Unser Besuch ist auf dem Weg nach Deutschland. Ein langer Segeltag beginnt. Der Himmel über Trizonia verabschiedet sich mit einem Regenbogen. Mal wieder ist Schmetterling angesagt . Bis der Wind auffrischt und wir das Groß einholen. Heiter rausche ich dahin. Die Küste des Peloponnes gleitet an Backbord vorbei. Schimmert verträumt im Abendrot. Das Vergnügen ist kurz. Mein Motor muss ran.
Im Stadthafen von Korinth is´ Ankern erlaubt, schreibt ein Segler in der Navily App. Is´ aber Tüdelkram. Kaum haben mein Käpt´n und meine Steuerfrau sich das im Cockpit gemütlich gemacht, steht einer aus´m Hafenbüro am Kai. Is´ kaum zu erkennen. Das Licht seiner Taschenlampe tanzt über mein Deck. Wir sollen weg. Oder an Land festmachen. Meine Steuerfrau schaut durchs Fernglas. Westlich eines hohen Zauns liegt Boot hinter Boot längsseits. Östlich davon hat nur eine Yacht festgemacht. Aber was sind das für dunkle Stellen am Pier?
Mir is´ ganz mulmig, als meine Crew Fender klarmacht und Leinen rausholt. Klar zum Anlegen lichten die zwei den Anker. Da springt der Nachbar von seinem Boot. Ruft no hurry, guys! Fängt unsere Leine. Die dunklen Stellen erweisen sich als Gummischutz. Dort, wo tückische Lücken im Pier klaffen. Der Wind drückt uns weg. Der nette Ami zieht uns bei und huscht winkend zu seiner Yacht zurück.
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Schon Caesar machte Pläne für einen Wasserweg durch die Landenge bei Korinth. Mit der Erfindung des Dynamits wird das Projekt machbar. Etwa hundertdreißig Jahre alt ist der Kanal von Korinth. Letztes Jahr war er gesperrt. Mal wieder ein Erdrutsch. Dieses Jahr schlüpfe ich gerade noch durch, bevor er wieder schließt. Tschüs, Ionisches Meer! Ägäis, wir kommen! Nur ´ne knappe Stunde, und der Saronische Golf empfängt mich mit einem lauen Lüftchen. Ein teurer Spaß. Zweihundertvierzig Euro. Aber ein Monument der Ingenieurskunst. Das gefällt meiner Crew. Besonders dem Käpt´n.
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Nisos Salamina bietet hier und dort ´ne lauschige Bucht. Órmos Kanakia, an der Westküste, lässt uns die Industrielandschaft um die Ecke vergessen. Entführt meine Ruthie in die Bronzezeit. Direkt am Strand den Hügel hoch. Über einen schmalen Pfad zwischen Pinien und Macchia zu den Ruinen einer mykenischen Akropolis. Hier in Hellas finden sich an allen Ecken und Enden Zeugen vergangener Epochen. Vielerorts stellen archäologische Museen die lokalen Funde aus. Auch in Salamina Stadt. Sechstausend Jahre alte Vasen sind da zu sehen! Sollen formidabel sein. Kein Wunder, dass Töpfer im alten Griechenland kerameus genannt wurden.
Ansonsten hat die Hauptstadt der Insel kaum Historisches bewahrt. Beton bestimmt das Bild. Ein einsames Graffito im naiven Stil erinnert an die Seeschlacht von Salamis. Zweieinhalb Jahrtausende ist es her, dass der Siegeszug der Perser gen Westen hier beendet wurde. Heute geht Salamis nahtlos in Paloukia über. Tag und Nacht verkehren Fähren zwischen der Insel und Piräus. Am selben Steg bewacht ein Stahlzaun den Marinestützpunkt, Heimathafen der meisten griechischen Kriegsschiffe . Was bin ich man froh, dass ich eine Segelyacht bin. Das wäre grausam, allzeit vor Kanonen zu starren.
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Vor Piräus liegen Tanker und Frachter auf Reede. Prägen das Panorama vn Órmos Giala, an der Südwestküste Salaminas. Sonst gibt das hier kaum was. Nur die Kneipe vom Ruderclub und eine Bushaltestelle. Der Meltemi pustet kräftig aus Nordost. Kommt müde an. Erreicht kaum mehr als zwanzig Knoten. Anders is´ das am Kap Sounion. Am Südzipfel Attikas sind stetig sieben bis acht Beaufort gemeldet. Da müssen wir rum. Und dann gegen an. Also warten wir. Sieben Tage. Das Meer is´ recht klar. ´N büsch´n kühl, aber OK. Nur von der Badeleiter traut meine Crew sich nich´ weit weg.
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Mehr Containerschiffe als sonst wo im östlichen Mittelmeer, mehr Fähren als sonst wo in Europa. Piräus ist ein geschäftiger Hafen. Früh morgens merk ich da nich´ viel von im Verkehrstrennungsgebiet. Ein Lotse, der ´ne Kranplattform zieht und zwei Frachter von Süd. ´Ne Fähre, zwei Yachten und ´n Tanker von Nord. Schwupps haben wir die Bucht von Athen überquert. Den Meltemi stetig von querab und zahmer als die Tage zuvor. An der Riviera von Athen wird er mal mehr, mal weniger böig. Pfeift um Inselchen. Lässt sich hier und dort von einem Kap ablenken oder braust einen Hang hinab.
Auch Órmos Sounion is´ nich´ gerade ´n Flautenfleckchen. Wie geschaffen für den Poseidontempel. Oben auf dem Kap thront der. Überblickt die südliche Ägäis. Meine Crew bleibt an Bord. Hat null Bock, das Dinghi runter zu lassen bei den Böen. Zum Ufer is´ das auch ´ne Ecke. Da würden die zwei wohl nass ankommen. So warten sie auf die Nacht. Wenn Scheinwerfer die hohen Säulen aus weißem Marmor mit Gold überziehen.
Im Morgengrauen geht das weiter. Eigentlich zu früh. „Bei Sonnenaufgang musst Du ums Kap!“, hat unsere Freundin von der Benko meiner Steuerfrau ans Herz gelegt. Nu´ dümpel ich im Leerlauf vor mich hin. Die Sonne trödelt hinter den Bergen im Südosten. Mein Käpt´n macht derweil Wasser. Meine Ruthie verliert die Geduld. Legt den Gang ein. Ich tucker ums Kap. Und endlich! Der Tempel badet in Morgenröte. Zusammen mit den Felsen und dem Meer. Wir erbitten Poseidons Schutz. Wie die Seeleute in alten Zeiten.
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Euböa – Windkapriolen und Möwenkacke
Um die Ecke vom Kap Sounion kommt Euböa in Sicht. Wir motoren. Das Festland an Backbord, die Inselküste an Steuerbord. Der Meltemi hat ´ne Verschnaufpause eingelegt. Bläst dann vormittags ein Weilchen. Hart am Wind knüppel ich nordwärts. Dann is´ wieder tote Hose. Hat aber auch sein Gutes. Die Fallwinde vor Nimporeio, an der Inselküste, gewähren ruhigen Schlaf. Am Morgen kommen sie dann wie gerufen. Hauen munter von querab in meine Segel und schieben mich zurück auf unsere Route gen Norden.
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Die Bucht von Porto Buffalo schlängelt sich ins Land und wird zu einem kreisrunden Naturhafen. Vier bis fünf Boote wie ich finden hier Platz und Sandgrund. Gut geschützt vor Seegang. Da macht das nix, dass die Hügel am Ufer eine Düse für den Meltemi formen. Mein Anker hält.
Der Sommer ist zurückgekehrt. Er schwächelt. Der Sonnenuntergang riecht nach Herbst. Doch morgens is das Deck ´ bei weitem nich´ so nass wie schon im September vor Lefkada. Und das Meer ist immer noch warm genug für meine Steuerfrau, die ein Frostködel ist. Etliche der wenigen Häuser scheinen verwaist. Schweigen hinter heruntergelassenen Jalousien. Nur neben mir, am Ufer, ist der Bär los. „Evia Silence“ steht auf dem Schild vor dem Haus, das eine Art Hotel zu sein scheint. Mein Käpt´n ist überzeugt davon, dass dort Kandidatinnen für die Miss Griechenland Wahl trainiert werden. Doch die Mädels, die sich mittags am felsigen Ufer sonnen, machen schlichtweg gerne Yoga. Da hat meine Steuerfrau ein Auge für. ´Nu hat sie endlich meine Lobstyfahne gehisst! Fröhlich flattert die bei jeder Böe. Müsste vom Yogasaal aus bestens zu sehen sein.
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Der Meltemi is´ ein windiger Geselle. Mal trudelt er unentschlossen, dann knallt er ohne Vorwarnung in meine Segel. Will mich umhauen. Überlegt es sich anders. Lässt mich zufrieden dahingleiten. Schläft ein. Bläst kurz darauf wieder volle Kanne. Was für ´ne Möwenkacke! Wenigstens kommt er heute von querab. Denn Euböas Küste macht ´nen Knick. Wir halten Kurs West. Und meine Crew übt Segel trimmen.
Eretria ist unser Ort für die Nacht. Nach zwei Wochen Buchtenschaukeln fiebert sogar mein Käpt´n dem Landgang entgegen. Auf den Morgenspaziergang verzichtet er. Die Straßen des Örtchens erinnern meine Ruthie an Südamerkia. Sehr breit. Marode. Spärlich von flachen, weißen Häusern gesäumt. Hier und dort genießen Alte vor der Haustür die Herbstsonne.
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Wir kreuzen gegen an. Meine Crew beobachtet die Wasseroberfläche. Wo die dunkler is´, wartet die nächste Böe. Wende um Wende schlagen wir dem Wind ein Schnippchen. Zum Glück liegen nur wenige Seemeilen vor uns. Die Brücke von Chalkida wartet. Unter durch können wir nich´. Viel zu niedrig. Aber sie kann beidseits verschwinden. Eine der letzten Schiebebrücken! Wird einmal am Tag geöffnet. Irgendwann zwischen neun Uhr Abends und drei Uhr morgens. Die Stillwasserzeit verschiebt sich jeden Tag um eine halbe Stunde.
Der Stadtkai ist nich´ gerade verlockend. Zu zerwühlt is´ das Wasser. Die Tidenströmungen durch die Evripos Meerenge sind die stärksten in Griechenland. Is´ ja auch die engste Meerenge der Erde. Bis zu zehn Mal am Tag kann die Strömung hier die Richtung wechseln. Gilt als unvorhersehbar. Ein Gezeitengeheimnis, bei dem wohl der Wind mitmischt. Selbst für Aristoteles unlösbar. Der soll sich angesichts des Mysteriums in den Evripos gestürzt haben. Wenn das man kein Märchen is´ !
Ich warte in sicherer Entfernung. Meine Crew lässt das Dinghi runter. Zahlt im Hafenbüro die Gebühr. Um elf Uhr nachts wird die Brücke geöffnet. Was´n Dusel, wir müssen nicht bis drei Uhr morgens warten. Sollen ab neun auf Kanal zwölf Standby sein . Um viertel vor elf ruft die Brückenkontrolle ein Boot nach dem anderen. Ankerketten rasseln in ihre Kisten. Zwei Boote sind vor uns dran. Mein Käpt´n rätselt, welche das sind. Wir warten. Lassen ein Motorboot und eine Segelyacht durch. Motoren mit gut Abstand hinterher. Es ist fast windstill und diesig. Land und Meer verschwimmen schwarz. Ein paar Seemeilen entfernt, vor Atrakia, fällt meine Crew hundemüde in die Koje.
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Kein Wind. Dafür pladdert der Regen ungestüm. Meine Ruthie bäckt Kuchen. Freut sich, dass wir mit Motor flink sind. Und mittags schon am Ziel. Xaris, vom Stellplatz wo ich hin soll, schickt uns in den Stadthafen. Starkwind is´ im Anmarsch. Und noch mehr Regen. Wenn das ruhiger wird, sagt er, holt er mich aus dem Wasser. Wir erwischen einen letzten, windstillen Moment. Gleiten in das schmale Häfchen von Limni. Wie soll ich da bloß wieder raus kommen! Meine Ruthie springt von Bord. Fängt die Leinen und macht mich fest. Mein Käpt´n freut sich über unsere leichtfüssige Steuerfrau.
Wir wettern ab. Meine Crew erkundet die Umgebung. Schnackt mit Fischern. Letztes Jahr stand Nordeuböa in Flammen. In Limni brannten erste Häuser. Auf dem boatyard machte man Rettungsboote klar. Die griechische Regierung überlässt die Insel ihrem Schicksal. Konzentriert alle Kräfte auf einen Flächenbrand bei Athen. Baumskelette bevölkern nun die Hügel. Weiter als das Auge reicht. Wildtiere sind nicht zu sehen. Nur ein paar streunende Hunde.
Feuer gehorcht dem Wind. Hat vereinzelt Grün verschont. Hier ´nen Olivenhain dort ´nen Nadelbaum. Sogar über ein Dorf ist es hinweg gesprungen. Hat wo anders eine Ziegenherde eingeschlossen. Sich Bienenstöcke einverleibt. Viele Familien sammelten Harz. Für den Retsina Wein. Lebten da von. Jetzt werden selbst unversehrte Kiefern schlagartig braun. Sterben im Handumdrehen. Die Menschen schwanken zwischen Trauer und Wut. Sind verzweifelt. Haben Hoffnung. In fünfzehn Jahren, sagt ein Fischer, ist alles wieder grün. Man sieht es schon. Verkohlte Olivenbäume, die von den Wurzeln her austreiben. Kieferntriebe auf unbefahrenen Wegen.
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Im Hafen drehen geht nicht. Rückwärts fahren ist heikel. Ich muss nach achtern verholt werden. Unsere Nachbarn und Xaris vom Bootsstellplatz helfen. Früh am nächsten Morgen, bei Flaute, geht das los. Nach Paralia Koxili is´ das ein Katzensprung. Xaris wartet im Wasser. Er dirigiert uns. Ich rausche auf ihn zu. Man gut, dass er ´n Neoprenanzug anhat. Und gerne taucht. Erst beim dritten Anlauf rutsche ich in die Schienen vom Trailer. Nu´ steh´ ich auf meinem Winterplatz. Ich muss wirklich langsam mal´n büsch´n betüdelt werden. Farbe und so. Aber hier lässt sich das aushalten. Hab´ lange nich´ so viele Möwen gesehen! Hunderte von weißen Punkten auf dem blauen Meer. Schwingen sich ab und an in die Luft. Verschmelzen zu einem Wunderwesen. Lösen sich voneinander. Kreisen im Gleitflug. Solange die mir nich´ aufs Deck kacken, freu ich mich da über.
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Glossar
Jassu, Iónio Pélagos – Tschüs, Ionisches Meer
Trizonia – insel im Golf von Korinth
Navily – App für Segler und Windsurfer. Die Nutzer können z. B. Kommentare zu Ankerplätzen veröffentlichen.
Tüdelkram – hier: Unsinn (Plattdütsch)
Pier – Kaimauer (Plattdütsch)
Fender klarmachen – Fender an der Reling befestigen
no hurry, guys – keine Eile, Leute
Nisos – Insel (Griechisch)
Órmos – Bucht (Griechisch)
Bronzezeit – meint hier das Späthelladikum, ca. 1600 v. Chr. bis ca. 1050 v. Chr.
mykenische Akropolis – die Bezeichnung „mykenisch“ ist eine moderne Schöpfung. Wie sich die Kultur selbst nannte, ist unbekannt. Sie bevölkerte im Späthelladikum den Ägäisraum und ist die erste bekannte Hochkultur des europäischen Festlands.
kerameus – Töpfer (Altgriechisch)
auf Reede liegen – vor einem Hafen oder der Mündung einer Wasserstraße vor Anker liegen und warten
Meltemi – Starker Wind aus dem Nordquadranten (Nordost, Nord, Nordwest), der von Mai bis Oktober in der Ägäis vorherrscht
Beaufort – meint die Beaufort Skala, welche die Windstärke nach Geschwindigkeit und Auswirkung in Stufen von 0 (Windstille) bis 12 (Orkan) kategorisiert
gegen an – gegen den Wind segeln bedeutet, zu kreuzen. Immer im höchst möglichen Winkel zum Wind. Je nach Schiffstyp 30º bis 90º Grad.
Verkehrstrennungsgebiet – bekannt gemachte Schifffahrtswege, die durch Trennlinien oder Trennzonen in Einbahnwege geteilt sind
von querab – der Wind fällt im 90º Winkel in die Segel. Rechtwinklig zum Kiel
Riviera von Athen – das Küstengebiet der südlichen Vorstädte von Athen. Von Piräus bis zum Kap Sounion.
Poseidon – Gott des Meeres in der griechischen Mythologie. Bruder von Zeus und eine der zwölf olympischen Gottheiten.
Euböa – zweitgrößte Insel der Ägäis
Düse – z.B. ein lang gezogenes Tal, das sich in Windrichtung erstreckt. In diesem Fall von Nordost nach Südwest, sodass der Meltemi aus Nordosten kommend seine Kraft bündelt und schneller wird.
Frostködel – jemand, der leicht friert
Chalkida – Hauptstadt von Euböa
Stillwasserzeit – kurzer Zeitraum beim Umkehren des Gezeitenstroms
Kanal zwölf – UKW Kanal. Seefunk
abwettern – auf besseres Wetter warten
boatyard – Bootsstellplatz
verholen – mit Leinen o.a. zu einem anderen Liegeplatz ziehen
betüdeln – umsorgen, pflegen
Quellenhinweis zum Foto vom Poseidontempel: https://commons.wikimedia.or/wiki/File:Greece_Cape_Sounion_BW_2017-10-09_10-06-31.jpg
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