Weizen, Windstille und Klöster

Wir tauchen ein in Schwärze, Himmel und Meer sind eins in der Dunkelheit, nur der Bildschirm meines Plotters leuchtet, im Nachtmodus, rot auf dunklem Grund. Dicht an meinem Unterwasserschiff gleiten Klippen vorbei, aus dem Meer ragende Felsen, deren Spitzen erst aus der Finsternis hervortreten, als ich die schmale Durchfahrt hinter mir gelassen hab´ und kurz nach Mitternacht der abnehmende Halbmond über der Silhouette von Sigri erscheint.

Die Lichter des Örtchens verschwinden hinter den Felseninseln, der Südwind erhebt sich, weht verhalten aber stetig, bis auf halber Strecke nach Limnos mein Motor ran muss. Das Windloch währt nich´ lange, bald rauscht der Meltemi aus Nordost heran, pustet von querab in meine Segel und schiebt mich gen Mazedonien. Auch die Strömung von den Dardanellen her kommt aus Nordost, aber die bringt mich vom Kurs ab, deshalb hat meine Crew schon beim Aufbruch in Sigri ´nen nördlicheren Kurs gesetzt, um den berechneten Versatz auszugleichen.

Mein Anker fällt in ´ner abgeschiedenen Bucht, jenseits vom Strand leuchten Weizenfelder in der Nachmittagssonne, erstrecken sich über sanfte Hügel bis ins Inselinnere. Beim Landgang stakst Sousa zwischen Stoppeln rum und der einzige Weg den Hügel hoch endet bei ´nem Bauernhof; nach ´ner Mütze Schlaf verlassen wir Ormos Kokkina, tuckern in der morgendlichen Windstille gemütlich an der Südküste lang ostwärts und bald in die weite Bucht von Moudros, wo Muscheln und Krabben sich besonders wohl fühlen. Das trübe Wasser is´ recht warm, da freut mein Käpt´n sich über, bis er am nächsten Morgen Schaum und Unrat vorbeitreiben sieht.

Aber hinterm lütten Kap Aspros, nur´n Delphinsprung weiter südlich, vorm mit Sonnenschirmen gespickten Strand von Fanarakia, da schillert das Meer wie ein Aquamarin. Nah bei gibt das sogar Schatten, ´n lüttes Pinienwäldchen säumt die Nachbarbucht, und tagelang is´ das Meer so ruhig, dass ich geradezu tiefenentspannt im Wasser liege.  Dann kommt Schwell herangerollt, ich kippel und wippe auf den Wellen, meine Crew lichtet den Anker. Mit dem Schatten hat sich das erledigt, von nun an müssen meine Steuerfrau und Sousa früh in die Puschen kommen, um beim Landgang keinen Sonnenstich zu kriegen; auf Limnos sind fast alle Bäume dem Weizen gewichen, nur vereinzelt hält ein Olivenbaum, eine Kiefer, ein Feigenbaum oder eine Eiche die Stellung und trotzt dem Meltemi.

Bald soll unser Besuch aus Pamplona in der Inselhauptstadt Mirina ankommen, wir halten Ausschau nach malerischen, gut geschützten Badebuchten. In Ormos Kontias bevölkert ´ne Ziegenherde den Strand und das Meer is´ ebenso trüb wie vor Moudros, also beschließt meine Crew, Wäsche zu waschen, in Mirina soll das ´nen Waschsalon geben, `ne Rarität in der nordöstlichen Ägäis. 

Der Meltemi schwächelt, das is´ noch Platz in der weiten, recht gut geschützten Hafenbucht, über die eine zur Ruine zerfallene Burg wacht. Das Meer hat mir geflüstert, dass es Kriegsgaleeren verschiedenster Völker hierher getragen hat, die Burg von Mirina wurde einst von Byzanz auf den Ruinen einer antiken Akropolis errichtet, später bauten Venezianer und Osmanen weiter. Kurz vor Sonnenuntergang hüpft Sousa den gepflasterten Weg zur Festung hoch, ein Rudel kleiner Hirsche springt am Hang lang, huscht hinter Felsen. Abends füllen sich die Tische der Restaurants am Kai des kleinen Fischerhafens und nebenan, in der von Souvenirlädchen bevölkerten Fußgängergasse, herrscht beinah hektisches Gedränge, bin froh, dass ich am anderen Ende der Bucht liege.

Kaum riecht das an Bord endlich mal nach „frisch gewaschen“ verdrücken wir uns nach Ormos Plateos, kurz um ein Kap rum an der Südwestspitze von Limnos. Nach ´n paar Tagen wird der Meltemi übermütig, die Windsurfschule macht Pause und Sousa muss ihr Geschäftchen auf meinem Deck erledigen. Meine Crew checkt die Wetter App, am nächsten Tag soll das noch stürmischer werden, und zwei Wochen lang so bleiben. Segelurlaub ohne Baden? Mit sturmzerzaustem Haar in der Plicht hocken? Das soll unserem Besuch erspart bleiben, ich werd´ klargemacht zum Anker lichten.

Der Wunschkurs, zur Insel Thassos auf dem Weg zu meinem Winterplatz in Nea Peramos, kommt nich´ in Frage, auch auf Thassos wird wohl kein Badewetter sein. Meine Crew setzt Kurs auf Mazedonien, zum mittleren der drei Finger, die das nordgriechische Festland ins Meer reckt. Über dreißig Knoten sind angesagt, ich liebe Wind umme Schnut!

In der Nacht treffen wir zum ersten Mal auf den alles überragenden Berg Athos, mit um die vierzig Knoten rauscht der Meltemi seine Steilhänge runter, mein Käpt´n, der gerade Wache hat, refft flott meine Segel. Zum mittleren Finger hin wird das zusehends ruhiger, der Meltemi wird vom Festland nach Süden abgelenkt, in die Zentralägäis. Als das Morgengrauen nicht mehr fern und die Ankerbucht nah is´, weht ein laues Lüftchen, das ab und an zwischen an Land aufragenden Hügeln ´n büsch´n in Fahrt kommt. Segel setzen. Segel einholen, Motor an. Wieder Segel setzen. Motor aus. Bald is´ meine Steuerfrau das leid und wir dümpeln rum, bis die Sonne endlich aufgeht und die Sandflecken am Grund zu sehen sind, schließlich soll mein Anker nich´ im Seegras fallen.

Unsere Freunde aus Pamplona erweisen sich als Wasserratten, übernehmen zwischen Paddelboardtouren, Landgängen mit Sousa und genüßlichem Plantschen im Meer das Regime in der Kombüse und verwöhnen meine Crew; meine Ruthie schreibt entspannt an ihrer Drachengeschichte, die sollte lieber von meinen Abenteuern berichten.

Das is´ August und noch wohlig warm, jeden Nachmittag strebt der thermische Südwind zum aufgewärmten Festland hin, beschert entspannte Segeltörns. Nach Nea Marmaris, von aus dem Marmarameer vertriebenen Griechen 1922 gegründet, oder Diaporti, wo man nichts als gut bestückte Schapps braucht, und vielleicht ´ne Badehose.  Von Diaporti in die rundum geschütze Bucht von Porto Koufo, der Anker fällt auf zwanzig Meter und greift nich´ gut, da Flaute herrscht is´ uns das eins.

Wir huschen um den mittleren Finger rum, ankern vor ´nem Nacktbadestrand. Beim Landgang grüßt meine Crew und lächelt, in ´nem Zelt aus Schattennetzen wird gerade getafelt, da hoppelt Sousa hin und kriegt was ab. Pfade führen die Sandsteinfelsen hoch, an ´nem Plumpsklo vorbei und runter ins Örtchen Kalamitsi, wo Caféterrassen warten. Über Nacht raubt der Schwell den Schlaf, am Morgen huschen wir rüber zur Insel Drénia vor dem östlichen Finger, manche Griechen verbringen hier ´ne Nacht auf ´ner Sonnenliege am Strand, andere den ganzen Sommer, im Wohnwagen oder im Zelt, meist verborgen zwischen Büschen oder hinter Zäunen; wer ein paar Tage bleibt, gehört zur Familie.

In Ouranopoli, am östlichen Finger, gegenüber von Drénia, steigt unser Besuch in den Bus nach Thessaloniki. Der nächste Besuch kommt, diesmal aus der Pfalz, das geht gesellig zu an Bord, Sousa sammelt Streicheleinheiten. Wieder Südwind, wir huschen zur Insel Diaporos im Nordosten des mittleren Fingers, fliehen gleich am nächsten Tag vor der Mietmotorbootinvasion zurück nach Drénia, wo die Tochter vom Käpt´n beim Landgang bald mit alten Bekannten von Sousa Klönschnack hält. Die wenigen Mietmotorboote, die von Ouranopouli nach Drénia rüberkommen, stören kaum, wer nach Ouranopouli fährt, hat anderes im Sinn, als ein Boot zu mieten, Tag für Tag spucken Reisebusse massenweise Pilger aus, die zum Berg Athos streben. Pilger, keine Pilgerinnen, Frauen haben keinen Zutritt zu der Mönchsrepublik unter griechischer Souveränität und ihren zwanzig in Fels gebauten, orthodoxen Klöstern.

Auch unser Besuch aus der Pfalz hat „Tschüs“ gesagt, meine Crew macht sich im Morgenlicht auf Weg zur Insel Thassos. Nochmal ein langer Schlag, nonstop um den östlichen Finger rum, die Küstenwache jagt jeden weg, der an den Ufern vom Berg Athos ankert. Gegen Mitternacht gräbt mein Anker sich vor Potos, an der Südküste von Thassos, in Sand. In der weiten Bucht von Limenaria genießt meine Crew die letzten Tage Bootsleben, Ruthie paddelt mit Sousa zu ´nem lütten, wilden Strand, wo ´n Pfad die Uferböschung hoch in ein Kiefernwäldchen mit Meerblick führt; mein Käpt´n hockt inner Plicht, träumt davon, dass der Sommer nie aufhört.

Mitte September werde ich in Nea Peramos aus dem Wasser gehoben. Nu´ steh ich Land, aufgebockt und eingepfercht zwischen anderen Yachten. Lieber wär´ ich dicht am Wasser, da, wo die Sonne auf den Wellen tanzt, wo der Wind mit dem Meer singt und der weite Horizont mich ruft, da fühl´ ich mich sicher. 

Glossar

Plotter – auch Kartenplotter: elektronisches Navigationsgerät, das digitale Seekarten, Kurs und Geschwindigkeit des Bootes, Windrichtung und Wassertiefe, per AIS (Automatic Identification System) oder Radar geortete Schiffe in der Nähe, u.v.m. anzeigt.

Mazedonien – auch Makedonien genannt. Region im Norden Griechenlands, die den Teil des historischen Mazedoniens umfasst, der im heutigen Griechenland liegt.

Strömung– weitläufige, gerichtete Bewegung des Meerwassers. Die Strömung von den Dardanellen her beruht auf dem fast doppelt so hohen Salzgehalt des Mittelmeeres gegenüber dem schwarzen Meer, wobei eine salzarme Oberflächenstrrömung von Schwarzen Meer durch das Marmarameer und die Dardanellen ins Mittelmmer fließt, und eine salzreichere, tiefere Strömung in die entgegengesetzte Richtung.

Versatz – seitliche Kursabweichung eines Segelbootes durch Meeresströmungen oder Windeinfall.

Schwell – abgeleitet,vom englischen „swell“, auch Dünung genannt: Wasserwellen, die bereits aus ihrem Ursprunggebiet herausgelaufen und nicht mehr wie die Windsee von der Windeinwirkung abhängig sind. Windsee und Dünung bilden zusammen den Seegang.

in die Puschen kommen – in Gang kommen

Ormos– griechisch: „Bucht“

Seemeile – eine Seemeile = 1852 Meter

Wind umme Schnut – Wind um die Nase (bzw. die Schnauze, den Mund)

Knoten – ein Knoten = eine Seemeile pro Stunde = 1,852 km/h

Seegras – auch Neptungras oder Poseidonia (posidonia oceanica) genannt. Seegraswiesen können mindestens doppelt so viel CO2 speichern wie eine gleich große Fläche tropischer Regenwald, bieten über 220 Tierarten einen Lebensraum und filtern das Meerwasser, indem sie Nährstoffe aus Flüssen aufnehmen und die Überdüungung des Meeres verhindern. Posidonia ist für den Schutz des Mittelmeeres unentbehrlich, doch sie wächst ungemein langsam, nur ein bis drei Zentimeter pro Jahr. Oft wird sie bei Ankermanövern ausgerissen und vernichtet, z.B. wenn der in Sand und Gras eingegrabene Anker gelichtet wird oder die Ankerkette durch eine Seegraswiese schleift.

Schapps – Vorratsschränke

das is´ uns eins – das ist uns egal

Klönschnack halten – gemütlich miteinander plauern

*

Tage in Sigri

Endlich kommt meine Crew in die Puschen! Hatte ich erwähnt, dass mir ein Algenbart wächst und mein Rumpf schon ganz grün is´? Seit anderthalb Monaten dümpel ich vor mich hin, obwohl weder befreundete Yachten noch Freunde in der Nähe sind. Und wenn der Meltemi morgen wie angesagt auf Nord dreht und `n Zahn zulegt, häng ich hier noch länger rum, nur heute noch bläst er aus Nordost, bringt uns locker Kurs Westnordwest, von Pèrama im Südosten nach Sigri im Südwesten von Lesbos.

Was bin ich man froh, dass meine Steuerfrau hektisch Geschirr und Plünnen verstaut, während mein Käpt´n in den Motorraum klettert und die Stopfbuchspackung schmiert. Alle Luken und Seeventile dicht. Plotter und Motor an. Anker auf. Kurz nochmal was einholen in Pérama, ´n schnellen Kaffee trinken und dem netten Wirt vom Baroque „Tschüs“ sagen. Wieder Anker auf. Die Genua raus, mein schönes, großes Vorsegel; kaum segeln wir an der fünf Seemeilen entfernten Südküste lang, auch das Groß.

Am frühen Abend kommt das zwölf Seemeilen entfernte Plomari in Sicht, der Wind dreht auf Nordwest, die Welle rollt uns entgegen. Außerhalb der Hafenmole, dicht beim Stadtstrand, finden wir `n büsch´n Schutz, mein Anker greift auf Anhieb, meine Crew macht sich landfein. Der Nordostwind soll erst später wieder aufkommen, Sousa muss Abendgassi gehen und das Handy sagt, an der Uferpromenade gäb´s ’ne Gyrosbude. Die erweist sich als Schnellrestaurant, das Eröffnung feiert; noch hängen die Flaggen im Stadthäfchen schlapp rum, meine Crew ergattert ’nen Tisch, schiebt den Leuten, die sich um den Nebentisch drängeln, zwei Stühle rüber. Das sind australische Griechen auf Urlaub in ihrem Heimatdorf, halb Plomari sei damals, vor mehr als vierzig Jahren, nach Australien ausgewandert, erzählen sie. Als ´ne frische Brise aus Nordost den Flaggen Leben einhaucht, beobachtet Sousa enttäuscht, wie meine Ruthie Gyros und Pommes in Pappschachteln packt für die Nacht.

Man gut, dass weder Abwasch noch Aufräumen anstehen, ich schaukel wild auf den Wellen, als meine Crew an Bord klettert. Punkt Mitternacht wird mein Anker gelichtet. Dreißig Seemeilen später, im Morgenlicht, springt mein Motor an und ich tucker um das Kap Saratsina. Soll die windigste Ecke der Insel sein, doch als meine Steuerfrau den Leuchtturm hinter sich lässt und vorbei an drei nach Westen offenen Buchten in den größten natürlichen Hafen von Lesbos schippert, weht nur ein laues Lüftchen. Im Norden der vierten Bucht, der Südbucht von Sigri, thront die von einem osmanischen Admiral errichtete Festung; Felseninseln schirmen sie vom Meer ab, bilden ein ausgedehntes Hafenbecken, das nur nach Süd hin offen ist, und aus Süd kommen die Stürme der Ägäis nur im Winter.

Mit Blick auf die Burgruine verbringe ich geruhsame Tage, von der Strandbar wehen kubanische Klänge herüber. Wenn meine Ruthie mit Sousa ´ne Runde dreht, wundert sie sich öfter mal über den Meltemi, der hat in Sigri zwei Gesichter: In der Südbucht is´ er freundlich, erlaubt ihr, zügig zum Strand zu paddeln, während er zur gleichen Zeit knallhart durch die Nordbucht fegt, flache Wellen ins Stadthäfchen scheucht und die vereinzelt am Kai liegenden Fischerboote oder Yachten aus der Ruhe bringt.

Im verschlafenen Sigri macht selbst die Zeit öfter mal´n Nickerchen. Ein Millionen Jahre alter, versteinerter Wald kann bestaunt werden, sogar ein geologisches Museum von Weltrang, doch das sind weder Taxen noch Mietautos zu finden und nur einmal am Tag fährt ein Bus. Bald hüpft Sousa ohne Leine durch die Gässchen, begrüßt hier die Fellnase vom Cocktailcafé, dort die Stromerin, die gerne vor dem Imbiss in der Hauptstraße wartet und von den Nachbarn so liebevoll gefüttert wird, dass sie kaum noch laufen kann. Besonders angetan hat Sousa das ´n brauner Mischlingsrüde, mit dem tollt sie um die Ecken, bis ihm die Luft ausgeht. Auch meine Ruthie findet ´ne Freundin, die winkt ihr vom Balkon aus zu und kommt zum Strand runter, mit Galgorüde Pino, der sich feinfühlig von Sousa bechnüffeln lässt.

Mein Käpt´n bastelt wieder am beharrlich tropfenden Wassermacher, packt in der Plicht alle ausgedienten Kärcher K2, die an Bord lagern, auf einen Haufen. Aus fünf mach einen, der hält zwei Tage. Und noch einen, der geht schon nach einem Tag in die Knie. Zum Glück is´ am Strand ´n Wasserhahn, da füllt meine Crew Kanister. Bis das lang erwartete Paket in Mytilini ankommt.

Morgens um sechs zuckelt meine Ruthie im Bus Serpentinen hoch, das Getriebe kracht, der Fahrer ächzt und haut die Gänge rein. Oben im Bergdorf steigen alle aus, warten auf das modernere Gefährt, das aus Paralia Eressos kommt, einem Küstenstädtchen, wo jedes Jahr ein Frauenfestival zu Ehren der Dichterin Sappho gefeiert wird. Sappho hat in der Antike auf Lesbos gelebt und die Schönheit der Frauen besungen, deshalb werden Frauen, die Frauen lieben, noch heute „lesbisch“ genannt.

Nachmittags um fünf streckt sich Ruthie in meiner Plicht aus und legt die Beine hoch; obwohl das von Sigri nach Mytilini gerade mal achtzig Kilometer sind, hat sie sieben Stunden Bus hinter sich. Aber die Pumpe von dem schicken, neuen Hochdruckreiniger, den uns der Anbieter vom Wassermacher-Bausatz zum Testen geschickt hat, macht Süßwasser wie am Schnürchen. Nu´will der Käpt´n weg aus Sigri, das Meer is ihm hier zu kalt. Meine Ruthie mag das kalte Meer, und den Meltemi, der uns zwingt, zu bleiben.

Das fängt an zu kacheln. Mein Käpt‘ n pusselt unter Deck rum, hört Krimis oder hält ein Nickerchen; meine Ruthie und Sousa genießen die Tage mit Freunden in Sigri und der Meltemi pustet munter, meine schöne Ankerkette aus Edelstahl is‘ zum Zerreißen gespannt. Zwei Tage lang geht das so, dann kommt mein Anker ins Rutschen. 

„Nur die Ruhe“, sag ich mir, „nach’n paar Metern gräbt der sich wieder ein.“ 

Und bin völlig auf’m falschen Dampfer, denn mein Anker slippt wie ein Weltmeister, zieht mich quer durch die Bucht. Unsere Nachbarin, ’ne französische Yacht, fängt and zu hupen. Rhythmisch. Abgehackt. Drängend. Von weit weg hör‘ ich meine Steuerfrau rufen, die is gerade an Land, sieht mich wohl auf die Klippen im Südosten zuslippen. Das Hupen dröhnt wie blöd, das felsige Ufer kommt gefährlich nah. Und endlich schmeißt mein Käpt’n den Motor an. Reißt das Steuer rum. Hab‘ ich mich verjagt, ich krieg‘ mich gar nich‘ mehr ein! Bin bannig froh, als wir zwei Tage später Anker auf gehen. Aber meine Ruthie is´ traurig, hoffentlich findet sie bald woanders neue Freunde. Und wenn nich´, dann kommt ja bald Besuch.

*

in die Puschen kommen – in Gang kommen

Stopfbuchspackung – dichtet die Welle zwischen Getriebe und Schiffsschraube gegen den Eintritt von Seewasser ab

Plünnen – Kleider, Sachen

Plotter – Schiffsnavigationsgerät am Steuerstand, dass auf einem Display eine Seekarte anzeigt Befindet

einholen – einkaufen

das Groß – das Großsegel

Seemeile – auch “nautische Meile” (1852 m), gebräuchlich in der Schiff- und Luftfahrt

slippen – rutschen

sich verjagen – sich erschrecken

sich einkriegen – sich beruhigen

bannig – sehr

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Lesbos, die Urige

Als die ersten Fischerboote den kleinen Hafen von Kardamila am Abend verlassen, kommt Wind auf. Auch dieses Jahr hat meine Crew sich das wider jede Vernunft in den Kopf gesetzt, nordwärts zu segeln, wider jede Vernunft, denn nordwärts Segeln bedeutet in den warmen Monaten in der Ägäis vor allem eins: Gegen an, dem Meltemi die Stirn bieten. Oder: Warten. Warten auf ´ne muntere Brise aus Ost, West oder Süd und in die Pötte kommen, sobald die einsetzt, denn immer gewinnt nach kurzer Zeit der Meltemi wieder die Oberhand.

Der Südwind, der uns nach Lesbos bringen soll, kommt zügig in die Gänge, pustet über Nacht ´ne ganze Weile mit bis zu sechs Beaufort und dreht am nächsten Tag allmählich über Südwest auf West, bis meine Segel nur noch rumhängen in ´nem lauen Lüftchen aus Westnordwest. Mit tuckerndem Motor erreichen wir am frühen Nachmittag Lesbos, schippern durch die enge Zufahrt zum Kolpos Geras, dem kleineren von zwei Meerbusen, die von Dörfern, Städtchen und Fischfarmen bevölkert sind. Mein Anker fällt in der Bucht von Skala Loutron und meine Crew müde in die Koje.

Morgens jammert mein Käpt´n über die kalte Ägäis, und auch meine Steuerfrau verzichtet auf das Aufwachbad. Dabei könnte sie das gut ab, den Nachttörn hat sie lange nich´ so gut wegsteckt wie früher. Meine Crew kommt in die Jahre, und mein Dinghi is´ mittlerweile sogar altersschwach und ständig platt wie ´ne Flunder. Meine Crew pumpt, lässt schnell noch den Außenborder ab und montiert ihn, dann geht das ab an Land. Sousa stützt die Vorderpfoten auf den Schwimmkörper, reckt schnüffelnd das Näschen dem Ufer entgegen und hüpft bald munter vor meiner Ruthie her auf der Sandpiste durch Olivenhaine zum Bergdörfchen Loutron, wo das nach frischem Brot duftet.

Mein Käpt´n schmeißt alldieweil den Wassermacher an. Nach dem Wassermachen fällt die Batteriespannung von um die dreizehn Volt auf elf, also von „voll“ auf „leergelutscht“. Die aus der Mode gekommenen Bleibatterien sorgen seit unserer Jungfernfahrt für Bordstrom, sind mittlerweile ebenso altersschwach wie mein Dinghi; die lütte Kühltruhe, die seit Kurzem unter Deck vor sich hin brummt, zwingt sie vollends in die Knie.

Wieder warten wir, diesmal auf Lithiumbatterien, die aus Deutschland kommen sollen. Huschen in eine andere Bucht, in der Zufahrt zum Kolpos. Dann wieder zurück nach Skala Loutron. Damit meiner Crew die Zeit nich´ lang wird, beginnt der Kärcher Hochdruckreiniger zu lecken, der beim Wassermachen das Seewasser zwecks Entsalzung ansaugt. Motzend wischt meine Steuerfrau die Salzwasserpfützen in der Achterkajüte weg, erst letztes Jahr hatten wir das gleiche Problem und sie hat auf Santorini gleich zwei kleine Kärcher besorgt. Nu´ wird der zweite eingebaut, der für´s Saubermachen von meinem Deck bestimmt war. Den brauchen wir erstmal nich´, Süßwasser für ´ne Hochdruckreinigung gäbe das ohnehin nur im Hafen, und Häfen laufen wir im Sommer ungern an, da müsste mein Käpt´n ja ´ne Badehose anziehen.

Die Schapps sind leer, wir brauchen frische Vorräte. Von Skala Loutron nach Pérama is´ das nur eine Seemeile. Der fünfzehn PS Außenborder bringt mein Dinghi prima ins Gleiten, im Nu legt meine Crew im lütten Fischerhafen an, wo Sousa als erste an Land springt und hektisch schnüffelnd die in Haufen am Kai lagernden Fischernetze erkundet. Sie muss an die Leine, durch das verschlafene Örtchen rumpeln reihenweise alte Pickups, einer ist mit Fisch in Styroporkisten beladen, ein anderer mit Ackerbaugeräten. Für meine Crew is´ das Liebe auf das erste Bier: drei fünfzig die halbe Liter Buddel, Schüssel Chips inbegriffen. Und in der Gyros Bude schenkt der Wirt meinem Käpt´n ´n Fläschchen Ouzo zum Abschied, wer den 42%igen probiert hat, darf den 48%igen auf keinen Fall missen!

Mein Käpt´n hockt inner Plicht, lässt den Blick schweifen und genießt die salzige Luft. Meine Steuerfrau, die ja eigentlich mein Schreiberling is´, macht sich das im Salon bequem, erfindet ´ne Geschichte mit Drachen und anderen Helden, anstatt von mir und meinen Abenteuern zu berichten. Das Warten gefällt meiner Crew viel zu gut, die beiden werden immer segelfauler, sattgrüne Algen besiedeln mittlerweile meine schöne Badeleiter aus Edelstahl und dauernd gibt das neue Gründe, auf Lesbos zu bleiben, das nur einen Steinwurf von der Türkei entfernt liegt und nicht für seine Strände oder Kulturdenkmäler berühmt ist, sondern aufgrund all der Zeitungsberichte über das vor einigen Jahren abgebrannte Flüchtlingslager Moria. Das Zeltlager Kara Tepe nah bei der Inselhauptstadt Mytilini nahm nach dem Brand einen Teil der obdachlos gewordenen Menschen auf, doch aktuelle Berichte sucht meine Steuerfrau vergeblich.  Findet nur kurze Notizen über ein Containerdorf, das hinter hohen, mit Natodraht bewehrten Mauern und Zäunen im Inselinneren entsteht und 10.000 Menschen aufnehmen soll. Is´ das etwa ein Verbrechen, ein Stückchen vom Kuchen zu wollen? Das Meer hat mir geflüstert, auch Europa sei im Lauf der kurzen Menschheitsgeschichte von Hunger und Not gepeinigt worden, und überfüllte Segelschiffe hätten Kurs auf ferne, verheißungsvolle Küsten genommen. 

Was bin ich man froh, dass meiner Crew das so gut geht! Mit vollen Schapps lichten wir einmal mehr den Anker vor Pérama, nehmen endlich mal Kurs auf die Südküste von Lesbos, huschen um ein Kap und ankern in ´ner wunderbar einsamen Bucht. Ein Sträßchen führt von Meer weg, vorbei an Häuschen mit Gemüsegärten, wo das besonders am Wochenende gesellig zugeht. Sousa is´ der Duft der Schildkröten nich´ geheuer, aber Eichhörnchen jagt sie umso lieber. Den Strand säumen ´ne lütte Kapelle und zwei Häuser, in einem leben zwei Frauen im Alter meiner Ruthie, die eifrig Tomaten, Zucchini und Paprika pflegen; im anderen ein Fischer, der jeden Tag durch die Bucht schippert und seine Netze kontrolliert. Einmal, bei Starkwind, zieht er das Sup meiner Ruthie weiter an Land und verknotet das neu, der Weberleinstek hat ihm wohl nich´ gefallen.

Wieder leeren sich meine Schapps, einmal mehr tuckern wir gegen leichten Meltemi an nach Pérama, wo meine Crew sich nach dem Einholen im kühlen, begrünten Café Baroque auf selbst gezimmerten Bänken mit bunten Kissen lümmelt, Kaffee trinkt und mit dem rastalockigen Wirt schnackt. Mein Anker wird gelichtet, um vor Skala Loutron gleich wieder zu fallen, denn endlich sind die neuen Batterien beim Paketdienst in Mytilini angekommen.

Mit Hilfe eines Flaschenzuges hievt meine Crew die alten Bleibatterien den Niedergang hoch in die Plicht und unter die Sitzbank hinterm Steuerstand. Dann tuckern wir in die Bucht von Avlonas am Eingang der Zufahrt zum Kolpos. Unter zwei ehrwürdigen Ahornbäumen freundet meine Ruthie sich im schattigen Gartenrestaurant Avlonas mit der jungen Wirtin an, darf sogar die Restaurantwaschmaschine benutzen. Ein paar Tage später hält morgens ein roter Pickup am Ufer und zwei Cousins der Wirtin kommen an Bord, um meine alten Batterien ins Dinghi zu wuchten, meine Crew is´ bannig froh, dass die fünfzig Kilo schweren Oschis als Windenergiespeicher ein neues Zuhause gefunden haben.

Mit Sternchenblick überwacht mein Käpt´n mit ´ner App fürs Handy den Ladezustand der neuen Lithiumbatterien, richtig Wumms haben die.  Dennoch bleibt das Warten unsere Konstante, diesmal auf den Hochdruckreiniger, den wir in seiner Eigenschaft als Seewasserpumpe für den Anbieter vom Wassermacher-Bausatz testen sollen. Trotzdem plant meine Crew endlich ´nen Törn an der Südküste lang, wurde man auch Zeit, das das weitergeht! Lesbos is´ groß, die drittgrößte Insel der Ägäis, um genau zu sein. Und nur weil meine Menschen in die Jahre kommen, muss mir doch kein Algenbart am Rumpf wachsen.

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Glossar

Meltemi – meist starker Wind aus Nord bis Nordost

sechs Beaufort – starker Wind: 39 – 49 km/h

Kolpos Geras – Weiträumige Einbuchtung, die Erbe längst verloschener Vulkane ist. (Altgriechisch  „κόλπος“: Schoß, Vertiefung.)

Achterkajüte – Kajüte hinten im Schiff

Plicht – der offene Teil an Deck eines Bootes mit Steuerstand und Sitzgelegenheiten.

Sup – Paddelbord

Weberleinstek – Häufig verwendeter Knoten zur Befestigung einer Leine an einem Gegenstand mit vertikaler Zugkraft.

Schapps – Vorratsschränke

bannig – sehr

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Nordwärts im Mai

Den Winter über war ich an Land aufgebockt, seit kurzem bin ich endlich wieder im Wasser, in der lütten Marina vom Aris Boatyard in Karlóvasi, auf Samos. Das is´ Anfang Mai, meine Crew wuselt rum, macht klar Schiff, mal flucht mein Käpt´n, der irgendwas nich´ findet, mal flucht meine Steuerfrau, die sich zum x-ten Mal ´n blauen Fleck gehauen hat. Und immer wieder streiten die zwei, je mehr Stress, umso mehr Streit, was geht mir das auf den Geist! Doch die Zeit drängt, der Meltemi wartet um die Ecke, will den Südwind ablösen, der seit einigen Tagen munter bläst. Den Südwind, der uns nach Chios bringen soll, wo die Somnambule und ihre Crew den Winter verbracht haben. Die Somnambule is´ auch ´ne Motu, so wie ich, seit Jahren ist sie in griechischen Gewässern unterwegs und zum ersten Mal könnten unsere Wege sich kreuzen.

Sousa hat in Karlóvasi ´n Verehrer, den weißen Minipudel Max, vielleicht will sie deshalb nich´ mit, als meine Crew morgens um sieben die Leinen loswirft. Der Wetterbricht ist mittelprächtig, doch Poseidon ist uns wohlgesinnt, mit wunderbarstem Südwest surfe ich nordwärts und am frühen Abend fällt mein Anker in der hübschen Bucht von Langkada, im Nordosten von Chios. Auf achtzehn Meter, ne flachere Stelle is´ nich´ zu finden. Während meine Ruthie Kissen in die Plicht hochreicht, die mein Käpt´n auf den Bänken verteilt, peest Sousa mit gereckter Ringelrute an Deck hin und her. Ihr steigt wohl der Duft ins Näschen, der von den Pinien am Südufer herüberweht, kaum hat mein Käpt´n das Dinghi zu Wasser gelassen, macht sie ´n Satz von der Badeplattform, stützt die Pfötchen auf ´n Schlauchkörper und reckt die Schnute glücklich in den Wind.

Zwei Tage später, kurz bevor der Meltemi die Oberhand gewinnt, huschen wir mit ´nem frischen Südost rüber zum Pfeffersackinselchen Inousses, wo viele Reeder eine Residenz besitzen; treffen in der bei Meltemi bestens geschützten Bilali Bucht mein Schwesterschiff. Die Somnambule is´ was ganz Besonderes, sie hat ein Dschunkenrigg. Und sie hat zwei Fellnasen an Bord! In den Jungspund Josch, ´nen feschen Schafspudel, verguckt Sousa sich auf den ersten Blick.

Viel zu bald sagen die Somnambule und ihre Crew „Tschüs!“. Wir bleiben noch ein wenig, meine Crew macht ´nen Ausflug zum schicken Inselörtchen Inousses, dem der Reichtum aus allen Poren quillt. Dann treibt der angesagte stürmische Wind aus Süd uns zur Nordküste von Chios, wo wir in der Bucht von Kardamila abwettern wollen. Im Dunkel der Nacht kommt noch ´ne Yacht, wirft ihren Anker neben mir: Die Tulip, aus Amsterdam. Hat auch ´ne lütte Fellnase an Bord, Sousa entdeckt die beim Landgang in Kardamila. Später gibt das Klönschnack, Tee und Kuchen in meiner Plicht, und als die Crew der Tulip sich verabschiedet, is´ das schon lange dunkel.

Über Nacht wird der Wind ´n büsch´n zahmer, schiebt uns am nächsten Tag munter nach Lesbos. Wer auf dem Meer lebt, schippert von einem Abschied zum anderen.

Glossar

Aris Boatyard – Bootsstellpatz, Werft und kleiner Hafen im Nordwesten von Samos

peest – rennt

Dinghi – Beiboot, Schlauchboot

Meltemi – Nordwind, der in den Sommermonaten in der Ägäis vorherrscht.

Somnambule Schlafwandlerin  (Motto: „Bitte nicht stören, wir träumen.“)

Dschunkenrigg –  Masten und Segel nach chinesischer Tradition

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Das Glück und der Meltemihimmel

Wenn Glück man so beständig wär´, wie das Blau des Himmels bei Meltemi. Andere Winde schicken Boten voraus, treiben zu weißen Fetzen zerfaserte Wolken vor sich her, wie der Mistral, oder wüstensandschwere Cumulusberge, die alles in Grau tauchen, wie der Scirocco. Der Meltemi aber rauscht den ganzen Sommer über wolkenlos durch die Ägäis, und obwohl er gern stürmisch und rau wird, liebt er den Himmel hell und klar und tiefblau.

Ich mag den Meltemi, der bringt mich gut in Fahrt. Auch meine Crew zählt auf ihn, hisst zügig Groß und Genua, als wir Ende Mai von Kythira nach Santorini aufbrechen, wo im Juni Besuch an Bord kommen will. Erstes Ziel ist Milos, die westlichste Insel der Kykladen, bis da sind das um die sechzig Seemeilen, Sousas erster langer Schlag, und je steifer die Brise, umso eher kommen wir an.

Doch der Meltemi zeigt kaum Muckis und schläft viel zu früh ein. Zähneknirschend schmeißt meine Steuerfrau meinen Jockel an, Motorlärm is´ nervig und teuer, Dünung und Welle sind bei Motorfahrt um einiges lästiger, als unter Segeln. So dauert das nich´ lange, bis unser neues Crewmitglied im Salon sein Frühstück wieder rauswürgt. „Sowas passiert selbst alten Seebären“, sagt meine Ruthie, streichelt die lütte Fellnase und wischt das Malheur weg.

Im Stadthafen von Adamantas, der Hauptstadt von Milos, sehen wir zum ersten Mal seit langem einen Schwarm Möwen. Und ich werd´ endlich mal wieder ausgiebig mit Süßwasser geschrubbt, da musste ich den ganzen Winter auf verzichten, in Pylos gab das ja keins am Kai.

Aiolos ist uns wohl gesonnen, wir werfen die Leinen los und kreuzen erstmal gegen leichten Meltemi nach Sarakiniko, an der Nordküste von Milos. Wollen ein seltenes Geschenk des Windgottes genießen: drei Tage Flaute. Die See schimmert türkis, bleibt kristallklar und ruhig, wunderschön is´ das in der weiten, ungeschützten Bucht, wo ich vor Anker liege, so schön, dass auf den Felsen an der Küste, die von weitem wie gewaltige, weiße Sanddünen wirken, Tag für Tag Besucherströme ausschwärmen, bunte Punkte dicht an dicht, die sich über die von Wind und Meer modellierten Gesteinsformationen schlängeln. Von daher macht meine Crew macht sich lieber in der Morgenfrische auf zum Ufer, und kurz vor Sonnenuntergang , wenn das da ruhiger is´. Auch am letzten Abend vor Sarakiniko hüpft Sousa schwanzwedelnd zum Heck, legt die Pfötchen auf´n Süllrand und lässt den Käpt´n, der das Dinghi klarmacht, nich´ aus den Augen.

 „Wir haben ein Problem“, ruft der mit einmal, „das Dinghi verliert Luft!“ Springt zurück auf die Badeplattform, in die Plicht und unter Deck. Sousa schaut verdattert, rennt nach ´ner Weile hinterher und lugt den Niedergang runter, wo das rumpelt und klappert. Die Dose mit PVC-Kleber war an ihrem Platz unter der Lotsenkoje, das Fläschchen mit dem Härter aber weder beim Kleber zu finden, wo das hingehört, noch unter der Koje in der Achterkajüte oder in der Kiste mit allerlei Dosen und Flaschen im Regal unter der Backskiste. Als es endlich zwischen den Kisten unter der Lotsenkoje auftaucht, stellt sich raus: der Härter is´ völlig vertrocknet.

Sousa muss doch mal! Bei meiner Steuerfrau sinken die Flaggen auf Halbmast. Dann krabbelt sie in die Bugkoje, zieht den Sack mit dem Paddleboard unter die Luke, holt die Fußpumpe von achtern und eilt an Deck. Zerrt den Sack aus der Luke, packt das Paddleboard aus und beginnt hektisch, die Pumpe zu malträtieren. Sousa schnüffelt an dem Ding, das so verdächtige Pfeiftöne von sich gibt, wedelt dabei beharrlich mit ihrer Ringelrute.  Doch als dass Board endlich einsatzbereit ist, ist die Sonne verschwunden und der Meltemi im Anmarsch, um die Flaute zu vertreiben. Meine Ruthie ruft Sousa zum Bug. Zeigt ihr ein Leckerli. Ruft: „Pipifein!“ und „Kackafein!“, wie die Zwei dass an Land geübt haben. Ich mag das, wenn Sousas Pfötchen über mein Deck trappeln, aber dass vorn am Bug nu´ das Hundeklo is´, da muss ich mich erst an gewöhnen.

Sowie das hell wird tuckern wir zurück nach Adamantas, wo das einen Bootsladen gibt, der bestens sortiert is´. Sousa, die noch nicht schwimmen kann, kriegt die knallorange Schwimmweste angetrekkt, auf der „Rescue Team“ steht. Als meine Steuerfrau gegen den Meltemi an rudert, hockt die Lütte wacker zwischen ihren Beinen und reckt die Schnute in den Wind.

So´n aufgeklebter Patch soll ja´n Weilchen trocknen, zum Brot holen am nächsten Morgen muss wieder das Paddleboard ran, wird an ´nem lütten Strand an der Uferstraße geparkt.  Als Sousa ´nen ollen  Labrador sieht, der gerade ins Wasser tappt, zerrt sie wild an ihrer Leine. „Die Gelegenheit!“ denkt meine Steuerfrau und lässt die Lütte laufen. Die peest los wie´n Minitornado, ins Wasser rein und zu dem Labrador hin, dass das nur so platscht. Merkt bannig spät, das da gar kein Boden mehr is´ unter ihren Pfoten. Guckt ganz verjagt. Is´ aber keine Bangbüx, reckt die Schnute aus´m Wasser und  paddelt was das Zeug hält.

Meine Steuerfrau lacht. Mein Käpt´n auch. Doch wunschlos glücklich sind wir nich´ mehr. Das Dinghi gibt allmählich seinen Geist auf, über kurz oder lang werden wir ein Neues brauchen. Nich´, dass wir jetzt unglücklich wären, der Meltemi weht ja sowieso, und der Himmel bleibt blau, aber das Glück is´ eben eher wie die See, die mal munter im Wind tanzt, mal vom Sturm gepeitscht Gischt ausspuckt, mal friedlich im Sonnenlicht glitzert und auch mal trüb vor sich hindümpelt.

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Glossar

Meltemi – Nordwind, der von April bis Oktober in der Ägäis weht

Mistral – Nordwestwind, der im westlichen Mittelmeer weht.

Scirocco – Südostwind, der sich mit dem Mistral abwechselt

Santorini – südlichste der Kykladeninseln

Malheur – frz.: Mißgeschick. Begriff, der während der Hamburger Franzosenzeit (französische Besatzung der Stadt, sowie Eingliederung in das Französische Kaiserreich, von 1806 bis 1814) in den plattdütschen Wortschatz aufgenommen wurde

Pylos – Hafenstädtchen an der Westküste des Peloponnes, wo Lobsty den Winter 23/24 verbracht hat.

Aiolos – Von Zeus alls Herrscher über die Winde eingesetzter Günstling der Götter

Heck – hinterer Bereich eines Schiffsdecks

Süllrand – u.a. Einfassung des Decks, um das Überlaufen von Wassser zu verhindern

Backskiste – bei Lobsty eine Klappe in der Backbordbank der Plicht, die Zugang zum Stauraum im Achterbereich gewährt.

achtern – hinterer Bereich eines Bootes

antrekken – Plattdütsch: anziehen

bannig – Plattdütsch: sehr

verjagt – Plattdütsch: erschreckt

Bangbüx – Plattdütsch: Angsthase

Wunschlos glücklich

Was man sich von ganzem Herzen wünscht, sagt meine Steuerfrau, geht in Erfüllung, man muss da nur beharrlich von träumen. Bislang hab´ ich gedacht, das wär´ Tüünkraam, doch dieses Jahr sind bei uns gleich zwei lang gehegte Herzenswünsche in Erfüllung gegangen: einer von mir und einer von meiner Steuerfrau. Zudem bin ich selbst ja auch ein lang gehegter, wahr gewordener Traum, zwölf Jahre lang hat meine Crew da von geträumt, mit mir über die See zu segeln; nu´ bin ich schon seit sieben Jahren auf dem Mittelmeer zuhause.

Wie berauschend das war, zum ersten Mal den Wind in meinen Segeln zu spüren! Auch wenn ich mich zu Beginn meines Daseins eher wie ein Frachtschiff gefühlt hab, denn in meinem Heck, wo heute ´ne schöne, breite Doppelkoje is´, waren reihenweise Bootsbau Sperrholzplatten gelagert. In unserem ersten Segeljahr hab´ ich viel zu lange in der Marina von Burriana vor mich hingedümpelt, während mein Käpt´n getischlert und meine Steuerfrau lackiert hat; Meeresgewächse und Schalenwesen, die sich in der Hafenbrühe zu Hause fühlen, haben meinen Rumpf bevölkert und als wir endlich zu den Islas Columbretes aufgebrochen sind, ging der Sommer seinem Ende entgegen. Seitdem wünsche ich mir, wenigstens einmal nicht die letzte Yacht zu sein, deren Crew die Leinen loswirft, wenn die Tage länger werden und die Nächte angenehm lau. Nicht nur, weil mir das Gejammer meiner Steuerfrau auf den Geist geht, die neidisch jedem Boot hinterherblickt, das die Positionstonnen der Hafenausfahrt hinter sich lässt. Für mich gibt das einfach nichts Schöneres als nur Meer und Wind und Himmel um mich rum. 

Immerhin, letztes und vorletztes Jahr haben wir das geschafft, Ende Juni die Leinen loszuwerfen, aber dieses Jahr verlassen wir schon Ende Mai den Hafen! Mit einem lachenden Auge, das den Horizont sucht, und einem weinenden, das zurückblickt, zu den Schiffen, Seglern und Landratten hin, die wir über Winter ins Herz geschlossen haben. Und auf das hübsche Küstenstädtchen Pylos, wo der Herzenswunsch meiner Steuerfrau in Erfüllung gegangen is´. Eines Morgens stand da nämlich ´ne befreundete Landratte am Kai, die gerne streunenden Hunden und Katzen hilft, und hatte ´ne bannig seute Töle auf´m Arm. Meine Steuerfrau und ich waren hin und weg, und auch mein Käpt´n hat sich gleich in den Schietbüddel verguckt. Sousa heißt die Lütte, wiegt gerade mal fünf Kilo, ich hab´ jetzt ein Relingsnetz, damit sie nich´ über Bord gehen kann.

Als mein Motor anspringt, spitzt sie erschrocken die Knickohren und hopst aus ihrem Körbchen unter der Sitzbank am Steuer. Aber Plicht is´ Pflicht für Sousa, wenn wir Anker auf gehen oder, wie jetzt, ablegen, um zwei befreundeten Booten zum alljährlichen Jazzfestival nach Kardhamili zu folgen.

Sousa zeigt sich seetauglich, uns fällt ein Stein vom Herzen. Wir ankern mit Blick auf eine Bühne, bis wir nach Porto Kagio aufbrechen, wo ich ein letztes Mal gemütlich neben der Rijo und der Chellouise  vor mich hin schaukel.  Denn der Wind bestimmt, und der bringt uns am nächsten Tag zum Kanal zwischen der Insel Kythira und dem Kap Malea, an der Südspitze des östlichen Peloponnesfingers. Hier zeigt der Meltemi sich gerne von seiner stürmischsten Seite, schon Odysseus versetzte er vor die Küste Afrikas, zu den Lotosessern. Doch wir kommen mit dem Westwind, der im Kanal ´nen Zahn zulegt, von so zwölf auf achtzehn Knoten, und an Lee von Kythira die Hänge hoher Berge hinabsaust. Als meine Crew vor Agios Pelagia den Anker wirft, peitscht er uns vom Land her mit über zwanzig Knoten flache Wellen entgegen, auf denen Schaumkrönchen tanzen.

Über Nacht schläft der Wind ein, wir hoffen, dass er nochmal auffrischt, uns Kurs Nordost zur westlichsten Insel der sagenumwobenen Kykladen bringt. Doch Eile mit Weile, denn das wird mit sechzig Seemeilen der erste längere Schlag für Sousa werden.

Und überhaupt, ich trau mich ja kaum, das zu sagen, aber ich glaub´, ich bin wunschlos glücklich.

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Glossar

Tüünkram – Unsinn

Pylos – Hafenstädtchen im Südwesten des westlichen Peloponnesfingers

Marina de Burriana – Sportboothafen an der spanischen Mittelmeerküste zwischen Valencia und Castellón

Islas Columbretes – Kleines Archipel vulkanischen Ursprungs dreißig Seimeilen östlich von Castellón. Seht unter Naturschutz.

bannig seute Töle – sehr süßer Hund

Schietbüddel – „Schießebeutel“, Kosename für Babys und kleine Kinder

Kap Malea – Kap am Südzipfel des östlichen Peloponnesfingers

Meltemi – Nordwind, der in den Sommermonaten in der ägäis vorherrscht

Lee – die dem Wind abgewandte Seite

Schlag – eine Strecke, die man segelt. Lobstys segelt bei gutem Wind bequem um die dreißig Seemeilen an einem Sommertag. Ist der Schlag länger, muss die Crew früh aufstehen oder sich auf einen Nachttörn einstellen.

Piräus, Peloponnes und dann Pylos

Eins hab ich vermisst diesen Sommer: das Lachen und Kreischen der Möwen. Mein Käpt´n fragt sich, ob diese Spezies in Griechenland heimisch is´, aber hier gibt das doch so viele Fischerboote, denen fliegen Möwen so gerne hinterher. Schon Aristoteles hat Möwen beobachtet, und auch Odysseus soll den Küstenvögeln auf seinen Irrfahrten begegnet sein. Immer wieder wandert der Blick meiner Steuerfrau suchend zum Himmel, oder über die Felsen und Inselchen, auf denen Vögel so gerne rasten.

Mein Käpt´n schaut nach dem Autopiloten, ersetzt die dünnen Originalkabel zur Hydraulikpumpe durch dickere, klemmt anständige Kabelschuhe an. Doch kaum haben wir uns auf den Weg gemacht, steigt der Autopilot wieder aus. Zum Glück bläst der Meltemi, strafft meine Segel und hält mich auf Kurs zum Kap Sounion, wo Poseidon von seinem Tempel aus weit übers Meer blickt.

Nach ´ner beschaulichen Nacht bitten wir den Meeresgott der alten Griechen um Schutz. Aber auf dem kurzen Törn nach Glyfada flucht meine Steuerfrau vor sich hin, das is´ Flaute, sie musste meinen Motor anschmeißen. Drei Strich Backbord, zwei Strich Steuerbord, das Steuern braucht pausenlos volle Aufmerksamkeit, Klönschnack mit dem Käpt´n oder den Wolken hinterher träumen is´ nich´. Als sie kurz auf den Plotter schaut, um Kurs und Geschwindigkeit von ´nem Frachter zu checken, der uns entgegen kommt, lauf ich aus dem Ruder, dabei will ich doch gar nich´nach Afrika. ´N büsch´n Wind hätte Poseidon ruhig schicken können!

In der Bucht von Athen fällt mein Anker vor einem Park mit Restaurantterrassen, bald schaukel ich einsam vor mich hin. Meine Crew hat mein Beiboot vorm Yacht Club festgemacht, will an Land Ersatzteile besorgen, denn auch mein Wassermacher is´ futsch. Kaffee und Tee wird an Bord nu´ mit Mineralwasser gekocht, geduscht wird erstmal nicht.

Der späte September is´ heiß, die Stadtluft abgasschwer und klebrig, das trübe Meer lädt nich´ zum Schwimmen ein. Aber die Nächte sind unterhaltsam: Einmal Hochzeitsfeuerwerk über´m Restaurant, öfter mal Motorradrennen auf der Küstenschnellstraße. Das Geknatter und Geknalle der Maschinen verstummt, wenn rotes Blinken Drohnen verrät, die zwischen den Lichtpunktreihen der Straßenlaternen umherschwirren. Sind wohl Polizeispione, kaum sind sie verschwunden, röhren die Motorräder wieder um die Wette.

Bin froh, als mein Wassermacher repariert ist und ich nach vier Stunden Motorfahrt im Schatten hoher Hügel vor Nisos Aegina liege. Die Insel mitten im Saronischen Golf hat kaum geschützte Buchten, der Schwell holt meine Crew früh am Morgen aus der Koje. Nordwest kommt auf, wir segeln gen Süd, meine Steuerfrau blickt mal wieder sehnsüchtig zum Land, zur Nachbarinsel Nisos Moni, wo Ankern bei Nordwind ungemütlich wäre. Hirsche und Pfauen soll das da geben, wie sind die da bloß hingekommen?

Die neue Hydraulikpumpe is´ in Deutschland bestellt, wir warten im Süden von Nisos Poros, trinken manchmal Kaffee im quirligen Hafenstädtchen gleichen Namens. Mit Blick aufs Festland des Peloponnes liegt Yacht an Yacht römisch-katholisch am kilometerlangen Kai, aber ich döse in Ormos Dhaskalia vor mich hin, vor Landleinen, mit Blick auf einen schmalen Strand. Das Meer ist glatt wie ein Tümpel, manchmal dreht eine einsame Möwe ihre Runden, einmal sehen wir sogar zwei, auf dem Inselchen mit der lütten Kirche. Morgens taucht ab und an ein Kormoran auf, jagt Fische, hier gibt das noch welche.

Skurrile Nachbarn werfen ihren Anker. Ein zweiundfünfzig-Fuß-Katamaran unter US-Flagge, dessen Skipper meint, ich nähme zu viel Platz weg. Er will wohl auch gerne vor dem Strand liegen, wo meine Ruthie das Paddelboard parkt und die Böschung zur Landstraße hochkraxelt. Kaum is´ der Kat weg, kommt ´ne fette Motoryacht, die wie ´ne Wodka Marke heißt. Von morgens bis abends volle Pulle Techno, da steht meine Crew nich´ auf. zum Glück verzieht sich der Freudendampfer nach zwei Tagen, sonst hätte das Weck-Rock zum Fühstück gegeben, ACDC, Highway to Hell. Nu´ kann meine Crew kann das Buchtenleben wieder genießen, und nach neun Tagen warten kommt endlich die neue Hydraulikpumpe.

Der Meltemi erhebt sich früh, auf geht´s zu meinem Winterliegeplatz. Kurz vor Sonnenuntergang segeln wir sechzig Seemeilen weiter südlich um ´ne Landzunge, sind müde, freuen uns auf ´n ruhigen Abend in Palaia Monemvasia. Stattdessen bekommen wir kräftig auf die Mütze. Fallwinde rutschen die Berge am Nordufer der weiten Bucht runter, knallen in meine Segel, bringen mich bannig in Schräglage. Schleunigst holt meine Crew das Großsegel ein und refft die Genua. Trotzdem hab ich immer noch soviel Krängung, dass die Wellen, die der Wind uns vom Ufer her entgegen schleudert, über meine Deckskante klatschen. Nach ´ner viertel Stunde fällt mein Anker und greift beim ersten Versuch. Nachts wird das ruhiger, aber noch vor dem Frühstück huschen wir um die Halbinsel Monemvasia, bestaunen im Vorübergleiten das anderthalb Jahrtausende alte Festungsstädtchen, das sich hinter dicken Mauern an die Felsen drückt.

Moni Emvasia (μόνη εμβασία) bedeutet »Einziger Zugang«, der Ort war lange Zeit eine freie byzantinische Stadt, die vielen Belagerungen standhielt. Fiel dann den Franken in die Hände, den Osmanen, den Venezianern, kurzzeitig sogar einem katalanischen Seeräuber, der die Festung bald den Römern überlassen musste. Bis zum Aufstand der Griechen gegen die Osmanen in den 1820er Jahren nannte man ihn auch „Gibraltar des Ostens“, heute ist Monemvasia ein Freiluftmuseum, in dem ein paar alte Leute die Stellung halten, umringt von Hotels, Wochenendhäusern, Bars, Restaurants und Souvenirläden.

Vor der Brücke zwischen dem Festland und der Halbinsel ist Ankern erlaubt, doch wir legen im kostenlosen Stadthäfchen an, längsseits, mitten am Kai der östlichen Außenmole. Möwen gibt das auch hier keine, trotz der Fischerboote, wenn das nich´ so traurig wäre, würd´ ich mich da ja über freuen. Keine Möwen, keine Möwenkacke.

„Ruthie, komm schnell!“, ruft mein Käpt´n, der achtern an der Reling steht und aufs Wasser zeigt. Meine Steuerfrau sputet sich. Ihr Herz beginnt zu klopfen, als sie die Meeresschildkröte entdeckt. Bannig alt muss die sein, is´ größer als mein Rettungsring. Langsam paddeln ihre kurzen, dicken Reptilienbeine, ihr Panzer ist mit Algen bewachsen. Sie knabbert eifrig an der Kaimauer, arbeitet sich in dem schmalen Spalt zwischen meinem Rumpf und der Mauer voran. Kümmert sich nich´ um meine Crew, die ihr an meine Reling gedrängt folgt, sie nicht aus den Augen läasst, bis sie meinen Bug erreicht hat und davon schwimmt.

Später, am Nachmittag, sieht mein Käpt´n mitten im Hafenbecken zwei Schildkrötenköpfe aus dem Wasser lugen. Meine Steuerfrau ist nach Monemvasia aufgebrochen, wollte zur Oberstadt, wo Reste einer mittelalterichen Burg und eine Kirche stehen. Schaut sicher schon vom höchsten Punkt der Halbinsel zu mir runter, schüttelt den Kopf, weil dieser schöne Ort so viele Kriege erlebt hat. Denn friedlich währt am längsten, das beweisen die Schildkröten, die seit den Zeiten der Dinosaurier die Meere bewohnen.

Die Kapitänin der Nausikaa schickt ´ne Nachricht, fragt, ob wir schon ums Kap Malea rum sind. Dort begann die Irrfahrt des Odysseus, der wollte nur kurz um den Peloponnes rum, nach Ithaka, doch am Kap Malea riss die windgepeitschte See ihn fort. Gen Afrika, zur den Lotusessern auf der Insel Djerba. Odysseus kannte weder Wetterradar noch Wettersatelliten, sonst hätte er das sicher wie die Berufsschifffahrt gemacht, die heutzutage bei Starkwind das Kap Malea meidet und den Umweg um die Insel Kythira in Kauf nimmt. Meine Crew checkt die Windy App und bei ruhigem, klarem Wetter tuckern wir um den sagenumwobenen südlichsten Zipfel des europäischen Festlands.

Noch zwei Ankerpätze, dann werden wir am Ziel sein. In Agios Elena, an der Südküste von Nisos Elafonisos, trifft ein Meer wie Aquamarin auf hellen, von Dünen gesäumten Sandstrand. Wir haben Glück, der Südwest schiebt erst ab drei Uhr morgens Welle in die Bucht, um vier lichten wir den Anker. Umrunden den mittleren Peloponnesfinger, wo am Kap Tainaran die See ´n büsch´n rauer wird. Nehmen Kurs Nordnordwest, auf den ersten Peloponnesfinger zu. Der Wind gibt sich launisch, bläst mal munter, schläft dann wieder ein. Gewitterfronten ziehen uns entgegen, dunkle, bauchige Wolken, manche driften ab nach West, andere nach Ost. Über uns bleibt der Himmel hell.

Ich bin ein wenig wehmütig, als wir mit Blick auf die venezianische Festungsanlage, die Methoni vom Ionischen Meer trennt, die letzten Nächte vor Anker liegen. Das Meer ist klar, das Örtchen beschaulich, gerne würden wir länger bleiben. Doch im nur acht Seemeilen entfernten, kostenlosen Stadthafen von Pylos ist gerade ein guter Platz frei. Freunde, die schon ein Weilchen dort liegen, raten uns, nich´ zu trödeln. Kurz vor Pylos, als wir zwischen der Insel Sfaktiria und dem Leuchtturm in die weitläufige Bucht von Navarino tuckern, sehen wir zum ersten Mal in diesem Jahr einen kleinen Schwarm Möwen.

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Glossar

Aristoteles – beobachtete auch das Aussehen und Verhalten von etwa fünfhundert Tierarten, das er in seinem neunbändigen Werk „Historia animalium“ („Geschichte der Tiere“) beschrieb.

Hydraulikpumpe -ist durch T-Stücke an die beiden Schläuche der Steuerungsanlage angeschlossenund mit dem Kurscomputer verbunden (meist mittels NMEA2000-Schnittstelle), der über die Pumpenaktivität das Ruder bewegt.

Meltemi – in der Ägäis vorherrschender Wind aus dem Nordquadranten

Glyfada – Stadt südlich von Athen an der Westküste von Attika

Plotter – Kartenplotter: Schiffsnavigationsgerät (GPS), das auf einem Display eine eletronische Seekarte anzeigt, auf der Position und Route des Schiffes zu sehen sind. Über das Automatische Identifikations System (AIS) können Schiffe in der Umgebung angezeigt werden, z.T. mit Information zu Kurs, Geschwindigtkeit oder z.B. Schiffslänge. Das Display kann als Radarbildschirm genutzt werden, der Werte anzeigen, die Echolot und Windmesser geben.

Saronischer Golf - Golf im Norwesten der Ägäis, auch Golf von Ägina genannt.

Nisos Aegina – Insel Ägina

Nisos Moni – Insel Moni

Nisos Poros – Insel Poros

Schwell (oder Dünung) -Wellen, die aus ihrem Entstehungsbereich herausgelaufen sind oder von vorbeifahrenden Schiffen verursacht werden, und in einen Hafen oder ein Bucht laufen. Im Gegensatz zur Windsee, die entsteht, wenn der Windd auf die Wasseroberfläche trifft. Schwell + Windsee = Seegang

Verkehrtrennungsgebiet – kanalisiert an Engstellen oder Kaps einen Schifffahrtsweg in unterschiedliche Fahrtrichtungen

römisch-katholisch anlegen – erst den Buganker werfen, dann rückwärts am Kai anlegen und Backbord und Steuerbordleine legen. Die Ankerkette liegt dabei in der Verlängerung der Längsachse des Schiffes oder Bootes.

Ormos Dhaskalia – Dhaskalia Bucht, an der Südküste der Insel Poros

zweiundfünfzig-Fuß-Katamaran – ca. 16m langes Schiff mit zwei Rümpfen, die fest miteinander verbunden sind.

Skipper – verantwortliche Boots- oder Schiffsführerin der Freizetschifffahrt.

Palaia Monemvasia – bucht m Norden der Halbinsel Monemvasia, an der Ostküste des östlichen Peloponnesfingers

bannig – sehr

Krängung – seitliche Neigung eines Schiffs

Nausikaa -befreudnete Segelyacht

Ithaka – griechische Insel im Ionischen Meer, Heimat des Odysseus

Windy App – Wetter App für Segler und SurferInnen

Agios Elena – Bucht der Insel Elafonisos

Nisos Elafonisos – Insel westlich des Kap Malea

*

Endlich wieder Meilen machen

Immer nur Delphinsprünge von einer Bucht zur andern, seit Ende Juni ankern wir mal hier, mal da, und das is´ schon fast September. Die nördlichen Sporaden sind man bannig schön, aber ich bin doch kein Hausboot! Wird Zeit, dass ich endlich Meilen mache.

Aber erst mal kommt Besuch, den wir in Volos abholen, also nehmen wir Kurs auf den Pagasitischen Golf.  Es ist ein bisschen wie nach Hause kommen, als mein Anker in Ormos Alogoporos fällt, gegenüber der Insel Trikeri, zu der bis spät abends ein Wassertaxi schippert. Doch am nächsten Morgen zeigt die Welt sich duster, und auch während die Sonne höher steigt bleibt die Silhouette der Berge im Norden hinter einem grauen Schleier verborgen. Nebel sieht anders aus, mein Deck ist bald von einer grauen, schmierigen Schicht bedeckt. Denn der Meltemi bringt Asche aus Nordost, wo seit zwei Wochen ein verheerender Waldbrand wütet, im Dadia Nationalpark Tiere und Pflanzen in Rekordzeit frisst. Über dreihundert Kilometer entfernt liegt die Gegend an der Grenze zur Türkei, aber meine Ruthie macht alle Luken dicht und bleibt im Salon, denn an Deck kann von frischer Luft keine Rede sein.

Drei Tage später geht das gen Norden, der wolkenlose Himmel ist noch immer grau statt blau. Kurz vor Volos gleite ich durch Grüppchen von Spiegeleiquallen, viele sind bratpfannengroß. Auch auf dem Rückweg zu den Sporaden, als unser Besuch schon an Bord is´, treffen wir noch vereinzelt auf diese Überlebenskünstler, die das Meer seit Urzeiten bewohnen. Das Nesselgift von Spiegeleiquallen ist für Menschen ungefährlich, die kuriosen Wesen sind sogar essbar. Wer schwimmen will dreht nun trotzdem vorher ´ne Runde an der Reling und linst ins Wasser.

Meine Crew hat sich verdoppelt, da freu ich mich über, das gibt dem Bordleben Schwung.  Bald zieht uns das nach Skopelos, wo das bei Neo Klima so schön nach Wald duftet. Die Vicktory  lässt nich´ lange auf sich warten, ihr Anker fällt Steuerbord voraus.  Mein Käpt´n bleibt an Bord, während der Rest meiner Crew und der Käpt´n der Vicky die Insel mit dem Scooter erkunden. Glossa, das hübsche Bergdörfchen, und Skopelos Stadt, wo die Yachten am Kai wie Flummis auf und ab hüpfen, wenn Fähren kommen und gehen.

  • https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons)/4/4b/Spiegeleiqualle.jpg

Zwei Sonnentage sind uns gegönnt, dann is´ Tief Daniel im Anmarsch. Zum Glück liegt nur zwei Seemeilen südlich von Neo Klima ein Naturhafen. Limani Panormos, am Südufer von Ormos Panormos, ist ein Ort wie von Zauberhand geschaffen. Pinien reichen bis ans seichte Ufer, wo überall Felsbrocken aus dem Wasser ragen, die darauf warten, dass die Tochter vom Käpt´n mit meinen Landleinen zu ihnen schwimmt. Fische huschen um mich rum, ein kleiner Schwarm Brandbrassen natürlich, und ein paar Streifenbrassen. Möwen gibt das keine, aber fast jeden Morgen jagt ein Kormoran in Ufernähe, reckt den langen Hals, steckt dann den schwarzen Kopf mit dem langen Schnabel suchend ins Wasser, taucht ab und sein Hinterteil is´ das Letzte, was verschwindet. Einmal hockt er ganz in der Nähe auf ´nem Felsen und trocknet in aller Ruhe seine Flügel. Meine Ruthie is´ hin und weg, legt das Fernglas nich´ mehr aus der Hand.   

Tief Daniel wird zum Gewittersturm, das regnet ununterbrochen, blitzt und donnert pausenlos. Meine Crew bemüht sich redlich um gute Laune, schiebt Ankerwache, Schichtwechsel alle zwei Stunden, sind ja zu viert. Wir haben die Blitze nich´ gezählt, die Feuerwehr in Volos schon: zwölftausend in einer Nacht.  

´Ne Woche is´ schnell rum, bevor der Sturm abgeflaut is´, hat unser Besuch schon die Rucksäcke gepackt.  Der Rückflug startet von der Nachbarinsel Skiathos, doch alle Fähren sind gestrichen. Endlich darf ich mal zeigen, was ich kann, bin ja für raues Wetter gebaut. In Limani Panormos scheint das ruhig, aber wie das wohl um die Ecke aussieht? 

´Ne viertel Stunde später, als wir aus Ormos Panormos raus getuckert sind, bleibt das Großsegel drin und meine Crew setzt nur die Genua. Im zweiten Reff. Is´ ja wenig Tuch,  aber ich mache sechs Knoten, genieße den Wind umme Schnut und die Schräglage, während der Sohn vom Käpt´n mich steuert. Rüber nach Skiathos Stadt sind das neun Seemeilen, wir segeln in der Abdeckung von Skopelos. Nur auf den letzten drei Seemeilen rollt die Welle von der offenen See her auf mich zu, manch eine um die vier Meter hoch. Meine Crew refft nochmal, die Genua is´ nur noch ein lütter Zipfel.

Mein Anker fällt westlich von Skiathos Stadt, wo einige Boote vor Landleinen liegen und der Schwell sich in Grenzen hält. Im Hafen lieg ich ja nich´ gerne, und außerdem is´ das da voll. Mit dem Beiboot schippert meine Crew um ´ne kleine Landzunge, geduckt gegen die Welle an. An Land, in Hafennähe, sind die Straßen voller Schlamm, ausgerissener Bäume und Unrat, öffentliche Busse fahren nich´. Mit Rucksack und Tasche bepackt stapft unser Besuch zum Flughafen.

Das is´ still geworden an Bord, meine Crew is´ betrübt. Aber nu´ soll das ja gen Süden gehen, um den Peloponnes rum zu meinem Winterplatz, nach Pylos, wo meine Freundin Frieda liegt. Die hängt mich immer ab beim Buddysegeln, is´ ja auch´n Katamaran, ´ne flotte Catana. Noch schnell die gewaschene Wäsche abholen und einkaufen, dann stechen wir in See. Doch ich laufe immer wieder aus dem Ruder, mein Autopilot streikt und auch das Anemometer gibt seinen Geist auf. Aber der Meltemi bläst und bringt uns unbeirrt nach Skyros, mit der Welle aus Nordnordost, von schräg achtern, surfe ich munter dahin. Später dreht der Meltemi auf Ost, die Welle kommt von Backbord und schwappt immer mal wieder in die Plicht. Ich frag mich, warum meine Crew nich´ refft, die zwei sind irgendwie entspannter als sonst, liegt wohl an dem kaputten Anemometer.

Die südlichste Insel der nördlichen Sporaden empfängt uns mit sechs Beaufort, doch mein Anker greift beim ersten Versuch in Ormos Pefko. Jetzt, Mitte September, hat das Meer um Skyros rum nur noch achtzehneinhalb Grad. Die ersten Herbststürme sind schon übers Land gezogen, abends hat meine Crew Fleecejacken an, auch Morgens, vor dem Frühstück, als die zwei verschlafen in der Plicht hocken. Merken die denn nich´, dass ich durch die halbe Bucht rutsche, dass mein Anker slippt?

Als die Felsküste schon gefährlich nah is´, kommen die zwei endlich in die Puschen und lichten den Anker. Versuchen mehrmals, an der zehn Meter Linie nochmal Halt zu finden. Vergeblich. Um das schmale, längliche Inselchen Valáxa rum wär´n das acht Seemeilen in die nächste Bucht, die letzten vier bei über dreißig Knoten gegen den Wind an, also tuckern wir durch die enge Durchfahrt zwischen dem Festland und Valáxa nach Ormos Linaria. Dort liegt schon ´ne  lütte Segelyacht unter ukrainischer Flagge vor Anker. Ihre Kapitänin is´ auf dem Vordeck, beschließt wohl, das winzige Dinghi nich´ zu Wasser zu lassen, hat ja auch keinen Außenborder, und gegen an rudern bei dreißig Knoten is´ keine gute Idee. Meine Crew schippert rüber, als sie zu dem hübschen Hafenstädtchen Linaria aufbricht, nimmt die Einhandseglerin in meinem Dinghi mit. „Wenn im Land Krieg herrscht, is´ das gut, ein Segelboot zu haben“, sagt meine Ruthie beim Kaffertrinken in der Strandbar.

Punkt neun holt mein Käpt´n am nächsten Tag meinen Anker auf. Während meine Steuerfrau mich aus der Bucht lenkt, schaut sie mal wieder sehnsüchtig zum Ufer hin, wo der Bus in den Norden der Insel abfährt. Landgang abgesagt, der Wetterbericht hat sich geändert, der perfekte Segelwind kommt einen Tag früher. Meltemi, was denn sonst.

Von Skyros bis zur Südwestspitze der Insel Euböa, das is´ kein Delphinsprung, sondern unser längster Schlag dieses Jahr. Glücklich lasse ich mich von der Welle schieben, am Ende des Tages durch den Steno Kafira, zwischen Euböa und der Insel Andros. Zwei bis drei Knoten Strömung sind in der zehn Seemeilen langen Wasserstraße alltäglich, bei starkem Meltemi können das bis zu sieben Knoten werden. Kein Wunder, dass ich meinen Geschwindigkeitsrekord aufstelle: mit 10,8 Knoten rausche ich dahin, in der Spitze natürlich, immer nur für ein paar Sekunden. Für die beinah sechzig Seemeilen brauche ich neun Stunden, kurz vor Sonnenuntergang huschen wir nach Ormos Castri rein. Mit einmal is´ das ruhig und still, die See glatt wie ein Spiegel in der lütten Bucht, die sich zwischen kahle, sanft abfallende Hügel schmiegt, auf denen hier und dort ein weißes Haus in der Abendsonne leuchtet.

Tschüs, Nördliche Sporaden, hoffentlich sehen wir Euch bald wieder!

*

Glossar

Ormos Panormos – Panormos Bucht

Limani Panormos – Hafen von Panormos

Meltemi – kräftiger Nordwind (meist aus Nordost kommend, auch mal aus Nordwest), der in den Sommermonaten in der Ägäis vorherrscht

Genua – vergrößertes Vorsegel eines Segelbotes (im Gegensatz zur Fock). Wenn die Genua ganz ausgerollt ist, befindet sich ihr Achterliek (hinterste, unterste Spitze) hinter dem Mast. Lobstys Genua ist größer, als ihr Großsegel .

zweites Reff – bei starkem Wind wird die Segelfläche durch Reffen verkleinert, um Druck aus dem Segel zu nehmen-Andernfalls geht das Boot zu sehr in Schräglage (es krängt). Zu hohe Krängung beansprucht Boot und Segel unnötig, denn sie verringert die Geschwindigkeit und kann zum Verlust der Ruderwirkung führen, im Extremfall sogar zum Kentern.

sechs Knoten – 11,112 km/h

Schwell – auch Dünung genannt: Wellen, die aus ihrem Ursprungsgebiet herausgelaufen sind, oder von vorbeifahrenden Schiffen verursacht werden, und in einen Hafen oder ein Bucht laufen.

Katamaran – Segelyacht mit zwei Rümpfen, die fest durch ein Tragdeck miteinander verbunden sind.

Catana – französische Werft, die im 1984 gegründet wurde. Catana Katamarane gelt als qualitativ hochwertige, leichte, schnelle Yachten.

Anemometer – Windmesser

sechs Beaufort – nach der Beaufortskala: 39 – 49 km/h

Ormos Pefko – Kiefernbucht

Ormos Linaria – Bucht von Linaria

Einhandseglerin – Frau, die alleine mit einer Segelyacht unterwegs ist

Euböa – zweitgrößte Insel Griechenlands, liegt in der Ägäis.

Andros – Insel in der Ägäis, súdlich von Euböa

ein Knoten – 1,852 km/h

Ormos Castri – Schloßbucht

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Das Foto der Spiegeleiqualle ist unter folgendem Link zu finden: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons)/4/4b/Spiegeleiqualle.jpg

Meltemi und Mönchsrobben

Oh, was freu ich mich auf die nördlichen Sporaden! Sporadikos (σποραδικός) bedeutet verstreut, über hundert Inseln und Inselchen sind das. Flechten, Felskrabben, Eidechsen oder Ziegen sind dort zu Hause. Hin und wieder eine windschräge Trauerzypresse, die sich an eine Felswand krallt und natürlich Kiefern. Im Meer wohnen Muscheln, Algen oder Seeigel am Fels, ab und an auch ein raffinierter Oktopus in ´ner Nische, Seepferdchen oder Seesterne leider kaum noch. Menschen leben vor allem auf den größten Sporadeninseln, auf Skiathos, Skopelos und Alonnisos , und auf Skyros, einen Segeltag weiter südlich. 

Meine Steuerfrau checkt die Navily App, liest Kommentare von anderen Seglern zu den Ankerbuchten der Inseln, stolpert dabei über ein Foto. ´Ne Robbe auf´m Paddleboard! Im Hafen von Patitiri, der Hauptstadt von Alonnisos. Die Insel ist Teil des größten Naturschutzgebietes des Mittelmeers, wo Mönchsrobben in einem besonders geschützten Bereich leben, aber die tauchen doch ab, wenn sie Menschen nur von Weitem sehen! 

Vom Pagasitischen Golf nach Skiathos is´ das nur ein Delphinsprung. Da wir gegen den Meltemi an kreuzen, der uns im Euböakanal mal wieder als Ostwind entgegen rauscht, sind die fünfundzwanzig Seemeilen an einem Tag nicht zu schaffen. Abends fällt mein Anker in Chondri Ammos, is´ kaum noch Platz in der Bucht, ich lieg in der Mitte, wo meine Kettenlänge gerade mal reicht. Zum Glück schlafen Wind und Welle ein, während die Sonne den Steinbruch gegenüber schönmalt, bis die Nacht alles Licht verschluckt.  

Auch am nächsten Abend haben wir Dusel, der Meltemi beruhigt sich kurz nachdem wir Ormos Matraki, an der Südwestküste von Skiathos, im Zickzackkurs erreicht haben. Kristallklares Wasser hier, das Relief des Sandgrunds is´ deutlich zu erkennen. Der Käpt´n der Victory schickt ´ne Nachricht, er kommt von der Nachbarinsel Skopelos rüber. In meiner Kombüse duftet das nach Aubergineneintopf, als der Anker der Vicky sich zwischen mir und der steil abfallenden Felsküste in den Grund gräbt. Kurz darauf macht ihr Käpt´n sein Dinghi achtern fest und springt auf meine Badeplattform.

Früh am Morgen schon wieder Anker auf gehen, so hab ich das gern. Der angesagte Meltemi erhebt sich gerade, am Vormittag soll er schon wieder einschlafen. Meine Steuerfrau wirft einen letzten Blick zum Sandstrand mit der Robinson Crusoe Bar. „Nächstes Mal, Lobsty!“, flüstert sie und lenkt mich leicht nach Backbord, damit meine Ankerkette locker hängt und der Käpt´n, der am Bug steht, sie besser einholen kann. „Nächstes Mal guck ´ ich hier nach Fischen. Und ich geh´ an Land.“          

Kaum sind meine Segel draußen, rausche ich Kurs Nordnordost. Als wir die Nordwestspitze von Skiathos erreichen, hat die Vicky, die etwas später los is´, mich längst überholt. Ihr Gennaker bauscht sich vorm Bug, ein leuchtend roter Punkt auf tiefem Blau weit draußen. ´N büsch´n neidisch bin ich ja schon, auch wenn ich das ungern zugebe. Manchmal fühl ich mich wie ´ne lahme Ente,  wär´ ich doch bloß schneller! Jedes Mal, wenn ich die sieben Knoten Grenze knacke, jubelt meine Crew. Die Vicky beschleunigt im Handumdrehen auf sieben Knoten, braucht mit ihrem Leichtwindsegel gerade mal zehn Knoten Wind dafür. Und mit Groß und Fock kommt sie auch bei drei Beaufort  gut voran. Mit meinen zwanzig Tonnen kann ich da nur von träumen. Gegen ein so sportliches GFK-Leichtgewicht komm ich nich´ an. Bei drei Beaufort mach ich höchstens mal drei Knoten, aber nur mit dem Wind von querab oder achtern.  

Bald ist die Westküste von Skopelos in Sicht. Im näherkommen weht uns Pinienduft entgegen, scheint allen Poren der Natur zu entströmen, sogar dem Meer und den Inselchen, die wir kurz vor Neo Klima umschiffen. Meine Steuerfrau is´ hin und weg von der grünsten Insel Griechenlands, selbst die höheren Hügel sind über und über von dichten Kiefernwäldern bedeckt.  Kein Wunder, das Skopelos einer der wichtigsten Rastplätze für Zugvögel is´, die aus Afrika kommen.             

Einige Tage liege ich im Schutz einer kleinen Insel, dann is´ Starkwind  im Anmarsch. Vicky und ich kreuzen gegen den Meltemi nach Alonnisos, das nordöstlich von Skopelos liegt. Im lütten Naturhafen von Votsy ist das Meer glatt wie ein Spiegel. Boote liegen dicht an dicht vor Landleinen, das is´ gerade noch Platz für zwei. Ankern war keine gute Idee, beim Schnorcheln sieht meine Steuerfrau, dass die Ankerketten der Boote vor Landleinen fast die ganze Breite des Hafens einnehmen. Sollte mein Anker slippen, könnten wir von bannig Dusel reden, wenn er in einem der zwei ausgedienten, algenbewachsenen Anker oder den gammeligen Leinen am Grund hängen bliebe. Sonst gäbe das Kettensalat.

In der Nacht knallen mir aus Nordwest Böen über zwanzig Knoten auf den Bug, meine Crew macht abwechselnd Ankerwache. Auch auf der Vicky hält der Käpt´n Wache, nickt ab und an in der Plicht ein. Als das endlich dämmert, tuckert meine Crew mit mir um die Ecke nach Ormos Milia. Nun kann ich seelenruhig um meinen Anker schwojen, und da der Meltemi über Land kommt, rollt kaum Schwell in die Bucht.

Meine Ruthie schnorchelt und freut sich über Brandbrassen und Streifenbrasssen. Und ´nen Tag später traut meine  Crew ihren Augen kaum, als ´ne Moana 38 neben mir den Anker wirft. Anastasia II heißt die, und is´ sozusagen ´ne kleine Schwester von mir. Beim Klönschnack in ihrer Plicht erzählt ihr Käpt´n traurig von der Mönchsrobbe Kostis, die sich gerne auf der Badeplattform der Anastasia gesonnt hat. Meiner Steuerfrau geht ein Licht auf. Das Foto in der Navily App! Uns hätte das auch gefallen, wenn sich mit einmal so ´ne seute Robbe genüsslich achtern in der Sonne geräkelt hätte. Kostis war oft im Hafen von Patitiri, um Paddelboards oder Badeplattformen auszuprobieren. 2018, nach dem Medicane Zorbas, wurde er von einem Fischer gefunden, war noch ein Baby, hatte seine Mutter verloren. Die MOM pflege ihn gesund und wilderte ihn aus. Bald war er das Maskottchen des Meeresnaturparks, wurde berühmt in ganz Griechenland, denn er hatte keine Angst vor Menschen, suchte auch Kontakt zu Tauchern.       

„Ich glaube, er wollte einfach nur Liebe teilen, sogar umarmt hat er mich“, sagt Nikos Vardakis von Ghost Divers Greece in einem Podcast von Ocean Crime.    Seine Zutraulichkeit kostete Kostis das Leben, 2021 fand man ihn mit dem Pfeil einergroßen Harpune zwischen den Augen an einem Strand. Die MOM setzte achtzehntausend Euro Belohnung aus. Wer könnte ein Motiv haben, einen so harmlosen Meeressäuger zu ermorden? „Die fressen zu viel Fisch!“, soll ein Fischer gesagt haben. Und viele Fische hat meine Steuerfrau beim Schnorcheln ja auch auf den Nördlichen Sporaden nich´ gesehen. Wie lange ´ne Robbe wohl jagen muss, um satt zu werden? Würde mich nich´ wundern, wenn die Tiere öfter mal mit knurrendem Magen die Jagd aufgeben.  Da kann so ein Netz, das ein Fischer quer durch ´ne Bucht gespannt hat, ungemein verlockend sein. Beute satt! Wusste der Mörder, der eine anderthalb Meter lange Harpune dabei hatte, wie zutraulich Kostis war? Er hat ihn sicher näher gelockt, um den präzisen Schuß abzufeuern, weil er meinte, Kostis hätte bei seinen Netzen nichts zu suchen. Und das mitten im Naturpark, wo die Mönchsrobben unter Schutz stehen. Doch nur die Insel Piperi und drei Seemeilen drum rum sind den mehr als fünfzig Tieren alleine vorbehalten. Im Meer ist es eng.

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Glossar

Sporadikos – griech. σποραδικός „verstreut“

Naviliy App – App, die es Seglern ermöglicht, Information über Ankerbuchten und Häfen auszutauschen.

Meltemi – Nordwind, der in den Sommermonatenin der Ägäis vorherrscht

Euböakanal – Kanal zwischen der Insel Euböa und dem Festland von Thessalien, bzw. der Halbinsel Magnesia

Chondri Ammos – Bucht an der Südküste der Halbinsel Magnesia

Kettenlänge – je länger die Kette ist, die am Grund liegt, umso zuverlässiger ist der Ankerhalt. Die Faustregel, um die nötige Mindestkettenlänge zu berechnen ist:  (Wassertiefe+ Höhe des Überwasserschiffes) x 3. Ist Starkwind oder gar Sturm angesagt, lässt man mehr Kette raus.

Dusel – Glück

Ormos Matraki – Matraki Bucht

Victory – Dehler 36 CWS.  Eine elf-Meter-Yacht, die für sportliches Segeln entworfen wurde. Das Central Winch System (CWS) erleichtert es, „einhand“. also alleine, zu führen: alle nötigen Handgriffe für das segel setzen, reffen und einholen können von der Plicht aus über eine zentrale Wunsch ausgeführt werden.  Der letzte Stapellauf dieses Bootstyps war 1994.

Vicky – Spitzname der Victory

achtern – hinterer Bereich eines Bootes, Heck

Gennaker – Leichtwindsegel (asymmetrisches Spinnaker Segel)

bannig – sehr

GFKLeichtgewicht – die Dehler 36 CWS wiegt leer 5,5 t. Sie ist aus glasfaserverstärkten Kunststoff (GFK) gebaut, wie die meisten Segelyachten.

querab – rechtwinkilig zum Kiel

Neo Klima – Hafenstädtchen an der Westküste von Skopleos

Landleinen – werden gelegt, wenn die Wassertiefe das Ankern  in ausreichender Entfernung vom Ufer nicht erlaubt oder damit mehr Boote in einer Bucht liegen können. Zuerst wird der Anker geworfen, dann fährt man rückwärts aufs Land zu. Landleinen sollten immer an Felsnasen o.ä. gelegt werden, da sie Bäume verletzen könnten.

slippen -rutschen

Ormos Milia -Bucht an der Ostküste von Alonnisos

schwojen – im Radius um den Anker drehen: ein Schiff vor Anker oder an einer Boje dreht seinen Bug stets in den Wind. Wird der Wind stärker, spannt sich die Ankerkette. Kommt der Wind aus einer anderen Richtung, dreht sich das Boot um den Anker und ändert seine Position.

Schwell (oder Dünung) -Wellen, die aus ihrem Entstehungsbereich herausgelaufen sind. Im Gegensatz zur Windsee, die entsteht, wenn der Windd auf die Wasseroberfläche trifft. Schwell + Windsee = Seegang

Klönschnack – Schwätzchen

Plicht – auch Cockpit genannt. Außenbereich eines Bootes, wo sich die Crew aufhält.

Moana 38 – 38 Fuß lange,  von Anton Luft entworfene Segelyacht aus Stahl

MOM – Griechische NGO zum Studium und Schutz der Mittelmeer  Mönchsrobbe (Monachus Monachus)

Meeresnaturpark von Alonnisos – größter europäischer Meeresnaturpark und der erste, der in Griechenland gegründet wurde (vor dem Meerespark von Zakynthos)

Ghost Divers – Verein von Tauchern, die herrenlose Fischernetze (Geisternetze) vom Grund holen, in denen sich Fische und Meeressäuger verfangen und elend verenden

Ocean Crime – Webseite mit True Crime Podcasts zu Verbrechen auf hoher See

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Dem Meltemi entgegen

Auf in den Sommer! Es ist Anfang Juli, endlich bin ich wieder da, wo ich hin gehör, auf dem Meer.  Glücklich tucker ich an der Westküste der Insel Euböa lang, an Backbord gleitet das Festland vorbei. Nach ´ner kurzen Nacht vor Aidipsos lugt die Sonne übern Horizont und kündigt Hitze an. Da verzichtet meine Crew lieber auf das Bad in den heißen Quellen am Strand, lichtet den Anker und setzt Segel. Wir wollen um die Nordwestspitze Euböas huschen, und dann in den Pagasitischen Golf -auch Golf von Volos genannt.  Hart am Wind knüppeln wir in der Straße von Oreoi gegen Strömung, Welle und Meltemi an, den Nordwind, der in der Ägäis im Juli und August gerne zu Hochform aufläuft.  Meist bläst er aus Nordost, lässt sich aber gern von Kaps oder Bergen umlenken. So kommt er nu´ von da, wo wir hin wollen, von Ost, und schiebt uns in der Straße von Oreoi hartnäckig westwärts. Meine Crew gibt auf und wendet, segelt zurück nach Euböa, sucht ein geschütztes Eckchen, lässt meinen Anker fallen und wartet. Auf Ebbe, wenn das Wasser sich aus der Straße von Oreoi zum Meer hin zurückzieht. Und darauf, dass dem Meltemi zwischendurch mal die Puste ausgeht.

Als Segelyacht mach ich immer, was der Wind bestimmt. Er entscheidet, ob meine Crew und ich bleiben oder weiterziehen. Ob ich gegen die Welle angeh´ oder von ihr wie ´ne Nussschale hin und her geworfen werde, ob ich flott dahingleite oder vor mich hin dümpel und ohne Jockel nix geht. Ich für meinen Teil würde ja am liebsten die Ägäis rauf und runter rauschen, für Starkwind bin ich schließlich gemacht. Aber meine Crew hat sich ´ne Runde Erholung redlich verdient, wo die beiden doch so fleißig waren, dass ich nu´ wie aus´m Ei gepellt daher komme. Übe mich also in Geduld, als wir nicht gleich die Weite des Meeres suchen, schaukel vor mich hin in Ormos Alogoporos, im Südosten vom Pagasitischen Golf, wo die Berge des Pilion den Meltemi ausbremsen. Neben mir ankert die Victory, ´ne fesche Dehler Yacht, die ich vom Boatyard in Limni kenn, wo ich den Winter verbracht hab.

Meine Steuerfrau schnorchelt ´ne Runde durch die Bucht, will wissen, ob mein Anker sitzt, klettert dann schimpfend die Badeleiter hoch. Nich´ einen  Fisch hat sie gesehen, der Meeresboden gleicht ´ner Unterwasserwüste. Ein Spaziergang am nächsten Morgen muntert sie auf, da läuft sie mit dem Käpt´n von der Vicky über die Insel Trikeri gegenüber, durch ein weißes Fischerdörfchen zu  ´ner malerischen Bucht, dann zum  Kloster auf´m Hügel. Später kommt die Serenita, ´ne lütte Hallberg Rassy, kurz mit ihrem Käpt´n vorbei, übernachtet Backbord querab. Klönschnack in der Plicht hab´ ich immer gern!

Die Vicky bricht nach Volos auf, die Serenita nach Chalkida. Wir tuckern rüber nach Agii Apostoli, wo das Meer stets so glatt wie ein See is´. Das dauert nich´ lange, da taucht die Vicky wieder auf. Ihr Käpt´n betüdelt uns, kocht öfter mal was Feines, klettert auf meinen Mast, kontrolliert Wanten und Kabel und tauscht die Birne der Trikolorlampe. Bin traurig, als er die Vicky zum Anker lichten klar macht und Kurs aufs offene Meer nimmt, zu den nördlichen Sporaden. Doch meine Crew hat aufgehört, die Tage zu zählen, wenn das noch lange so geht, schlägt mein Anker Wurzeln.

Zu meinem Glück sorgen an vielen Sommernachmittagen thermische Effekte im Pagasitischen Golf für Südostwind, sonst würden die zwei wohl sagen: „Leider kein Segelwind, Lobsty…“, und noch´n büsch´n die Seele baumeln lassen. So machen wir uns denn doch bald auf nach Volos, im Norden des Golfs, wo das allerlei Geschäfte gibt. Bootszubehör, Elektrik, Eisenwaren, ´ne Yacht wie ich braucht viel Zuwendung, das habe ich sicher schon mal erwähnt. Ich bekomm ´nen neuen Unterliekstrecker. Meine Crew staunt, für Leinen wird in Hellas der Preis nicht nach Länge berechnet, sondern nach Gewicht. Außerdem braucht mein Käpt´n noch Kabel, um ´ne Seilwinde für mein Dinghi anzubauen. Und PVC Kleber, damit meine Crew nich´ jedes Mal pumpen muss, wenn sie mit meinem Beiboot an Land will.

Bald segeln wir im Westen des Golfs wieder gen Süden, nach Ormos Nies rein. Büsch´n trüb das Wasser hier, mein Anker is´ nich´ zu sehen am Grund, als meine Steuerfrau ´ne Runde schnorchelt, und Fische gibt das wieder keine. Ormos Nies ist weitläufig, mehrere Buchten schmiegen sich zwischen sanfte Hügel, Olivenbäume wachsen bis ans Ufer.  Hier und dort durchbrechen lütte Strände, auf die man gerade mal zwei Beiboote ziehen könnte, die Uferlinie, im Süden lockt ein ausgedehnter Strand einheimische Urlauber an. Dort, wo er zu einem schmalen Sandstreifen ausläuft, hocken manche auf Plastikstühlen unter Sonnenschirmen,  seichte Wellen umspielen ihre Füße.  Quellwasser aus den Bergen bildet Rinnsale, die dem Meer zustreben, beim verlassenen Kloster auf einer Landzunge speist es sogar ein altes, gemauertes Wasserbecken.

Eines Morgens, meine Steuerfrau is´ kaum aus der Koje, schallt die Stimme vom Käpt´n den Niedergang runter. „This is my boat!“  Sie lugt raus an Deck, er steht an der Reling und is´ ganz aus dem Häuschen. Meine Steuerfrau folgt seinem Blick ans Ufer, da liegt mein Dinghi noch auf dem lütten Strand, wo er das da am Vorabend mit Flicken versehen hatte, der Kleber musste noch trocknen. Und ´nu rangiert ´n Pick-Up neben meinem Beiboot rum, schiebt rückwärts einen Bootsanhänger ins Wasser. „He!“, ruft mein Käpt´n nochmal. „What are you doing?“ Springt auf´s  Paddleboard und rudert los. Meine Steuerfrau schnappt sich schlaftrunken ihren Badeanzug, hechtet den Niedergang hoch und schwimmt hinterher. Kurz darauf stehen beide neben dem leeren Bootsanhänger, das Wasser reicht ihnen bis an die Knie. Ratlos sehen sie sich um. Weit und breit ist kein Mensch zu sehen, der Pick-up parkt verlassen neben meinem Beiboot. Meine Steuerfrau watet aus dem Wasser und setzt sich auf einen Baumstamm, mein Käpt´n kratzt sich am Kopf. Nach ´ner Weile nähert sich Motortuckern. Scheint von dem lütten Hafen um die Ecke zu kommen, wo bunte Holzboote mit Außenborder liegen, wie man sie in Hellas oft sieht. Meine Crew spitzt die Ohren. Sieht kurz darauf ein Holzboot neben den Bäumen auftauchen, die den Blick auf einen Teil des Häfchens versperren. Es hält auf meinen Käpt´n zu, der Mann an der Ruderpinne zuckt entschuldigend die Schultern, is´ wohl der Pick-up Fahrer. „Kalimera!“, ruft er. Englisch spricht er keins. Mein Käpt´n antwortet „Good Morning!“ und „Sorry!“ und watet ihm entgegen, um beim Verladen zu helfen. Mir fällt ein Stein von Herzen. Im Sommer ankern wir gerne, ohne Dinghi  wär´ das nix.

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Glossar

Aidipsos – Badeort im Norden der Insel Euböa, bekannt für seine heißen Quellen

Straße von Oreoi – Wasserstraße, die den Golf von Nord Euböa und den Pagasitischen Golf mit der Ägäis verbindet

Jockel – Motor

Ormos Alogoporos – Alogoporos Bucht, im Südosten des Golfs von Volos

Pilion – Gebirgszug im Regionalbezirk Magnisia der griechischen Region Thessalien, der den Pagasitischen Golf umschließt.

Dehler – Marke für sportliche Segelyachten

Hallberg Rassy – schwedische Bootswerft für hochseetaugliche Yachten

Klönschnack –Schwätzchen

Plicht – offener Teil eines Bootes, mit Steuerstand, Sitzfläche und z.T. Tisch

Chalkida – Hauptstadt der griechischen Insel Euböa

Agii Apostoli – Bucht im Südosten des Golfs von Volos

betüdeln – umsorgen

nördliche Sporaden – Inselgruppe im Norden der Ägäis

Unterliekstrecker – Leine (oder Draht), mit der ein Roll-Großsegel aus dem dem Mast gezogen und getrimmt, also flacher oder bauchiger gestellt, wird.

Ormos Nies – weitläufige Einbuchtung im Westen des Pagasitischen Golfs

Dinghi – Beiboot

Kalimera – Guten Morgen (griechisch)

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