«Aaaaaah! Ooohja!»
«Lobsty?»
Es ist soweit! Tut das gut!
Unendlich langsam taucht mein Kiel in den Fluss. Es ist der 10. Dezember. Das Wasser ist kalt. Herrlich! Habe fast zwei Tage im Kran gehangen und ganz nah am Ufer der Herault gestanden. Mein Käpt´n hat von früh bis spät gewerkelt. Ankerwinsch. Bugstrahlruder. Elektrik. Motor. Steuerung. Und was weiß ich noch alles. Und meine Steuerfrau hat mich nochmal mit Anti-Fouling Farbe gestrichen. Am Rumpf und unterm Kiel, an den Stellen, wo mich während der letzten Monate riesige Stahlböcke aufrecht gehalten haben. Hatten bannig viel Wind! Ab und an ist meine Ruthie dann auch ganz schön gerannt. Dem Plastikschälchen mit Farbe hinterher, oder der Isomatte, oder der Lackrolle. Geflucht hat sie. Das kann sie gut. Und gelacht hat sie. Hat sich genau so gefreut wie ich, dass es bald losgeht.
«Lobsty?»
«Ja, Ruthie?»
«Wie isses?»
«Wunderbar. Einfach wunderbar! Aber wann komm ich endlich frei? Kann Henry nicht die blöden Gurte abnehmen?»
Henry, das ist die gute Seele von der Werft hier. Er ist sozusagen mein Schutzengel. Und er hat all die Kräne, mit denen er uns Boote auf dem Chantier herum rangiert, selbst gebaut. Die meisten sogar schon als lütter Pimpf, mit seinem Vater zusammen. Henry kann Teile aus Edelstahl oder Aluminium fertigen, Schrauben anpassen und Gewinde drehen und vieles mehr. Ich weiß nicht, was meine Crew ohne ihn gemacht hätte. Henry weiß außerdem Dinge, die sonst niemand weiß. Neulich zum Beispiel hat meine Ruthie rumgemoppert, unser Käpt´n sei so tüdelig. Er würde ständig Dinge verlegen. Aber Henry hat sie eines Besseren belehrt.
«Das sind die Lütengs», hat er gesagt. «Kaum bist du bei der Arbeit und vergisst alles um Dich herum, da kommen sie aus ihrem Schlupfwinkel. Sie huschen herbei und schnappen sich das erstbeste Werkzeug, das ihnen in die Griffel kommt. Den Zehner Schlüssel. Die Siebzehner Nuss. Den einzigen Zwölfer Bohrer, den du hast. Die Schlingel wissen genau, wo du am allerwenigsten suchen würdest! Und genau da, da verstecken sie das Teil.»
Auf dem Chantier wohnen mindestens fünf dieser kleinen, grünen Wichte mit Zipfelmütze. Henry ärgert sich schon sein ganzes Leben mit ihnen herum. Deshalb weiß er auch, dass jeder Lüteng einen ganz eigenen Zipfelmützenstil hat. Der eine trägt seine Kopfbedeckung so schräg, dass man nur ein Auge sieht. Der nächste hat einen gelben Bommel am Zipfel. Und wieder ein anderer ist womöglich ein Mädchen, denn seine dunkelgrüne Mütze bringt die lila Locken, die sein Gesicht umrahmen, ungemein zur Geltung. Ich meine sogar, ich hätte einen von ihnen gesehen…
Meine Steuerfrau, die hat eine Schwäche für Kobolde, Feen, Hexen und andere wundersame Wesen. Wenn mein Käpt´n sie also neuerdings fragt, ob sie wohl diesen Schraubenzieher oder jene Zange gesehen hat, oder vielleicht sogar suchen könne, bleibt sie ganz locker. Die Lütengs treiben nun mal gerne Schabernack. Da kann man nichts machen.
Aber Lütengs hin, Kobolde her… « Können die Gurte jetzt ab?»
«Immer langsam middie jungen Pferde, Lobsty. Erst mal schauen wir, ob du ganz dicht bist.»
«Ganz dicht?»
« Jo. Müssen die Seeventile prüfen. Auch die Logge. Eben alle Stellen, wo Wasser reinlaufen könnte.»
«Ach so. Na, denn man tau!»
Und dann geht´s hoffentlich raus auf´s Meer. Will endlich auf den Wellen tanzen. Bis zum Hafen von Cap d´Agde ist´s zwar nur ein Katzensprung, aber ich bin gespannt, ob da auch Lütengs wohnen.

Glossar
Ankerwinsch, die: Winde, um den Anker zu werfen oder zu lichten
Bugstrahlruder, das : Zusätzliche Schraube, die quer im Bug sitzt und beim Manövrieren hilft.
Anti-Fouling Farbe: Spezialfarbe, die das Anwachsen von Algen und Muscheltieren am Rumpf behindert.
´n büsch´n: ein bisschen
chantier (französisch): Werft
rummoppern: meckern, sich beschweren
Lüteng: südfranzösische Aussprache von „lutin“ (Zwerg, Gnom, Wicht)
Logge, die: der Geschwindigkeitsmesser (am Rumpf befestigt)
Seeventil, das: absperrbare Einlass-, Auslass-oder Durchtrittsvorrichtung für Wasser am Rumpf des Schiffes
na denn man tau: na, dann mach mal