Tage in Sigri

Endlich kommt meine Crew in die Puschen! Hatte ich erwähnt, dass mir ein Algenbart wächst und mein Rumpf schon ganz grün is´? Seit anderthalb Monaten dümpel ich vor mich hin, obwohl weder befreundete Yachten noch Freunde in der Nähe sind. Und wenn der Meltemi morgen wie angesagt auf Nord dreht und `n Zahn zulegt, häng ich hier noch länger rum, nur heute noch bläst er aus Nordost, bringt uns locker Kurs Westnordwest, von Pèrama im Südosten nach Sigri im Südwesten von Lesbos.

Was bin ich man froh, dass meine Steuerfrau hektisch Geschirr und Plünnen verstaut, während mein Käpt´n in den Motorraum klettert und die Stopfbuchspackung schmiert. Alle Luken und Seeventile dicht. Plotter und Motor an. Anker auf. Kurz nochmal was einholen in Pérama, ´n schnellen Kaffee trinken und dem netten Wirt vom Baroque „Tschüs“ sagen. Wieder Anker auf. Die Genua raus, mein schönes, großes Vorsegel; kaum segeln wir an der fünf Seemeilen entfernten Südküste lang, auch das Groß.

Am frühen Abend kommt das zwölf Seemeilen entfernte Plomari in Sicht, der Wind dreht auf Nordwest, die Welle rollt uns entgegen. Außerhalb der Hafenmole, dicht beim Stadtstrand, finden wir `n büsch´n Schutz, mein Anker greift auf Anhieb, meine Crew macht sich landfein. Der Nordostwind soll erst später wieder aufkommen, Sousa muss Abendgassi gehen und das Handy sagt, an der Uferpromenade gäb´s ’ne Gyrosbude. Die erweist sich als Schnellrestaurant, das Eröffnung feiert; noch hängen die Flaggen im Stadthäfchen schlapp rum, meine Crew ergattert ’nen Tisch, schiebt den Leuten, die sich um den Nebentisch drängeln, zwei Stühle rüber. Das sind australische Griechen auf Urlaub in ihrem Heimatdorf, halb Plomari sei damals, vor mehr als vierzig Jahren, nach Australien ausgewandert, erzählen sie. Als ´ne frische Brise aus Nordost den Flaggen Leben einhaucht, beobachtet Sousa enttäuscht, wie meine Ruthie Gyros und Pommes in Pappschachteln packt für die Nacht.

Man gut, dass weder Abwasch noch Aufräumen anstehen, ich schaukel wild auf den Wellen, als meine Crew an Bord klettert. Punkt Mitternacht wird mein Anker gelichtet. Dreißig Seemeilen später, im Morgenlicht, springt mein Motor an und ich tucker um das Kap Saratsina. Soll die windigste Ecke der Insel sein, doch als meine Steuerfrau den Leuchtturm hinter sich lässt und vorbei an drei nach Westen offenen Buchten in den größten natürlichen Hafen von Lesbos schippert, weht nur ein laues Lüftchen. Im Norden der vierten Bucht, der Südbucht von Sigri, thront die von einem osmanischen Admiral errichtete Festung; Felseninseln schirmen sie vom Meer ab, bilden ein ausgedehntes Hafenbecken, das nur nach Süd hin offen ist, und aus Süd kommen die Stürme der Ägäis nur im Winter.

Mit Blick auf die Burgruine verbringe ich geruhsame Tage, von der Strandbar wehen kubanische Klänge herüber. Wenn meine Ruthie mit Sousa ´ne Runde dreht, wundert sie sich öfter mal über den Meltemi, der hat in Sigri zwei Gesichter: In der Südbucht is´ er freundlich, erlaubt ihr, zügig zum Strand zu paddeln, während er zur gleichen Zeit knallhart durch die Nordbucht fegt, flache Wellen ins Stadthäfchen scheucht und die vereinzelt am Kai liegenden Fischerboote oder Yachten aus der Ruhe bringt.

Im verschlafenen Sigri macht selbst die Zeit öfter mal´n Nickerchen. Ein Millionen Jahre alter, versteinerter Wald kann bestaunt werden, sogar ein geologisches Museum von Weltrang, doch das sind weder Taxen noch Mietautos zu finden und nur einmal am Tag fährt ein Bus. Bald hüpft Sousa ohne Leine durch die Gässchen, begrüßt hier die Fellnase vom Cocktailcafé, dort die Stromerin, die gerne vor dem Imbiss in der Hauptstraße wartet und von den Nachbarn so liebevoll gefüttert wird, dass sie kaum noch laufen kann. Besonders angetan hat Sousa das ´n brauner Mischlingsrüde, mit dem tollt sie um die Ecken, bis ihm die Luft ausgeht. Auch meine Ruthie findet ´ne Freundin, die winkt ihr vom Balkon aus zu und kommt zum Strand runter, mit Galgorüde Pino, der sich feinfühlig von Sousa bechnüffeln lässt.

Mein Käpt´n bastelt wieder am beharrlich tropfenden Wassermacher, packt in der Plicht alle ausgedienten Kärcher K2, die an Bord lagern, auf einen Haufen. Aus fünf mach einen, der hält zwei Tage. Und noch einen, der geht schon nach einem Tag in die Knie. Zum Glück is´ am Strand ´n Wasserhahn, da füllt meine Crew Kanister. Bis das lang erwartete Paket in Mytilini ankommt.

Morgens um sechs zuckelt meine Ruthie im Bus Serpentinen hoch, das Getriebe kracht, der Fahrer ächzt und haut die Gänge rein. Oben im Bergdorf steigen alle aus, warten auf das modernere Gefährt, das aus Paralia Eressos kommt, einem Küstenstädtchen, wo jedes Jahr ein Frauenfestival zu Ehren der Dichterin Sappho gefeiert wird. Sappho hat in der Antike auf Lesbos gelebt und die Schönheit der Frauen besungen, deshalb werden Frauen, die Frauen lieben, noch heute „lesbisch“ genannt.

Nachmittags um fünf streckt sich Ruthie in meiner Plicht aus und legt die Beine hoch; obwohl das von Sigri nach Mytilini gerade mal achtzig Kilometer sind, hat sie sieben Stunden Bus hinter sich. Aber die Pumpe von dem schicken, neuen Hochdruckreiniger, den uns der Anbieter vom Wassermacher-Bausatz zum Testen geschickt hat, macht Süßwasser wie am Schnürchen. Nu´will der Käpt´n weg aus Sigri, das Meer is ihm hier zu kalt. Meine Ruthie mag das kalte Meer, und den Meltemi, der uns zwingt, zu bleiben.

Das fängt an zu kacheln. Mein Käpt‘ n pusselt unter Deck rum, hört Krimis oder hält ein Nickerchen; meine Ruthie und Sousa genießen die Tage mit Freunden in Sigri und der Meltemi pustet munter, meine schöne Ankerkette aus Edelstahl is‘ zum Zerreißen gespannt. Zwei Tage lang geht das so, dann kommt mein Anker ins Rutschen. 

„Nur die Ruhe“, sag ich mir, „nach’n paar Metern gräbt der sich wieder ein.“ 

Und bin völlig auf’m falschen Dampfer, denn mein Anker slippt wie ein Weltmeister, zieht mich quer durch die Bucht. Unsere Nachbarin, ’ne französische Yacht, fängt and zu hupen. Rhythmisch. Abgehackt. Drängend. Von weit weg hör‘ ich meine Steuerfrau rufen, die is gerade an Land, sieht mich wohl auf die Klippen im Südosten zuslippen. Das Hupen dröhnt wie blöd, das felsige Ufer kommt gefährlich nah. Und endlich schmeißt mein Käpt’n den Motor an. Reißt das Steuer rum. Hab‘ ich mich verjagt, ich krieg‘ mich gar nich‘ mehr ein! Bin bannig froh, als wir zwei Tage später Anker auf gehen. Aber meine Ruthie is´ traurig, hoffentlich findet sie bald woanders neue Freunde. Und wenn nich´, dann kommt ja bald Besuch.

*

in die Puschen kommen – in Gang kommen

Stopfbuchspackung – dichtet die Welle zwischen Getriebe und Schiffsschraube gegen den Eintritt von Seewasser ab

Plünnen – Kleider, Sachen

Plotter – Schiffsnavigationsgerät am Steuerstand, dass auf einem Display eine Seekarte anzeigt Befindet

einholen – einkaufen

das Groß – das Großsegel

Seemeile – auch “nautische Meile” (1852 m), gebräuchlich in der Schiff- und Luftfahrt

slippen – rutschen

sich verjagen – sich erschrecken

sich einkriegen – sich beruhigen

bannig – sehr

*

Avatar von Unbekannt

Autor: SY Flying Lobster

Ich bin die Steuerfrau der SY Flying Lobster. Lobsty ist meine Muse, und ich bin ihr unverbesserlicher Schreiberling. Impressum: Angaben gemäß § 5 TMG: Ruth Baier Oberdorf 6 67744 Kappeln Kontakt: sy.flyinglobster@gmail.com Ich bitte darum, weder and die Postadresse noch an die E-Mailadresse Werbung zu senden. Vielen Dank. Datenschutzerklärung Haftungsausschluss: Haftung für Inhalte Die Inhalte meiner Seiten wurden mit größter Sorgfalt erstellt. Für die Richtigkeit, Vollständigkeit und Aktualität der Inhalte kann ich jedoch keine Gewähr übernehmen. Als Diensteanbieter bin ich gemäß § 7 Abs.1 TMG für eigene Inhalte auf diesen Seiten nach den allgemeinen Gesetzen verantwortlich. Nach §§ 8 bis 10 TMG bin ich als Diensteanbieter jedoch nicht verpflichtet, übermittelte oder gespeicherte fremde Informationen zu überwachen oder nach Umständen zu forschen, die auf eine rechtswidrige Tätigkeit hinweisen. Verpflichtungen zur Entfernung oder Sperrung der Nutzung von Informationen nach den allgemeinen Gesetzen bleiben hiervon unberührt. Eine diesbezügliche Haftung ist jedoch erst ab dem Zeitpunkt der Kenntnis einer konkreten Rechtsverletzung möglich. Bei Bekanntwerden von entsprechenden Rechtsverletzungen werde ich diese Inhalte umgehend entfernen. Haftung für Links Mein Angebot enthält Links zu externen Webseiten Dritter, auf deren Inhalte ich keinen Einfluss habe. Deshalb kann ich für diese fremden Inhalte auch keine Gewähr übernehmen. Für die Inhalte der verlinkten Seiten ist stets der jeweilige Anbieter oder Betreiber der Seiten verantwortlich. Die verlinkten Seiten wurden zum Zeitpunkt der Verlinkung auf mögliche Rechtsverstöße überprüft. Rechtswidrige Inhalte waren zum Zeitpunkt der Verlinkung nicht erkennbar. Eine permanente inhaltliche Kontrolle der verlinkten Seiten ist jedoch ohne konkrete Anhaltspunkte einer Rechtsverletzung nicht zumutbar. Bei Bekanntwerden von Rechtsverletzungen werde ich derartige Links umgehend entfernen. Urheberrecht Die durch mich erstellten Inhalte und Werke auf diesen Seiten unterliegen dem deutschen Urheberrecht. Die Vervielfältigung, Bearbeitung, Verbreitung und jede Art der Verwertung außerhalb der Grenzen des Urheberrechtes bedürfen meiner schriftlichen Zustimmung. Downloads und Kopien dieser Seite sind nur für den privaten, nicht kommerziellen Gebrauch gestattet. Soweit die Inhalte auf dieser Seite nicht von der Betreiberin erstellt wurden, werden die Urheberrechte Dritter beachtet. Insbesondere werden Inhalte Dritter als solche gekennzeichnet. Sollten Sie trotzdem auf eine Urheberrechtsverletzung aufmerksam werden, bitten wir um einen entsprechenden Hinweis. Bei Bekanntwerden von Rechtsverletzungen werde ich derartige Inhalte umgehend entfernen. Datenschutz Die Nutzung unserer Webseite ist in der Regel ohne Angabe personenbezogener Daten möglich. Soweit auf meinen Seiten personenbezogene Daten (beispielsweise Name, Anschrift oder eMail-Adressen) erhoben werden, erfolgt dies, soweit möglich, stets auf freiwilliger Basis. Diese Daten werden ohne Ihre ausdrückliche Zustimmung nicht an Dritte weitergegeben. Ich weise darauf hin, dass die Datenübertragung im Internet (z.B. bei der Kommunikation per E-Mail) Sicherheitslücken aufweisen kann. Ein lückenloser Schutz der Daten vor dem Zugriff durch Dritte ist nicht möglich. Der Nutzung von im Rahmen der Impressumspflicht veröffentlichten Kontaktdaten durch Dritte zur Übersendung von nicht ausdrücklich angeforderter Werbung und Informationsmaterialien wird hiermit ausdrücklich widersprochen. Ich behalte mir ausdrücklich rechtliche Schritte im Falle der unverlangten Zusendung von Werbeinformationen, etwa durch Spam-Mails, vor. Quelle: Disclaimer (https://www.e-recht24.de/muster-disclaimer.html) von eRecht24, dem Portal zum Internetrecht von Rechtsanwalt Sören Siebert.

Hinterlasse einen Kommentar