Von Festmacherleinen und Erinnerungen

Was war das für ein Kuddelmuddel in Valencia. Erst drei Monate „confinamiento“, wie unsere spanischen Freunde sagen, „Verbannung“. Ihr wisst schon, wegen der Pandemie. Nicht mal „a las islas“ durfte man segeln, „zu den Inseln“. Das ist der Schnack in Valencia, wenn´s um die Balearen geht. Andere Inseln gibt´s ja auch nicht nah bei.

Ende Mai ist trotzdem meine Nachbarin, die Farfelu, in See gestochen. Richtung England, in ihren Heimathafen. Das ging ja. Nur an Land durfte ihre Crew nicht auf´ m Weg. Und Anfang Juni hat uns die Frida verlassen, der Katamaran mit den zwei seuten Miezekatzen. Ruckzuck waren die in Italien. Ende Juni dann, als das soweit war, dass man von Valencia aus auch wieder „zu den Inseln“ durfte, dachten meine Steuerfrau und ich, dass es nun los ginge. Aber Pustekuchen. Mein Käpt´n hatte einiges an mir rum gepusselt, das musste er ja nun zu Ende bringen. Und zwischendurch ist er sogar um mich rum getaucht und hat tagelang Bewuchs von meinem Rumpf gekratzt. Anemonen. Seepocken. Und so komische, röhrenförmige witte Dinger, die Behausungen von weißen Röhrenwürmern war´n das, glaub ich. Sogar meine kleine Bullenklöte war damit bewachsen, die sah aus, als hätte sie´n Bart. Hätte ich noch lange in der Marina gelegen, wär´ ich wohl zum Riff geworden.

Fast ´nen ganzen Monat war ich also noch im Hafen, nachdem der Ausnahmezustand in Spanien vorbei war. Zusammen mit der Wal. Die ist auch aus Stahl, so wie ich. Und ihr Käpt´n hat sie auch selbst gebaut. Cool, oder? Ach ja, und´n Vierbeiner hat sie neuerdings auch an Bord.´N lüttes Katerchen namens Elmo. Pechschwarz. Na, jedenfalls sind wir zwei Boote dann am gleichen Tag ausgelaufen. So Mitte Juli. Die Wal ist unter vollen Segeln nach Nordosten gerauscht, über die Columbretes nach Mallorca. Ich bin eher getuckert. Ostwärts. Achtzehn Stunden hab ich gebraucht für knapp achtzig Seemeilen. Gegen die Welle an. Und nur zeitweise n´büsch´n Wind in den Segeln. Aber meine Crew wollte so gern nochmal zu den Pitiusas. Seuter Name, ne? Den haben Ibiza und Formentera den alten Griechen zu verdanken, wegen der vielen Pinien, die dort zu vorchristlicher Zeit wuchsen.

Einige Tage habe ich in der Cala en Bassa gelegen, in der Bucht von San Antonio. Schön war´s dort, aber recht voll. Um die fünfzig Boote vor Anker. Und laut. Jeden Nachtmittag kamen Partycrews auf Motoryachten. Also sind wir rüber nach Formentera, in die Cala Saona an der Westküste. War nich´ wirklich viel ruhiger da. Aber so ´ne seute, lütte Insel is´ das! Das Meer hat mir geflüstert, dass ihr Name von den alten Römern kommt. „La frumentaria“. Denn das Land war hier einst fruchtbar und überall wurde Getreide angebaut. Doch der unterirdische See, der Süßwasser im Überfluss spendete, ist schon seit Jahrhunderten versiegt. Heute gibt das nicht mal mehr Quellen oder Brunnen, und die meisten Häuser haben eine Zisterne, in der das Regenwasser gesammelt wird.

Nun bin ich wieder auf der Größten der Pitiusas. Hach, ist das wunderbar hier! Könnte noch wochenlang vor mich hin träumen in dieser weitläufigen Bucht im Nordwesten von Ibiza. So ruhig ist die See zur Zeit, dass die Leute auf diesen komischen Brettern stehend ganz nah an den Klippen entlang rudern. Verborgene Strandfleckchen und winzige Höhlen erkunden. Häuser sieht man kaum. Die meisten liegen im Pinienwald versteckt, der die sanften, felsigen Hügel überzieht. Nur schade, dass so ein Riesenklotz hochgezogen wird, da wo man rum fährt Richtung Nordost. Fügt sich zum Glück ganz gut in die Landschaft.

Bei Ostsüdost zeigt mein Bug genau auf die kuschelige Cala Xuclá, mit den kleinen Bootsschuppen aus verwittertem Holz. Da kann mein Käpt´n gut festmachen, wenn er meine Ruthie an Land bringt. Vor paar Tagen hat sie Grünzeug und Brot in Portinatx eingeholt, ´ne halbe Stunde Fußmarsch von hier. Und vorgestern ist sie morgens einfach losgetrampt, von der Cala Xarraca aus. im südwestlichen Winkel unserer Ankerbucht.

„Mal sehen wer anhält, und wo die Leute so hinfahren…“, hat sie gemeint.

Autos sind ja man doch´n büsch´n fixer als ich das bin, das weiß ich wohl. Wenn Wind und Welle stimmen, mach ich so fünf bis sieben Knoten die Stunde. Fünf Knoten sind um die neun Kilometer. Nach Santa Eulalia zum Beispiel, auf der anderen Seite Ibizas, würde ich von hier aus etwa vier Stunden brauchen. Aber bei dem Ostwind, der gerade weht, kommt Ankern da sowieso nich´ in die Tüte. Viel zu kabbelige See.

Na, jedenfalls hat meine Ruthie ´nen ausgiebigen Landausflug gemacht. Beim ersten Lift haben sie drei Mädels aus Valencia mitgenommen, die hier Urlaub machen. Dann ein Israeli. Schulterlange, lockige, schon ein bisschen graue Haare hatte er. Und so Surferklamotten an. Seit achtzehn Jahren lebt er auf der Insel. Konnte kaum Spanisch. Aber Englisch. An der Abzweigung zu seinem Haus, ein paar Kilometer vor Santa Eulalia, kam zufällig gerade ein Freund von ihm langsam angefahren. Hebräisch haben sie geschnackt.

„Du kannst umsteigen!“, hat er dann gesagt. „Mein Freund nimmt dich mit bis Santa Eulalia.“

Das hat sich meine Steuerfrau nicht zweimal sagen lassen.

„Wie sagt man Danke auf hebräisch“, hat sie noch gefragt.

„Todah.“

Da fiel es ihr wieder ein.

„Todah Rah Ba!“ Vielen Dank.

Vor über vierzig Jahren war sie nämlich mal in Israel gewesen. In Jerusalem, mit seiner verwinkelten Altstadt, die Besucher schnell in die Irre führt. In der Wüste, mit dem Sinaigebirge am Horizont. Orangerot schimmernd im Licht der versinkenden Sonne, die noch im Abtauchen das nahe Meer beim Namen nennt.

Nach ´ner Runde über den Hippiemarkt an der Punta Arabí und durch Santa Eulalia, ging´s auf den Rückweg. Tomaten, Yoghurt, Schokolade, Brot und ein Geschenk für´s frisch gebackene Enkelinchen im Rucksack. Also wieder Daumen raus. In den meisten Autos saßen Touristen, Pärchen oder Gruppen junger Männer. Hat ´ne Weile gedauert, bis eine Deutsche, die mal auf Ibiza gelebt hat, anhielt. Auf dem Rücksitz ihre lütte Tochter, die zum Gruß stolz ihre frisch lackierten, roten Fingernägel vorzeigte.

Bis zur Straße nach St. Joan war´s nich´ weit. Dort hat bald ein Opa seinen rumpeligen Kastenwagen an den Straßenrand gelenkt. Den Beifahrersitz so vollgepackt mit Tüdelkram, dass gar kein Platz zum Sitzen war.

„Ich fahr nur drei Kilometer. Kannst ja aber mit zu mir kommen, in meinem Haus leben!“

Meine Ruthie hat gelacht.

„Danke, aber ich bin schon verheiratet“, hat sie gesagt.

„Schade. Aber ich fahr später nochmal die gleiche Strecke. Wenn Du dann noch hier stehst, bring ich Dich bis Portinatx,“ meinte der Alte fröhlich und zuckelte weiter.

Kaum Autos kamen dann vorbei. Doch nach nicht allzu langer Zeit bremste ein Rothaariger mit ´nem Dreitagebart. War vielleicht so Mitte vierzig und hatte ´n Schnack wie die Leute am Rio de la Plata, im Süden von Südamerika.

„Bist du aus Uruguay oder aus Argentinien?“, hat meine Steuerfrau ihn gefragt.

„Hab die ersten drei Jahres meines Lebens in Uruguay gelebt. Dann in Argentinien, in Buenos Aires“, erzählte er.

Wieder ein Lift, der Erinnerungen brachte. An den Rio de la Plata, dessen schlammbraune Fluten sich bis an den Horizont erstrecken. Von Montevideo am Nordufer ist Buenos Aires im Süden nur zu erahnen. An eine Kalebasse mit Matetee, die von Hand zu Hand gereicht wird. An den Dreikönigstag im Stadtteil Palermo und die Comparsa von Isla de Flores. An kräftige schwarze Männer, die auf ihren Congas trommeln, bis die Hände bluten. An die Nachbarn, die ihnen den Rhythmus stampfend folgen. Straßauf, straßab. Stundenlang.

Ein paar Weggabelungen weiter hat´s keine zwei Minuten hat´s gedauert und meine Ruthie hockte neben einer Frau um die fünfzig in einem Kastenwagen. Sie sprach gut Spanisch, war aber wohl Engländerin oder so. Das Wageninnere war staubig, als führe sie gern mit offenen Fenstern über Sandwege. Sie hatte Erfahrung mit dem Trampen, denn sie wusste: jeder Lift ist gut. Egal wie kurz.

Zu guter Letzt ist dann tatsächlich eine junge Spanierin ganz bis Portinatx gefahren. Silvia hieß sie. War sehr schlank, sehr hübsch, hatte sehr kurze Haare und trug einen raffinierten, knielangen Häkelrock und ein Top, welches das kunstvolle Blumentattoo auf ihrem Rücken zur Geltung brachte. Hat vor einigen Jahren auf Formentera gelebt. Gedacht, Ibiza sei nur Party. War dann ein paar Monate hier, ist geblieben und liebt es, im Sommer Kayak zu fahren und im Winter in den Bergen zu wandern. Als meine Ruthie dem davonfahrenden Auto hinterherwinkte kam ihr in den Sinn, dass Silvia uns ja mal mit ihrem Kayak besuchen könnte. Doch sie hatte sie nicht eingeladen.

Aber das ist doch ganz eins. Als Segelboot weiß ich, wie gut es tut, sich dem Fluss der Dinge zu überlassen. Pläne und Verpflichtungen sind wie Festmacherleinen. Sie geben Sicherheit. Doch im Sturm können sie reißen. Frei und unter Segeln aber ist der Wind mein Gefährte. Manchmal lässt er auf sich warten. Dann wieder ist er wechselhaft. Oder er übertreibt es gehörig. Aber zuweilen weht er munter und stetig, und ich gleite glücklich übers Meer. Vielleicht dorthin, wo er will. Vielleicht dorthin, wo ich will. Gut oder schlecht, wer weiß das schon. Ich bin eine Erinnerungssammlerin. Erinnerungen sind kostbarer als jeder Piratenschatz.

*

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Glossar

Kuddelmuddel – Durcheinander, Hin und Her

rum pusseln – basteln

witt- weiß

Bullenklöte – ballförmiger Fender. Dient beim Anlegen im Hafen als Rammschutz.

Schnack – Sprache, Dialekt, Redensart

Farfelu- Segelyacht unter englischer Flagge

Frida – Katamaran unter deutscher Flagge

Wal – Stahlketch (Segelyacht aus Stahl mit zwei Masten) unter deutscher Flagge

Columbretes – Inselgruppe 30 Seemeilen östlich von Castellón

´n büsch´n – ein bisschen

seut – süß

lütt – klein

einholen – einkaufen

der Lift – das Wegstück, dass man beim Trampen mitgenommen wird

kabbelig – unruhig

schnacken – reden

Tüdelkram – Zeug, Krimskrams

Palermo – Stadtteil von Montevideo

Comparsa – Trommelgruppe

Isla de Flores – Straße im Stadtteil Palermo

das ist doch ganz eins – das macht doch gar nichts

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Autor: SY Flying Lobster

Ich bin die Steuerfrau der SY Flying Lobster. Lobsty ist meine Muse, und ich bin ihr unverbesserlicher Schreiberling. Impressum: Angaben gemäß § 5 TMG: Ruth Baier Oberdorf 6 67744 Kappeln Kontakt: sy.flyinglobster@gmail.com Ich bitte darum, weder and die Postadresse noch an die E-Mailadresse Werbung zu senden. Vielen Dank. Datenschutzerklärung Haftungsausschluss: Haftung für Inhalte Die Inhalte meiner Seiten wurden mit größter Sorgfalt erstellt. Für die Richtigkeit, Vollständigkeit und Aktualität der Inhalte kann ich jedoch keine Gewähr übernehmen. Als Diensteanbieter bin ich gemäß § 7 Abs.1 TMG für eigene Inhalte auf diesen Seiten nach den allgemeinen Gesetzen verantwortlich. Nach §§ 8 bis 10 TMG bin ich als Diensteanbieter jedoch nicht verpflichtet, übermittelte oder gespeicherte fremde Informationen zu überwachen oder nach Umständen zu forschen, die auf eine rechtswidrige Tätigkeit hinweisen. Verpflichtungen zur Entfernung oder Sperrung der Nutzung von Informationen nach den allgemeinen Gesetzen bleiben hiervon unberührt. Eine diesbezügliche Haftung ist jedoch erst ab dem Zeitpunkt der Kenntnis einer konkreten Rechtsverletzung möglich. Bei Bekanntwerden von entsprechenden Rechtsverletzungen werde ich diese Inhalte umgehend entfernen. Haftung für Links Mein Angebot enthält Links zu externen Webseiten Dritter, auf deren Inhalte ich keinen Einfluss habe. Deshalb kann ich für diese fremden Inhalte auch keine Gewähr übernehmen. Für die Inhalte der verlinkten Seiten ist stets der jeweilige Anbieter oder Betreiber der Seiten verantwortlich. Die verlinkten Seiten wurden zum Zeitpunkt der Verlinkung auf mögliche Rechtsverstöße überprüft. Rechtswidrige Inhalte waren zum Zeitpunkt der Verlinkung nicht erkennbar. Eine permanente inhaltliche Kontrolle der verlinkten Seiten ist jedoch ohne konkrete Anhaltspunkte einer Rechtsverletzung nicht zumutbar. Bei Bekanntwerden von Rechtsverletzungen werde ich derartige Links umgehend entfernen. Urheberrecht Die durch mich erstellten Inhalte und Werke auf diesen Seiten unterliegen dem deutschen Urheberrecht. Die Vervielfältigung, Bearbeitung, Verbreitung und jede Art der Verwertung außerhalb der Grenzen des Urheberrechtes bedürfen meiner schriftlichen Zustimmung. Downloads und Kopien dieser Seite sind nur für den privaten, nicht kommerziellen Gebrauch gestattet. Soweit die Inhalte auf dieser Seite nicht von der Betreiberin erstellt wurden, werden die Urheberrechte Dritter beachtet. Insbesondere werden Inhalte Dritter als solche gekennzeichnet. Sollten Sie trotzdem auf eine Urheberrechtsverletzung aufmerksam werden, bitten wir um einen entsprechenden Hinweis. Bei Bekanntwerden von Rechtsverletzungen werde ich derartige Inhalte umgehend entfernen. Datenschutz Die Nutzung unserer Webseite ist in der Regel ohne Angabe personenbezogener Daten möglich. Soweit auf meinen Seiten personenbezogene Daten (beispielsweise Name, Anschrift oder eMail-Adressen) erhoben werden, erfolgt dies, soweit möglich, stets auf freiwilliger Basis. Diese Daten werden ohne Ihre ausdrückliche Zustimmung nicht an Dritte weitergegeben. Ich weise darauf hin, dass die Datenübertragung im Internet (z.B. bei der Kommunikation per E-Mail) Sicherheitslücken aufweisen kann. Ein lückenloser Schutz der Daten vor dem Zugriff durch Dritte ist nicht möglich. Der Nutzung von im Rahmen der Impressumspflicht veröffentlichten Kontaktdaten durch Dritte zur Übersendung von nicht ausdrücklich angeforderter Werbung und Informationsmaterialien wird hiermit ausdrücklich widersprochen. Ich behalte mir ausdrücklich rechtliche Schritte im Falle der unverlangten Zusendung von Werbeinformationen, etwa durch Spam-Mails, vor. Quelle: Disclaimer (https://www.e-recht24.de/muster-disclaimer.html) von eRecht24, dem Portal zum Internetrecht von Rechtsanwalt Sören Siebert.

Ein Gedanke zu „Von Festmacherleinen und Erinnerungen“

  1. Hallo, hier kommen Grüße von Brigitte aus der Türkei. Ich liebe Eure launigen, informativen und lustigen Berichte. Bin selbst eine olle Landratte, aber träumen kann ich ja mal von Törns und wenn es nur als Leserin ist.
    Hier in der Türkei wütet nicht nur die Pandemie, aber die allein reicht schon aus, um mich ans Haus zu ketten. Habe das Hotelchen wieder aufgemacht und arbeite nun auf kleiner Flamme: 3 Apartments mit Selfcatering ( mit ohne alles). Ausländer wagen sich nur vereinzelt her, wenn dann, Engländer oder Franzosen. Die Deutschen sind eh immer ängstlich. Inlandtourismus rettet die Hotelliers in den Sommermonaten, aber danach ist wieder Sense. Der Türke an sich reist Juli und August, wenn es schön heiss ist….
    Bleibt fein gesund, unternehmungslustig und frohgemut. Ich freue mich schon auf den nächsten Bericht!

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