«Na, denn man tau! Wurde aber auch Zeit!»
Nicht dass ich muksch wär´. Aber ich hab schon befürchtet, dass meine Steuerfrau gar nicht mehr über mich schreibt! Ansonsten betüdelt sie mich ja schon. Am liebsten mag ich es, wenn sie Rost wegmacht. Rost ist echt Möwenschiet, da hab ich bannig Schiss vor. Mein Deck, zum Beispiel, war nur mit Grundierung gestrichen, als wir in Südfrankreich losgesegelt sind. Ich könnt Euch sicher vorstellen, wie das nach zwei Wochen auf See ausgesehen hat! Habe mich den ganzen Törn über gefragt, wann ich endlich ´nen anständigen Decksanstrich bekomme. Im Mai war das. Wir hatten öfters mal ´ne steife Brise, und auch Regen. Erst im Ebro Delta wurde es schön… das Meer hatte schon über zwanzig Grad! Meine Crew war so heiß drauf, meine Badeplattform einzuweihen, dass sie vor´m ersten Köpper beinah vergessen hätten, die Badeleiter runterzulassen!
In Castellón, im Real Club Nautico, hab ich dann ganz alleine am Mövensteg gelegen. Lolín, die gute Seele vom Hafenbüro, meinte der heißt so, weil die Möwen dort in aller Ruhe die Wasserhähne aufdrehen und sich satttrinken. Ob das wohl Seemannsgarn ist? Schließlich tropft der Haupthahn unablässig. Da müssen die armen Vögel sich doch nicht so abmühen. Aber Möwen hin, Wasserhähne her, meine Crew ist tagelang auf den Knien rumgerutscht und hat mein Deck und meinen Decksaufbau geschmirgelt. Sogar Freunde aus Valencia sind gekommen und haben geholfen. War das ein Genuss! Meine Ruthie hat allerdings mal wieder reichlich geflucht, was von „schlimmer als Windpocken“ gemurmelt, und dass sie auch gern mal so ausgiebig den Rücken gekrault bekäme.
Von Castellón ging es dann im Juni in den Hafen von Burriana. Glaube, die Liegeplätze sind dort recht günstig. Mag ihn aber nicht besonders. Im Nu ist mir ein Rauschebart am Rumpf gewachsen! Gespickt mit Seepocken. Ne, das is´ nix. So komm´ ich ja gar nicht mehr in die Puschen! Und Lütengs gibt es in Burriana auch! Mein Käpt´n hat mal wieder dauernd irgendwas gesucht. Werkzeug, Schrauben, Pinsel, Holzteile, Kabelschuhe… Ob meine Steuerfrau sich wohl auch mit den lästigen Wichteln rumärgern musste? Sie war wochenlang bei ihrer Freundin Ale auf einer alten Orangenfarm. Nur ab und an hat sie fertig genähte Polster oder lackierte Holzteile gebracht. Und kistenweise süße Sommerorangen, die sie am Steg verteilt hat. Karissa, der Skipper aus Kenia, hat sich darüber besonders gefreut.
Jetzt ist es fast Mitte September. Seit einem Monat bin ich auf Törn. Endlich ein Fahrtensegler. Im Frühjahr, als ich aus Südfrankreich kam, war ich sozusagen noch ein Frachtschiff. Achtern voll mit Holz- und PVC-Platten, Arbeitsmaschinen, Werkzeug, Farbpötten und was nich´ noch allens. Aber nu hab ich im Heck sogar ´ne richtig gemütliche Käptn´s Suite. Gebe ja zu, dass noch einiges an mir zu tun ist. Aber ich finde, ich bin schon ganz passabel. Jedenfalls bekomme ich viele Komplimente. Und weil ich so einen seefesten Eindruck mache, wird oft gefragt, ob meine Crew mit mir um die Welt segeln will.
„Keine Ahnung…“, sagen die beiden dann. „Mal sehen…“
Das gefällt mir. Wo ich bin, ist mir eigentlich egal. Hauptsache, Meer um mich rum. Wenn ich auf den Wellen tanze und der Horizont mich kreisrund umgibt, der Himmel hoch und die Wolken weit, fühle ich mich unendlich klein. So klein, wie ich eben bin.
Wenn ich hart am Wind segele, in die eine und dann wieder in die andere Richtung kreuze, und trotzdem meinem Ziel kaum näher komme, übe ich mich in Geduld und langem Atem. Und wenn ich dann manchmal einen anderen Ort anlaufe, als geplant, nehm ich´s gelassen. Die Sonne geht überall wieder auf.
Wenn der Wind an einem Tag wütet und die See sich kreuzweise türmt, ich herumgeschleudert werde und es hilflos mit mir geschehen lasse, spüre ich später, vielleicht im Schutz einer verborgenen Bucht, tiefen Frieden. Und bin am nächsten Tag umso zuversichtlicher, wenn eine frische Brise meine Segel strafft und ich geradewegs ans Ziel fliege. Über die leicht bewegte See, leise und schnell wie der Wind.
Wenn die Sonne Sternschnuppen ins Meer wirft, verschwenderisch funkelnd und überschäumend, bin ich wunschlos glücklich.
Wind umme Schnut tut gut.
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Möwensteg 
Burriana 

Port Pollensa 
Sierra de Tramuntana 
Cala Bóquer 
Cala Formentor 
Entrada Mahon 
Fiestas de Mahon 

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denn man tau: dann mal los
muksch: verärgert, eingeschnappt
betüdeln: sich liebevoll um jmd. kümmern
bannig Schiss: sehr viel Angst
Real Club Nautico: Häufige Bezeichnung im Spanischen für Segelvereine, die eine Sportboothafenanlage verwalten („Königlicher Nautischer Verein“)
in die Puschen kommen: sich in Bewegung setzen (auch im Sinne von „Fahrt aufnehmen“)
Lütengs: französisch für „Zwerg“, „Wichtel“, „Kobold“
(s.a. Beitrag „An einem Morgen im Dezember“)
nu: jetzt
hart am Wind segeln: im 30 Grad-Winkel zur Windrichtung segeln.
kreuzweise: Kreuzsee
umme Schnut: um den Mund (bzw. im Gesicht)