Von Ibiza in den Norden Mallorcas war das kaum ein Umweg in die Bucht von Santa Ponşa. Hier lag nämlich die Wal mit ihrer Crew vor Anker. Die Wal ist ´ne hübsche Stahl-Ketsch. Hab Euch ja schon von ihr erzählt. Wir haben viel gemeinsam. Unsere Crews haben mal bei ihr, mal bei mir im Cockpit gehockt. Gesnackt und gelacht, dass die Wanten wackeln. Gegessen und getrunken und sich des Lebens gefreut. Mein Käpt´n und der Käpt´n von der Wal fachsimpeln besonders gern über Schiffsbaudinge. Is´ ja auch man gut so, schließlich brauchen Boote wie wir viel Zuwendung.
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Meine Steuerfrau hat erzählt, dass Katerchen Elmo, der seute Schietbüüdel, auf der Wal auf´m Lazy-Bag rumturnt. Was er da wohl macht? Katzen haben ja ´ne lange Tradition als Matrosen. Früher, als noch alle Schiffe unter Segeln oder Rudern fuhren, waren sie für die Verteidigung der Vorräte gegen Nagetiere zuständig. Ich glaub, da hat Katerchen Elmo auf der Wal ´nen leichteren Job. Kann mir nicht vorstellen, dass Steuerfrau Tatjana die Mäuse auf´m Tisch tanzen lässt.
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Dieses Jahr war es in der Hauptsaison recht ruhig auf der Größten der Balearen. So ´ne Pandemie hat ja man auch ihre Vorteile. Aber das Meer um Mallorca ´rum hat da nich´ viel von mitbekommen. War ganz schön schmuddelig. Sogar in den abgelegenen Buchten an der Tramuntanaküste, wo man vom Land her nich´ hinkommt, schwamm reichlich Unrat auf´m Wasser. Wo ich doch so stolz bin, dass ich meine Crew da hinbringen kann. Natürlich nur, wenn das Wetter es erlaubt. Denn bei steifer Brise von Nord is´ ankern vor der Steilküste nich´ ratsam. Aber dieses Jahr hatten wir Glück, und meine Steuerfrau konnte von der Bucht von Deiá aus direkt in die Berge wandern, in das Dörfchen mit gleichem Namen. Nur das Einkaufen hätte sie sich sparen können. Zwei Euro fuffzich für´n Kroasang is ja man wohl´n büsch´n düür.
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Könnte euch auch von der ein oder anderen Panne vertellen, aber da snack´ ich nich´so gern über. Fragt mal lieber meinen Käpt´n oder meine Steuerfrau. Port Pollenşa, wo wir über zwei Wochen vor Anker gelegen haben, ist jedenfalls bestens geeignet, wenn Reparaturen anfallen. Es ist ein sympathisches Küstenstädtchen im Nordosten Mallorcas, mit Eisenwarenhandel und Läden für nautischen Bedarf. ´Nen Waschsalon gibt das, ´ne Marina, wo man Wasser tanken kann und Lebensmittelgeschäfte, die vernünftige Preise haben. Und ´ne Post, wo man sich Ersatzteile hinschicken lassen kann. Aber vor allem wohnt Flatty hier auf seinem Boot. Die Gorg Blau liegt das ganze Jahr über an einer Boje in der weitläufigen Bucht.
Wir sind diesmal unter Segeln eingelaufen. Flatty kam uns schon entgegen. Hat uns mit seinem Beiboot beim Anker einfahren geholfen. Das ist echt ´ne Leistung, immerhin hat sein Außenborder nur zweieinhalb Pferdestärken. Und wie schwer ich bin, brauch ich Euch ja nich´ andauernd vertellen. Lobo, der lütte Jack Russel Terrier, der mit Flatty auf der Gorg Blau wohnt, hat das Manöver überwacht. Die Vorderpfötchen auf´m Dollbord, hat er über´n Bug vom Dinghi gelugt und eifrig gebellt. Noch so´n seutes Kerlchen! Er schwimmt doch glatt die fünfhundert Meter von der Gorg Blau bis an Land.
Meine Steuerfrau hätte ja auch gern ´nen Vierbeiner an Bord. Aber das steht noch in den Sternen, ob unser Käpt´n sich irgendwann überreden lassen wird…
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Glossar
Ketsch – Segelboot mit zwei Masten: Groß- und Besanmast. Der Besanmast ist der kleinere, und steht immer achterlicher (hinten).
Kroasang – Croissant
düür – teuer
seuter Schietbüüdel – Kosename für Babys (süßer Beutel voll Scheiße)
Lazy-Bag – beim Segelbergen fällt das Segel durch Leinen, die diagonal zwischen Mast und Baum gespannt sind (die Lazy-Jacks, oder Faulenzer) in den Lazy-Bag
snacken – reden, sich unterhalten
Wanten – seitliche Drähte, die den Mast stützen
vertellen –erzählen
Dinghi – Beiboot
Dollbord – der verstärkte, obere Rand eines offenen Bootes
seut – süß
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Menorca, wilde Schönheit
Gelassen gleite ich dahin. Leichte Dünung von Süd kräuselt die See. Schmale Buchten schmiegen sich versteckt hinter schroffen Felsen in die Küstenlinie. Von Pinienhainen behütet, die sich, den Blick aufs Meer gerichtet, an kargen Grund klammern. Der Wind bläht meine Segel, singt leise im Chor mit dem Tuch. Ein Sandstrand erstreckt sich am Ufer. Begleitet eine Weile meinen Kurs, durchbrochen von einer steilen Schlucht, die ins Inselinnere dringt. Einsam und klobig protzen zwei Hotels. Machtlos gegen die wilde Schönheit, die sie umgibt. Silbern sucht das Sonnenlicht unser´n Weg übers Meer, tänzelt voraus Richtung Isla del Aire.
Gestern hat mein Käpt´n meinen Rumpf geputzt. Oder, besser gesagt, mein Unterwasserschiff an Steuerbord. Hach, wie angenehm! Mit ´nem Plastikspachtel, das Atemgerät per Schlauch am Kompressor angeschlossen, hat er Seepocken und sonstigen Bewuchs in mühseliger Kleinarbeit abgeschabt. Backbord will er auch noch ran. Er meint, ich wär´ schon jetzt ´nen halben Knoten fixer. Aber eilig hat meine Crew es ja nicht.
Meine Steuerfrau studiert Wetterberichte. Meint, dass Starkwind kommen soll. Bis vierzig Knoten, oder mehr. Aus Nordost. Den wollten wir eigentlich in der Son Saura abwettern, der einsamen, weiten Bucht im Südwesten Menorcas, wo wir jetzt herkommen. Nich´ mal Hütte steht da. Aber nur ´ne stunde Fußmarsch entfernt liegt Son Catlar, eine Siedlung aus vorchristlicher Zeit. Da war meine Steuerfrau ganz begeistert von.
In der Son Saura jedenfalls wird wohl die nächsten Tage reichlich Welle reinrollen. Weil´s nicht nur vom Löwengolf her kachelt, sondern auch aus Richtung Gibraltar, die afrikanische Küste lang und hoch zu den Balearen. Also steife Brise aus Nordost, aber Schwell aus Süd. Ungemütlich. Seit drei Tagen schon liegt meine Crew achtern quer in der Koje. Is´ja man auch nich angenehm, wenn der Kopf beim Schlafen dauernd rückwärts nach unten sackt.
Aber nu´ sind wir ja auf´m Weg in die Cala Teulera. Die liegt gleich an Steuerbord, wenn man in den ausgedehnten Fjord reinfährt, der nach Mahón führt. Da hab ich Euch letztes Jahr schon von vertellt. Und von all den Seevölkern, die Menorca über die Jahrhunderte besiedelt haben. Phönizier, Griechen, Karthager, Römer und Vandalen. Mauren, Spanier, Briten und Franzosen. Heiß umkämpft war die Insel. Liegt sie doch mitten im westlichen Mittelmeer.
Sicher hat die Teulera schon Seeleute vieler Kulöör gesehen. Sie ist was ganz besonderes. In alle Himmelsrichtungen windgeschützt. Ihr südlicher Zugang ist von See her kaum auszumachen. Und an Nordwest führt ein schmaler Kanal zur Rückseite der Isla de la Cuarentena, also weiter Richtung Mahón. So was gibt das nich´oft. ´Ne versteckte, rundum sichere Bucht mit zwei Zufahrten. Allerdings ist viel Schlick am Grund. Kein Sand. Das is´ nich´so doll. Aber Flatty hat meiner Crew letztes Jahr ein paar Stellen gezeigt, wo der Anker sich gut einfahren lässt.
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Ich lieg´ vor Anker und schwoje vor mich hin. Mal zeigt mein Bug nach Nordost, mal nach Nord. Immer da hin, wo der Wind herkommt. Auf See würde ich jetzt Wind und Wellen trotzen. Aber meine Crew hat ein geschütztes Plätzchen für mich gesucht. Hach, ich werd´ doch man gerne betüdelt.
Niedrige Felsen umgeben mich. Der Himmel scheint nah und Wolken treiben über meine Mastspitze weg. Boten, die dem Wind vorauseilen. Zwei Türme, einst von den Engländern erbaut, blicken über dicht an dicht ankernde Segelboote. Dunkle Wächter im Morgenrot. Regen trommelt leise auf mein Bimini. Irgendwo klingelt ein Rigg. Hier und da geht Licht hinter den Luken an. Vom Nachbarboot zieht der Duft frisch gebackenen Brotes herüber. Ein Kormoran, den Kopf scheinbar gleichmütig gedreht, lässt sich treiben. In aller Ruhe. Schnellt unvermittelt in die Tiefe, den Schnabel voran. Wo ist er bloß geblieben? Weit entfernt taucht er auf. Reckt den Hals. Keine Beute diesmal.
Ein Schiffsmotor springt an. Backbord voraus slippt eine Alu-Sloop unter belgischer Flagge. Im Cockpit ein Paar. Er bleibt am Steuer. Sie huscht zum Vorschiff. Streckt den Arm, als wär´s ein Zeiger. Immer da hin, wo die Ankerkette unter Spannung steht. Das metallische Scheppern der Kette, die über den Bug gezogen wird und in den Ankerkasten fällt, durchbricht die Morgenstille. Bis der Anker mit einem schweren Rucken seinen Platz in der Bugrolle findet. Suchend schiebt die Sloop sich nun zwischen schaukelnden Booten hindurch. Flaggen tanzen wild. Französische, spanische, englische, deutsche. Auch eine tschechische. Zwei Möwen gleiten über den westlichen Wachtturm hinweg und lassen sich vom Aufwind davontragen. Der Aufbau einer Fähre, makellos weiß, schwebt hinter Festungsmauer von La Mola Richtung Mahón.
Unser Nachbar auf dem historischen Motorsegler aus Holz steht an der Reling. Hält die Kaffeetasse mit beiden Händen.
«Buenos días!», ruft meine Steuerfrau. «Wie viel Kette habt Ihr draußen?»
«Zwanzig Meter», antwortet er.
«Wir auch. Wenn der Wind zunimmt, geben wir fünf dazu.»
«Ja. Machen wir auch. Alles klar.»
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Mein Dinghi hat in Port Pollensa ´nen neuen Außenborder bekommen. Fünfzehn PS, Viertakter. Ich weiß nich´, ob ich das gut oder schlecht finden soll. Der alte Zweitakter von Yamaha war ja auch ganz OK. Hatte immerhin 5 PS. Allerdings musste mein Käpt´n dauernd den Vergaser putzen. Und ´nu is´ meine Crew öfter mal ganz schön lange weg. Vor allem hier, wo das so viel zu sehen gibt. Das Städtchen Es Castell, dass gegenüber von der Isla de la Cuarentena vor sich hin schlummert, obwohl sein malerischer kleiner Hafen von Lokalen und Souvenirläden bevölkert ist. Und natürlich Mahón, die Schöne auf dem Berg, weit hinten im Fjord.
Ich bin nicht gern allein, vor allem, wenn ich vor Anker liege. Das ist ja vielleicht verständlich. Aber ich gönne meiner Crew den Spaß.
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Glossar
Knoten – 1 Knoten=1 Seemeile/Stunde=1,852 km/h
fixer – schneller
Son, son – bedeutet im menorquinischen soviel wie „seine“, bzw. „jenes, was … gehört“
Löwengolf – auch Golfe du Lion. Erstreckt sich im Mittelmeer, zwischen dem spanischen Cap de Creus und der französischen Stadt Toulon.
achtern – hinten, hinterer Bereich eines Bootes oder Schiffes
vertellt – erzählt
Kulöör – hier: Herkunft, Hautfarbe, Nationalität
Isla de la Cuarentena – Quarantäneinsel
schwojen – sich um den Anker drehen, wobei der Bug sich in Windrichtung stellt und die Ankerkette sich spannt. Ist der Anker gut eingegraben, beschreibt der Schwojkreis einen Radius um den Anker herum, der der Länge der herausgelassenen Kette entspricht.
betüdeln – umsorgen
Bimini – Sonnenverdeck
Rigg – der Mast und die Drähte (Wanten, Stage) und Leinen, die den Mast halten
slippen – Rutschen des Ankers auf dem Grund
Sloop, die – Segeloboot mit einem Mast
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