich Kostis war? Er hat ihn sicher näher gelockt, um den präzisen Schuß abzufeuern, weil er meinte, Kostis hätte bei seinen Netzen nichts zu suchen. Und das mitten im Naturpark, wo die Mönchsrobben unter Schutz stehen. Doch nur die Insel Piperi und drei Seemeilen drum rum sind den mehr als fünfzig Tieren alleine vorbehalten. Im Meer ist es eng.
Blick von Skopelos auf Skiathos an einem Gewittertag
Lobsty am Kap Amarandos (Skopleos)
Abendstimmung in Tzortzi Gizmos (Alonnisos)
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Glossar
Sporadikos – griech. σποραδικός „verstreut“
Naviliy App – App, die es Seglern ermöglicht, Information über Ankerbuchten und Häfen auszutauschen.
Meltemi – Nordwind, der in den Sommermonatenin der Ägäis vorherrscht
Euböakanal – Kanal zwischen der Insel Euböa und dem Festland von Thessalien, bzw. der Halbinsel Magnesia
Chondri Ammos – Bucht an der Südküste der Halbinsel Magnesia
Kettenlänge – je länger die Kette ist, die am Grund liegt, umso zuverlässiger ist der Ankerhalt. Die Faustregel, um die nötige Mindestkettenlänge zu berechnen ist: (Wassertiefe+ Höhe des Überwasserschiffes) x 3. Ist Starkwind oder gar Sturm angesagt, lässt man mehr Kette raus.
Dusel – Glück
Ormos Matraki – Matraki Bucht
Victory – Dehler 36 CWS. Eine elf-Meter-Yacht, die für sportliches Segeln entworfen wurde. Das Central Winch System (CWS) erleichtert es, „einhand“. also alleine, zu führen: alle nötigen Handgriffe für das segel setzen, reffen und einholen können von der Plicht aus über eine zentrale Wunsch ausgeführt werden. Der letzte Stapellauf dieses Bootstyps war 1994.
GFK–Leichtgewicht – die Dehler 36 CWS wiegt leer 5,5 t. Sie ist aus glasfaserverstärkten Kunststoff (GFK) gebaut, wie die meisten Segelyachten.
querab – rechtwinkilig zum Kiel
Neo Klima – Hafenstädtchen an der Westküste von Skopleos
Landleinen – werden gelegt, wenn die Wassertiefe das Ankern in ausreichender Entfernung vom Ufer nicht erlaubt oder damit mehr Boote in einer Bucht liegen können. Zuerst wird der Anker geworfen, dann fährt man rückwärts aufs Land zu. Landleinen sollten immer an Felsnasen o.ä. gelegt werden, da sie Bäume verletzen könnten.
slippen -rutschen
Ormos Milia -Bucht an der Ostküste von Alonnisos
schwojen – im Radius um den Anker drehen: ein Schiff vor Anker oder an einer Boje dreht seinen Bug stets in den Wind. Wird der Wind stärker, spannt sich die Ankerkette. Kommt der Wind aus einer anderen Richtung, dreht sich das Boot um den Anker und ändert seine Position.
Schwell (oder Dünung) -Wellen, die aus ihrem Entstehungsbereich herausgelaufen sind. Im Gegensatz zur Windsee, die entsteht, wenn der Windd auf die Wasseroberfläche trifft. Schwell + Windsee = Seegang
Klönschnack – Schwätzchen
Plicht – auch Cockpit genannt. Außenbereich eines Bootes, wo sich die Crew aufhält.
Moana 38 – 38 Fuß lange, von Anton Luft entworfene Segelyacht aus Stahl
MOM – Griechische NGO zum Studium und Schutz der Mittelmeer Mönchsrobbe (Monachus Monachus)
Meeresnaturpark von Alonnisos – größter europäischer Meeresnaturpark und der erste, der in Griechenland gegründet wurde (vor dem Meerespark von Zakynthos)
Ghost Divers – Verein von Tauchern, die herrenlose Fischernetze (Geisternetze) vom Grund holen, in denen sich Fische und Meeressäuger verfangen und elend verenden
Ocean Crime – Webseite mit True Crime Podcasts zu Verbrechen auf hoher See