Lesbos, die Urige

Als die ersten Fischerboote den kleinen Hafen von Kardamila am Abend verlassen, kommt Wind auf. Auch dieses Jahr hat meine Crew sich das wider jede Vernunft in den Kopf gesetzt, nordwärts zu segeln, wider jede Vernunft, denn nordwärts Segeln bedeutet in den warmen Monaten in der Ägäis vor allem eins: Gegen an, dem Meltemi die Stirn bieten. Oder: Warten. Warten auf ´ne muntere Brise aus Ost, West oder Süd und in die Pötte kommen, sobald die einsetzt, denn immer gewinnt nach kurzer Zeit der Meltemi wieder die Oberhand.

Der Südwind, der uns nach Lesbos bringen soll, kommt zügig in die Gänge, pustet über Nacht ´ne ganze Weile mit bis zu sechs Beaufort und dreht am nächsten Tag allmählich über Südwest auf West, bis meine Segel nur noch rumhängen in ´nem lauen Lüftchen aus Westnordwest. Mit tuckerndem Motor erreichen wir am frühen Nachmittag Lesbos, schippern durch die enge Zufahrt zum Kolpos Geras, dem kleineren von zwei Meerbusen, die von Dörfern, Städtchen und Fischfarmen bevölkert sind. Mein Anker fällt in der Bucht von Skala Loutron und meine Crew müde in die Koje.

Morgens jammert mein Käpt´n über die kalte Ägäis, und auch meine Steuerfrau verzichtet auf das Aufwachbad. Dabei könnte sie das gut ab, den Nachttörn hat sie lange nich´ so gut wegsteckt wie früher. Meine Crew kommt in die Jahre, und mein Dinghi is´ mittlerweile sogar altersschwach und ständig platt wie ´ne Flunder. Meine Crew pumpt, lässt schnell noch den Außenborder ab und montiert ihn, dann geht das ab an Land. Sousa stützt die Vorderpfoten auf den Schwimmkörper, reckt schnüffelnd das Näschen dem Ufer entgegen und hüpft bald munter vor meiner Ruthie her auf der Sandpiste durch Olivenhaine zum Bergdörfchen Loutron, wo das nach frischem Brot duftet.

Mein Käpt´n schmeißt alldieweil den Wassermacher an. Nach dem Wassermachen fällt die Batteriespannung von um die dreizehn Volt auf elf, also von „voll“ auf „leergelutscht“. Die aus der Mode gekommenen Bleibatterien sorgen seit unserer Jungfernfahrt für Bordstrom, sind mittlerweile ebenso altersschwach wie mein Dinghi; die lütte Kühltruhe, die seit Kurzem unter Deck vor sich hin brummt, zwingt sie vollends in die Knie.

Wieder warten wir, diesmal auf Lithiumbatterien, die aus Deutschland kommen sollen. Huschen in eine andere Bucht, in der Zufahrt zum Kolpos. Dann wieder zurück nach Skala Loutron. Damit meiner Crew die Zeit nich´ lang wird, beginnt der Kärcher Hochdruckreiniger zu lecken, der beim Wassermachen das Seewasser zwecks Entsalzung ansaugt. Motzend wischt meine Steuerfrau die Salzwasserpfützen in der Achterkajüte weg, erst letztes Jahr hatten wir das gleiche Problem und sie hat auf Santorini gleich zwei kleine Kärcher besorgt. Nu´ wird der zweite eingebaut, der für´s Saubermachen von meinem Deck bestimmt war. Den brauchen wir erstmal nich´, Süßwasser für ´ne Hochdruckreinigung gäbe das ohnehin nur im Hafen, und Häfen laufen wir im Sommer ungern an, da müsste mein Käpt´n ja ´ne Badehose anziehen.

Die Schapps sind leer, wir brauchen frische Vorräte. Von Skala Loutron nach Pérama is´ das nur eine Seemeile. Der fünfzehn PS Außenborder bringt mein Dinghi prima ins Gleiten, im Nu legt meine Crew im lütten Fischerhafen an, wo Sousa als erste an Land springt und hektisch schnüffelnd die in Haufen am Kai lagernden Fischernetze erkundet. Sie muss an die Leine, durch das verschlafene Örtchen rumpeln reihenweise alte Pickups, einer ist mit Fisch in Styroporkisten beladen, ein anderer mit Ackerbaugeräten. Für meine Crew is´ das Liebe auf das erste Bier: drei fünfzig die halbe Liter Buddel, Schüssel Chips inbegriffen. Und in der Gyros Bude schenkt der Wirt meinem Käpt´n ´n Fläschchen Ouzo zum Abschied, wer den 42%igen probiert hat, darf den 48%igen auf keinen Fall missen!

Mein Käpt´n hockt inner Plicht, lässt den Blick schweifen und genießt die salzige Luft. Meine Steuerfrau, die ja eigentlich mein Schreiberling is´, macht sich das im Salon bequem, erfindet ´ne Geschichte mit Drachen und anderen Helden, anstatt von mir und meinen Abenteuern zu berichten. Das Warten gefällt meiner Crew viel zu gut, die beiden werden immer segelfauler, sattgrüne Algen besiedeln mittlerweile meine schöne Badeleiter aus Edelstahl und dauernd gibt das neue Gründe, auf Lesbos zu bleiben, das nur einen Steinwurf von der Türkei entfernt liegt und nicht für seine Strände oder Kulturdenkmäler berühmt ist, sondern aufgrund all der Zeitungsberichte über das vor einigen Jahren abgebrannte Flüchtlingslager Moria. Das Zeltlager Kara Tepe nah bei der Inselhauptstadt Mytilini nahm nach dem Brand einen Teil der obdachlos gewordenen Menschen auf, doch aktuelle Berichte sucht meine Steuerfrau vergeblich.  Findet nur kurze Notizen über ein Containerdorf, das hinter hohen, mit Natodraht bewehrten Mauern und Zäunen im Inselinneren entsteht und 10.000 Menschen aufnehmen soll. Is´ das etwa ein Verbrechen, ein Stückchen vom Kuchen zu wollen? Das Meer hat mir geflüstert, auch Europa sei im Lauf der kurzen Menschheitsgeschichte von Hunger und Not gepeinigt worden, und überfüllte Segelschiffe hätten Kurs auf ferne, verheißungsvolle Küsten genommen. 

Was bin ich man froh, dass meiner Crew das so gut geht! Mit vollen Schapps lichten wir einmal mehr den Anker vor Pérama, nehmen endlich mal Kurs auf die Südküste von Lesbos, huschen um ein Kap und ankern in ´ner wunderbar einsamen Bucht. Ein Sträßchen führt von Meer weg, vorbei an Häuschen mit Gemüsegärten, wo das besonders am Wochenende gesellig zugeht. Sousa is´ der Duft der Schildkröten nich´ geheuer, aber Eichhörnchen jagt sie umso lieber. Den Strand säumen ´ne lütte Kapelle und zwei Häuser, in einem leben zwei Frauen im Alter meiner Ruthie, die eifrig Tomaten, Zucchini und Paprika pflegen; im anderen ein Fischer, der jeden Tag durch die Bucht schippert und seine Netze kontrolliert. Einmal, bei Starkwind, zieht er das Sup meiner Ruthie weiter an Land und verknotet das neu, der Weberleinstek hat ihm wohl nich´ gefallen.

Wieder leeren sich meine Schapps, einmal mehr tuckern wir gegen leichten Meltemi an nach Pérama, wo meine Crew sich nach dem Einholen im kühlen, begrünten Café Baroque auf selbst gezimmerten Bänken mit bunten Kissen lümmelt, Kaffee trinkt und mit dem rastalockigen Wirt schnackt. Mein Anker wird gelichtet, um vor Skala Loutron gleich wieder zu fallen, denn endlich sind die neuen Batterien beim Paketdienst in Mytilini angekommen.

Mit Hilfe eines Flaschenzuges hievt meine Crew die alten Bleibatterien den Niedergang hoch in die Plicht und unter die Sitzbank hinterm Steuerstand. Dann tuckern wir in die Bucht von Avlonas am Eingang der Zufahrt zum Kolpos. Unter zwei ehrwürdigen Ahornbäumen freundet meine Ruthie sich im schattigen Gartenrestaurant Avlonas mit der jungen Wirtin an, darf sogar die Restaurantwaschmaschine benutzen. Ein paar Tage später hält morgens ein roter Pickup am Ufer und zwei Cousins der Wirtin kommen an Bord, um meine alten Batterien ins Dinghi zu wuchten, meine Crew is´ bannig froh, dass die fünfzig Kilo schweren Oschis als Windenergiespeicher ein neues Zuhause gefunden haben.

Mit Sternchenblick überwacht mein Käpt´n mit ´ner App fürs Handy den Ladezustand der neuen Lithiumbatterien, richtig Wumms haben die.  Dennoch bleibt das Warten unsere Konstante, diesmal auf den Hochdruckreiniger, den wir in seiner Eigenschaft als Seewasserpumpe für den Anbieter vom Wassermacher-Bausatz testen sollen. Trotzdem plant meine Crew endlich ´nen Törn an der Südküste lang, wurde man auch Zeit, das das weitergeht! Lesbos is´ groß, die drittgrößte Insel der Ägäis, um genau zu sein. Und nur weil meine Menschen in die Jahre kommen, muss mir doch kein Algenbart am Rumpf wachsen.

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Glossar

Meltemi – meist starker Wind aus Nord bis Nordost

sechs Beaufort – starker Wind: 39 – 49 km/h

Kolpos Geras – Weiträumige Einbuchtung, die Erbe längst verloschener Vulkane ist. (Altgriechisch  „κόλπος“: Schoß, Vertiefung.)

Achterkajüte – Kajüte hinten im Schiff

Plicht – der offene Teil an Deck eines Bootes mit Steuerstand und Sitzgelegenheiten.

Sup – Paddelbord

Weberleinstek – Häufig verwendeter Knoten zur Befestigung einer Leine an einem Gegenstand mit vertikaler Zugkraft.

Schapps – Vorratsschränke

bannig – sehr

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Das Glück und der Meltemihimmel

Wenn Glück man so beständig wär´, wie das Blau des Himmels bei Meltemi. Andere Winde schicken Boten voraus, treiben zu weißen Fetzen zerfaserte Wolken vor sich her, wie der Mistral, oder wüstensandschwere Cumulusberge, die alles in Grau tauchen, wie der Scirocco. Der Meltemi aber rauscht den ganzen Sommer über wolkenlos durch die Ägäis, und obwohl er gern stürmisch und rau wird, liebt er den Himmel hell und klar und tiefblau.

Ich mag den Meltemi, der bringt mich gut in Fahrt. Auch meine Crew zählt auf ihn, hisst zügig Groß und Genua, als wir Ende Mai von Kythira nach Santorini aufbrechen, wo im Juni Besuch an Bord kommen will. Erstes Ziel ist Milos, die westlichste Insel der Kykladen, bis da sind das um die sechzig Seemeilen, Sousas erster langer Schlag, und je steifer die Brise, umso eher kommen wir an.

Doch der Meltemi zeigt kaum Muckis und schläft viel zu früh ein. Zähneknirschend schmeißt meine Steuerfrau meinen Jockel an, Motorlärm is´ nervig und teuer, Dünung und Welle sind bei Motorfahrt um einiges lästiger, als unter Segeln. So dauert das nich´ lange, bis unser neues Crewmitglied im Salon sein Frühstück wieder rauswürgt. „Sowas passiert selbst alten Seebären“, sagt meine Ruthie, streichelt die lütte Fellnase und wischt das Malheur weg.

Im Stadthafen von Adamantas, der Hauptstadt von Milos, sehen wir zum ersten Mal seit langem einen Schwarm Möwen. Und ich werd´ endlich mal wieder ausgiebig mit Süßwasser geschrubbt, da musste ich den ganzen Winter auf verzichten, in Pylos gab das ja keins am Kai.

Aiolos ist uns wohl gesonnen, wir werfen die Leinen los und kreuzen erstmal gegen leichten Meltemi nach Sarakiniko, an der Nordküste von Milos. Wollen ein seltenes Geschenk des Windgottes genießen: drei Tage Flaute. Die See schimmert türkis, bleibt kristallklar und ruhig, wunderschön is´ das in der weiten, ungeschützten Bucht, wo ich vor Anker liege, so schön, dass auf den Felsen an der Küste, die von weitem wie gewaltige, weiße Sanddünen wirken, Tag für Tag Besucherströme ausschwärmen, bunte Punkte dicht an dicht, die sich über die von Wind und Meer modellierten Gesteinsformationen schlängeln. Von daher macht meine Crew macht sich lieber in der Morgenfrische auf zum Ufer, und kurz vor Sonnenuntergang , wenn das da ruhiger is´. Auch am letzten Abend vor Sarakiniko hüpft Sousa schwanzwedelnd zum Heck, legt die Pfötchen auf´n Süllrand und lässt den Käpt´n, der das Dinghi klarmacht, nich´ aus den Augen.

 „Wir haben ein Problem“, ruft der mit einmal, „das Dinghi verliert Luft!“ Springt zurück auf die Badeplattform, in die Plicht und unter Deck. Sousa schaut verdattert, rennt nach ´ner Weile hinterher und lugt den Niedergang runter, wo das rumpelt und klappert. Die Dose mit PVC-Kleber war an ihrem Platz unter der Lotsenkoje, das Fläschchen mit dem Härter aber weder beim Kleber zu finden, wo das hingehört, noch unter der Koje in der Achterkajüte oder in der Kiste mit allerlei Dosen und Flaschen im Regal unter der Backskiste. Als es endlich zwischen den Kisten unter der Lotsenkoje auftaucht, stellt sich raus: der Härter is´ völlig vertrocknet.

Sousa muss doch mal! Bei meiner Steuerfrau sinken die Flaggen auf Halbmast. Dann krabbelt sie in die Bugkoje, zieht den Sack mit dem Paddleboard unter die Luke, holt die Fußpumpe von achtern und eilt an Deck. Zerrt den Sack aus der Luke, packt das Paddleboard aus und beginnt hektisch, die Pumpe zu malträtieren. Sousa schnüffelt an dem Ding, das so verdächtige Pfeiftöne von sich gibt, wedelt dabei beharrlich mit ihrer Ringelrute.  Doch als dass Board endlich einsatzbereit ist, ist die Sonne verschwunden und der Meltemi im Anmarsch, um die Flaute zu vertreiben. Meine Ruthie ruft Sousa zum Bug. Zeigt ihr ein Leckerli. Ruft: „Pipifein!“ und „Kackafein!“, wie die Zwei dass an Land geübt haben. Ich mag das, wenn Sousas Pfötchen über mein Deck trappeln, aber dass vorn am Bug nu´ das Hundeklo is´, da muss ich mich erst an gewöhnen.

Sowie das hell wird tuckern wir zurück nach Adamantas, wo das einen Bootsladen gibt, der bestens sortiert is´. Sousa, die noch nicht schwimmen kann, kriegt die knallorange Schwimmweste angetrekkt, auf der „Rescue Team“ steht. Als meine Steuerfrau gegen den Meltemi an rudert, hockt die Lütte wacker zwischen ihren Beinen und reckt die Schnute in den Wind.

So´n aufgeklebter Patch soll ja´n Weilchen trocknen, zum Brot holen am nächsten Morgen muss wieder das Paddleboard ran, wird an ´nem lütten Strand an der Uferstraße geparkt.  Als Sousa ´nen ollen  Labrador sieht, der gerade ins Wasser tappt, zerrt sie wild an ihrer Leine. „Die Gelegenheit!“ denkt meine Steuerfrau und lässt die Lütte laufen. Die peest los wie´n Minitornado, ins Wasser rein und zu dem Labrador hin, dass das nur so platscht. Merkt bannig spät, das da gar kein Boden mehr is´ unter ihren Pfoten. Guckt ganz verjagt. Is´ aber keine Bangbüx, reckt die Schnute aus´m Wasser und  paddelt was das Zeug hält.

Meine Steuerfrau lacht. Mein Käpt´n auch. Doch wunschlos glücklich sind wir nich´ mehr. Das Dinghi gibt allmählich seinen Geist auf, über kurz oder lang werden wir ein Neues brauchen. Nich´, dass wir jetzt unglücklich wären, der Meltemi weht ja sowieso, und der Himmel bleibt blau, aber das Glück is´ eben eher wie die See, die mal munter im Wind tanzt, mal vom Sturm gepeitscht Gischt ausspuckt, mal friedlich im Sonnenlicht glitzert und auch mal trüb vor sich hindümpelt.

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Glossar

Meltemi – Nordwind, der von April bis Oktober in der Ägäis weht

Mistral – Nordwestwind, der im westlichen Mittelmeer weht.

Scirocco – Südostwind, der sich mit dem Mistral abwechselt

Santorini – südlichste der Kykladeninseln

Malheur – frz.: Mißgeschick. Begriff, der während der Hamburger Franzosenzeit (französische Besatzung der Stadt, sowie Eingliederung in das Französische Kaiserreich, von 1806 bis 1814) in den plattdütschen Wortschatz aufgenommen wurde

Pylos – Hafenstädtchen an der Westküste des Peloponnes, wo Lobsty den Winter 23/24 verbracht hat.

Aiolos – Von Zeus alls Herrscher über die Winde eingesetzter Günstling der Götter

Heck – hinterer Bereich eines Schiffsdecks

Süllrand – u.a. Einfassung des Decks, um das Überlaufen von Wassser zu verhindern

Backskiste – bei Lobsty eine Klappe in der Backbordbank der Plicht, die Zugang zum Stauraum im Achterbereich gewährt.

achtern – hinterer Bereich eines Bootes

antrekken – Plattdütsch: anziehen

bannig – Plattdütsch: sehr

verjagt – Plattdütsch: erschreckt

Bangbüx – Plattdütsch: Angsthase