Weizen, Windstille und Klöster

Wir tauchen ein in Schwärze, Himmel und Meer sind eins in der Dunkelheit, nur der Bildschirm meines Plotters leuchtet, im Nachtmodus, rot auf dunklem Grund. Dicht an meinem Unterwasserschiff gleiten Klippen vorbei, aus dem Meer ragende Felsen, deren Spitzen erst aus der Finsternis hervortreten, als ich die schmale Durchfahrt hinter mir gelassen hab´ und kurz nach Mitternacht der abnehmende Halbmond über der Silhouette von Sigri erscheint.

Die Lichter des Örtchens verschwinden hinter den Felseninseln, der Südwind erhebt sich, weht verhalten aber stetig, bis auf halber Strecke nach Limnos mein Motor ran muss. Das Windloch währt nich´ lange, bald rauscht der Meltemi aus Nordost heran, pustet von querab in meine Segel und schiebt mich gen Mazedonien. Auch die Strömung von den Dardanellen her kommt aus Nordost, aber die bringt mich vom Kurs ab, deshalb hat meine Crew schon beim Aufbruch in Sigri ´nen nördlicheren Kurs gesetzt, um den berechneten Versatz auszugleichen.

Mein Anker fällt in ´ner abgeschiedenen Bucht, jenseits vom Strand leuchten Weizenfelder in der Nachmittagssonne, erstrecken sich über sanfte Hügel bis ins Inselinnere. Beim Landgang stakst Sousa zwischen Stoppeln rum und der einzige Weg den Hügel hoch endet bei ´nem Bauernhof; nach ´ner Mütze Schlaf verlassen wir Ormos Kokkina, tuckern in der morgendlichen Windstille gemütlich an der Südküste lang ostwärts und bald in die weite Bucht von Moudros, wo Muscheln und Krabben sich besonders wohl fühlen. Das trübe Wasser is´ recht warm, da freut mein Käpt´n sich über, bis er am nächsten Morgen Schaum und Unrat vorbeitreiben sieht.

Aber hinterm lütten Kap Aspros, nur´n Delphinsprung weiter südlich, vorm mit Sonnenschirmen gespickten Strand von Fanarakia, da schillert das Meer wie ein Aquamarin. Nah bei gibt das sogar Schatten, ´n lüttes Pinienwäldchen säumt die Nachbarbucht, und tagelang is´ das Meer so ruhig, dass ich geradezu tiefenentspannt im Wasser liege.  Dann kommt Schwell herangerollt, ich kippel und wippe auf den Wellen, meine Crew lichtet den Anker. Mit dem Schatten hat sich das erledigt, von nun an müssen meine Steuerfrau und Sousa früh in die Puschen kommen, um beim Landgang keinen Sonnenstich zu kriegen; auf Limnos sind fast alle Bäume dem Weizen gewichen, nur vereinzelt hält ein Olivenbaum, eine Kiefer, ein Feigenbaum oder eine Eiche die Stellung und trotzt dem Meltemi.

Bald soll unser Besuch aus Pamplona in der Inselhauptstadt Mirina ankommen, wir halten Ausschau nach malerischen, gut geschützten Badebuchten. In Ormos Kontias bevölkert ´ne Ziegenherde den Strand und das Meer is´ ebenso trüb wie vor Moudros, also beschließt meine Crew, Wäsche zu waschen, in Mirina soll das ´nen Waschsalon geben, `ne Rarität in der nordöstlichen Ägäis. 

Der Meltemi schwächelt, das is´ noch Platz in der weiten, recht gut geschützten Hafenbucht, über die eine zur Ruine zerfallene Burg wacht. Das Meer hat mir geflüstert, dass es Kriegsgaleeren verschiedenster Völker hierher getragen hat, die Burg von Mirina wurde einst von Byzanz auf den Ruinen einer antiken Akropolis errichtet, später bauten Venezianer und Osmanen weiter. Kurz vor Sonnenuntergang hüpft Sousa den gepflasterten Weg zur Festung hoch, ein Rudel kleiner Hirsche springt am Hang lang, huscht hinter Felsen. Abends füllen sich die Tische der Restaurants am Kai des kleinen Fischerhafens und nebenan, in der von Souvenirlädchen bevölkerten Fußgängergasse, herrscht beinah hektisches Gedränge, bin froh, dass ich am anderen Ende der Bucht liege.

Kaum riecht das an Bord endlich mal nach „frisch gewaschen“ verdrücken wir uns nach Ormos Plateos, kurz um ein Kap rum an der Südwestspitze von Limnos. Nach ´n paar Tagen wird der Meltemi übermütig, die Windsurfschule macht Pause und Sousa muss ihr Geschäftchen auf meinem Deck erledigen. Meine Crew checkt die Wetter App, am nächsten Tag soll das noch stürmischer werden, und zwei Wochen lang so bleiben. Segelurlaub ohne Baden? Mit sturmzerzaustem Haar in der Plicht hocken? Das soll unserem Besuch erspart bleiben, ich werd´ klargemacht zum Anker lichten.

Der Wunschkurs, zur Insel Thassos auf dem Weg zu meinem Winterplatz in Nea Peramos, kommt nich´ in Frage, auch auf Thassos wird wohl kein Badewetter sein. Meine Crew setzt Kurs auf Mazedonien, zum mittleren der drei Finger, die das nordgriechische Festland ins Meer reckt. Über dreißig Knoten sind angesagt, ich liebe Wind umme Schnut!

In der Nacht treffen wir zum ersten Mal auf den alles überragenden Berg Athos, mit um die vierzig Knoten rauscht der Meltemi seine Steilhänge runter, mein Käpt´n, der gerade Wache hat, refft flott meine Segel. Zum mittleren Finger hin wird das zusehends ruhiger, der Meltemi wird vom Festland nach Süden abgelenkt, in die Zentralägäis. Als das Morgengrauen nicht mehr fern und die Ankerbucht nah is´, weht ein laues Lüftchen, das ab und an zwischen an Land aufragenden Hügeln ´n büsch´n in Fahrt kommt. Segel setzen. Segel einholen, Motor an. Wieder Segel setzen. Motor aus. Bald is´ meine Steuerfrau das leid und wir dümpeln rum, bis die Sonne endlich aufgeht und die Sandflecken am Grund zu sehen sind, schließlich soll mein Anker nich´ im Seegras fallen.

Unsere Freunde aus Pamplona erweisen sich als Wasserratten, übernehmen zwischen Paddelboardtouren, Landgängen mit Sousa und genüßlichem Plantschen im Meer das Regime in der Kombüse und verwöhnen meine Crew; meine Ruthie schreibt entspannt an ihrer Drachengeschichte, die sollte lieber von meinen Abenteuern berichten.

Das is´ August und noch wohlig warm, jeden Nachmittag strebt der thermische Südwind zum aufgewärmten Festland hin, beschert entspannte Segeltörns. Nach Nea Marmaris, von aus dem Marmarameer vertriebenen Griechen 1922 gegründet, oder Diaporti, wo man nichts als gut bestückte Schapps braucht, und vielleicht ´ne Badehose.  Von Diaporti in die rundum geschütze Bucht von Porto Koufo, der Anker fällt auf zwanzig Meter und greift nich´ gut, da Flaute herrscht is´ uns das eins.

Wir huschen um den mittleren Finger rum, ankern vor ´nem Nacktbadestrand. Beim Landgang grüßt meine Crew und lächelt, in ´nem Zelt aus Schattennetzen wird gerade getafelt, da hoppelt Sousa hin und kriegt was ab. Pfade führen die Sandsteinfelsen hoch, an ´nem Plumpsklo vorbei und runter ins Örtchen Kalamitsi, wo Caféterrassen warten. Über Nacht raubt der Schwell den Schlaf, am Morgen huschen wir rüber zur Insel Drénia vor dem östlichen Finger, manche Griechen verbringen hier ´ne Nacht auf ´ner Sonnenliege am Strand, andere den ganzen Sommer, im Wohnwagen oder im Zelt, meist verborgen zwischen Büschen oder hinter Zäunen; wer ein paar Tage bleibt, gehört zur Familie.

In Ouranopoli, am östlichen Finger, gegenüber von Drénia, steigt unser Besuch in den Bus nach Thessaloniki. Der nächste Besuch kommt, diesmal aus der Pfalz, das geht gesellig zu an Bord, Sousa sammelt Streicheleinheiten. Wieder Südwind, wir huschen zur Insel Diaporos im Nordosten des mittleren Fingers, fliehen gleich am nächsten Tag vor der Mietmotorbootinvasion zurück nach Drénia, wo die Tochter vom Käpt´n beim Landgang bald mit alten Bekannten von Sousa Klönschnack hält. Die wenigen Mietmotorboote, die von Ouranopouli nach Drénia rüberkommen, stören kaum, wer nach Ouranopouli fährt, hat anderes im Sinn, als ein Boot zu mieten, Tag für Tag spucken Reisebusse massenweise Pilger aus, die zum Berg Athos streben. Pilger, keine Pilgerinnen, Frauen haben keinen Zutritt zu der Mönchsrepublik unter griechischer Souveränität und ihren zwanzig in Fels gebauten, orthodoxen Klöstern.

Auch unser Besuch aus der Pfalz hat „Tschüs“ gesagt, meine Crew macht sich im Morgenlicht auf Weg zur Insel Thassos. Nochmal ein langer Schlag, nonstop um den östlichen Finger rum, die Küstenwache jagt jeden weg, der an den Ufern vom Berg Athos ankert. Gegen Mitternacht gräbt mein Anker sich vor Potos, an der Südküste von Thassos, in Sand. In der weiten Bucht von Limenaria genießt meine Crew die letzten Tage Bootsleben, Ruthie paddelt mit Sousa zu ´nem lütten, wilden Strand, wo ´n Pfad die Uferböschung hoch in ein Kiefernwäldchen mit Meerblick führt; mein Käpt´n hockt inner Plicht, träumt davon, dass der Sommer nie aufhört.

Mitte September werde ich in Nea Peramos aus dem Wasser gehoben. Nu´ steh ich Land, aufgebockt und eingepfercht zwischen anderen Yachten. Lieber wär´ ich dicht am Wasser, da, wo die Sonne auf den Wellen tanzt, wo der Wind mit dem Meer singt und der weite Horizont mich ruft, da fühl´ ich mich sicher. 

Glossar

Plotter – auch Kartenplotter: elektronisches Navigationsgerät, das digitale Seekarten, Kurs und Geschwindigkeit des Bootes, Windrichtung und Wassertiefe, per AIS (Automatic Identification System) oder Radar geortete Schiffe in der Nähe, u.v.m. anzeigt.

Mazedonien – auch Makedonien genannt. Region im Norden Griechenlands, die den Teil des historischen Mazedoniens umfasst, der im heutigen Griechenland liegt.

Strömung– weitläufige, gerichtete Bewegung des Meerwassers. Die Strömung von den Dardanellen her beruht auf dem fast doppelt so hohen Salzgehalt des Mittelmeeres gegenüber dem schwarzen Meer, wobei eine salzarme Oberflächenstrrömung von Schwarzen Meer durch das Marmarameer und die Dardanellen ins Mittelmmer fließt, und eine salzreichere, tiefere Strömung in die entgegengesetzte Richtung.

Versatz – seitliche Kursabweichung eines Segelbootes durch Meeresströmungen oder Windeinfall.

Schwell – abgeleitet,vom englischen „swell“, auch Dünung genannt: Wasserwellen, die bereits aus ihrem Ursprunggebiet herausgelaufen und nicht mehr wie die Windsee von der Windeinwirkung abhängig sind. Windsee und Dünung bilden zusammen den Seegang.

in die Puschen kommen – in Gang kommen

Ormos– griechisch: „Bucht“

Seemeile – eine Seemeile = 1852 Meter

Wind umme Schnut – Wind um die Nase (bzw. die Schnauze, den Mund)

Knoten – ein Knoten = eine Seemeile pro Stunde = 1,852 km/h

Seegras – auch Neptungras oder Poseidonia (posidonia oceanica) genannt. Seegraswiesen können mindestens doppelt so viel CO2 speichern wie eine gleich große Fläche tropischer Regenwald, bieten über 220 Tierarten einen Lebensraum und filtern das Meerwasser, indem sie Nährstoffe aus Flüssen aufnehmen und die Überdüungung des Meeres verhindern. Posidonia ist für den Schutz des Mittelmeeres unentbehrlich, doch sie wächst ungemein langsam, nur ein bis drei Zentimeter pro Jahr. Oft wird sie bei Ankermanövern ausgerissen und vernichtet, z.B. wenn der in Sand und Gras eingegrabene Anker gelichtet wird oder die Ankerkette durch eine Seegraswiese schleift.

Schapps – Vorratsschränke

das is´ uns eins – das ist uns egal

Klönschnack halten – gemütlich miteinander plauern

*

Avatar von Unbekannt

Autor: SY Flying Lobster

Ich bin die Steuerfrau der SY Flying Lobster. Lobsty ist meine Muse, und ich bin ihr unverbesserlicher Schreiberling. Impressum: Angaben gemäß § 5 TMG: Ruth Baier Oberdorf 6 67744 Kappeln Kontakt: sy.flyinglobster@gmail.com Ich bitte darum, weder and die Postadresse noch an die E-Mailadresse Werbung zu senden. Vielen Dank. Datenschutzerklärung Haftungsausschluss: Haftung für Inhalte Die Inhalte meiner Seiten wurden mit größter Sorgfalt erstellt. Für die Richtigkeit, Vollständigkeit und Aktualität der Inhalte kann ich jedoch keine Gewähr übernehmen. Als Diensteanbieter bin ich gemäß § 7 Abs.1 TMG für eigene Inhalte auf diesen Seiten nach den allgemeinen Gesetzen verantwortlich. Nach §§ 8 bis 10 TMG bin ich als Diensteanbieter jedoch nicht verpflichtet, übermittelte oder gespeicherte fremde Informationen zu überwachen oder nach Umständen zu forschen, die auf eine rechtswidrige Tätigkeit hinweisen. Verpflichtungen zur Entfernung oder Sperrung der Nutzung von Informationen nach den allgemeinen Gesetzen bleiben hiervon unberührt. Eine diesbezügliche Haftung ist jedoch erst ab dem Zeitpunkt der Kenntnis einer konkreten Rechtsverletzung möglich. Bei Bekanntwerden von entsprechenden Rechtsverletzungen werde ich diese Inhalte umgehend entfernen. Haftung für Links Mein Angebot enthält Links zu externen Webseiten Dritter, auf deren Inhalte ich keinen Einfluss habe. Deshalb kann ich für diese fremden Inhalte auch keine Gewähr übernehmen. Für die Inhalte der verlinkten Seiten ist stets der jeweilige Anbieter oder Betreiber der Seiten verantwortlich. Die verlinkten Seiten wurden zum Zeitpunkt der Verlinkung auf mögliche Rechtsverstöße überprüft. Rechtswidrige Inhalte waren zum Zeitpunkt der Verlinkung nicht erkennbar. Eine permanente inhaltliche Kontrolle der verlinkten Seiten ist jedoch ohne konkrete Anhaltspunkte einer Rechtsverletzung nicht zumutbar. Bei Bekanntwerden von Rechtsverletzungen werde ich derartige Links umgehend entfernen. Urheberrecht Die durch mich erstellten Inhalte und Werke auf diesen Seiten unterliegen dem deutschen Urheberrecht. Die Vervielfältigung, Bearbeitung, Verbreitung und jede Art der Verwertung außerhalb der Grenzen des Urheberrechtes bedürfen meiner schriftlichen Zustimmung. Downloads und Kopien dieser Seite sind nur für den privaten, nicht kommerziellen Gebrauch gestattet. Soweit die Inhalte auf dieser Seite nicht von der Betreiberin erstellt wurden, werden die Urheberrechte Dritter beachtet. Insbesondere werden Inhalte Dritter als solche gekennzeichnet. Sollten Sie trotzdem auf eine Urheberrechtsverletzung aufmerksam werden, bitten wir um einen entsprechenden Hinweis. Bei Bekanntwerden von Rechtsverletzungen werde ich derartige Inhalte umgehend entfernen. Datenschutz Die Nutzung unserer Webseite ist in der Regel ohne Angabe personenbezogener Daten möglich. Soweit auf meinen Seiten personenbezogene Daten (beispielsweise Name, Anschrift oder eMail-Adressen) erhoben werden, erfolgt dies, soweit möglich, stets auf freiwilliger Basis. Diese Daten werden ohne Ihre ausdrückliche Zustimmung nicht an Dritte weitergegeben. Ich weise darauf hin, dass die Datenübertragung im Internet (z.B. bei der Kommunikation per E-Mail) Sicherheitslücken aufweisen kann. Ein lückenloser Schutz der Daten vor dem Zugriff durch Dritte ist nicht möglich. Der Nutzung von im Rahmen der Impressumspflicht veröffentlichten Kontaktdaten durch Dritte zur Übersendung von nicht ausdrücklich angeforderter Werbung und Informationsmaterialien wird hiermit ausdrücklich widersprochen. Ich behalte mir ausdrücklich rechtliche Schritte im Falle der unverlangten Zusendung von Werbeinformationen, etwa durch Spam-Mails, vor. Quelle: Disclaimer (https://www.e-recht24.de/muster-disclaimer.html) von eRecht24, dem Portal zum Internetrecht von Rechtsanwalt Sören Siebert.

Hinterlasse einen Kommentar