Vom Landrattendasein

Meine Steuerfrau möchte, dass ich sie in den Schlaf schaukele.

„Wie soll das gehen?“, frage ich. „Wir sind an Land!“

Ein schicksalsergebenes Seufzen ist die Antwort. „Ja, ich weiß. Der Wind weht uns hier keine Gischt übers Deck, sondern Schleifstaub.“

„Hör auf zu jammern“, erwidere ich. „Du willst doch nicht etwa so mit mir in See stechen! Ich habe noch keinen Mast, keine Segel, noch nicht einmal einen Decksbelag… Selbst wenn mein Motor schon liefe, und die Navigationselektrik vollständig installiert wäre, wollte ich nicht ins Wasser! Du würdest ja auch nicht nackt und ungekämmt an der Herault spazieren gehen…“

Gedankenverloren streicht eine weiche Frauenhand über meine Cockpitbank. „Stimmt, Lobsty.“

Ich mag es, wenn meine Steuerfrau mich Lobsty nennt. Mein voller Name ist ja «Flying Lobster». Weil ich als Stahlyacht einen Panzer habe wie ein Hummer und dennoch mit meinen siebzehn Tonnen auf der See dahinfliegen kann. Die Franzosen hier auf der Werft, dem Chantier Naval Allemand, bestaunen mich. Sie sagen, ich sei «un beau voiler», «eine schöne Segelyacht». Aber was nutzen mir die Komplimente. Ich stehe auf dem Trockenen. Wie es sich wohl anfühlen wird, wenn der Wind zum ersten Mal mit einem Knallen mein Tuch strafft, ich von einem Moment auf den anderen Fahrt aufnehme und munter übers Meer schieße…

„Das Landrattendasein ist einfach nichts für mich“, schimpfe ich.“Kann mich hier nicht mal alleine aufrecht halten…“

Meine Steuerfrau lacht. „Genau! Und wenn unser Käpt´n die Treppe hochstapft, wackelst du wie eine eingerostete Greisin.“

Rost? Davon will ich gar nichts hören! Dieses Wort sollte niemand in meiner Gegenwart in den Mund nehmen. Erst neulich wurde an meiner Nachbarin herumgeflext, dass die Funken flogen. Das hat mir überhaupt nicht gefallen!

„Ach, wenn ich doch endlich hier weg könnte. Ich will segeln!“ maule ich

„Ich verrat´ Dir jetzt was, meine Schöne.“ Die Frauenhand tätschelt nun beruhigend meine Steuersäule. „Nächsten Montag stellen wir deinen Mast. Und wenn alles glattgeht, rufe ich am Dienstag Frederique Labat an, den Segelmacher in Marseillan.“

„Wirklich? Ich bekomme einen Mast? Ganz sicher?“ Ich kann es kaum glauben. Ach, ich bin ja so aufgeregt. Wenn doch nur schon Montagabend wäre!

„Ja, einen Hood Mast. Gebraucht gekauft und auf dich zugeschnitten. Stolze sechzehn Meter hoch. Mit Kabeln und Fallen drin und `nem Toplicht, `nem Windmesser und `nem Verklicker auf der Spitze.“

„Dann sieh jetzt zu, dass du dem Käpt´n hilfst und meine Rollreffanlage klarmachst!“, platze ich heraus.

„Aye!“, sagt meine Steuerfrau und macht sich an die Arbeit.

3_bei2

***

Elf Jahre… Im Traum verflossen

Das Meer hab´ ich noch nie gesehen. Dennoch trotze ich seit elf Jahren Wind und Wetter. Zu Beginn war ich nur eine Idee. Eine Schnapsidee, über die die Leute im Dorf lachten, Wetten abschlossen oder einfach nur verständnislos den Kopf schüttelten. Doch ich war verwegen genug, um die Zeit zu überdauern. Wollte unbedingt erleben, wie es sich anfühlt eine Segelyacht zu sein.

Selbst aus Sehnsucht geschaffen, träume ich schon lange von der See. Geduld hab´ ich bewiesen, und Ausdauer. Und weil ich ahne, dass es bald soweit ist, habe ich meinen Rumpf schon mal in Weiß gekleidet. Strahlend will ich ins Mittelmeer gleiten und mein altes Leben hinter mir lassen. Mich von den Wellen wiegen lassen an lauen Sommerabenden. In abgelegenen Buchten ankern. Durch die Fluten pflügen bei Windstärke sechs und zeigen, was ich kann.

Wunderbar wird das sein, wenn ich endlich die Nase in den Wind strecke und segele!

Sonnenhof

Deck1
Eine Menge Arbeit steckt in mir…